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leuchte auf mein stern borussia

Revue von und mit ‚Günna' Bruno Knust
Musikalische Arrangements von Ralf Kiwit

in deutscher Sprache

Premiere im Schauspielhaus Dortmund am 5. September 2009
(rezensierte Aufführung: 8. Oktober 2009)

Aufführungsdauer: ca. 2h Stunden (eine Pause)


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Theater Dortmund
(Homepage)
König Fußball als Revue

Von Christoph Kammertöns / Fotos von Bettina Stöss / Stage Picture

Foto kommt später Da geht er auf, mein Stern Borussia. Karl Heinz Herber staunt.

Was haben leidende Theater nicht schon alles versucht, um ihr Haus voll zu kriegen. Und wie wenig hat häufig die tiefste Verbeugung vor dem vermuteten Geschmack eines zunehmend theaterfaulen Publikums genützt. Aber in Dortmund hat man den Stein der Weisen gefunden: Man nehme ein klassenloses, lokal wie überregional relevantes Thema und stricke eine Revue daraus – voilà, ein Erfolgsstück vor allabendlich ausverkauftem Haus ist geboren.

Natürlich hat nicht jede Stadt einen bedeutenden Fußballverein. Aber Dortmund kann eben mit seiner inzwischen hundertjährigen Borussia auftrumpfen. Zwischen Aufstieg und Abstieg, Meisterschaft und Finanzskandal – jedenfalls immer mit einem feindselig-bewundernden Blick in die „verbotene Stadt“ Gelsenkirchen – changiert die Dortmunder Fußballbegeisterung, an die sich dieser Abend wohlkalkuliert anhängt. Dabei wirken die einzelnen vereinshistorischen Stationen der Revue trotz erheblicher schauspielerischer Anstrengung dröge. Nette Einfälle sind immerhin ein Treffen der Generationen zwischen einem Gründungsmitglied auf dem Weg zur Konkursabwendung und einem aktuellen BVB-Funktionär, die ihre ähnlich gelagerten Sorgen austauschen, oder ein telefonischer Spielbericht, in dem es zur Verzweiflung der trinkfreudigen Kioskgäste schier unmöglich ist, den Spielstand zu erfahren. Der Abend zieht hier Kraft aus der sentimentalen Beschwörung vergangener lokaler Besonderheiten – z.B. der Trinkbude als geselligem Versammlungsort.

Foto kommt später

Claus Dieter Clausnitzer

In diesen Szenen fällt zugleich das für den Abend typische Chargieren ins Auge. In der Nähe zum seligen Willy Millowitsch und zu all seinen Nachfolgern spielen sich die Schauspieler mit hängender Zunge durch den Abend. Kugelnde Augen, verzerrte Gesichter und Posen – schauspielerisch wirkt der Abend wie eine ranzige Buttercremetorte, deren Fadheit mit einer guten Portion Schlagsahne überspielt werden soll. Verklammert wird der Abend von „Günna“ Bruno Knust, der sich in seiner Doppelbefähigung als Sportmoderator und Kabarettist mit ebenso müde abgespulten wie witzig gemeinten Conférencen von Szene zu Szene durch seine eigene Regiearbeit hangelt.

Nun entschuldigt eine ‚Revue' als Gattung ja Vieles. Beim Übergang von der Jahresrevue mit inhaltlichem und dramaturgischem roten Faden zur Ausstattungsrevue mit Nebeneinander von Rahmenhandlung und losem Nummernschema wechselte die theatralische Revue im Berlin des beginnenden 20. Jahrhunderts zwar nicht völlig zur gänzlich unverbundenen Szenenfolge nach amerikanischem Zuschnitt, doch ließ die fortbestehende leitmotivische Verknüpfung große Freiheit, szenenindividuelle Handlungsmotivationen zu finden. Hier mochte man sich wohl auch in Dortmund anlehnen. Wo viel Freiheit herrscht, kann aber in Dramaturgie und Regie auch manches schief gehen – und sei es nur um den Preis leerlaufender Aktion und folgender Langeweile. Mildernd wirkt sich wiederum aus, wenn dem in der Ausstattungsrevue typischen gleichen Verhältnis von Wort bzw. Sketch, Conférence und optischer Reizung durch Ausstattung und Ballett tatsächlich auch in letztgenannter Hinsicht entsprochen wird. Was an schwerfälligen Funkenmariechentänzchen in Dortmund vom Ensemble geboten wird, kann man zwar getrost vernachlässigen, die akrobatischen Leistungen der Tanzgruppe High Energy aber bestechen als Feuerwerk zwischen Breakdance und Parcours im Sinne eines ironisch gebrochenen Ballettersatzes.

Foto kommt später Der Weg zum Erfolg führt über hartes Training: Ensemble

In der Ausstattung hat Michael Wienand zu ganz liebenswerten und schlicht-schönen Bildern gefunden, die dem Abend wenigstens hier eine rundum ansprechende Note verleihen. Eine Kurbel für den szenischen Ablauf hätte möglicherweise noch in der Präsentation eines veritablen Stars liegen können, insofern seine Wirkung weniger in der Leistung als vielmehr in der wirksamen Vermittlung seines Star-Seins gelegen haben würde. Aber es ist andererseits wieder sympathisch, hier der Kraft des Ensembles und des durch Knust repräsentierten bodenständigen ‚Potts' vertraut zu haben – allerdings um den Preis der Offenlegung der Schwächen des Abends. Apropos Pott: Natürlich muss jeder auf der Bühne in die Vollen des Ruhrgebietsdeutsches greifen – dabei bestätigt sich, dass nicht jeder aus Rostock oder Hannover Zugewanderte (die Ortswahl ist beliebig) mit Begeisterung vergessen machen kann, wie schwer die Imitation eines Dialekts ist. Das mag nicht allzu wichtig sein, trägt aber unterschwellig zur Angestrengtheit des Abends bei.

Was wäre nun eine Revue ohne Musik! Typisch für die Ausstattungsrevue, entlehnt sich auch in Dortmund die Musik zeitverhafteten, textlich angepassten Schlagern, die von allen Darstellern mit sehr anständiger Stimmbeherrschung mehr oder (häufig) weniger zwingend in die Szenen gestreut wurden.

Foto kommt später

Keimzelle des Ruhrgebiets: Die Trinkhalle

Angesichts eines begeisterten Publikums könnten obige Bedenken leicht als Nörgelei erscheinen, und so soll abschließend betont werden, dass es tatsächlich ein geschickter Zug des Dortmunder Theaters war, das lokal wie gleichermaßen national daueraktuelle und hochemotionale Thema Fußball in unterhaltender Absicht auf die Bühne zu heben. So verkommt auch in Dortmund die Revue nicht zur reinen Zerstreuungskonfektion, sondern erhält sich im Kern noch den Anspruch eines bürgerlichen Unterhaltungstheaters mit aktuellem, hier zusätzlich lokalhistorisch hergeleitetem, Bezug. Einmal mehr bestätigt sich die breite gesellschaftliche Verankerung des Fußballs, der ebenso den Ringparabel zitierenden Studienrat ins Dortmunder Schauspielhaus locken dürfte wie den Fußballfan, der ein Theater sonst nur betritt, wenn es den Beinamen Signal Iduna trägt. Aber auch dort verbindet sich ja Heldisches mit Komischem, häufig auch Langweiligem – und, ja, immer auch mit Gesang!

FAZIT

Ein Abend wie ein langweiliges Null zu Null. Aber immerhin nicht verloren.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Ralf Kiwit

Inszenierung
Bruno Knust

Bühnenbild
Michael Wienand

Kostüme
Ariane Erbe

Choreographie
Michael Sieberock-Serafimowitsch


Musiker:
Tobias Albrecht
Thomas Bär
Ralf Kiwit
Rudi Mika
Stephan Schott
Simone Witt

Tanzensemble High Energy


Solisten


Frank Bahrenberg
Anne Breitfeld
Claus Dieter Clausnitzer
Alexander Gier
Karl-Heinz Herber
Michael Kamp
Bruno Knust
Harriett Kracht
Adrian Kroneberger
Ralf Kubik
Andreas Vögler



Weitere
Informationen

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Theater Dortmund
(Homepage)



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