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Das Ende der GemütlichkeitVon Christoph Wurzel
In einem gängigen Opernführer findet sich neben der üblichen Inhaltsangabe zu Smetanas Oper auch das Szenenfoto einer Inszenierung aus dem Jahre 1990, das den Eindruck einer recht pittoresken, folkloristisch angehauchten volkstümlichen Spieloper vermittelt - zufällig ist es eine Produktion der Stuttgarter Staatsoper gewesen, die auf diese Weise dokumentiert ist. Dass derartige Bilder zu Zeiten der gegenwärtigen Stuttgarter Dramaturgie und vor allem von der Regisseurin Andrea Breth kaum würden zu erwarten sein, das lag nahe. In der Tat hat die neueste Produktion der Staatsoper auch mit dem Klischee der böhmischen Volksoper gründlich aufgeräumt und eine Werksicht angeboten, die Smetanas berühmtestes Bühnenwerk in einem ganz neuen, dramatisch wahrhaftigen Licht erscheinen lässt. Schon in der Ouvertüre, vom Staatsorchester brillant gespielt und von Stefan Soltesz furios und präzise, zugleich mit einer Portion scharfer Aggressivität dirigiert, wird deutlich, dass es an diesem Abend nicht um eine gemütlich-nette Dorfkomödie geht, sondern um eine Geschichte von äußerster sozialer Schärfe, unter der die Liebe einer jungen Frau zermalmt zu werden droht und in der ihre Selbstentfaltung ein nur sehr fragiler Anspruch bleiben wird. Die Handlung beginnt denn auch mit einer Ohnmacht: die Bauerstochter Marie sinkt auf der noch leeren Bühne zusammen, weil sie ahnt, dass sie an einen unbekannten Freier verschachert werden soll. Und sie endet mit einer Ohnmacht, weil Marie, nachdem sie im Verlauf des Geschehens in das denkbar größte Seelenchaos gestürzt wurde, nun doch ihren eigentlichen Geliebten bekommen soll, nämlich Hans, den hergelaufenen Knecht, der sich dann aber als ebenbürtiger Erbe eines stattlichen Gehöfts entpuppt. Der Schluss ist dann auch einer dieser "trotz-alledem" - Schlüsse, in denen zwar die Ordnung oberflächlich wiederhergestellt wird, die aber daran zweifeln lassen, ob die Beteiligten ihr Glück auch wirklich finden werden. Smetanas Marie erscheint hier als eine Vorgängerin von Janaceks Jenufa.
Andrea Breth (Regie) und Karl Kneidl (Bühne und Kostüme) haben also eine eher tragische Komödie auf die Bretter gestellt, in vornehmlich schwarzgrauen Bildern, von wenig Heimeligkeit und sozialer Wärme. Diese Dorfgesellschaft lässt zumindest der Jugend nicht viel Raum für ihr Glück. Eigentlich gibt es nur zwei Lichtblicke: der eine ist das als Theaterpantomime auf eine rührend linkische Weise gespielte Duett zwischen Marie und Wenzel, in dem sie von ihren Liebesträumen aneinander vorbeisingen und die ergreifend simple Zirkusszene, die aber zugleich etwas von der eigentümlichen Traurigkeit der Gaukler ausstrahlt, wie sie auch Picassos Figuren zu eigen ist. Ansonsten scheint Lebensfreude in dieser Welt sehr rar zu sein, selbst beim Eingangschor ("Warum sollten wir nicht froh sei...?") traut man dem Frieden nicht so recht und in der Wirtshausszene zu Beginn des 2. Akts ist der Frohsinn zu bloßem Ritual erstarrt. Einzig zwei Alte tanzen innig und selbstvergessen über die Bühne, als dürften nur sie erst nach einem langen, harten Arbeitsleben endlich befreit froh sein. In wunderschön eindrücklichen Bildern, von zarter Melancholie durchzogen ist dieses alles sehr feinfühlig choreografiert und in ästhetisch anrührenden Bildern erzählt. Dabei bleibt die Komik nicht ausgespart, wie im Furiant, wenn das ganze Dorf - die Häuser und der Kirchturm selbst - durcheinander zu tanzen beginnen. Angelehnt an die filmische Schnitttechnik wird die Handlung stringent und deutlich entwickelt, die einfachen, leicht verschiebbaren Bühnenelemente tun dazu das Übrige. Zu einem großen und vollständig berechtigten Triumph wird diese Produktion vor allem für das großartig disponierte Orchester unter der temperamentvollen Leitung von Stefan Soltesz, der nicht nur den Schmiss, sondern auch die abgründige Tiefe von Smetanas Musik deutlichst herausarbeitet und zu einem wahren Ereignis werden lässt. Großartig wieder der Stuttgarter Chor, der wiederholt nicht nur darstellerisch im Zentrum steht, sondern auch das musikalische Geschehen entscheidend dominiert. Enttäuschend diesmal die meisten Hauptrollen: Eva-Marie Westbroek gibt zwar eine in der Darstellung überzeugende Marie, kommt aber der Partie musikalisch nur annähernd nahe, es fehlt viel an Einfühlung, die die Sängerin in dieser Rolle glaubhaft werden ließe. Albert Bonnema, jüngst ein fabelhafter Siegfried in der Stuttgarter Götterdämmerung, forciert zu sehr in der Höhe und stemmt die Spitzen unsensibel heraus. Auch Wolfgang Probst als Kecal markiert zu aufdringlich den übercleveren Geschäftsmann und bleibt auch sängerisch hinter den Möglichkeiten zurück. Zudem klebt er zu sehr am Kontakt mit dem Graben. Am ehesten noch reproduziert er nur das Klischee seiner Rolle.
Ein rundum überzeugendes Profil gewinnt der Wenzel durch die Darstellung Bernhard Schneiders, der dieser Rolle alles Klamaukige nimmt und aus dem stotternden Außenseiter auf ganz humane Weise eine zu Selbstbewusstsein findende Figur gestaltet. Auch gesanglich hinterlässt er an diesem Abend eine der schönsten Eindrücke. Die Nebenrollen (Roderic Keating als Zirkusdirektor, Irena Bespolavaite als Esmeralda sowie Margarete Joswig und Karl-Friedrich Dürr als Maries Eltern) sind solide besetzt, der Bauer Micha und seine Frau (Mark Munkittrick und Carmen Mammoser) dagegen bleiben etwas blass.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne, Kostüme
Licht
Chor
Dramaturgie
SolistenKrusinaKarl-Friedrich Dürr
Ludmilla
Marie
Micha
Háta
Wenzel
Hans
Kecal
Zirkusdirektor
Esmeralda
Indianer
Zirkus
Clown/Bär
Tänzerin
Altes Paar
Gertrud Fritz
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- Fine -