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Tannhäuser in der Moralklippschule
Von Joachim Lange /
Fotos von Martina Pipprich In Mainz nähert sich Regisseurin Sandra Leupold Richard Wagners zwischen Künstlerdrama mit rumorendem autobiographischem Bezug und Diskurs über ein religiös verbrämtes patriarchalisches Frauenbild changierendem Tannhäuser jenseits aller historisierenden Opulenz. Der Sängerkrieg spielt ja, historisch klar verortet, auf der Wartburg. Diese Ebene wischt sie gänzlich beiseite. Dafür bietet sie eine Art psychologische Exkursion, die von heute aus versucht, bis in die Befindlichkeiten vorzudringen, die einerseits den Komponisten in seiner Gegenwart wohl umgetrieben haben dürften, andererseits aber auch heute noch Relevanz haben. Tannhäuser als Magier Die Bühne hat Tom Musch dafür denkbar karg eingerichtet. Aber er hat sie im wörtlichen und metaphorischen Sinne wenigstens ausreichend möbliert. Stühle und Tische gehören zu den Requisiten, auf die diese Regisseurin nicht verzichten mag. Diesmal beherrscht gleich zu Beginn eine Riesentafel aus fast dreißig einzelnen Tischen den Raum. Dieser ungewöhnlich spartanische Venusberg wird zum Ort für eine Art Séance. In deren Verlauf explodieren dann die Leidenschaften, die selbst diese finstre Gesellschaft der Frau Venus unter den dunklen, jeden körperlichen Reiz unsichtbar machenden Kleidern und Anzügen verbirgt, mit denen Kostümbildnerin Julia Burde an das Bürgertum der Entstehungszeit der Oper erinnert. Tannhäuser wirkt hier in seiner Freizeitkluft von heute wie ein Fremdkörper. Oder wie ein staunender Eindringling. Dass er aus dieser zombiehaft dunklen Gesellschaft fliehen will, ist nur zu verständlich. Doch er kommt vom Regen in die Traufe. Nicht nur, dass sich Venus und Elisabeth ziemlich ähneln. Er landet obendrein in einer Art moralischer Klippschule. Da die Riesentafel aus lauter einzelnen Tischen besteht und auch genügend Stühle vorhanden sind, lässt sich nämlich im Handumdrehen für jeden der Platz an einer Schulbank finden.
In diesem Rahmen wird der Sängerwettstreit anfangs wie ein Pauken in Sachen Scheinmoral exerziert, um dann militant aus dem Ruder zu laufen. Immerhin schafft es der zunächst wie ein Zeitreisender, zumindest aber inzwischen völlig Fremder, in diese Gesellschaft eindringende Heinrich, mit seinem Beitrag über die Liebe Aufsehen zu erregen. Für einen Moment scheinen alle, wie durch den Zauber einer Kunst, die das Leben verändern kann, ganz unmittelbar und wörtlich bewegt. Nachdem auch Frau Venus, offenbar unerkannt, da in der gleichen Mode gar nicht aus dem Rahmen fallend, durch die Reihen gegangen ist, tanzen alle in slowmotion einen Walzer. Nur Heinrich, Elisabeth und Venus bleiben nüchtern und tanzen nicht mit. Gerade diese verlangsamten Momente, die eine Verzauberung sichtbar machen, gehören zu den starken Momenten in Leupolds Inszenierung. Für die scheinheiligen Moralapostel der Wartburggesellschaft ist jedoch selbst diese gesittete Form Sinnlichkeit schon zu viel. Wenn Heinrich dann unter der kollektiven Attacke zusammenbricht, hat diese Gesellschaft seinen Widerstand offenbar gebrochen. Er kann unter dem Druck der Massen die neugierige Distanz, mit der er sie bislang betrachtet und nicht ernst genommen hat, nicht mehr durchhalten. Im Grunde ist das ein Lehrstück über den normativen Druck, den eine gleichgeschaltete Umgebung auf ein widerständiges Individuum auszuüben vermag. Damit aber wird die Klippe jeder Tannhäuser-Inszenierung, nämlich das Umkippen des rebellischen Künstlers, dieses Einknicken des widerständigen Individuums, nicht als plötzlich in ihn fahrender religiöser Gedankenblitz gezeigt, sondern als eine Niederlage. Die er offenbar nur aushalten kann, wenn er die ganz große Geste der Verzweiflung hinzufügt. Wenn er sich dann selbst blendet und gemeinsam mit den anderen Pilgern auf den Knien Richtung Rom losrutscht, gewinnt die Inszenierung den antiklerikalen Drive, den sie bis zum Finale beibehält. Die Romerzählung Zu Beginn des dritten Aktes sitzen Wolfram, Venus und Elisabeth einsam an den Tischen, mit stummen Schreien der Verzweiflung, was die Musik wie Mordslärm klingen lässt. Auch hier hat die Regie ein untrügliches Gefühl für szenische Tempi und sich entfaltende Bögen. Die auf allen Vieren heimkriechenden Pilger schlüpfen schnell wieder in ihren bigotten bürgerlichen Biedermeier zurück. Elisabeth verharrt derweilen wie eine Gekreuzigte an einem aufgerichteten Tisch. Wenn Heinrich dann seinen Rom Report am Boden und mit seinen wie bei Ödipus schwarz entleerten Augenhöhlen abliefert, dann klingt das hier zynischer als sonst. Wobei der schon bis dahin konditionsstarke und exzellente Alexander Spemann obendrein zu einer dramatischen Hochform aufläuft, die selbst vor einem vokalen Seitenhieb auf den amtierenden Papst nicht halt macht. Wenn dann bei der Gnaden Heil eine Gesellschaft der finsteren Moral-Zombies in geschlossener und unaufhaltsamer Formation auf die Rampe zu marschiert, dann bleibt für Heinrich und Venus nur die Verzweifeln. Aus diesem Rom und seinen Botschaften werden Tannhäuser - und welche Frau auch immer - ihren Trost jedenfalls nicht finden. Ausgebrochen immerhin ist Tannhäuser, wenn auch für einen hohen Preis. Elisabeth (links) als Ikone, rechts Venus, Tannhäuser am Boden In Mainz vermag die spannend herausfordernde Inszenierung mehr zu überzeugen als die musikalische Seite, die bei Catherine Rückwardt am Pult vor allem anfangs mitunter etwas grob gerät. Alexander Spemann Tannhäuser gewinnt, seine Kräfte klug einteilend, schnell an Souveränität. Als Venus verbindet Patricia Roach intensive Darstellung mit stimmlicher Verve, während die Elisabeth von Bettine Kampp vor allem mit der ihrer Eloquenz und jugendlichen Strahlkraft punktet. Diese drei gut besetzten Hauptpartien führen ein Ensemble an das mit Hans-Otto Weiß einen soliden Landgraf, und mit Patrick Probeschin einen noblen Wolfram vorweisen kann. FAZITMit ihrer Inszenierung gelingt Sandra Leupold in einer reduzierten Szene ein konzentriertes Eindringen in den Gehalt des Werkes von heute aus.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Chor
Dramaturgie
Solisten
Hermann, Landgraf von Thüringen
Tannhäuser
Wolfram von Eschenbach
Walther von der Vogelweide
Biterolf
Heinrich der Schreiber
Reinmar von Zweter
Elisabeth, Nichte des Landgrafen
Venus
Ein junger Hirt
Vier Edelknaben
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