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Der Börsencrash lässt sich nicht wegtrinken
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Matthias Stutte Seiner Majestät dem Champagner wird nicht nur musikalisch gehuldigt: Auf einer Art Karussell kreisen die Flaschen wie auf dem Fließband durch den Salon des Hauses Eisenstein, offenbar eine überdimensionierte Fabrikantenvilla. Da ist das perlende Getränk nicht nur Ausdruck von Lebensfreude, sondern auch von wirtschaftlicher Solvenz. Als Johann Strauß 1873 die Operette in angeblich nur 42 Tagen komponierte, da war freilich gerade eine Spekulationsblase geplatzt und die Wiener Börse am Boden. Wenn das Programmheft dieser Neuinszenierung darauf hinweist, liegen die Parallelen zu unserer gegenwärtigen Wirtschaftskrise auf der Hand. Im dritten Aufzug ist das Champagnerkarusell dann in Schieflage, und die Flaschen liegen am Boden: Katerstimmung auch im übertragenen Sinn.
Überraschender Besuch: Tenor Alfred (Hauke Möller) zu Gast bei Rosalinde (Dara Hobbs)
Regisseur Reinhardt Friese hat die Operette behutsam entschlackt, das Zeit- und Lokalkolorit auf das Notwendigste reduziert, die Handlung aber ansonsten weitgehend unangetastet im Original belassen ganz ähnlich ist ein paar Wochen zuvor auch Gil Mehmert in seiner Essener Neuinszenierung (unsere Rezension) erfolgreich vorgegangen. Allzu viel nehmen sich die beiden Inszenierungen nicht; Friese wird in seiner (allerdings zart angedeuteten) Kapitalismuskritik etwas konkreter, bleibt in seinen Arrangements dagegen etwas konventioneller. So fügt er im zweiten Akt einige Tanzeinlagen ein, die von Ballettchef Robert North hübsch choreographiert sind und die Leistungsfähigkeit des hauseigenen Ballettensembles unterstreichen das wird vom Publikum bejubelt, bringt die Gesamtdisposition aber in Schieflage. So dauert der (den zweiten und dritten Akt umfassende) zweite Teil nach der Pause gut doppelt so lang wie der zu kurze erste. Dabei braucht der ohnehin grandiose Mittelakt eigentlich keine weitere Aufwertung, der musikalisch deutlich schwächere Schlussakt dagegen könnte gut ohne die (müden und unmotivierten) Anspielungen auf das Tagesgeschehen auskommen und weitere Straffung vertragen. (Mehmert hat das in Essen besser hinbekommen, nicht zuletzt weil er die Pause in die Mitte des zweiten Aufzugs gelegt hat).
Aufforderung zum Tanz: Dr. Falke (Tobias Scharfenberger) zwischen Adele (Debra Hays, links) und Rosalinde (Dara Hobbs)
Die Mönchengladbacher Premiere zeigt die Stärken und Schwächen eines Ensembletheaters, das (weitgehend) mit hauseigenen Kräften besetzen muss. Da überzeugt der junge Michael Siemon als smarter Eisenstein mit beweglichem, höhensicherem Tenor. Dara Hobbs hat für seine Gattin Rosalinde ein paar furiose Spitzentöne, die Stimme ist aber unausgeglichen, und zwischen gelungene Passagen mogeln sich auch immer wieder ziemlich farblose Töne. Von der szenischen Erscheinung und Bühnenpräsenz ist sie alles andere als eine Operettendiva (und die Regie findet auch kein Konzept, damit umzugehen). Ihren Liebhaber Alfred gestaltet als Gast Hauke Möller (alternierend singt der hauseigene Tenor Kairschan Scholdybajew die Partie) mit lyrisch timbrierten, in den Spitzentönen nicht ganz unangefochtenem Tenor. Debra Hays singt als wenig kokettes Kammermädchen Adele blitzsaubere Koloraturen, in den großen Bögen dürfte sie zupackender sein.
Gastfreundschaft auf russische Art: Prinz Orlofsky (Eva Maria Günschmann, oben) mit Eisenstein (Michael Siemon)
Sehr überzeugend ist der klanglich gedeckte und leicht abgedunkelte Prinz Orlofsky von Eva Maria Günschmann, die dem hier glatzköpfigen Gastgeber auch szenisch die passende Aura verleiht. Tobias Scharfenberger ist ein sehr eloquenter, vor allem schauspielerisch überzeugender Dr. Falke, Hayk Déinyan als Gefängnisdirektor Frank und Markus Heinrich als Notar Dr. Blind ergänzen solide ein sehr spielfreudiges Ensemble. Mit den Sprechtexten ist das natürlich immer so eine Sache, wenn Sänger komödiantisch agieren müssen, deren Muttersprache nicht deutsch ist das gelingt hier zumindest so gut, dass es nicht weiter stört. Michael Grosse spielt den Gerichtsdiener Frosch mit viel Witz als derben Trunkenbold (und ohne Wiener Zwischentöne).
Fideles Gefängnis: Direktor Frank (Hayk Déinyan, links) und Gefängnisdiener Frosch (Michael Grosse)
Der Chor ist von Maria Benyumova bestens einstudiert, könnte bei den Einsätzen hier und da aber weniger knallig sein. Der junge Kapellmeister Andreas Fellner hat mit den insgesamt sehr ordentlich aufspielenden Niederrheinischen Sinfonikern sehr sorgfältig gearbeitet. Da sind viele Details genau herausgearbeitet, und das Tempo ist im Zweifelsfall eine Spur zurückgenommen, um auch die kleinen Noten noch sauber auszuspielen. Fellner vermeidet alles Klischeehafte, setzt Verzögerungen und Beschleunigungen sparsam und immer sehr geschmackvoll ein. Letztendlich dürfte manches eine Spur freier, auch frecher sein, aber das stellt sich vielleicht mit wachsender Routine in den nächsten Vorstellungen ein.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Choreinstudierung
Choreographie
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der Premiere
Gabriel von Eisenstein
Rosalinde, seine Frau
Frank, Gefängnisdirektor
Prinz Orlowsky
Alfred, Gesangslehrer
Dr. Falke, Notar
Dr. Blind, Advokat
Adele, Kammermädchen
Ida, ihre Schwester
Frosch, Gerichtsdiener
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