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Samstag, 5. September 2020, Elbphilharmonie Hamburg, Großer Saal


Saisoneröffnung

NDR Elbphilharmonie Orchester
Leonidas Kavakos, Violine
Homepage

Elbphilharmonie Hamburg
(Homepage)
Schönheit mit Momenten des Zweifels

Von Stefan Schmöe

Auch in der Elbphilharmonie beginnt das Konzertleben wieder. Mit massiven Einschränkungen: Auf zwei besetzte Plätze folgen zwei leere, und jede zweite Reihe ist komplett gesperrt. Abstandsregeln gelten auch auf dem Podium; die Streicher sitzen die magischen 1,50 m voneinander getrennt, die Bläser dahinter mit deutlich mehr Abstand. So passt tatsächlich eine vollständige Brahms-Besetzung auf die Bühne, und Brahms, 1833 in Hamburg geboren, steht auch im Mittelpunkt dieser merkwürdigen Saisoneröffnung, gekoppelt mit Prokofjew. Ein Violinkonzert des Russen und eine Symphonie des Hamburgers, ohne Pause, rund 75 Minuten Dauer - so sehen die Eröffnungskonzerte aus, und angesichts der zwangsweise reduzierten Besucherzahl spielt man an vier Abenden insgesamt sieben Konzerte. Dabei ließ Alan Gilbert, Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters, es sich nicht nehmen, die Programme zu variieren und beide Konzerte Prokofjews und alle vier Symphonien Brahms' aufzuführen, mit Lisa Batiashvili als Solistin für das frühe D-Dur-Konzert Prokofjews und Leonidas Kavakos für das 1935 komponierte g-Moll-Konzert. Für die allermeisten Besucher dürfte der Zyklus als ganzer indes unerhört bleiben, denn leider ist nur vom ersten Konzert ein Videomitschnitt auf der Homepage des Orchesters abrufbar.

Ähnlich wie Brahms, der Traditionalist, gibt sich auch Prokofjew in den "romantisch" komponierten Violinkonzerten verbindlich und publikumsnah - keine Spur von Avantgarde, sieht man von manchen wohl doch ironisch zu verstehenden Brechungen ab. Der Mittelsatz des g-Moll-Konzerts ist ein Ständchen, fast wie eine Serenade am Sommerabend, und Alan Gilbert lässt das sehr gute Orchester duftig leicht und eine genau kalkulierte Spur "zu schön" spielen, hart am Rand des Kitsches, und mischt ein hinterfragendes Moment bei: Man sollte sich dieser Schönheit vielleicht nicht zu sicher sein. Der tänzerische Finalsatz behält diese Ambivalenz; Gilbert dirigiert mit Energie, die immer kontrolliert ist, aber nie zum Ausbruch kommen darf. So ganz genau weiß man nicht, woran man ist bei diesem Prokofjew. Gilbert vermeidet die Extreme, liefert sich der Musik nie ganz aus. Stellvertretend für den Komponisten bleibt er stets Herr der Lage. Schönheit ja, Hingebung eher nicht.

Dabei überlässt Gilbert zumindest vordergründig die Führungsposition dem Solisten Leonidas Kavakos, aktuell Artist in residence des Orchesters. Unprätentiös übernimmt Kavakos partnerschaftlich die Rolle des Anführers (im Mittelsatz übergibt er die Melodieführung mit großer sichtbarer Geste an Konzertmeister und Tuttistreicher. Er spielt sachlich konzentriert, sehr genau mit dem Orchester abgestimmt. Hier geht es nicht darum, einem Virtuosen eine Bühne zu bieten, sondern im Wechselspiel die musikalische Struktur herauszuarbeiten. Gleichwohl: Sobald er spielt, ist Kavakos der Chef. Eine solistische Zugabe, die man doch gerne gehört hätte, blieb leider aus.

Danach Brahms' rätselhafte dritte Symphonie, deren F-Dur - traditionell Tonart der Pastoral- und Hirtenmusiken - so gar nicht unbeschwert auftritt und sich überhaupt nur mit Mühe behaupten kann. Auch in dieser Symphonie weiß man nie so ganz genau, woran man ist (anders als in der vorangegangenen unbeschwerten zweiten Symphonie). Gilbert dirigiert den ersten Themenblock im großen, drängenden Bogen, wie auf einen Atem musiziert, und überhaupt stellt er die großen Zusammenhänge über die kleinteilige Motivik. Der Orchesterklang ist weniger kammermusikalisch als registerartig flächig, verweist ein wenig auf Bruckner. Insofern ist das ein markant symphonischer, großformatiger Brahms in der Beethoven-Tradition. Dennoch bleibt Gilbert auch hier kontrolliert, stuft die Lautstärke fein ab und hält auch in den ganz seltenen, genau kalkulierten Fortissimo-Momenten Maß. Starker Applaus, aber leider auch hier keine Zugabe - aber die Musiker hatten ja am gleichen Abend noch ein weiteres Konzert zu spielen.




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Ausführende

Leonidas Kavakos, Violine

NDR Elbphilharmonie Orchester

Dirigent: Alan Gilbert


Werke

Sergej Prokowjew:
Violinkonzert Nr. 2 g-Moll op. 63

Johannes Brahms:
Symphonie Nr. 3 F-Dur op. 90





Weitere Informationen:

Elbphilharmonie



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