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Krawall im Museum
Von Christoph Wurzel
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Fotos vom Christian Kleiner
Gar so fromm, wie es Wagners Anweisungen vorsehen, beginnt die erste Szene der "Meistersinger" in dieser neuen Mannheimer Produktion nicht. Keine singende Gemeinde verlässt hier die Nürnberger Katharinenkirche, sondern die Prozession zieht an einer Glasvitrine vorbei, in der ein historisches Gewand ausgestellt ist, ein Opernkostüm aus plüschiger Zeit. Sichtlich ergriffen pilgern offenbar Traditionalisten an den Ort, wo die gute alte Zeit noch aufbewahrt ist. Mit Plakaten bekunden sie: "Die Meistersinger müssen bleiben" - ganz so wie vor einigen Jahren eben auch in Mannheim, als traditionsliebende Opernbesucher die Absetzung einer Produktion dieser Oper in ganz konventioneller Machart vehement gefordert hatten. Die alten Kostüme sind ins Museum gestellt worden und nur noch dort zu bewundern. Durch diesen ironischen Wink hat Jens Daniel Herzog nun seine aktuelle Inszenierung mitten hinein in die Diskussionen um Werktreue oder Regietheater, modern oder traditionell gestellt, indem er geschickt den realen Musiktheateralltag direkt im Geschehen auf der Bühne spiegelt. Die Auseinandersetzungen um die Wahrheit in der Kunst werden also auf listige Weise zum doppelten Boden der Oper, einmal als deren pointiert herausgearbeitetes Thema und dann als ironisch gebrochenes Spiel im Spiel. Die Frage, welches die wahre Kunst sei, bewegt nicht nur die zwölf Bühnen-Meistersinger, sondern spaltet auch heute noch so manches Publikum (das dieser Premiere übrigens auch ganz heftig!). Mit dieser nun höchst zeitgemäßen Inszenierung bezieht das Nationaltheater-Team ganz klar Position: Die Meistersinger sollen bleiben, aber nicht als lebendes Fossil in Plüsch und Plunder, sondern, wie hier, als pralles heutiges Musiktheater. "Lebendige Tradition" könnte man dazu sagen, die Nostalgie gehört ins Museum.
Bildersturm in Nürnberg: Kinder, macht Neues!
In einem Meistersinger-Museum spielt also der größte Teil der Handlung, wo Hans Sachs der Kustos ist. Ein überzeugender Regieeinfall, steht Sachs doch als Mittler zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem. In der zweiten Szene sind die Meistersinger als kleinkarierte Kunst- und Traditionsverwalter gezeigt, ihre Sitzung als Karikatur deutscher Vereinsmeierei. Subtil ausgearbeitet sind die einzelnen Charaktere, besonders die Gegenspieler Sachs und Beckmesser. Der Ritter von Stolzing platzt als ziemlich ungehobelter Altrocker in diese ehrwürdige Gesellschaft, begrüßt die hohen Herren wie alte Kumpel, flegelt sich an den Verhandlungstisch und reicht cool sein Dosenbier herum. Da stößt natürlich auch sein Probelied auf höchstes Unverständnis, auch wenn er sich auf Walther von der Vogelweide beruft, mit dessen Reclam-Ausgabe er winkt. Das ist ebenso witzig, wie es logisch entwickelt ist. In vielen weiteren Details poliert diese Inszenierung die Komik dieser Oper einfallsreich heraus.
Verfeindet: Sachs (Tom Fox) und Beckmesser (Thomas Berau)
Einen der vielen szenischen Höhepunkte stellt Beckmessers Serenade dar. Der Stadtschreiber wird hier als verliebter Geck vorgeführt, wie er blind in seine eigene Blamage stürzt. Hervorragend spielt und singt das Thomas Berau, im schönen Rollengegensatz zum Sachs des ebenso präsenten Tom Fox, der auf seine unbestechliche und beherrschte Art in dem ganzen Wirrwarr als Einziger den Überblick behält und dies auch stimmlich souverän verkörpert. Der zweite Akt gipfelt in einer herrlichen Prügelszene, in der im Museum die Vitrinen kurz und klein geschlagen werden. Das böse Erwachen am nächsten Morgen zeigt sich vor allem in Stolzings kräftigem Kater, der ihn nach der ersten Strophe seines schönen Traums zum Spucknapf treibt, was Sachs lakonisch kommentiert: "Das nenn' ich mir einen Abgesang!" - wieder so ein amüsanter Geistesblitz der Regie. Noch vorher, zum langen Vorspiel des 3. Akts, hatte die Regie eine Pantomime eingefügt: Der penible Beckmesser inspiziert den Tatort der Balgerei der vorigen Nacht. Mit Fotokamera und Schildchen nimmt er alles auf, was zu Bruch gegangen ist und sichert jedes Corpus Delicti.
Das Spiel mit der Tradition: Hans Sachs (Tom Fox)
Mit einem Überraschungseffekt wartet das Schlussbild auf. Plötzlich kommen doch noch die historischen Kostüme zum Einsatz, gleiten vom Schnürboden herab und werden von allen angelegt. Hinten wird ein kitschig gemalter Prospekt des heimeligen Nürnberg aufgezogen und vorne eine Bühne errichtet. Schwergewichtig nehmen die Meistersinger Platz. Über allem prangt in Leuchtschrift "Nürnberg - das Finale". Ein Historienfest als Song-Contest im spätmittelalterlichen Gewand steht bevor. Nürnberg sucht den Superstar. Sixtus Beckmesser fällt bekanntlich durch und zieht beleidigt, aber erhobenen Hauptes davon und endlich treten in ihren Bilderbuch-Roben, prächtig wie ehedem kostümiert, Evchen und Stolzing auf. Das Preislied kommt auf Platz eins, Jubel des Volks - und dann wird alles zurück in die Vitrine gestellt. Da juckt es das Volk gewaltig unter den alten Talaren, darunter steckt der Muff von vielen, vielen Jahren. Hans Sachsens Schlussmonolog wirkt wie ein Kommentar zur aktuellen Diskussion um die Wahrung oder den Sturz der Tradition. So kommentiert sich das Regietheater selbst und bestätigt sich ganz witzig mit seinen eigenen Mitteln.
Unritterlicher Altrocker: István Kovácsházi als Stolzing
Friedemann Layer schlägt schon im Vorspiel mit dem Nationaltheater-Orchester einen kernigen Wagnerton an, der Szene angemessen weniger feierlich als forsch. An wenigen Stellen war in der Premiere das Orchester etwas zu laut und überdeckte die Sänger. Der Verzicht auf Übertitel wirkte da als Manko. Aber zumeist webte die Musik einen feinen Klangboden zu den überwiegend hervorragenden Sängerleistungen und ließ passend zum szenischen Ansatz Witz und Komik durchblitzen. Cornelia Ptasseks Evchen - sie gibt hier nach vielen Erfolgen im Koloraturfach eine Probe im lyrischen Fach und (wie übrigens die meisten Solisten) in dieser Rolle ihr Debut - zeigt allen stimmlichen Charme, die diese Rolle braucht. Als Ritter von Stolzing ist István Kovácsházi anfangs mehr ruppig als nobel, erst im Preislied lässt er den lyrischen Schmelz erkennen, der ihn zum Sieger macht. Großartig ist Thomas Berau als Beckmesser, in Spiel und Gesang äußerst genau profiliert, auch Frank van Hoves zeigt als Pogner eine genaue Charakterstudie und singt mehr als beachtlich. Wunderbar leicht und hell gibt Maximilian Schmitt den David, ein großer Gewinn für die Mannheimer Oper! Auch mit den weiteren Solisten fügt sich das Ensemble rund zusammen und macht diese Produktion zu einem großen Ereignis.
Heimlicher Erzieher: Sachs (Tom Fox)
Wagners einzige komische Oper kommt hier voll zu ihrem Recht.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Licht
Dramaturgie
Chor
Solisten* AlternativbesetzungHans Sachs Tom Fox / Thomas Jesatko *
Veit Pogner
Kunz Vogelgesang
Konrad Nachtigall
Sixtus Beckmesser
Fritz Kothner
Balthasar Zorn
Ulrich Eisslinger
/ Oskar Pürgstaller *
Augustin Moser
Hermann Oertel
Hans Schwarz
Hans Foltz
Walther von Stolzing
David
Eva
Magdalena
Nachtwächter
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