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Traumschiff und Ruderboot auf Kollisionskurs
Von Roberto Becker
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Fotos von Bärbl Hohmann und Bernd Uhlig In Zeiten, in denen die psychologisierende Ausdeutung von Opernfiguren für handwerkliches Allgemeingut gilt, kann gerade Wagners Ausnahmewerk Tristan und Isolde eine Steilvorlage sein. Das besondere Faszinosum bleibt zwar auch dann immer die Musik, die man durchaus für den kühnsten Wurf Wagners halten kann. Szenisch ist da schwer mitzuhalten, bedarf es doch vor allem einer atmosphärischen Einfühlung, um die philosophisch umwehte Nähe von grenzenloser Liebe und Todessehnsucht sichtbar zu machen. Wagner hat ausgerechnet dieses Werk auch noch als Handlung bezeichnet, was immer wieder den Einwurf provoziert, dass es ja kaum eine äußere, dafür umso mehr innere Handlung gäbe. Das stimmt zwar, aber es passiert natürlich auch rein äußerlich einiges. Die tief verletzte und wütende Frau, die sich auf der Schiffsüberfahrt mehr als Gefangene, denn als königliche Braut fühlt, versucht immerhin, sich selbst und den Brautführer mit Gift umzubringen. Dass deren treue Begleiterin das durch einen eigenmächtigen Austausch der Drogen verhindert, damit einen emotionalen Blitzeinschlag der Gefühle provoziert, der bei der Ankunft des Schiffes im Angesicht des Königs fast zu einem Eklat führt, ist auch äußerlich ziemlich dramatisch. Und die große heimliche Liebesnacht, die auffliegt und auch beinahe tödlich endet, ebenso. Selbst der dritte Aufzug, in dem Tristan im sozusagen heimatlichen Exil lange und ausführlich vor sich hin stirbt, bietet noch einen Beinahe-Schiffbruch und einen richtigen Waffengang mit etlichen Toten.
Erster Akt: Kammerspiel im Bett vorm Lattenrost (Foto: Bärbl Hohmann)
Für die Weimarer Inszenierung wird das Spannungsverhältnis von äußerer und innerer Handlung zu einer Falle. Sie zerfasert in einer Kleinteiligkeit der Bilder- und Symbolbehauptungen. Und sie manövriert die Protagonisten rein praktisch obendrein immer wieder in die Nähe einer erstaunlichen Unbeholfenheit. Sie müssen sich an der Rampe auf engstem Raum drängeln oder verheddern sich schlicht und einfach in den Bühnenbild-Ingredienzien. Bei den Kostümen, in die der (erkennbar viel mit Barrie Kosky arbeitende) Alfred Mayerhofer das Personal gesteckt hat, trifft es Tristan am schlimmsten. Der ist im Kettenhemdenlook auf einen Rittersmann aus dem Kahn festgelegt und kann dem nicht entkommen. Isolde in ihrem langen, langen Partylook-Kleid aus den Siebzigern und Brangäne in ihrer geschmacklos steifen Stoffverpackung trifft es auch nicht viel besser. Die roten Uniformen der Jagdgesellschaft und die Krone des Königs sind dann wieder eher comicbunt Melot wird bei der Gelegenheit im Kardinalspurpur zu einem Akt von besonderer Interpretenwillkür.
Jubel zur Ankunft bei König Marke (Foto: Bernd Uhlig)
Der bisher als Verdi-Tenor erfolgreiche Franco Farina stellt sich zwar stimmlich mit imponierender Strahlkraft geradezu belcantistisch auf seine erste Wagnerpartie ein, kommt aber gestisch als Tristan dann doch nicht übers Rampenschmettern hinaus. Wobei er besonders als Todkranker im Dritten Aufzug ein ziemliches Laufpensum auf der Drehbühne zu absolvieren hat. Dort läuft eine Art Erinnerungsrevue ab. Da zieht eine weiße, weibliche Lichtgestalt mit zwei Knaben vorüber, da steht Tristan zwischen den XXL-Beinen seines Vaters, da tauchen todesschwarze Revuegirls und Bräute im Halbdutzend auf, da wird seine Geburt und der Tod der Mutter nachgespielt. Und auch die zwölf pechschwarzen Todeshirten, die an der Rampe aufmarschiert waren und offenbar nach Gutdünken mal vielsagend zu Tristan herüberschauen oder es bleiben lassen konnten, sind dabei, bis sie am Ende Isolde umringen und vor gleißendem Gegenlicht vielsagend verschwinden lassen.
Zweiter Aufzug: Liebesnacht zwischen Bett und Kahn im bunten Wald (Foto: Bernd Uhlig)
Als Tristan im zweiten Akt in einem Kahn (wie bei seiner ersten Begegnung mit Isolde, lange vor Beginn der Oper) herein rollt und die Bühne für die Liebesnacht plötzlich mit lauter bunten Papierschlangen verhängt ist, dann versteht man schon, was damit an Atmosphäre und Erinnerung gemeint ist. Aber Bärbl Hohmanns Bühnenästhetik fehlt nicht nur eine autonome Kraft, sie kann der Rausch-Wirkung der Musik aber Nicht anderes, selbstbewusst entgegensetzten. Die Vorliebe für den vorderen Teil der Rampe hat im ersten Akt noch einigen Effekt. Da wird ein Himmelbett, das bis an den Orchestergraben ragt, zum Ort von Isoldes Verzweiflung und der Wiederbegegnung mit Tristan. Da ein Lattenrost die Matrosen dahinter verdeckt, hast diese erste Begegnung immerhin Intensität. Doch dann: Ein Bett, ein Boot, viel Gedränge und Symbole. Irgendwann mitten in der Liebesnacht kippen die Beiden alle Zauber-Tränke aus Brangänes Schminkkoffer einfach weg. Leider auch den für szenische Weisheit und Selbstbeschränkung.
Dritter Aufzug: Tristan und die Erinnerung an den Vater, den er nie kennenlernte (Foto: Bernd Uhlig)
So überließ Regisseur Karsten Wiegand mit deutlich mehr Vehemenz als nötig und wohl nicht ganz freiwillig dem GMD Stefan Solyom am Pult der wunderbaren, bei Wagner zu Hochform auflaufenden Staatskapelle Weimar und einem handverlesenen Protagonisten-Ensemble das Feld. Und die machten allesamt aus dem Abend doch noch ein faszinierendes Erlebnis. Solyom vermochte es, die große (nicht nur Ring-geschulte) Wagnerkompetenz dieses Spitzenorchesters konzentriert zu bündeln. Mit einer deutlich über dem Durchschnittsmaß liegenden Wortverständlichkeit (und Untertitelhilfe) öffnete er damit vor allem die Ohren für das Eindringen in die komplexe Geschichte einer Selbsterforschung. Leider musste sich Catherine Foster krankheitshalber als Isolde vertreten lassen doch auch Marion Ammann war mit ihrer schlanken Dramatik, die auch leise Töne aufbieten konnte, eine konditionsstarke und beeindruckende Isolde. Auch sonst überzeugte diese Produktion mit vokalem Glanz: Von der stimmstarken Brangäne Tuija Knihtiläs und Sebastian Noacks mustergültigem Kurwenal über Hidekazu Tsumayas Marke und Alexander Günthers Melot bis hin zu den kleinen Rollen, bot dieses Ensemble ein Niveau, das auch an größeren Häusern seinesgleichen sucht. FAZIT Die Weimarer Neuproduktion von Tristan und Isolde ist musikalisch von außergewöhnlicher Qualität, so dass damit die Defizite der Inszenierung zum größten Teil aufgefangen werden können. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Chor
Dramaturgie
Solisten
Tristan
König Marke
Isolde
Kurwenal
Melot
Brangäne
Ein Hirt/ Stimme des jungen Seemanns
Ein Steuermann
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