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Rossini als Pop-Musical
Von Thomas Molke
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Fotos von Foto Kühle (Rechte Theater Hagen)
Nahezu zehn Jahre ist es her, dass Rossinis Barbiere zum letzten Mal im Theater Hagen zu erleben war: Lang genug also, um diese Perle des Belcanto um den windigen Figaro, der die pfiffige Rosina aus den Händen ihres Vormunds Bartolo befreit, um sie mit dem Grafen Almaviva zu verkuppeln, in einem neuen Kleid zu präsentieren. Und da man vor zwei Spielzeiten mit Annette Wolf bei Rossinis La Cenerentola ein recht gutes Händchen bewiesen hatte, wurde die junge frei schaffende Regisseurin erneut engagiert, um Rossinis Meisterwerk einen neuen Anstrich zu verpassen. Und das gelingt ihr, ohne das Werk gegen den Strich zu bürsten, auch wenn manche Gags in Klamauk abdriften und einige Ideen bekannten Musicals entlehnt sind. Almaviva (Jeffery Krueger, rechts) singt von Liebe, Figaro (Raymond Ayers, links) interessiert sich mehr für seine Frisur. Das Bühnenbild von Lena Brexendorff scheint dem Konzept zu folgen: Nichts ist so, wie es scheint. So sind die Kulissen perspektivisch in Schwarz-Weiß-Optik auf die Bühnenwände gemalt, wobei die Maße der gezeichneten Türen nicht den tatsächlichen Türen entsprechen und die Protagonisten bisweilen auch mal durch die Wände kommen. Genauso ist Almaviva nicht der mittellose Student Lindoro, der er vorgibt zu sein, Rosina nicht das kleine naive Dummchen, für das ihr Vormund sie hält, und Bartolo selbst nicht an seinem Mündel, sondern nur an deren Mitgift interessiert. Durch den Einsatz der Drehbühne lässt sich das Bild schnell von der Straße vor Bartolos Haus zu Rosinas Zimmer, das an eine Puppenstube mit zahlreichen bunten Kleidchen erinnert, einem Salon, in dem Almaviva als angeblicher Musiklehrer Alonso der Angebeteten Gesangsstunden gibt, und einer Zahnarztpraxis, in der Bartolo seinem Beruf nachgeht, wechseln. Während das Bühnenbild in Schwarz-Weiß gehalten ist, sind die Kostüme, für die ebenfalls Lena Brexendorff verantwortlich zeichnet, umso bunter, wobei hierbei eine klare Linie nicht ganz deutlich wird. Während Almaviva in Blue Jeans mit Turnschuhen auftritt und der angeheuerte Männerchor aus einer Gruppe von Müllmännern besteht, die bezeichnender Weise den Namen "The Kehr" tragen, kommt der Musiklehrer Don Basilio mit grauer Rokoko-Perücke in silbernem feinem Zwirn daher, wohingegen Bartolo als Mischung zwischen Stalin und Louis de Funès dargestellt wird. Figaro tritt in weißem Anzug mit türkisfarbenem Hemd auf, wobei seine Frisur an einen Justin Bieber-Starschnitt aus der Bravo erinnert. Das ist einzeln betrachtet alles sehr witzig und ideenreich, verliert sich aber in den Details. Rosinas (Kristine Larissa Funkhauser) Einstellung zu ihrem Vormund. Ähnlich überfrachtet wirkt auch das Regiekonzept von Annette Wolf. Sie bringt so viel Aktion auf die Bühne, dass man gar nicht dazu kommt, die Übertitel zu lesen, wenn man das Geschehen nicht verpassen will. Dabei scheint sie dem Belcanto und der Musik zu misstrauen, weil sie dem Zuschauer kaum Luft lässt, einfach nur dem Klang zu lauschen. So läuft Figaro bereits in seiner Auftrittsarie durch den Zuschauerraum, raubt dem Dirigenten das Toupet und verunstaltet anschließend Bartolos Diener Ambrosio, der sich mit wallender Haarpracht in seinen Barbiersessel begibt, zu einem Riff Raff-Verschnitt aus der Rocky Horror Show. Wollte man da in Hagen schon ein bisschen Werbung für die kommende Spielzeit machen, in der dieses Kult-Musical mit Guildo Horn als Riff Raff auf der Bühne steht? Pawel Strotschilin gibt die stumme Rolle des Dieners Ambrosio jedenfalls wesentlich expressiver, als dies im Libretto vorgesehen ist. Das reicht von ständigen Avancen gegenüber Marcellina bis hin zu wahnsinnigem Klavierspiel auf dem Dachboden während des Gewitters. Aber Annette Wolf bleibt nicht bei der Rocky Horror Show und wechselt zum Kleinen Horrorladen. Wenn Bartolo in seiner Arie "A un dottor della mia sorte" überzeugt davon ist, dass er von niemandem reingelegt werden kann, malträtiert er wie der wahnsinnige Zahnarzt im Horrorladen einen armen Patienten im Zahnarztstuhl. Da darf auch das obligatorische Lachgas, mit dem sich Marcellina als Zahnarzthelferin motiviert, nicht fehlen. Rosina hingegen erinnert in ihrer Auftrittsarie "Una voce poco fa" in ihrem Outfit an Olivia Newton-John aus Grease, so dass die Inszenierung wie ein buntes Pop-Musical wirkt. Bartolo (Rainer Zaun) mit seiner Haushälterin Marcellina (Christine Graham) bei der "Arbeit". Bei einer so temporeichen Inszenierung bedarf es natürlich auch eines agilen Ensembles, das dieses Konzept glaubhaft umsetzen kann. In dieser Hinsicht ist man in Hagen mit seinen spielfreudigen Solisten auf der sicheren Seite. Da ist zunächst Tanja Schun als leicht verschrobene Marcellina, die Bartolos Haushälterin mit viel Spielwitz auf die Bühne bringt. Der Alkohol ist ihr ständiger Begleiter, wenn sie versucht mit der nicht erwiderten Liebe zum Doktor fertig zu werden. Orlando Mason legt den Musiklehrer Don Basilio recht feminin an, was besonders mit Blick auf seinen profunden Bass komisch wirkt. Für seine große Arie "La calunnia" muss seine Stimme noch ein wenig an Volumen gewinnen. Jeffery Krueger parodiert das marinierte Gehabe Don Basilios sehr gut, wenn er als Graf Almaviva in die Rolle des vermeintlichen Musiklehrers Don Alonso schlüpft. In seiner Arie "Ecco, ridente" ist sein Tenor noch nicht sicher, gewinnt aber im Verlauf des Abends an Festigkeit. Besonders überzeugend gelingt seine modernisierte Version der zweiten Kavatine "Se il mio nome" unter Rosinas Fenster. Ende gut, alles gut (hinten: Figaro (Raymond Ayers), vorne: Bartolo (Rainer Zaun), von links nach rechts: Marcellina (Christine Graham), Ambrosio (Pawel Strotschilin), Almaviva (Jeffery Krueger), Rosina (Kristine Larissa Funkhauser) und Don Basilio (Orlando Mason)). Eine regelrechte Glanzleistung präsentiert Rainer Zaun als Bartolo, der mit profundem Bass den Vormund mimisch als regelrechtes Ekelpaket darstellt, den man Rosina als Gatten nun wirklich nicht wünschen möchte. In ständigem Kampf mit seinem Haartoupet erinnert er mit seinen hektischen Bewegungen teilweise an Louis de Funès, teilweise auch in einzelnen Sequenzen an Mr. Bean, wenn er beispielsweise während der Musikstunde einschläft und vom Sofa auf den Fußboden rutscht. Susanne Kreusch, die als Gast für Kristine Larissa Funkhauser in die Partie der Rosina eingesprungen ist, findet sich wunderbar ins Ensemble ein. Mit sehr großem Spielwitz und warmem Mezzo gibt sie ein keckes Mündel, das die Gewittermusik für einen grandiosen Wutausbruch nutzt, weil sie zu diesem Zeitpunkt noch glaubt, dass Lindoro / Almaviva sie hintergangen habe. Raymond Ayers gibt die Titelfigur als eitlen Geck mit kräftigem Bariton, der stets den Überblick über die Situation und die Fäden in der Hand behält. Auch das Orchester unter der Leitung von Steffen Müller-Gabriel zaubert einen flotten Rossini-Klang aus dem Graben, selbst wenn man an einzelnen Stellen merkt, dass dieses Orchester nicht auf Belcanto spezialisiert ist, sondern ein breiteres Repertoire bedient. So könnten einzelne Passagen durchaus noch pointierter und spritziger präsentiert werden. Das Publikum jedenfalls kommt sowohl musikalisch, als auch szenisch auf seine Kosten und belohnt die Aufführung mit lang anhaltendem Applaus.
Eine temporeiche, manchmal überfrachtete, aber immer unterhaltsame Produktion, die erneut die Spielfreude und die Leistungsfähigkeit des Theaters Hagen manifestiert. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Ausstattung
Licht
Choreinstudierung
Dramaturgie
Statisterie des Hammerklavier Solisten*rezensierte Aufführung
Graf Almaviva
Bartolo
Rosina
Figaro
Basilio
Marcellina
Fiorillo
Ein Offizier
Ambrosio
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