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b.20 - DEEP FIELD

(Uraufführung)

Ballett von Martin Schläpfer
Musik "Zehn KLANGbelichtungen einer METAmorphose" von Adriana Hölszky

Auftragswerk des Ballet am Rhein in Kooperation mit dem WDR Rundfunkchor Köln

Aufführungsdauer: ca. 1h 30' (keine Pause)

Uraufführung am 23. Mai 2014 im Opernhaus Düsseldorf


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Ballett am Rhein / Rheinoper
(Homepage)
Signale vom Rand des erfassbaren Universums

Von Stefan Schmöe / Fotos © Gert Weigelt

Es geht ums Ganze: Der Begriff "Deep field" bezeichnet einen Teil des Kosmos, der in den letzten Jahren mit dem Hubble-Teleskop erstmals aufgenommen werden konnte - der entfernteste Teil des Universums, der durch sichtbares Licht je beobachtet werden konnte. Das deep field ist damit auch Symbol für die Grenzen der Erkenntnis, gleichzeitig ein geheimnisvoller Raum, der erst nach und nach wissenschaftlich ausgewertet und erschlossen werden kann. Adriana Hölszky (die im Programmheft zu dieser Uraufführung betont, wie wichtig der Titel eines Werkes für sie ist) hat ihre Komposition DEEP FIELD in 10 "Phasen" eingeteilt - eine schrittweise Annäherung an diese Grenze. Mit großem Schlagwerk und Blech, ganz ohne Streicher, dafür je zwei Akkordeons, Gitarren und Klarinetten sowie Tonzuspielungen vom Band (für Kammerensemble) sowie 48-stimmigem Chor (jede Stimme ist solistisch besetzt) schafft sie vibrierende Klangflächen, die mitunter fast tonmalerisch wie Signale aus dem Universum zu kommen scheinen. Die Texte (Hölderlin, Nietzsche, ein expressionistisches Weltkriegsdrama von 1914 des späteren Nazi-Funktionärs Hanns Johst) sind in einzelne Wörter, Silben oder Laute zerlegt und so gut wie unverständlich, ein Märchen von Herrmann Hesse (Piktors Verwandlungen) geistert als Subtext in den Untertiteln der "Phasen" umher, wird aber nie zitiert.


Foto kommt später Claudine Schoch, Marcos Menha

Eines ist DEEP FIELD ganz sicher nicht: eine Ballettmusik. Zwar schimmern immer mal wieder rhythmische Strukturen durch, aber so etwas wie Melodie sucht man vergebens. Das war dem Düsseldorfer Ballettchef Martin Schläpfer natürlich klar, als er bei Adriana Hölszky eine Musik für ein neues Ballett in Auftrag gab - bei Helmut Lachemann, bei dem er ebenfalls angefragt hatte (aus Zeitgründen, so Schläpfer, war eine Zusammenarbeit nicht realisierbar) wäre das nicht anders gewesen. Eine sehr selbstbewusste Ansage an den Kunstbetrieb ist das allemal: (nur) einem museal das Repertoire pflegenden Tanztheater dienen, das will Schläpfer nicht, sondern Neues schaffen. Und wenn er sich da in eine Traditionslinie mit den ganz großen Paarungen aus Choreograph und Komponist wie Marius Petipa und Peter Tschaikowsky, wie George Balanchine und Igor Strawinsky stellt, dann ist das keineswegs Überheblichkeit, sondern das entschlossene Bekenntnis zu einer Tanzkunst, die dem Publikum im besten Wortsinn etwas zumutet. Wenn man da den verzagten Spielplan der Düsseldorfer Opernsparte, erst recht das aus Angst vor leeren Plätzen gänzlich mutlose und ausschließlich auf ausgewiesene Publikumsrenner vertrauende Programm der nächsten Spielzeit im benachbarten Wuppertal schaut, dann kann man Schläpfers Courage gar nicht hoch genug einschätzen. Da traut sich jemand was, und da glaubt jemand fest daran, dass Kunst - und gerade zeitgenössische Kunst - Berechtigung und Sinn, ja: Notwendigkeit hat. Die Publikumsreaktionen über die gesamte Bandbreite von heftiger Ablehnung über Unverständnis bis zu begeisterten Ovationen unterstreichen das - um Gefälligkeit geht es Schläpfer nicht. (Um Provokation, in welche Richtung auch immer, noch weniger.)

Foto kommt später

Paul Calderone

Mit komplexen, "untänzerischen" Kompositionen hat sich der Choreograph ohnehin schon immer auseinander gesetzt, etwa in Lachemanns Tanzsuite mit Deutschlandlied oder Paul Paveys Unleashing the Wolf; insofern mag die Auseinandersetzung mit der höchst komplexen Musik Adriana Hölszkys eine Herausforderung besonderer Art, aber nichts grundsätzlich Neues gewesen sein. Die vibrierenden Akkordblöcke greift er immer wieder auf mit zitternden Bewegungen, sehr schnellen, quasi tremolierenden Bewegungen der Hände, Trippelschritten - faszinierend besonders dann, wenn sie von großen Gruppen auf Spitze ausgeführt werden. Überhaupt wird viel auf Spitze getanzt, und Schläpfer kokettiert im Programmheft sogar mit dem Begriff "akademisch". Da schwingt freilich der Schalk im Nacken mit, denn natürlich beruft sich Schläpfer auf das akademische, ohnehin nie verleugnete Bewegungsrepertoire, aber das wird schon sehr eigen interpretiert. Oft wirken die Tänzer wie überstreckt, sehr drahtig, als wollten sie sich bis zum Himmel dehnen - der etwas vordergründige Blick nach oben gehört auch dazu, und der Himmel ist natürlich auch der Hölszky-Hubble-Himmel der Erkenntnis.

Foto kommt später Marlúcia do Amaral, Alexandre Simões

Schläpfer lässt seine Tänzerinnen und Tänzer oft wie Drahtpuppen agieren, in dauerndem Fluss, ununterbrochener Bewegung, fast mechanisch. Und dann gibt es immer wieder kurze episodische Momente, in denen eine Tänzerin einen Tänzer umarmt, oder noch deutlicher: In denen ein Tänzer den anderen aus einem Buch vorliest (offenbar das Hesse-Märchen) und sich nach und nach alle um ihn herum hinsetzen: Eine kleines Genre-Kabinettstückchen, das auch etwas von einem kulturellen Bewusstsein erzählt, wie es nur Kunst vermitteln kann.

Seine Faszination erhält der Abend zu nicht geringem Teil durch die Ausstattung. Die Bühnenkünstlerin rosalie hat eine netzartige, die Bühnenrückseite füllende Skulptur geschaffen, hinter der ab und zu ein weiterer Lichtraum aufscheint. Das ist sehr abstrakt und doch sehr assoziationsreich, lässt an vor Trockenheit aufgerissenen Boden ebenso denken wie an hochkomplex vernetzte Breitbandkabel. Die Tänzerinnen und Tänzer tragen grau- bis nachtblaue Kleider und Hemden aus sehr zartem, leichtem Stoff, jeder etwas anders - das gibt in der genialen Ausleuchtung von Thomas Diek eine kühl nächtliche, durchaus "harte" und gar nicht heimelige Atmosphäre. Wenn das Ensemble am Ende noch Gittermasken, wie Fechter sie tragen, aufsetzen, ist das nicht gerade ein happy end. Wie schon Rilke wusste: Wir sind nicht sehr verlässlich zu Haus in der gedeuteten Welt.

Foto kommt später

Finale mit Maske: Sonny Locsin liest Hermann Hesse.

Natürlich kann man dem Stück vorwerfen, dass es überladen ist, dass sowohl die Musik wie der Tanz in 75 Minuten viel zu viele Eindrücke hinterlassen, als dass man sie auch nur annähernd erfassen könnte - aber das ist eben ein Teil der Herausforderung. Wie gut die musikalische Umsetzung dem Werk gerecht wird? Beim einmaligem Hören schwer zu sagen. Die 48 Sänger des Kölner WDR Rundfunkchores (Einstudierung: Denis Comtet), im dritten Rang und damit ziemlich weit weg postiert, singen, schnalzen, brummen, klatschen nicht immer mit allerhöchster Präzision und manchmal mit arg viel Vibrato, und auch im Orchester klingt mancher Einsatz etwas wacklig, aber das sind letztendlich Kleinigkeiten - man muss das erst einmal zusammen bekommen. Wen-Pin Chien leitet die Aufführung umsichtig, das Ballett am Rhein in großer Besetzung tanzt mit vielen Soli auf höchstem Niveau - wobei es bei Parallelaktionen oft schwer ist, den Blick von der großartigen Diva Marlúcia do Amaral zu lösen. Was freilich ungerecht ist gegenüber den vielen anderen, anders großartigen Tänzerinnen und Tänzern.


FAZIT

Adriana Hölszky und Martin Schläpfer setzen Maßstäbe - auch im 21. Jahrhundert lebt das Ballett und zehrt nicht nur von der Substanz. Leicht machen sie es dem Publikum nicht, aber die Kunstanstrengung ist unbedingt lohnenswert. Ein großer Abend für das Ballett am Rhein.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Wen-Pin Chien

Choreographie
Martin Schläpfer

Medien-Licht-Skulptur und Kostüme
rosalie

Licht
Thomas Diek

Chorleitung
Denis Comtet

Dramaturgie
Anna do Paco


WDR Rundfunkchor Köln

Die Düsseldorfer Symphoniker


Tänzerinen und Tänzer

Sachika Abe
Ann-Kathrin Adam
Marlúcia do Amaral
Camille Andriot
Doris Becker
Sabrina Delafield
Mariana Dias
Feline van Dijken
Carolina Francisco Sorg
Nathalie Guth
Alexandra Inculet
Christine Jaroszewski
Yuko Kato
So-Yeon Kim
Nicole Morel
Louisa Rachedi
Claudine Schoch
Virginia Segarra Vidal
Elisabeta Stanculescu
Julie Thirault
Irene Vaqueiro Rashaen Arts
Christian Bloßfeld
Andriy Boyetskyy
Paul Calderone
Jackson Carroll
Martin Chaix
Michael Foster
Filipe Frederico
Philip Handschin
Richard Jones
Marquet K. Lee
Sonny Locsin
Alexander McKinnon
Marcos Menha
Bruno Narnhammer
Bogdan Nicula
Chidozie Nzerem
Alban Pinet
Friedrich Pohl
Boris Randzio
Alexandre Simões



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Ballett am Rhein
(Homepage)



Da capo al Fine

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