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Musiktheater
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b.19

Hidden Features

Ballett von Antoine Jully
Musik von Erwin Schulhoff (Fünf Stücke für Streichquartett)
und Henryk Mikolaj Górecki (Konzert für Cembalo und Streichorchester op. 40)
- Uraufführung -

Scenario

Ballett von Merce Cunningham (1997)
Musik von Takehisa Kosugi (Wavecode A-Z)

Große Fuge

Ballett von Hans van Manen (1971)
Musik von Ludwig van Beethoven (Große Fuge op.133 für Streichquartett, Cavatina aus dem Streichquartett B-Dur op.130)

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (zwei Pausen)

Premiere am 29. März 2014 im Opernhaus Düsseldorf


Homepage

Ballett am Rhein / Rheinoper
(Homepage)
Pas de deux für Grafikkarte und Motherboard

Von Stefan Schmöe / Fotos von Gert Weigelt

Ein Ballett, das vom Innenleben eines Computers handelt? Was Antoine Jully, Tänzer im Ballett am Rhein und inzwischen zum dritten Mal auch Choreograph (nach Inside und Rebound – Topple – Splash ) in seiner neuesten Arbeit an hidden features zwischen Prozessor und Festplatte entdeckt und auf die Bühne gebracht hat, liest sich im Programmheft erst einmal wie eine etwas alberne Übung aus der Tanzausbildung. Da werden doch tatsächlich Ventilatoren nachgestellt, es wirbelt ein leibhaftiger Cursor über die Bühne, Grafikkarte und Motherboard tanzen einen Pas de Deux, denn nur im Zusammenspiel der beiden entsteht das Bild, das auch prompt durch farbige Kostüme angedeutet wird (mit rechteckig begrenzten Mustern als Bildpixel). Ein böses Virus kommt und bringt alles durcheinander. Kurz: Man sieht, was wir zwar bedenkenlos zu fragen wagen, auf der Ballettbühne noch nie über PCs wissen wollten.

VergrößerungHidden Features : Marcos Menha und Friedrich Poh lvor real time video interaction

Ein Handlungsballet für Hardwarefreaks möchte Jully wohl nicht präsentieren, sondern eine Ebene einziehen, auf der das Spannungsfeld aus Tanz und Technik augenzwinkernd ausloten kann. Aber seine „Figuren“ sind allzu konkret und niedlich geraten, können sich kaum von dieser Ebene lösen und bleiben dadurch dann doch ziemlich banal. Weil Erwin Schulhoffs Fünf Stücke für Streichquartett mit traditionellen musikalischen Formen spielen, ergibt sich eine zunächst recht konventionell anmutende Abfolge von Nummern, in denen Jully sein handwerkliches Geschick und die enormen Fähigkeiten der Compagnie darstellen kann. Eher statische, sehr akrobatische Hebefiguren wechseln mit kleinen Szenen in unterschiedlichen Besetzungen – ein virtuoses tänzerisches Schaulaufen, trotz der niedlich-modernen Einkleidung und der zeitgemäßen Bewegungssprache gar nicht so weit vom Nussknacker entfernt. Im zweiten Teil – zu Henryk Góreckis Konzert für Cembalo und Streichorchester , das im Verlauf mit monoton hämmernden Rhythmen einen gewissen Bezug zur Technikwelt herstellt, kommt das Virus. Es steht auf einem vielleicht 2 Meter hohen fahrbaren Podest und ist mit einer Art archaischem Rock bekleidet wie ein Medizinmann, dem sein Stamm sich unterwirft. Wenn er einer Tänzerin am Schluss einen Apfel überreicht, ist das eine etwas plakative Schlusspointe zwischen biblischem Sündenfall und Anspielung auf eine sehr erfolgreiche Computerfirma. Das alles ist ohne Frage mitreißend getanzt, aber der ziemlich bemühte Spagat zwischen Ballett und digitaler Welt, der auch noch ein bisschen (ziemlich eindrucksvolle) Videokunst einbaut (Maytthias Oostrik), ist auch ein wenig anbiedernd.

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Hidden Features: Jackson Carroll, Marlúcia do Amaral

Die Computerwelt spielt für Merce Cunninghams Scenario von 1997 insofern eine Rolle, als die Bewegungsabläufe mit einer speziellen Software am Rechner erstellt wurden. Damit ist der Tanz auf extreme Weise von den Tänzern gelöst und abstrahiert. Cunningham beauftragte die exzentrische Mode-Designerin Rei Kawakubo mit der Ausstattung. Diese entwarf Kostüme, die mit Wülsten und Verdickungen aufgepolstert sind und den Körpern etwas Unwirkliches, Puppenhaftes geben. Hinzu kommt als Musik eine elektronische Komposition von Takehisa Kosugi, die in rhythmuslosen Klangwellen durch den Raum wabert. Ganz im Sinne Cunninghams sind Tanz, Ausstattung und Musik autonome Sphären, die aber miteinander interagieren. So werden in der Komposition nach und nach einzelne (verfremdete) Phoneme erahnbar (daher auch der Titel Wave Code A-Z ), was in der Choreographie – zufällig oder nicht - eine Konkretisierung auslöst: Bilden sich zu Beginn einzelne skulpturale Gruppen aus zwei oder drei Tänzern, so finden sich später wirkliche Paare. Auch die Farbe der Kostüme geht darauf ein: In einem ersten Abschnitt sind diese Blau-weiß gestreift und grün-weiß kariert, im zweiten Abschnitt in strengem Schwarz, im letzten rot, korrespondierend mit Abschnitten in der Musik (oder ruft der überrumpelnde Farbwechsel im Gegenteil den Eindruck einer auch musikalischen Strukturierung hervor?)

VergrößerungScenario © Merce Cunningham Trust Wun Sze Chan, Martin Chaix, Camille Andriot

Scenario wirkt wie eine große abstrakte Installation. Die Choreographie entzieht sich Vergleichen, weil sie sich in einer eigenen Welt bewegt. Zuvor bei Jully hatte man den Eindruck: Das soll spektakulär sein. Bei Cunningham ist das völlig unwichtig (und trotzdem – anders – spektakulär). Ob dem Publikum das nun gefällt oder nicht, das scheint völlig belanglos. So choreographiert ein 78-jähriger, der niemandem etwas beweisen muss, sondern die Möglichkeiten der Kunst auslotet. Man muss dem Düsseldorfer Ballettchef Martin Schläpfer, an diesem Abend mit keiner eigenen Choreographie vertreten, dankbar sein, dass er seinem Publikum diesen Brocken zumutet.

Vergrößerung

Große Fuge: Ensemble

Hans van Manen wagte sich 1971 an eines der großen Rätsel der Musikgeschichte: Beethovens Große Fuge op. 133, ursprünglich als Finale des B-Dur-Streichquartetts op.130 komponiert, von Ausführenden, Publikum und Verleger für viel zu kompliziert befunden und letztendlich ausgetauscht. Ein diffiziles Werk, das Fuge, Sonatenhauptsatz und Variation satztechnisch höchst komplex verarbeitet. Der 1932 geborene Altmeister van Manen, damals freilich noch beinahe ein Jungspund, antwortet darauf mit großem Selbstbewusstsein geradezu frivol (wobei man ordnungshalber erwähnen muss, dass van Manen die viel harmlosere Cavatina aus dem Streichquartett anfügt, um seinen liebestollen Schluss auszugestalten). Dem Streichquartett werden formal meisterhaft zwei Quartette entgegen gesetzt, eines mit Tänzern, eines mit Tänzerinnen, zunächst streng getrennt. Das greift den Dualismus aus männlichem und weiblichem Thema der (von Beethoven in alle noch so absurden Richtungen ausgeweiteten) Sonatenhauptsatzform auf. Van Manen setzt sich aber nicht nur faszinierend mit Beethovens Satzstruktur auseinander, sondern gewinnt aus der daraus entstehende Energie frech eine erotische Komponente und deutet so die abstrakte Ebene in ein zwischenmenschliches Beziehungsspiel um. Das ist derart souverän gestaltet, dass man annehmen darf, dass selbst die Schweißtropfen in den für die Frauen hautfarbenen, für die Männer zuletzt auf Slip und Gürttel reduzierten Kostüme von Jean-Paul Froom eingeplant sind. Die Tänzerinnen und Tänzer – Feline van Dijken und Rashaen Arts, Doris Becker und Bogdan Nicula, Claudine Schoch und Paul Calderone, Julie Thierault und Alexandre Sim&tildeo;es – tanzen das großartig. Dass die Musik an diesem Abend (in guter Klangqualität) vom Band kommt, fällt nicht ins Gewicht.


FAZIT

Tanzende Computerinnereien scheinen auch nach Hidden Features auf der Ballettbühne entbehrlich: Merce Cunningham und Hans van Manen lassen Antoine Jullys hübsche, aber allzu verspielte Uraufführung ein wenig alt aussehen. Was auch daran liegt, dass Scenario und Große Fuge ganz große Tanzkunst bieten.


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Produktionsteam

Hidden Features

Choreographie und Bühne
Antoine Jully

Kostüme
Kevin Gamez

Real Time Video Interactions
Matthias Oostrik

Licht
Volker Weinhardt

Tänzerinnen und Tänzer

Sachika Abe
Ann-Kathrin Adam
Marlúcia do Amaral
Camille Andriot
Doris Becker
Wun Sze Chan
Sabrina Delafield
Mariana Dias
Nathalie Guth
Alexandra Inculet
So-Yeon Kim
Anne Marchand
Nicole Morel
Louisa Rachedi
Claudine Schoch
Virginia Segarra Vidal
Elisabeta Stanculescu
Irene Vaqueiro
Rashaen Arts
Christian Bloßfeld
Paul Calderone
Jackson Carroll
Martin Chaix
Michael Foster
Filipe Frederico
Philip Handschin
Richard Jones
Marquet K. Lee
Sonny Locsin
Alexander McKinnon
Marcos Menha
Bruno Narnhammer
Chidozie Nzerem
Alban Pinet
Friedrich Pohl
Boris Randzio
Alexandre Simões

Scenario

Choreographie
Merce Cunningham

Kostüme, Raum, Licht
nach Rei Kawakubo

Einstudierung
Banu Ogan
Daniel Squire (Assistenz)

Production Consultant
David Covey

Rekonstruktion Kostüme
Catherine Voeffray

Tänzerinnen und Tänzer

Ann-Kathrin Adam
Camille Andriot
Wun Sze Chan
Mariana Dias
Alexandra Inculet
Nicole Morel
Louisa Rachedi
Virginia Segarra Vidal
Jackson Carroll
Martin Chaix
Michael Foster
Marquet K. Lee
Sonny Locsin
Bruno Narnhammer
Alban Pinet

Große Fuge

Choreographie und Kostüme
Hans van Manen

Bühne
Jean-Paul Froom

Licht
Jan Hofstra

Einstudierung
Mea Venema


Tänzerinnen und Tänzer

Feline van Dijken
Rashaen Arts

Doris Becker
Bogdan Nicula

Claudine Schoch
Paul Calderone

Julie Thirault
Alexandre Simões



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Ballett am Rhein
(Homepage)



Da capo al Fine

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