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Die Frau ohne Schatten

Oper in drei Akten
Text von Hugo von Hofmannsthal
Musik von Richard Strauss


in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 4h (zwei Pausen)

Premiere im Opernhaus Düsseldorf am 11. Oktober 2008


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Deutsche Oper am Rhein
(Homepage)
Von Lücken, Tiefen und fehlenden Schlüsseln

Von Thomas Tillmann / Fotos von Eduard Straub

Mehr als dreißig eng und klug beschriebene Programmheftseiten braucht Luc Joosten, um seines Bruders Guy unentschlossen-fade, streckenweise fast ein wenig hilflos wirkende Inszenierung der Frau ohne Schatten apologetisch zu begleiten und uns das Werk zu erklären. Die Joosten-Brüder sehen die Gefahren, die sich bei der Beschäftigung mit diesem komplexen Oeuvre ergeben können, von einer übertriebenen "Betonung der Symbolik und des Mystizismus" bis zu einer zu starken psychologischen Überfrachtung (wie in Christof Nels Inszenierung in Frankfurt, der sich trotz professioneller tiefenpsychologischer Erkenntnisse verzettelte und eine "merkwürdig banale Story" ablieferte, "die die Spielleiter von Vorabendserien professioneller aufzubereiten verstehen"), von einer nur märchenhaften Ausstattungsrevue bis zu einer die Entstehungsgeschichte der Oper zu stark in den Vordergrund rückenden Sichtweise (so bei Gregor Horres am Nationaltheater Mannheim, ohne dass dies dem Stück sehr geschadet hätte). Nun würde man annehmen, dass Joosten einen völlig neuen Ansatz bietet oder die besten Aspekte aus früheren Produktionen herausfiltert und verbindet, aber nein: Er erzählt mehr oder minder klar und deutlich, um was es in diesem Werk seiner Meinung nach geht und überlässt alles andere seinem Bruder, der weiß: "schlussendlich zeigt Die Frau ohne Schatten eine deutliche, wenn auch komplexe menschliche Problematik": Wie schaffen die Figuren es, "sich selbst zu besiegen - sich von der Macht und der Gewalt zu befreien, die sie von innen und von außen beherrschen", wie lernen sie, "sich mithilfe und nicht auf Kosten anderer in einen neuen Menschen zu verwandeln"? Die Frau ohne Schatten also als "Allegorie über die Suche nach menschlichem Glück und die Erkenntnis, dass das Glück sich nicht manipulieren lässt"; nicht verzichten will das Regieteam dabei auf die "emanzipatorisch fragwürdig" verwendete Metapher von Fruchtbarkeit und Muttersein.

Foto kommt später Kaiser (Alfons Eberz) mit der Erscheinung des Falken (Guido Reinhold)

Joosten kritisiert nicht zuletzt Hofmannsthals Idealismus, der "die Gewalt der Wirklichkeit - in der zahllose Individuen als Kanonenfutter geopfert werden -" nicht sehen will ("Und so wirft die Realität schließlich einen Schatten auf einer Oper, in der Menschlichkeit und Schatten im Mittelpunkt stehen"), wenn er eine Welt zeigt, in der die (Kriegs-)Opfer als lebendige Geister weiterleben (trägt die Kaiserin deswegen eine Art Springerstiefel?), und hier leben auch die verletzten Kinder, "die trotz Hunger und Schmerz die Hoffnung auf eine neue, eine andere Welt nicht aufgegeben haben" und die am Ende "in einer neuen und anderen Zeit weiterspielen", denn die alten Hauptfiguren sind "müde und ausgespielt" und sinken entkräftet zu Boden. Die beiden Paare hatte Joosten zuvor einer zweiten Welt zugeordnet, in der auf sich selbst fixierte Figuren ihrem Glück nachjagen: der Kaiser, der "der Trunkenheit der ersten Stunde" nachtrauert, der Färber, der nur seine Arbeit kennt und dessen kleines Alltagsglück mit Chipstüten, Comicfiguren-Ballons und Bierflaschen sehr flach bebildert wird (dass der Handwerker ein kleines Alkoholproblem hat, wird einige Male angedeutet, ohne dass dieser Einfall irgendetwas Wesentliches beitragen würde, ebenso wenig wie der abgestorbene Baum und das Herbstlaub auf dem Bett der Kaiserin sowie das Häufchen Kunstschnee, das hat man nun wirklich zur Genüge und so viel besser und passender gesehen). Beide verlieren dabei ihre Frauen und deren Gefühle aus den Augen, alle vier sind "einsame Figuren", leiden an der "Einsamkeit in der Gemeinschaft mit dem Geliebten - geistige Isolation innerhalb der gesellschaftlich festgelegten Ehe". Völlig rätselhaft und unterbelichtet bleiben dabei Figur und Funktion der Amme, schon das rote Kittelkleid mit den schwarzen Fransenhandschuhen ist verdächtig nichtssagend.

Foto kommt später

Allein zu Haus: Die Färberin (Linda Watson)

Apologetisch auch der Satz: "Alle Lücken können und müssen auch nicht geschlossen werden." Und der Rückgriff auf den Dichter selbst: "Die Tiefe muß man verstecken. Wo? An der Oberfläche." Und schließlich: "Das ist der einfache komplexe Schlüssel zu einem meisterhaftem Werk." Natürlich kann man in eine oberflächlich und brav erzählte Geschichte als Zuschauer Tiefe hineinprojizieren, wenn man am Tag nach der Vorstellung in Ruhe die Kommentare des Produktionsteams studiert, das Gesehene mit eigenen Ideen und Erlebten verknüpft, aber ich wurde den Eindruck nicht los, dass Guy Joosten es sich hier ein wenig zu einfach gemacht hat, denn man hätte schon gern mehr von dem klug Herausgefundenen auch in spannenden Bildern nachvollzogen - Regisseure sollen ja nicht über Stücke schreiben (lassen), sondern ihre Sicht der Dinge einem Publikum vorstellen. Wirklich verärgern kann man mit einer solchen Inszenierung natürlich niemanden, insofern hielten sich die Buhs in klaren Grenzen, wobei man sagen muss, dass nicht wenige Zuschauer das von Anfang an nicht ausverkaufte Haus bereits nach den ersten beiden Aufzügen verlassen hatten. Niemand wird dem Rezensenten unterstellen, dass er eine Schwäche für psycholanalytische Inszenierungen, ausschließlich märchenhafte oder aktualisierende Inszenierungen hat; beinahe schlimmer finde ich es allerdings, wenn szenische Einfallslosigkeit regiert - hier hätte ein Schuss Märchen, Ausstattungsprunk und/oder Psychologie und aktueller Bezug Not getan, um die Zuschauer bei der Stange zu halten, nicht das Herumtoben von Kaiserin und Kaiser unter der Bettdecke nach "Gattin zum Gatten"!

Foto kommt später Lästige Verwandtschaft: Die Färberin (Linda Watson) und Gatte Barak (Tomasz Konieczny, 3. v.l.), dazu dessen reichllich alberne Brüder: Der Einarmige (John In Eichen) und der Einäugige (Dmitri Vargin)

Auch Johannes Leiackers Ausstattung ist schnell beschrieben: Den Rahmen schaffen weiße antike Säulen, die durch Kriegshandlungen arg beschädigt sind (man sieht zum Teil die Drahtgestelle in ihnen, am vorderen Bühnenrand auch einzelne Steinblöcke, und fühlt sich an die Les Troyens-Inszenierung erinnert), und - unvermeidlich in modernen Produktionen - die Bühnenmaschinerie des Hauses an der Heinrich-Heine-Allee. Zentrales Moment der Szene ist aber eine riesige schwarze Treppe, die auf der Drehscheibe plaziert wurde und so nicht nur Platz für das Bett des Kaiserpaares, sondern auf der Rückseite und unter den Stufen Raum für die mit rot-blauen Stoffbahnen ausgekleidete Färberwohnung bietet (in der auch einige typische Leiacker-Bettgestelle und Lampen ausgemacht werden können) sowie später als Projektionsfläche für das goldene Wasser des Lebens und die nicht mehr existente Hütte Baraks dient. Besonders originell ist das alles nicht, aber durchaus funktional, und dank der großen Meisterschaft des Lichtmagiers Manfred Voss erinnert man sich immerhin an einige wenige optisch beeindruckende Momente, während die Kostüme ziemlich alltäglich, beklagenswert häßlich und unvorteilhaft ausfallen (und ich war auch nicht allein mit meiner Assoziation, dass die Kaiserin zu sehr an Sarah Jessica Parkers Carrie Bradshaw aus Sex and the City erinnerte).

Foto kommt später

Kaiserin (Susan Anthony, l.) und Färberin (Linda Watson)

Einen Vorteil haben solche Inszenierungen natürlich: Man kann sich im Wesentlichen auf die Musik konzentrieren, wobei man bei John Fiore und der wirklich guten Leistung der Düsseldorfer Symphoniker anfangen muss (die mit einem von Teilen des Publikums niedergebuhten Warnstreik die Vorstellung mit zwanzig Minuten Verspätung beginnen ließen - zurecht verwies der Hausherr in seiner Ansprache auf die deutsche Streikkultur). Die Frau ohne Schatten ist ein langes, kompliziertes Stück, für das man wirklich Zeit und viele Proben braucht - Dinge, die man an der Rheinoper leider nicht hat, denn da gibt es vierzig andere Produktionen im Repertoire, da gibt es nach wie vor eine Vielzahl von Vorstellungen zu absolvieren, kein entlastendes Gastorchester, dafür ein in künstlerischer Hinsicht hochproblematisches Rotationsprinzip und einen Chefdirigenten, der allein 17 verschiedene Werke betreut. Insofern freute man sich schon darüber, dass so vieles gelang an diesem Abend. Auch die Widrigkeiten der Akustik hatte man ganz gut im Griff, genauer gesagt John Fiore, der dafür sorgte, dass das Bühnenpersonal nicht in den Orchesterfluten unterging, und das keineswegs um den Preis eines reduzierten, dünnen Klangs. Er lässt dem Stück die Zeit, die es braucht, peitscht sein Kollektiv nicht hektisch voran, um vermeintlich noch größere Brillanz zu erzwingen, sondern setzt auf einen breiten, sinnlich schillernden, aber nie unkontrolliert oder oberflächlich aus dem Graben drängenden Klang, erweist sich auch als Herr der komplexen Rhythmik und schafft viele beseelte, anrührende Momente, besonders im zweiten und dritten Akt mit seinen großen Verwandlungen, Steigerungen und effektvollen Aktschlüssen (in die das Premierenpublikum mehrfach sehr unsensibel meinte hineinklatschen zu müssen).

Foto kommt später Kaiserin (Susan Anthony, liegend) und Amme (René Morloc)

Klangbeispiel Klangbeispiel: "Licht überm See" (1. Akt) - Renée Morloc (Amme), Stefan Heidemann (Geisterbote)
(MP3-Datei)


Klangbeispiel Klangbeispiel: "O dass ich dich wiederfände" (1. Akt) - Alfons Eberz (Kaiser)
(MP3-Datei)


Es ist nicht leicht, Sänger für dieses monumentale Werk zu finden - die Rheinoper hat viele ideale Interpreten sogar fest im Ensemble. An erster Stelle ist da Renée Morloc zu nennen, die nicht nur den richtigen barschen, verschlagenen Ton für die Amme hatte, sondern die sich auch wirklich auf den komplexen Text einließ und somit vielleicht die differenzierteste Einzelinterpretation des Abends beisteuerte, so dass man ihr einzelne etwas knapp und zu tief geratene Töne in der Höhe gern nachsah, zumal die saftige Stimme ansonsten tadellos saß. Gefeiert wurde auch Tomasz Konieczny, der den Barak noch nach Probenbeginn vom erkrankten Hartmut Welker übernommen hatte und aus dessem jungen Mund einmal mehr wuchtige, beeindruckende und unverkrampft produzierte Töne drangen, der aber die Tiefe dieser Rolle, die Menschlichkeit der Figur noch nicht überzeugend zu transportieren verstand, die ja eben nicht nur eine große Stimme und schmetternde Jubeltöne im Finale erfordert, sondern menschliche und künstlerische Erfahrung (und eine sinnstiftendere Phrasierung!).

Foto kommt später

Kaiserin (Susan Anthony, liegend) und Amme (René Morloc)

Klangbeispiel Klangbeispiel: "Ist mein Liebster dahin?" (1. Akt) - Susan Anthony (Kaiserin)
(MP3-Datei)


Klangbeispiel Klangbeispiel: "Gib# du mir Kinder" (1. Akt) - Thomas Konieczny (Barak)
(MP3-Datei)


Es gibt sicher Leute, denen Linda Watsons einiges Metall und Schärfe sowie kein kleines Vibrato aufweisender Sopran keine wahre Freude am Ohr ist, aber jenseits von solchen Geschmacksfragen muss man festhalten, dass es nicht viele Sängerinnen auf dieser Welt geben dürfte, die die heikle Partie mit solcher Souveränität und Stamina durchstehen wie die Amerikanerin (nicht zu Unrecht wird sie also im Dezember 2009 auch an der New Yorker Met in ihr zu erleben sein), und dies gilt nicht nur für den großen Ausbruch am Ende des zweiten Aktes, der mir Gänsehaut bescherte, oder ihren mit machtvollem, jetzt weicheren Ton und starkem Legato bewältigten Monolog zu Beginn des dritten Aufzugs, sondern auch für die vielen tiefer gelegenen Passagen dieser Partie (wie etwa das "Dritthalb Jahr bin ich dein Weib", bei dem man jeden Konsonanten verstehen konnte und das mich sehr berührt hat), und nicht zuletzt besitzt die Stimme immer noch genügend Flexibilität für ganz zarte Momente. Sicher, darstellerisch könnte man sich da manches erfüllter und differenzierter vorstellen, aber da hätte ihr natürlich auch der Regisseur ein bisschen mehr helfen müssen und der Ausstatter ein vorteilhafteres Kostüm auf den Leib schneidern lassen können.

Foto kommt später Kaiserin (Susan Anthony) und allerlei Tote und Verwundete (Statisterie)

Etwas enttäuscht war man am Premierenabend über den einzigen wirklichen Gast: Susan Anthony hat die Kaiserin oft gesungen, zuletzt noch im Frühjahr an der Hamburgischen Staatsoper, mühte sich aber inzwischen doch mit den vielen sehr hoch liegenden Tönen, die häufig reichlich eng und glanzlos klangen oder manchmal auch einfach unhörbar blieben, wie man die Stimme überhaupt strahlender, frischer, durchdringender, weniger begrenzt in Erinnerung hatte; da freut man sich doch auf Carol Wilson, die in den letzten beiden Vorstellungen die Rolle übernimmt. Alfons Eberz, der von 1986 bis 1996 Ensemblemitglied der Rheinoper war, wird sicher nicht als subtiler Gestalter in die Aufführungsgeschichte eingehen, er ist und bleibt ein Interpret, der durch stimmliche Kraft und Phonstärke für sich einnimmt (oder eben nicht), aber man hat wirklich schlechtere Tenöre in der undanbaren Partie des Kaisers gehört, auch wenn der Deutsche mit einzelnen Tönen über dem System durchaus auch seine Mühe hatte und man wenig Piano zu hören bekam. Stefan Heidemann gab prägnant mit reifem, markanten Ton, aber phasenweise ziemlich textunverständlich den Geisterboten (er wäre vielleicht doch auch eine Alternative für den Barak gewesen), Dmitri Vargin, John In Eichen und Martin Koch waren die Brüder des Färbers, die viel Spaß beim Tragen ihrer Comic-Masken hatten, und auch in den weiteren kleineren Partien gab es weder besondere Glanzlichter noch Ausfälle.


FAZIT

Trotz reichlich Rechtfertigungsaufwand im Programmheft findet Guy Joosten keinen passenden Schlüssel zu diesem meisterhaften Werk von Hugo von Hofmannsthal. Dank der überzeugenden Arbeit, die John Fiore und die Düsseldorfer Symphoniker am Pult und im Graben leisten, und dank einiger Besetzungshighlights ist die erste Saisonpremiere im Düsseldorfer Opernhaus trotzdem eine Empfehlung wert, auch wenn diese Neuproduktion vom selbst formulierten Anspruch "Finale furioso" noch ein ganzes Stück entfernt war.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
John Fiore

Inszenierung
Guy Joosten

Bühne und Kostüme
Johannes Leiacker

Licht
Manfred Voss

Dramaturgie
Luc Joosten

Chor
Christoph Kurig



Chor der
Deutschen Oper am Rhein

Statisterie der
Deutschen Oper am Rhein

Die Düsseldorfer
Symphoniker


Solisten

Kaiser
Alfons Eberz

Kaiserin
Susan Anthony

Amme
Renée Morloc

Barak
Tomasz Konieczny

Sein Weib
Linda Watson

Der Einäugige/Wächter
Dmitri Vargin

Der Einarmige/Wächter
John In Eichen

Der Bucklige
Martin Koch

Der Geisterbote/Wächter
Stefan Heidemann

Hüter der Schwelle
Anke Krabbe

Jüngling
Norbert Ernst

Erscheinung des Jünglings
Bikash Chatterjee

Falke
Kristen Leich

Erscheinung des Falken
Guido Reinhold

Stimme von oben
Laura Nykänen

Geisterstimmen/Kinderstimmen
Marianne Folkestad Jahren
Anke Krabbe
Eun-Young Lee
Laura Nykänen
Franziska Orendi
Iryna Vakula







Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Deutsche Oper am Rhein
(Homepage)



Da capo al Fine

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