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Lichter, Leichen, Langeweile
Von Roberto Becker /
Fotos von
Wilfried Hösl
Richard Wagners Nibelungen-Ring ist eines von den seltenen Schmuckstücken, die nicht schon dann funktionierten, wenn sie nur rund und glatt sind und sich ohne Verletzungsgefahr überstreifen und wieder ablegen lassen. Sein Edelstein der Erkenntnis fängt erst dann an zu strahlen und seine geheimnisvollen Wunderkräfte zu entfalten, wenn man auch die richtigen Fragen an ihn stellt. Da sorgen die einen - im Graben und mit ihren konditionsstarken Kehlen auf der Bühne - für den musikalischen Glanz, der da von weither aus dem vorvorigen Jahrhundert zu uns herüber leuchtet. Und die anderen, die das Monstrum zum viel beschworenen Gesamtkunstwerk vollenden, die suchen vor allem nach den Verbindungsstücken zwischen Wagners in extravagantem Deutsch verfassten, sich überall wo es ihm passte bedienenden, aber doch immer auch auf das Krachen im Gebälk seines Jahrhunderts lauschenden Mythos mit unserer Welt von heute. Die ja ganz anders aussieht, aber daraus entstanden ist und immer noch nach dem Bauplan von einst funktioniert. Oder eben auch nicht. Frank Castorf hat bislang vor allem darüber gesprochen, als er kürzlich zu seinem Ring-Konzept für die Bayreuther Festspiele im Wagnerjahr 2013 befragt wurde.
Stürmisches Wiedersehen von Siegmund und Sieglinde unter Hundings Leichenbaum
Nach dem vielversprechenden Einfallsreichtum und der szenischen Frische, mit der Regisseur Andreas Kriegenburg in München den für diese Spielzeit komplett vorgesehenen Ring im Rheingold beginnen ließ, fragt man sich nach der Walküre, allerdings nicht nur, worauf Kriegenburgs Konzept hinausläuft, sondern ob er überhaupt eins hat. Es muss ja nicht gleich die große Welterklärung sein, sollte aber doch etwas mit ihr zu tun haben. Immerhin gibt es jetzt jede Menge Leichen. Der Krieg also ist allgegenwärtig. Schon im Vorspiel sieht man Siegmund kämpfen. Immer wieder muss er sich dem Ansturm seiner Feinde erwehren. Immer wieder wird er umzingelt und bedrängt, immer wieder gelingt es ihm aber, sich zu befreien. Dann verschwindet der Kampfplatz samt des Hintergrundes aus verkohlten Bäumen in der Versenkung. Was stattdessen auftaucht, ist die riesige Esche in Hundings Hütte, die hier mehr eine bühnenfüllende Halle ist. Im Stamm dieser Esche steckt nicht nur (wie immer) das Schwert, das Wotan als subversiv hinterlistiges Hochzeitsgeschenk für seine Zwillinge deponiert hat. Diesmal hängen in ihrer Krone auch lauter Leichen. Was gut zum Hausherrn Hunding passt, der ein Brutalo wie aus dem Macho-Bilderbuch ist. Er hält es für normal, rabiat mit seiner Frau umzugehen. Unmittelbar vor Siegmunds Ankunft zerteilt er eine Melone in zwei Hälften und zerquetscht wie als Ankündigung deren Fruchtfleisch, um sich dann die Hände an Sieglindes Kleid abzuwischen. Im Hintergrund werden vom offenbar reichlich vorhandenen Personal Hundings unterdessen immer wieder Leichen herbeigeschafft und gewaschen. Gerade so, als gehörte Hunding zum irdischen Bodenpersonal von Walhall.
Wotan und Fricka streiten Leichen hängen dann auch im dritten Aufzug zum Walkürenritt über Stangen. Doch gerade hier (aber nicht nur hier) verselbstständigen sich die szenische Fantasie und die Lust am originellen Detail allzu sehr. Noch vor den Walküren haben nämlich ihre Rösser einen stampfenden Auftritt. Das sieht dann so aus, das im Land der Schuhplattler der weibliche Teil des Bewegungschores, hörbar schwer atmet, rhythmisch mit den Füßen stampft und jede der Damit mit ihrer langen blonden Mähne wedelt. Einige hielten das im Publikum nur fünf Minuten aus und brüllten dann dazwischen. Das war es dann aber auch mit den laut artikulierten Protesten gegen die Regie. Die wieder großformatig gedachten und gebauten Räume von Harald B. Thors Bühne bergen aber auch noch andere Gefahren. So ist etwa die riesige Hunding-Halle von zahlreichen dienstbaren Geistern bevölkert. Zwischen den Zwillingen springen nämlich nicht im metaphorischen Sinne die Funken über, sondern zwischen den beiden wird das Glas Wasser für den Helden und viele Lichter hin und her getragen.
Die Walküren im Anmarsch Der schmale, fast intime Raum, in dem sich Wotan und Brünnhilde im zweiten Akt begegnen, weitet sich wie in einem Zoom zur bühnenfüllenden imperialen Halle, in der die große Auseinandersetzung zwischen Wotan und Fricka um den weiteren Lauf der Welt stattfindet. Mit einem Schreibtisch unterm Wald-Ölschinken und einer Unzahl von Saaldienern, die entweder allesamt einen Drink reichen oder sich zu Sitzen für die Götter formen. Hier findet die Szene tatsächlich den Rahmen, der den privaten Ehestreit in eine andere Dimension hebt. Um ihn dann freilich gleich wieder durch das Überstrapazieren dieser Idee selbst zu demontieren. Für die große Schlussszene, bei der Wotan Brünnhilde sein Schlaflied der besonderen Art singt, ist Kriegenburg fast nichts eingefallen. Außer: Händeringen bei der gefallenen Tochter, verzweifelte Gänge beim wider Willen strafenden Vater und zum Schluss eine mittlere Dosis pyrotechnisch und videozüngelnder Flammen. Wobei der Flammenkranz, mit dem das Hubpodium mit Brünnhilde eingerahmt wird, sehr an den Alberich-Wurm aus dem Rheingold erinnert.
Wotan und Brünnhilde mit Feuerzauber Die Protagonisten für diese Walküre waren handverslesen. Anja Kampe überzeugte mit einer leidenschaftlichen Sieglinde und Ain Anger mit einem machtvoll auftrumpfenden Hunding. Ein Musterbeispiel von geglückter Einheit von vokaler Qualität und darstellerischer Glaubwürdigkeit lieferte das fern von jedem behäbigen oder keifenden Klischee agierende Götterpaar Thomas J. Mayer mit seinem schlanken, jungendlichen Wotan und Sophie Koch mit ihrer prägnanten, eloquenten Fricka. Auch die hochdramatische Brünnhilde von Katarina Dalayman und die Walkürentruppe ergänzten das bejubelte Protagonisten Ensemble. Das musikalische Sahnehäubchen dieser Produktion war das Siegmund-Debüt von Klaus Florian Vogt. Die Fans fanden es hörbar toll und reagierten mit Ovationen. Zum wirklich überzeugenden, leidenden und leidenschaftlichen Siegmund freilich fehlt seiner Stimme aber, nüchtern betrachtet, doch das gewisse Etwas. Auch beim scheidenden GMD Kent Nagano im Graben vermisste man, vor allem im dramatischen ersten Aufzug, die innere Spannung in einem Maße, wie man das so lange nicht von einem wagnererprobten Spitzenorchester gehört hat. Selbst den Walkürenritt formte er nicht mit der Wucht, die einen das Fürchten lehrt. Was wohl auch an dem Pseudo-Peitschengeknalle lag, das Kriegenburg den kriegerischen Damen verordnet hatte. Trost spendeten immerhin die Faszination der Todesverkündigung und Wotans Abschied, mit dem das Bayerische Staatsorchester seinen Rang als Wagnerorchester überzeugend unter Beweis stellt. FAZITNach einem vielversprechenden Auftakt mit dem Rheingold landet Andreas Kriegenburg mit seinen szenischen Ideen und dem weiter verwendeten Bewegungschor in einer Sackgasse. Kent Nagano setzt dem trotz eines Ensembles von überzeugenden Protagonisten nicht genügend musikalische Gestaltungskraft entgegen, um diese Walküre zu einem packenden Gesamtkunstwerk zu machen. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Choreographie
Dramaturgie
Solisten
Siegmund
Hunding
Wotan
Sieglinde
Brünnhilde
Fricka
Helmwige
Ortlinde
Gerhilde
Waltraute Heike Grötzinger
Grimgerde
Siegrune
Roßweiße
Schwertleite
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