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Falstaff als Comedy
Von Bernd Stopka / Fotos von Dominik Ketz Mit seinem letzten Werk für die Opernbühne hinterließ Verdi ein Vermächtnis, das wie eine Essenz seiner musikalischen Lebensweisheit wirkt. Musiktheater vom Feinsten und vom Komischsten. Letzteres ist besonders erstaunlich, denn Verdi hatte sich nach einem Misserfolg in jungen Jahren nie wieder an eine komische Oper gewagt. Doch Humor, Gelassenheit und Edles, das sich mit Komischem vermengt und dem geistreichen Witz die Nahrung gibt, scheint doch am Ende des Lebens eine große Bedeutung zu bekommen. Verdi ist nicht der einzige Komponist, der sich augenzwinkernd von der Opernbühne verabschiedet. Die Feinheit, die Tiefe, die Weisheit und die Ironie des "Falstaff" haben nie das ganz große Publikum gewinnen können. Keine Arie zum Nachpfeifen und schon gar keine Cabaletta springen den Hörer an - und auch keine schmissige Ouvertüre. Verdi geht tiefer: Er lässt die Personen tatsächlich miteinander kommunizieren und er verleiht dem Orchester eine geradezu mitsprechende oder kommentierende Rolle - feinsinnig, eher sparsam als üppig instrumentiert.
Bardolfo (Konstantinos Stavridis), Falstaff (Jacek Strauch), Pistola (Derrick Ballard)
Benedikt Borrmann hat "Falstaff" für das Staatstheater Kassel neu inszeniert. In den bunten Bühnenbildern und Kostümen von Florian Etti lässt er die Geschichte in der Jetztzeit spielen. Er überlässt den geistreichen, tiefsinnigen Witz der musikalischen Seite und inszeniert "Falstaff" eher als Comedy denn als Komödie. Dabei gelingen ihm ein paar ulkige Gags, doch viel zu oft überdreht er die Schraube und man gewinnt den Eindruck, dass er "Falstaff" für das breite Publikum weichspülen möchte. Mit dem Zuviel an Gags übertüncht er den feinen Humor Verdis und seines Librettisten Arrigo Boito. Angeheitert wird zu besoffen, ein Kuss wird zum Quickie, das Geräusch des Kusses hinter dem Wandschirm zu einem unmissverständlichen Stöhnen.
Hinter dem Paravent:
Andererseits verweigert Borrmann komische Situationen, die das Werk vorgibt. Versucht er witzig zu sein, indem er szenische Erwartungen nicht erfüllt? Die Szene, in der sich Falstaff und Ford gegenseitig den Vortritt lassen wollen, lässt Borrmann so nebenbei verpuffen. Kein einziges Mal darf Falstaff seinen stattlichen Bauch liebevoll streicheln und er wird auch nicht mit der Wäsche aus dem Fenster geschüttet.
Chez Quickly: Im Friseur- und Beauty-Salon
Doch Borrmann verwendet auch parodistische Elemente, die das Zeug zu einer richtig guten Modernisierung haben. Das zweite Bild des ersten Aktes zeigt einen Friseursalon/Beautyshop. Mrs Quickly ist die Chefin des Salons gleichen Namens. Rechts liegen die Herren entspannt bei Haarkur und Gesichtsmaske, links treffen sich die Damen zu Klatsch und Tratsch und Dauerwelle. Eine tolle Idee, stimmig, nachvollziehbar und witzig. Der beide Bereiche abschirmende Mittelgang bietet den Platz für eine wilde Knutsch- und Fummelaktion zwischen Nannetta und Fenton. Die anderen erstarren, die Zeit bleibt stehen und in dem Moment, in dem sich die beiden die Kleider von den Leibern reißen und aufeinanderstoßen, fällt in der Leuchtschrift ein Buchstabe aus: Aus Quickly wird Quick_y. Nun sollten es aber auch alle kapiert haben.
Mrs. Alice Ford (Nicole Chevalier), Fraglich ist, warum Falstaff wirklich zwei Briefe geschrieben hat. Per SMS wäre es doch viel einfacher - er hätte nur den Text kopieren und die Namen austauschen müssen. Aber ob dieser Falstaff handytechnisch dazu in der Lage wäre? Er ist nicht als heruntergekommener Adliger gezeichnet, sondern als plumper Proll. Er ist kein selbstverliebter Ritter, der seine beste Zeit überlebt hat und es nicht merkt, sondern eher ein Frustrierter aus einem armen Haus, der auch mal sein Glück versuchen will. Nichts abgeschabt Edles, nichts Herrschaftliches, ja nicht einmal seinen Bauch darf er stolz vor sich hertragen. Der wird mit einer Weste bzw. einem knallroten Sacko kaschiert. Statt des Gasthauses dient der Fritten- und Burger-Schnellimbiss "Moe's Tavern" als Treffpunkt. Die Bedienung feilt sich gelangweilt die Fingernägel oder liest in einer überdimensionalen Ausgabe von "War & Peace". In diesem Ambiente wirken Ehrerbietung und Audienzgewährung zwischen Mrs. Quickly und Falstaff doch sehr befremdlich. Eindrucksvoll dagegen wirkt die Szene, in der Ford erkennt, dass er, der selbst hereinlegen wollte, zum Hereingelegten werden soll.
Falstaff (Jacek Strauch) und Alice (Nicole Chevalier)
Mit Plastiksektgläsern, einer Flasche Prosecco und einem Blumensträußchen versucht Falstaff Alice zu becircen. Die hat es sich in einem riesigen Schaukel-Sitzring bequem gemacht. Eine elektrische Babypuppe (Megs Tochter), die auf die Bühne krabbelt, ist so niedlich, dass keiner mehr auf das Duett der beiden hört. Die Jagd des eifersüchtigen Ehemannes wird zur Parodie, die ein bisschen an Loriot erinnert.
Drei Damen auf dem Wäschekorb: Wohl gibt es einen großen Wäschekorb, in dem Falstaff versteckt wird, aber der Boden hält nicht und Falstaff springt selbst aus dem Fenster. Der durchwühlten Wäsche nach zu schließen haben Frau Ford und ihre Tochter übrigens einen enormen Bestand an BH's und Slips. Unterwäsche. Wie komisch. Und warum muss Alice sich eigentlich so besaufen, dass sie kaum mehr stehen kann? Erinnerte sie vorher an Faye Dunaway, assoziiert man nun Sue Ellen Ewing. Nachdem Falstaff gesprungen ist, hebt Alice liebevoll kosend seinen Blumenstrauß auf und wird daraufhin von ihrem Gatten brutal geohrfeigt. Der Versuch, Falstaff zu foppen, ging gewaltig nach hinten los.
Ford (Geani Brad) und Alice (Nicole Chevalier)
Wie ein Maikäfer liegt Falstaff auf der leeren Bühne auf dem Rücken. Kein Wirt bringt ihm seinen Glühwein. Ganz allein sitzt er schließlich auf dem Dach des Schnellimbisses, während die anderen intrigieren, belauschen, vereinbaren usw. Alice verliert eine Kontaktlinse, sucht sie aufwändig auf dem Boden und findet sie schließlich in ihrem Kaffee. Mrs Quickly lässt sich von Pistola ausgiebig den Hals knutschen, während sie Ford und Dr. Cajus belauscht. Blickkontakte zwischen Dr. Cajus und Bardolfo kündigen ein unorthodoxes Ende an.
Falstaff (Jacek Strauch) dahinter Auch wenn die Herne-Eiche ein eingezäuntes junges Bäumchen ist, an dem sich sicher kein Schwarzer Jäger hätte aufhängen können, gelingt hier ein sehr stimmungsvolles, aber kein gruseliges Bild. Links das Bäumchen, rechts eine riesige Shakespeare-Statue, in der Mitte eine Bank. Die Verkleidungen bringen die Frauen in einer großen blauen Einkaufstasche eines bekannten schwedischen Möbelhauses mit. Meg hat auch hier wieder ihr Baby im dreirädrigen Kinderwagen dabei. Und das um Mitternacht! Falstaff erscheint natürlich ohne Hörner, aber in einem schicken, weiß-braunen mittelalterlichen Kostüm, das endlich seinen Bauch richtig zur Geltung bringt. Zu einem skurrilen, aber doch irgendwie anmutig schönen Bild gruppieren sich nuttige, weiße Elfen und halbnackte, weiße Männer in Tutus.
Falstaff (Jacek Strauch) mit Elfen
Während man Falstaff mit Baseballschlägern eher herumschubst als verprügelt, wird nebenan eine schwarze Messe angedeutet. Der Männerchor steht in zwei Reihen an den Bühnenrändern - üppigst mit Luftschlangen behängt und mit Karnevalsnasen und Masken ausgestattet.
Falstaff (Jacek Strauch) Viel glücklicher sieht die musikalische Seite der Produktion aus. Dabei hatte hier die Erkältungswelle zugeschlagen. Stefan Adam konnte die Titelrolle in der Premiere nicht singen und man musste schnell Ersatz finden. Mit Jacek Strauch holte man einen Falstaff aus der ersten Reihe. Strauch hat den Falstaff so oft gesungen und so intensiv verinnerlicht, dass er aus dieser Sicherheit heraus an die Gestaltung der Figur gehen kann. In kürzester Zeit musste er sich in diese eigenwillige Inszenierung finden und bewältigt die Aufgabe bravourös mit seinem wohlklingenden, satten Bariton und eindrucksvoller, markanter Ausdruckskraft. Wer ihn in einer klassischen Inszenierung erlebt hat, weiß, dass er da noch hinreißender sein kann. Geani Brad singt mit hochkultiviertem, wenn auch nicht besonders voluminösen Bariton einen edlen Ford. Young-Hoon Heo wurde als indisponiert angekündigt, ließ aber einen so leichten, lyrischen, einfach schön klingenden Tenor hören, dass man sich fragt, wie er den Fenton denn ohne Erkältung noch besser singen würde. Als Nannetta begeistert Kim Savelsberghs traumhaft schöner, mädchenhafter Sopran, vor allem mit den strahlenden, lang gehaltenen, blitzsauberen Spitzentönen im Duett mit ihrem Geliebten . Klänge zum darin Baden - und das will bei einem Sopran etwas heißen.
Mrs. Meg Page (Itziar Lesaka), Mrs. Quickley (Katja Boost), Mrs. Alice Ford (Nicole Chevalier) und Nannetta (Kim Savelsbergh)
Nicole Chevalier als Alice Ford lässt ihren substanzreichen Sopran strahlen und leuchten. Als leicht verruchte, vor Lebenslust nur so strotzende Mrs. Quickly bereitet Katja Boost mit üppigem Mezzo großes Vergnügen, Itziar Lesaka kann Mrs. Meg Page nachhaltig Profil verleihen. Alle vier Frauenstimmen passen wundervoll zueinander. Derrick Ballard als Punker Pistola, János Ocsovai als Dr. Cajus und Konstantinos Stavridis als Bardolfo komplettieren das stimmlich ganz und gar runde Ensemble. Bei GMD Patrick Ringborg liegen die musikalischen Einwürfe und Kommentare des gut disponierten Orchesters in besten Händen. Schade, dass sich die Inszenierung mit ihren Gags so stark in den Vordergrund drängt und fast alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. "Alles ist Spaß auf Erden" heißt es in der Schlussfuge. Aber muss aller Spaß zur Comedy werden?
Ein zum Teil ganz ulkiger Klamauk im Sinne einer Samstagabend-Comedy, die dem Werk aber den feinen Witz, den Charme und vor allem die Diskrepanz zwischen dem Edlen und dem unfreiwillig Komischen schuldig bleibt. Musikalisch ein hinreißender Abend mit einem wunderbar aufeinander abgestimmten Ensemble und großartigen Einzelleistungen. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Regieassistenz
Bühne und Kostüme
Choreinstudierung
Dramaturgie
SolistenFalstaffJacek Strauch (für den erkrankten Stefan Adam)
Ford
Fenton
Dr. Cajus
Bardolfo
Pistola
Mrs. Alice Ford
Nannetta
Mrs. Quickly
Mrs. Meg Page
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