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Der feurige Engel

Oper in fünf Akten
Musik von Sergej Prokofjew
Libretto vom Komponisten nach dem Roman Ongenny angel von Walerij Brjussow


in russischer Sprache mit verschiedensprachigen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 15' (keine Pause)

Premiere an der Komischen Oper Berlin am 18.01.2014 (rezensierte Aufführung: 23.01.2014)


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Komische Oper Berlin
(Homepage)
Ein Fall Renata

Von Roberto Becker / Fotos von Iko Frese/drama-berlin.de

Sergej Prokofjew ist vieles. Unter anderem ist er der sowjetrussische Komponist, der 1953 am gleichen Tag wie Stalin starb. In dessen Reich war er aus freien Stücken 1936 zurückgekehrt, obwohl er durch seine Jahre im Westen alle Chancen hatte, daheim als unsicherer Kantonist zu gelten und sich trotz internationaler Reputation einem repressiven Druck auszusetzen, wie ihn Schostakowitsch mit seiner Lady Macbeth von Mzensk auszuhalten hatte. Doch beide gehören zu denen, die zumindest nicht ihr Leben verloren und arbeiten konnten.

Als Prokofjew in seine Heimat zurückkehrte, hatte er den bis 1928 in Frankreich und in der Nähe des bayrischen Klosters Ettal komponierten Feurigen Engel im Gepäck. Zu einer Uraufführung kam es zu seinen Lebzeiten nicht mehr. Die Oper war wohl mit ihrer Nähe zum Irrationalen und Magischen den Herrschenden irgendwie suspekt. Erst zwei Jahre nach dem Tod des Komponisten besorgte Giorgio Strehler in Venedig die Uraufführung. Vorher vermittelte nur die aus der Opernpartitur quasi destillierte Sinfonie Nr. 3 einen Eindruck von der Komposition.

Vergrößerung Überzeugend als Renata: Svetlana Sozdateleva

Einen Platz im Repertoire wie seine Liebe zu den drei Orangen konnte der Feurige Engel aber nie erobern. Wenn er es von Zeit zu Zeit doch auf eine Bühne schaffte (wie in Wien, Brüssel oder Weimar), dann durften sich die Häuser immer einen Ausgrabungsbonus anrechnen. Beim Publikum verfehlt das Werk seine Wirkung nicht. Vor allem wegen der aufgeladen emotionalen Musik, die zwischen dem Aufleuchten der symphonisch eskalierenden Orchesterpassagen und dem spannungsgeladenen Parlando-Szenen changiert.

Dem GMD der Komischen Oper Henrik Nánási gelingt zudem der Balanceakt zwischen dem Graben und den Akteuren auf der Bühne bemerkenswert gut. Überdeckt wird gar nichts. Das Ensemble zeigt nicht nur vokal Präsenz, sondern überzeugt auch mit seiner Eloquenz. Wobei in der Komischen Oper das etwas antiquierte, gleichwohl gepflegte Dogma von Walter Felsenstein, dass auf dieser Bühne nur Deutsch gesungen werden soll, durchbrochen wird. Russischer Originaltext auf der Bühne und Mitlesen auf den Displays der Vordersitze gehen in diesem Fall eine glückliche Verbindung ein. Und es macht Sinn, bei dieser abstrusen, wunderlichen Geschichte aus dem zeitlichen Umfeld der Reformation in Deutschland neben der Wirkung des emotionalen Ausdrucks auf der Bühne auch den Wortlaut zur Verfügung zu haben.

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Renata - für sie sind die Männer und die Welt ein Alptraum

Im Mittelpunkt der Oper steht nicht die Titelfigur, sondern eine Frau namens Renata. Die ist dem (eher teuflischen) feurigen Engel Madiel verfallen und landet am Ende auf einem Scheiterhaufen der Inquisition. Zumindest im Libretto, das sich Prokofjew aus einer Vorlage des russischen Symbolisten Valerij Brjussow destilliert hat, der darin auch das Scheitern einer persönlichen Beziehung verarbeitet. Schon von daher ist die Rückübersetzung der Geschichte aus dem 16. Jahrhundert, die wie eine mittelalterliche Fantasy-Story mit einer Mixtur aus weiblicher Obsession, Teufelsfurcht, Engelsglauben und Magie daherkommt, in die Sphäre menschlicher Beziehungen oder individueller Traumata durchaus legitim. Nüchtern betrachtet geht es eigentlich um eine verlassene (oder vielleicht auch missbrauchte) Frau, die damit nicht fertig wird. Es geht um einen "Fall Renata".

Die hatte in ihrem Geliebten, dem Grafen Heinrich, eine menschliche Inkarnation ihres Engels gesehen und jagt ihm fortan hinterher. Zum Begleiter wird der ihr verfallene Söldner Ruprecht. Beide finden ihn schließlich. Renata will, dass Rupprecht sich mit ihm duelliert. Töten soll er ihn aber dann doch nicht. Der arme Ruprecht macht nicht nur das eine wie das andere mit, sondern wird selbst schwer verletzt. Renata freilich kann er nicht dauerhaft für sich gewinnen. Die entflieht in ein Kloster. Weil das alles eh schon verrückt genug ist, trifft Ruprecht auch noch auf Faust und Mephisto. Doch es nutzt alles nichts, am Ende lodern die Flammen der Inquisition für Renata.

Vergrößerung Der Fall Renata: eine zerrissene Persönlichkeit, bei der die Traumata der Kindheit und Jugend lebendig sind

So ist das auch in Berlin beim australischen Regisseur Benedict Andrews in dem Bühnenbild von Johannes Schütz. Einen Scheiterhaufen gibt es freilich nicht. In dieser exemplarisch aufs zeitlos Wesentliche konzentrierten Inszenierung wird überhaupt das historische Ambiente durch eine Art Innenschau ersetzt. Ein paar variable Stellwände auf der Drehbühne genügen völlig, um alle Räume und Schauplätze zu imaginieren, die eine Innenschau in Renatas Psyche bleiben.

Es fängt denkbar nüchtern in einem angedeuteten, heruntergekommenen Hotelzimmer an. Hier kämpft Renata so lautstark gegen „ihren“ Dämon, dass ihr der zufällige Zimmernachbar Ruprecht zur Hilfe eilt. Und ihr verfällt. Renata sieht sich selbst in ihren bisherigen Lebensaltern vervielfältigt, auch Rupprecht taucht gedoubelt auf. Faust und Mephisto ziehen eine makabre Kinderfresser-Show ab. Im Inquisitor sieht Renata ihren Grafen und küsst ihn. Die Nonnen im Kloster lassen sich von ihr so verunsichern, dass unter ihren Gewändern wieder die Frauen mit Gefühlen und Begehren zum Vorschein kommen. Am Ende übergießt sich Renata mit Benzin und geht in Flammen auf. Nur so sind jedenfalls die Stichflammen zu erklären, die hinter den jetzt zu einer geschlossenen Mauer formierten Wänden aufsteigen.

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Auch im Kloster findet sie keine Ruhe - sie bleibt ein Fall bis zum Schluss

Andrews kommt auf seinem Weg vom phantastisch historischen Spektakel zu einem Diskurs über weibliche Sexualität ziemlich weit voran. Zumindest bis zu einem hoch spannenden Opernabend, der ohne Ausstattungsluxus auskommt. Aus dem überzeugenden Ensemble ragen Svetlana Sozdateleva als expressiv spielende und singende Renata und Evez Abdulla als konditionsstarker und eindrucksvoll gestaltender Ruprecht heraus. Am Ende Betroffenheit im Saal und dann einhelliger Jubel.


FAZIT

Die Komische Oper in Berlin vermag auch mit Werken zu überzeugen, die auf den ersten Blick gar nicht in ihre programmatische Linie zu passen scheinen, aber dann doch einen faszinierenden Kontrapunkt zur großen Show setzen, mit der Barrie Kosky bislang so erfolgreich das Haus geführt hat.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Henrik Nánási

Inszenierung
Benedict Andrews

Bühnenbild
Johannes Schütz

Kostüme
Victoria Behr

Licht
Diego Leetz

Chor
David Cavelius

Dramaturgie
Pavel B. Jiracek



Chorsolisten, Komparsen und Zusatzchor
der Komischen Oper Berlin

Orchester der Komischen Oper


Solisten

Renata
Svetlana Sozdateleva

Ruprecht, Ritter
Evez Abdulla

Graf Heinrich/ Inquisitor
Jens Larsen

Wirtin
Christiane Oertel

Knecht/ Wirt
Hans-Peter Scheidegger

Äbtissin / Wahrsagerin
Xenia Vyaznikova

Jakob Glock, Buchhändler
Christoph Späth

Mephistopheles / Agrippa von Nettesheim
Dmitry Golovnin

Faust
Alexey Antonov

Arzt
Máté Gál

Mathias Wissmann, Universitätsfreund Ruprechts
Bernhard Hansky

Drei Skelette
Carsten Lau
Alexander Kohl
Jason Steigerwalt

Drei Nachbarn
Mathias Bock
Sascha Borris
Matthias Gummelt

Erste Nonne
Elke Sauermann

Zweite Nonne
Judith Weinreich

Sechs Schwestern
Saskia Krispin
Elke Sauermann
Judith Weinreich
Mechthild Sauer
Katrin Hacker
Hannah Elisabeth Sußmann



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Komischen Oper Berlin
(Homepage)



Da capo al Fine

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