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Musiktheater
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Médée

Tragédie lyrique in drei Akten
Libretto von François Benoît Hoffmann nach den gleichnamigen Tragödien von Euripides und Pierre Corneille, Rekonstruktion der französischen Urfassung von Heiko Cullmann
Dialoge von Florian Lutz und Fedora Wesseler

Musik von Luigi Cherubini


In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln 

Aufführungsdauer: ca. 2 h 30' (eine Pause)

Premiere im Stadttheater Bielefeld am 4. Mai 2014  


 

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Theater Bielefeld
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Rache mit statt an den Kindern

 Von Thomas Molke / Fotos von Matthias Stutte


Obwohl Luigi Cherubinis Médée zumindest in Frankreich nicht zu den größten Erfolgen des italienischen Komponisten gehörte, der mit 28 Jahren nach Paris übersiedelte und dort lange Zeit als Direktor des Pariser Konservatoriums enormen Einfluss auf die französische Musikgeschichte ausübte, handelt es sich bei dieser Tragédie lyrique doch um sein auch heute noch bekanntestes Werk. Dies ist vor allem Arturo Toscanini zu verdanken, der auf Anraten Arrigo Boitos die Oper 1909 in einer italienischen Fassung von Franz Lachner aus dem Jahr 1855 an der Mailänder Scala herausbrachte, und Maria Callas, die dieser Version in den 1950er Jahren mit ihrer Interpretation erneut Weltruhm verschaffte. Die ursprüngliche französische Urfassung, die erst in den letzten Jahren wiedererschlossen worden ist, unterscheidet sich vor allem durch die gesprochenen Dialoge von der italienischen Version, in der die Dialoge durch Rezitative ersetzt worden sind. In Bielefeld ist nun die rekonstruierte Urfassung mit gekürzten und modernisierten Dialogen zu erleben, wobei das Stück hierbei auch einen etwas anderen Ausgang als in der Vorlage nimmt.

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Dircés (Christiane Linke, vorne Mitte) Freundinnen (links vorne: Sarah Kuffner, rechts vorne: Nohad Becker) und ihre Dienerinnen (Frauenchor) versuchen, die dunklen Vorahnungen der Königstochter zu zerstreuen.

Die Oper basiert auf den gleichnamigen Tragödien von Euripides und Pierre Corneille, in denen Medea an Jason Rache dafür nimmt, dass er sie für die Tochter Creons, des Königs von Korinth, die in der Oper Dircé, bei Euripides Glauke und bei Euripides Krëusa heißt, verlassen will. Nachdem Medea vergeblich versucht hat, Jason zurückzugewinnen, schlägt ihre Verzweiflung in Hass um, zumal er ihr auch noch die beiden gemeinsamen Söhne nehmen will und sie wegen ihrer magischen Kräfte verstößt, die ihm in Kolchis durchaus willkommen waren, um sich das goldene Vlies anzueignen. Medea ermordet daraufhin die beiden gemeinsamen Kinder, um sie nicht Jason zu überlassen, tötet seine zukünftigen Braut mit einem vergifteten Schleier und lässt anschließend den Königspalast von Korinth in Flammen aufgehen. Dabei verflucht sie Jason und flieht mit ihrer Amme Néris aus dem brennenden Korinth.

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Jason (Paul O'Neill, rechts) präsentiert Dircé (Christiane Linke, vorne) und ihrem Vater Créon (Evgueniy Alexiev, 2. von rechts) die Schätze aus Kolchis (im Hintergrund: Bielefelder Opernchor).

Den Kindern kommt in der Inszenierung von Florian Lutz eine ganz besondere Bedeutung zu. Bereits im ersten Akt stellen sie das "Kapital" der Gesellschaft in Korinth dar, wenn die Dienerinnen und Freundinnen Dircés ihren Freudengesang über die bevorstehende Hochzeit und die Versuche, Dircés dunkle Vorahnungen zu zerstreuen, in einem Klassenzimmer äußern, in dem Kinderpuppen in unterschiedlichem Alter auf die "wichtigen Dinge" des Lebens wie Job, Geld und Karriere vorbereitet und, wenn sie die Erwartungen nicht erfüllen, auch schon einmal mit einer Flöte, die ansonsten der frühmusikalischen Erziehung dient, gemaßregelt werden. Die einzige, die in dieser Gesellschaft noch kein Kind hat, ist Dircé. Von daher wird es umso nachvollziehbarer, dass Jason Médée die gemeinsamen Söhne nicht lassen will. Diese beiden Söhne werden zwischen den einzelnen Szenen in Videoprojektionen eingeblendet und äußern sich relativ altklug zur Belustigung des Publikums über die verlogenen Absichten der Schulbildung und die elterlichen Probleme mit dem Umgang der Pubertät. Im Verlauf dieser von Lutz und seiner Dramaturgin Fedora Wesseler verfassten Dialoge werden die Äußerungen immer anarchistischer, was sich auch im ersten realen Auftritt der beiden Jungen manifestiert, wenn sie als absolut unerzogene Gören - viele würden das heute als ADHS-Syndrom bezeichnen - über die Bühne wirbeln.

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Letzte Aussprache zwischen Médée (Annemarie Kremer) und Jason (Paul O'Neill)

Folglich lässt Lutz Médées Kinder auch nicht Opfer, sondern ausführendes Organ ihrer Rache werden. So bauen sie nicht nur die Kamera auf, mit der Médée wie in einer Bekennerbotschaft einer Terroristin gefilmt wird und die folgende Vergeltung ankündigt, sondern legen auch gemeinsam mit ihrer Mutter als vermummte Terroristen die Stadt in Schutt und Asche. Ob das Libretto diese Variante wirklich hergibt, bleibt fraglich. Die Übertitelung des gesungenen und gesprochenen Textes widerspricht der Handlung auf der Bühne jedenfalls nicht. Unklar hingegen bleibt, wieso sich Dircé erhängt. Über einem modernen Einfamilienhaus, in dem wohl Jason vorher mit Médée gewohnt und aus dem er diese nun vertrieben hat, ist ein Dachboden angebracht, der mit zahlreichen riesigen Plüschbären geschmückt ist. Zwischen diesen ist Dircé bereits im ersten Akt aufgetreten, um sich vor Médée zu verstecken. Im dritten Akt befindet sie sich wieder auf dem Dachboden und stürzt sich mit einer Schlinge um den Hals in die Tiefe. Dieser Selbstmord wirft doch einige Fragen auf, weil Médées Schuld daran nicht klar wird. Ob man das goldene Vlies oder die anderen Schätze, die Jason aus Kolchis mitgebracht hat, in Form eines grünen Sportcabrios präsentieren muss, ist Geschmacksache, passt aber alles in allem in Lutz' Regiekonzept.

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Médée (Annemarie Kremer) nimmt mit ihren Kindern (Riko Liebmann und Emil Meyer) an Jason (Paul O'Neill, rechts) und den Korinthern Rache.

Musikalisch stellt das Werk enorm hohe Anforderungen an die Titelpartie, die von Annemarie Kremer in jeder Hinsicht erfüllt werden. Es ist unglaublich, wie diese recht zierliche Sängerin diese anspruchsvolle Partie, die über zwei Oktaven umfasst, mit großem Volumen in der Mittellage und sauberen dramatischen Ausbrüchen in den Höhen meistert und dabei die unterschiedlichen Schattierungen von Médées Charakter von der verzweifelt liebenden Frau und Mutter bis zur rächenden Furie differenziert herausarbeitet. Besonders großartig setzt Kremer darstellerisch den inneren Kampf im dritten Akt um, wenn sie einen Moment überlegt, die eigenen Kinder zu töten und dann doch vor der Tat immer wieder zurückschreckt. Wieso sie allerdings am Ende eine Perücke aufsetzen muss und in einem rosafarbenen Paillettenkleid Korinth in Brand stecken muss, bleibt wohl der Fantasie der Regie überlassen. Paul O'Neill kann als Jason mit schlank geführtem Tenor gut mithalten und präsentiert den Anführer der Argonauten als erfolgreichen Kämpfer mit Boxhandschuh, der den Herrenchor zu Beginn des Stückes scheinbar mit zahlreichen Blessuren versehen hat. Médées Rache ist er am Ende dann allerdings doch nicht gewachsen.

Christiane Linke lässt als Dircé mit leuchtendem Sopran aufhorchen und setzt die dunklen Vorahnungen der Königstochter mit überzeugendem Spiel um. Sarah Kuffner und Nohad Becker statten ihre beiden Freundinnen mit kräftigem Sopran bzw. Mezzo aus. Auch Evgueniy Alexiev begeistert als Créon mit fundiertem Bariton. Der von Hagen Enke präzise einstudierte Chor zeichnet sich ebenfalls durch große Spielfreude aus. Elisa Gogou rundet mit den Bielefeldern Philharmonikern den Abend mit romantisch anmutendem Klang aus dem Graben hervorragend ab, so dass es am Ende lang anhaltenden Applaus für alle Beteiligten gilt.

FAZIT

Diese Produktion sollte man sich schon allein aus musikalischer Sicht nicht entgehen lassen, zumal dieses Werk äußerst selten auf den Opernbühnen zu erleben ist. Der Regie-Ansatz geht zwar zumindest mit dem Ende etwas frei um, bleibt allerdings nachvollziehbar.   



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Elisa Gogou   

Inszenierung
Florian Lutz    

Bühne und Kostüme
Christoph Ernst

Video
Konrad Kästner

Choreinstudierung
Hagen Enke

Licht
Johann Kaiser

Dramaturgie
Fedora Wesseler

 

Bielefelder Opernchor

Bielefelder Philharmoniker


Solisten

*Premierenbesetzung

Médée
Annemarie Kremer

Jason
Paul O'Neill

Créon
Evgueniy Alexiev

Dircé
Christiane Linke

Néris
Sünne Peters

1. Freundin von Dircé
Sarah Kuffner

2. Freundin von Dircé
Nohad Becker

Die beiden Kinder
von Jason und Médée
Paul Kolja Kordbarlag /
*Riko Liebmann /
*Emil Meyer /
Maksimilian Pösche


 

Weitere Informationen
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Da capo al Fine

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