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Die Generation ohne Worte
Von Joachim Lange
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Fotos von Bernd Uhlig Der Weimarer Generalintendant Stefan Märki und sein neuer Operndirektor Karsten Wiegand (36) hätten es sich mit der Saisoneröffnung in Weimar auch einfacher machen können. Sie hätten so tun können, als wär am Ende der letzten Spielzeit nichts gewesen. Als hätte es, nach dem spektakulären Ring-Coup keinen politischen Tiefschlag gegeben, der erst durch landesväterlichen Ordnungsruf (vorerst) abgefangen wurde. Märki sei, entgegen anders lautenden Meinungen, auf seinem Posten auch für eine dritte Amtszeit willkommen, hieß es aus Erfurt beruhigend, nachdem vorher in Umlauf gebracht worden war, dass es keine Mehrheit in den Gremien für ihn mehr gäbe . Man hätte einfach mit einer herzbewegenden und stimmungserhebenden großen Oper die Saison eröffnen und versuchen können, mit dem gemeinsamen Nenner des Wahren Guten Schönen Alle zu umarmen. Auch die, die dem ersten Theater Thüringens so wie es jetzt ist, politisch die Flötentöne beibringen wollen. Und das am liebsten mit einem personellen Wechsel an der Spitze. Das aber haben sie nicht getan. Sondern sie haben mit einem Stück eröffnet, das politisch und ästhetisch herausfordernder kaum sein könnte.
Mit ihrer Kammeroper Pnima ins Innere hat die 1957 in Haifa geborene israelische Komponistin Chaya Czernowin im Jahr 2000 auf der Münchner Musiktheater-Biennale den Versuch unternommen, nichts Geringeres als den Holocaust auf die Opernbühne zu bringen. Was natürlich unmöglich und auch schon mehrfach gescheitert ist. Doch Czernowin scheitert mit ihrem durch den Roman Stichwort: Liebe von David Grossmann inspirierten Zugang nicht. Sie hat nämlich gar nicht erst versucht, dem Grauen selbst die Bilder zu geben. Sie hat vielmehr dessen Nachhall in der Psyche derer, die den Völkermord durch Glück, oder besser durch Zufall, überlebt haben, als Sprachlosigkeit in Töne setzt. Das betrifft den einen alten Mann, der von Tomas Möwes und Philipp Meierhöfer verkörpert wird, ebenso, wie den fragenden Jungen, dem Heike Porstein und Ulrika Strömstedt Gestalt und Stimme geben. Zusätzlich wird diese Rolle von Theo und Till Thiele anrührend als kleiner Junge und von Katharina Ruhl und Dirk Schmeding als zunehmend aggressiver Teenager gedoubelt.
Reden kann der traumatisierte Großvater mit seinem Enkel jedenfalls nicht über das, was ihm passiert ist. So sehr er sich auch müht und mit sich ringt, ja quält. In der Öffentlichkeit an einem Pult des ritualisierten Gedenkens nicht, wie man gleich zu Anfang sieht. Und auch daheim nicht. Das Kind muss so die Nazi-Bestie, von der er liest, für eine Art Drachen aus einem Märchen halten, der besiegt werden muss. Für diese sporadischen, letztlich scheiternden Versuche der Weitergabe von Erinnerung gibt es kein Libretto im herkömmlichen Sinne, keine Handlung, keine Worte. Nur Töne für Ängste, Verzweiflung und Zustände. Das sind eher Klangsplitter, inklusive orchesterfremder Geräusche. Dabei verlässt Czernowins Musik die Sphäre des assoziativ Grenzgängerischen nur sekundenweise, behauptet aber auch da ihre Autonomie gegen das Universum der Melodien und Rhythmen, aus denen sie ja auch entwachsen ist. Doch diese Musik ist keine Avantgarde der bloßen Verneinung, sie verdrückt sich nicht in die Seitenkulissen des Esoterischen. Sie hält vielmehr stets in ihrem Bann, eröffnet immer neue, überraschende Varianten der selbstquälerischen Suche nach Worten oder überhaupt einer Form für das an sich Nichtausdrückbare.
Das wird von Johannes Harneit und den 36 Musikern der Staatskapelle mit einer solchen Präzision geschichtet, der Stille entrissen, in den Raum geworfen, kombiniert und zu einer Alptraumintensität verdichtet, der man nicht ausweichen kann. Diese Musik ist nirgends krude, eitle Provokation, sondern wächst - bei etwas Offenheit für Neues beim Hörer - in eine sozusagen ganz eigene, feine, intellektuelle Sinnlichkeit hinein. Sie setzt freilich nicht auf ein spät- oder nachromantisch inspiriertes Nachaußenkehren der Emotion, sondern, wie es der Titel verspricht, auf eine subtile Reise ins Innere. Nur geht es hier eben nicht um eine Frau ohne Schatten, sondern um eine Generation ohne Worte. Wörtlich versteht man nur, was der kleine Junge am Anfang mit der Taschenlampe aus seinem Buch liest. Dabei ist auch in Karsten Wiegands einfühlsamer szenischer Umsetzung, die Crux von Unsagbarkeit und Unentrinnbarkeit beim Umgang mit dem Holocaust stets präsent. Die Zuschauer sitzen hier auf der Hinterbühne. Sie blicken auf eine gerade verlassene Feststafel, vor allem aber in einen gespenstisch leeren Zuschauerraum. Die Bühne von Bärbl Hohmann setzt nicht auf die Orte und Metaphern der Vernichtung, sondern auf die Lücken, die die Menschen hinterließen, die aus der Mitte des normalen Lebens einfach verschwanden. Gegen Ende des packenden Abends kommen diese nicht einfach nur Verschwundenen, sondern mit tödlicher Präzision Ermordeten, wie Geister zurück. Alle von Andrea Fisser hell und irgendwie jenseitig gekleidet, wie verblichenen Fotos entstiegen. Mache auch grotesk überzeichnet, wie aus den Erinnerungen von Kindern entsprungen. Sie ziehen an der Festtafel vorbei und dann durch den leeren Zuschauerraum. Wie Engel auf Urlaub. Wie eine subtile Mahnung daran, dass eben niemand einfach so verschwinden kann aus einer menschlichen Gesellschaft. Dass es jetzt in Weimar erst die zweite Inszenierung von Czernowins pnima ins Innere gibt, ist nach dem Erfolg der Uraufführung vor acht Jahren eigentlich erstaunlich. Zumal es der Produktion damals durch ihre Wahl zur Uraufführung des Jahres bei der Kritikerumfrage der Opernwelt an Aufmerksamkeit nicht mangelte. FAZIT Die Weimarer Musiker und die exzellenten Protagonisten haben überzeugend bewiesen, dass es für Pnima ins Innere weder eines Spezialorchesters noch besonders spezialisierter Sänger bedarf. Und das gilt nicht nur für Weimar.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
SolistenFrauenstimme hoch Heike Porstein
Frauenstimme tief
Männerstimme 1
Männerstimme 2
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