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Musiktheater
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La Grande Magia

Oper in fünf Bildern
Libretto von Christian Martin Fuchs nach dem gleichnamigen Schauspiel von Eduardo de Filippo
Musik von Manfred Trojahn


in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 05' (eine Pause)

Premiere im Großen Haus des Musiktheaters im Revier am 24. März 2012


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Musiktheater im Revier
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Zwischen Illusion und Wirklichkeit

Von Thomas Molke / Fotos von Karl Forster ( Musiktheater im Revier)


Dass sich knapp vier Jahre nach der Uraufführung an der Semperoper in Dresden das Musiktheater im Revier als zweites Opernhaus an eine weitere szenische Produktion von Manfred Trojahns La Grande Magia heranwagt, ist bei zeitgenössischer Musik doch eher selten zu beobachten. Während eine Uraufführung nämlich häufig von großer überregionaler Aufmerksamkeit und zur Verfügung gestellten staatlichen Mitteln motiviert ist, sind diese Aspekte bei einer Zweitproduktion eher nachrangig. Da muss ein Opernhaus doch darauf spekulieren, dass sein Publikum sich den bisweilen für die Ohren doch etwas unliebsameren Klängen nicht verschließt, und auf die Qualität der Musik vertrauen. Bei Manfred Trojahn, dessen Musik mit vertraut anmutenden Klangidiomen in Ansätzen durchaus an Benjamin Britten, Richard Strauss oder Igor Strawinsky erinnert, scheint das Musiktheater darauf zu bauen, dass das Publikum diese Klänge nicht als Fremdsprache empfindet. Und diese Einschätzung ging bei der Premiere im Großen und Ganzen auf, da, auch wenn das Haus nicht ganz ausverkauft schien, nach der Pause kein nennenswerter Zuschauerschwund zu beobachten war, was aber vielleicht, wenn man den Schlussapplaus als Gradmesser nimmt, eher der packenden Inszenierung von Gabriele Rech als der musikalischen Vorlage Trojahns zu verdanken ist.

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Marta (Alfia Kamalova) will mit Mariano (Sejong Chang) ihrem tristen Leben entfliehen.

Trojahns vierte Oper basiert auf dem gleichnamigen 1949 uraufgeführten Schauspiel von Eduardo de Filippo, wobei die Anzahl der Figuren im Vergleich zum Schauspiel ein wenig reduziert ist. Die Familie Di Spelta verbringt ihren jährlichen Sommerurlaub im Hotel Metropole an der italienischen Küste, wobei jedes Familienmitglied davon träumt, dem trostlosen Alltag zu entfliehen. Besonders hart trifft es Marta, die in diese Familie eingeheiratet hat und sich nach ihrem Leben auf der Theaterbühne zurücksehnt. Als der Zauberkünstler Otto Marvuglia im Hotel auftritt, lässt er sich von dem jungen Mariano überreden, Marta während der Vorstellung zugunsten eines Rendezvous für eine Viertelstunde wegzuzaubern. Doch Marta brennt mit dem jungen Mann durch, und Otto übergibt ihrem Ehemann Calogero eine kleine Schatulle, in der Calogero Marta wiederfinden soll, wenn er von ihrer Treue und Liebe überzeugt ist. Calogero geht auf das Spiel ein, hält die Schatulle aber verschlossen und entscheidet sich für seine eigene Realität, die Illusion einer idealen Frau, während seine Familie, die finanziell von ihm abhängig geworden ist, in einem aussichtslosen Strudel um sich selbst und die verloren gegangenen Träume kreist. Selbst als Ottos Frau Zaira Marta ausfindig machen kann und sie zurückbringt, weigert sich Calogero, die Schatulle zu öffnen, und lehnt die reale Marta ab.

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Otto (Urban Malmberg, rechts) verzaubert mit seiner Magie Marcello (Piotr Prochera, links) und Rosa (Sylvia Koke) (rechts: Zaira (Noriko Ogawa-Yatake)).

Während die Handlung um Illusionen und Zauberei kreist, wählt das Regie-Team um Gabriele Rech in der Szene eine sehr realistische Darstellung. Dieter Richter hat eine pompöse Seeterrasse konstruiert, die aus einer Kulisse für einen Film von Federico Fellini stammen könnte, und setzt so die surreale Handlung in einen Kontrast zum realistisch anmutenden Bühnenbild. In diese recht blass gehaltene Umgebung bricht der Zauberer mit einem magischen Koffer und einem Vogelkäfig ein, wobei der goldene Vogelkäfig zum einen für den Traum Martas steht, der Tristesse zu entfliehen, zum anderen aber auch der kranken Amelia als Projektionsfläche für ihre Träume dient, wenn sie sich den kleinen Vogel im Käfig als möglichen Bräutigam vorstellt. Die Kostüme von Renée Listerdal sind ebenfalls recht realistisch gehalten, wobei bemerkenswert ist, dass Calogero und Marta in den sieben Jahren zum fünften Bild scheinbar gar nicht gealtert sind, während die anderen Familienmitglieder nicht nur in die Jahre gekommen sind, sondern auch sehr ärmlich wirken. Der Lack ist ab. So zeigt auch das letzte Bild einen verschlossenen hohen Raum, in dem die Figuren rastlos um ihre Illusionen kreisen. Da nützt es auch nichts, wenn Rosa die Fenster und Türen öffnet und der Blick auf einen romantisch anmutenden Sonnenuntergang in der Ferne freigegeben wird.

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Amelia (Alexandra Lubchansky, im Bett) stirbt in Arturos (William Saetre) Armen. Zaira (Noriko Ogawa-Yatake) kann ihr nicht helfen (im Spiegel: Calogero (Daniel Magdal)).

Trojahns Musiksprache verlangt den Solisten einiges ab, macht aber in den Orchesterfarben und den Melodien deutlich, dass es hierbei um erzählendes Musiktheater geht und die Figuren nahezu leitmotivisch gezeichnet werden. So überwiegen bei Marta silbrige Oboenkantilenen, die die Sehnsucht dieses Charakters nachzeichnen, während Calogeros Eifersuchtsattacken wesentlich aggressiver wirken. Die Mutter Matilde erhält ein zickiges Streichermotiv, wohingegen ihr Bruder Marcello mit einem recht monotonen Melodiebogen seinen Erinnerungen nachhängt. Ottos Zauberwelt hebt sich in einer Art Jahrmarktsmusik, die an Strawinsky erinnert, von der Welt der Di Speltas ab. Neben den Musikern im Orchester gibt es im dritten Bild auch drei Musiker auf der Bühne, die am Ende des fünften Bildes mit einer melancholischen Melodie am Hotel vorbeiziehen und somit suggerieren, dass es für die Figuren des Stückes kein Entrinnen aus ihren Illusionen gibt, sogar die Musik sie im Stich lässt. Besonders beeindruckend ist auch das A-capella-Ensemble zu Beginn des fünften Bildes, in dem Marcello, Matilde, Gregorio, Rosa und Oreste in einer Art Endlosschleife um ihre verloren gegangenen Träume kreisen.

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Gefangen in einer Traumwelt: von links Marcello (Piotr Prochera), Gregorio (E. Mark Murphy), Matilde (Christa Platzer), Rosa (Sylvia Koke) und Oreste (Lars-Oliver Rühl).

Die Rollen sind größtenteils mit Ensemble-Mitgliedern des Musiktheaters im Revier hochrangig besetzt. Als Gäste überzeugen Alexandra Lubchansky, die als Amelia mit hellem Sopran vor allem im vierten Bild bewegt, wenn sie zunächst im Fieberwahn den kleinen Vogel im goldenen Käfig als möglichen Bräutigam preist und am Ende des Bildes in den Armen Arturos stirbt, und Sylvia Koke, die als laszive Rosa verführerisch über die Bühne schwebt und die anspruchsvolle Rolle - wenn auch textlich recht unverständlich - mit einem kräftigen Sopran ausstattet. Urban Malmberg verfügt als Zauberer Otto über einen kernigen Bariton und liefert ebenfalls ein überzeugendes Rollenportrait ab, wobei er im letzten Bild eher an einen Arzt als einen Zauberer erinnert. Allerdings hat er zu diesem Zeitpunkt seine Macht der Magie auch bereits an Calogero verloren, der ihn genau wie die anderen Figuren beherrscht. Die Stars des Abends sind sicherlich Alfia Kamalova als Marta und der ab dieser Spielzeit neu engagierte Tenor Daniel Magdal als Calogero. Kamalova meistert mit glockenklarem Sopran die unglaublichen Notensprünge der Partie mit scheinbarer Leichtigkeit und macht damit Martas starken Drang nach Freiheit mehr als deutlich. Magdal verfügt über einen höhensicheren Tenor, der die Ausbrüche mit klar fokussierter Stimme ansetzt, ohne dabei zu forcieren.

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Calogero (Daniel Magdal) wird die Schatulle nicht öffnen und lebt lieber mit der Illusion seiner Frau.

Auch Christa Platzer als zickig keifende Matilde, Lars-Oliver Rühl als Möchtegern-Politiker Oreste, Piotr Prochera als an den Rollstuhl gefesselter Marcello, der in Erinnerungen an seine verstorbene Gattin schwelgt, E. Mark Murphy als verzweifelt in seine Kusine Rosa verliebter Gregorio und Noriko Ogawa-Yatake als Ehefrau des Zauberers Zaira, die von allen Figuren noch am bodenständigsten wirkt, zeichnen sich als überzeugende Sängerdarsteller aus und setzen Gabriele Rechs Regiekonzept glaubhaft um. Lutz Rademacher arbeitet mit der Neuen Philharmonie Westfalen Trojahns Tonsprache detailliert heraus und trägt somit ebenfalls zum großen Erfolg des Abends bei. So gibt es am Ende der Produktion einhelligen Beifall für alle Beteiligten, wobei das Regie-Team mit einem größeren Applaus bedacht wird als der Komponist, der für diese Produktion extra in Gelsenkirchen angereist ist. Ob wohl Wagner, Mozart oder Verdi heutzutage ähnliche Erfahrungen machen würden, wenn sie nach einer Vorstellung vor den Vorhang treten könnten?

FAZIT

Gabriele Rech schafft es, Trojahns dramaturgisch wirklich packendes Musiktheater spannend umzusetzen. Auch Trojahns Musik hat ihre Meriten. Ob es aber wirklich, wie Lutz Rademacher sich im Einführungsvortrag wünscht, repertoire-tauglich wird, bleibt abzuwarten.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Lutz Rademacher

Inszenierung
Gabriele Rech

Bühne
Dieter Richter

Kostüme
Renée Listerdal

Licht
Patrick Fuchs

Dramaturgie
Ulla Theißen

 

Neue Philharmonie
Westfalen

Klarinette
*Thomas Lindhorst /
Vladislav Vasiliev

Akkordeon
*Marko Kassl /
Heidi Luosujaervi

Tuba
*Volker Schmitt /
Thomas Tirler


Solisten

*rezensierte Aufführung

Marta Di Spelta
Alfia Kamalova

Calogero Di Spelta
Daniel Magdal

Matilde Di Spelta
Christa Platzer

Rosa Intrugli
Sylvia Koke

Oreste Intrugli
Lars-Oliver Rühl

Marcello Polvero
Piotr Prochera

Gregorio Polvero, ein Fehltritt seiner Frau
E. Mark Murphy

Mariano D'Albino
Sejong Chang

Otto Marvuglia, ein Zauberer
Urban Malmberg

Zaira, seine Frau
Noriko Ogawa-Yatake

Arturo Recchia, ein Überlebenskünstler
William Saetre

Amelia
Alexandra Lubchansky

Ein Kellner
Klaus Neitzke /
*Sergio Tidili

 

 


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