Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Written on Skin

Oper in drei Akten
Libretto von Martin Crimp
Musik von George Benjamin


in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 35' (keine Pause)

Premiere im Theater Detmold am 11. April 2014
(rezensierte Aufführung: 3. Mai 2014)


Homepage

Landestheater Detmold
(Homepage)
Ehebruch in apokalyptischen Dimensionen

Von Stefan Schmöe / Fotos von Klaus Lefebvre / Landestheater Detmold


Szenenfoto Agnès (Vera-Lotte Böcker) im Griff des Protektors (Andreas Jören)

Die Schöpfung - oder das, was wir daraus gemacht haben - ist ein Fall für's Sanatorium. Drei Ärzte in weißen Kitteln tippen eifrig ihre Diagnosen in Tablet-Computer ein, deren technische Aktualität in merkwürdigem Kontrast zu der altmodischen Ausstattung dieses verblichenen Saales steht, in dem die Farbe abblättert. Es sind drei Engel, und ihnen wachsen Flügel aus dem Rücken, die eigentlich gar keine Flügel sind, sondern Federn, die wie Pfeile in der Haut stecken. Federn, wie sie vielleicht früher einmal zum Schreiben, zur Buchmalerei verwendet worden sind, in Zeiten, als noch auf Häuten geschrieben wurde. Einer dieser drei geisterhaften Engel wird sich in einen jugendhaften Buchmaler verwandeln, nur noch "der Junge" genannt, wird für einen mittelalterlichen Landbesitzer, den "Protektor", dessen Taten in Buchform festhalten, so sagt es die Geschichte. Agnès, die junge Frau des Protektors, wird ihn herausfordern, die Frauenfigur sinnlicher, begehrenswerter zu gestalten, und wird in der überarbeiteten Version sich selbst erkennen. Sie wird eine heftige, bald entdeckte Liebesbeziehung zu dem Jungen eingehen, ihr wird dessen Herz gebraten vorgesetzt werden, und sie wird sich vom Balkon stürzen. Vielleicht fangen die Engel sie im Sturz auf.

Szenenfoto

Engel 1 (Bernhard Landauer, rechts) und Engel 2 (Anna Werle)

Erneut erweist sich diese 2012 in Aix-en-Provence uraufgeführte Oper von George Benjamin (Musik) und Martin Crimp (Text) als unbedingt repertoiretauglich. Im Zentrum steht eine fast klassische Dreieckskonstellation wie bei Tristan und Isolde oder, mit mehr Einflüssen auf die trotz großen Orchesters meist sehr zarte Musik, Debussys Pelléas et Melisande, was sehr konkretes operndramaturgisches Potenzial bietet. Gleichzeitig treten die Protagonisten aus ihren Rollen heraus, singen Prosatext, in dem sie ihr eigenes Reden ankündigen, als betrachteten sie sich von außen. Dieser grundsätzlich konventionelle Kern wird durch die apokalyptischen Engel ins Universelle geweitet. Der äußert kunstvoll gestaltete Text Martin Crimps schafft eine ganz eigene Aura, historisierende Distanz und Modernität gleichzeitig. George Benjamins lyrisch geprägte, sehr sangliche und klanglich höchst diffizil ausdifferenzierte Musik ist nie anbiedernd oder illustrierend, sondern schafft einen neuen Raum, in dem unmittelbar evident ist, warum hier gesungen wird: Ein absoluter Glücksfall für das zeitgenössische Musiktheater. Bereits die Uraufführungsproduktion fand als Kooperation der Festspiele in Aix mit den Theatern in Amsterdam, London (Covent Garden), Toulouse und Florenz weite Verbreitung (und wurde auch in München gespielt), das Theater Bonn hat mit einer eigenen Inszenierung die aktuelle Spielzeit eröffnet. Jetzt also folgt das Landestheater Detmold (mit der Königlichen Oper Stockholm als Kooperationspartner, wo die Inszenierung im Winter zu sehen sein wird).

Szenenfoto Agnès (Vera-Lotte Böcker) und der Junge (Bernhard Landauer)

Die Bilder von Hölle und Paradies auf Erden werden nicht nur auf Haut, wie der Titel Written on skin besagt, sondern in die Seelen geschrieben, und was Hölle und Paradies sind, bleibt dialektisch unauflösbar. In Kay Metzgers ungemein fesselnder Inszenierung tätowiert der Junge die Körper, was leicht zu einer Trivialisierung des allzu Offensichtlichen hätte werden können, hielte nicht die Regie souverän die Balance zwischen sinnfälliger Verdeutlichung der Handlung einerseits, großen und rätselhaften Bildern, die der Oper ihr Geheimnis lassen, andererseits. Der historisch anmutende Sanatoriumssaal (in dem ein Hausmeister gelangweilt Kreuzworträtsel löst und offenbar nichts von den merkwürdigen Vorgängen um ihn herum realisiert) ist gleichzeitig ein Theater, auf dessen Bühne per Video sehr klug zunächst die Welt draußen (beginnend mit der Sprengung eines Hochhausblocks), das Weltall, später immer wieder Bilder der Akteure eingespielt werden. Das Zusammenspiel von solchen Bildern (Video-Design: Martin Kemner), der nie ganz greifbaren und doch handfesten Ausstattung (Petra Mollérus) und der sehr genau gearbeiteten Personenregie gelingt ungemein schlüssig. Immer sind mehrere Ebenen präsent und durchdringen sich gegenseitig. Das packende Kriminalspiel rüttelt da an den Grundfesten unseres Weltverständnisses.

Szenenfoto

Agnès (Vera-Lotte Böcker) und der Protektor (Andreas Jören)

Getragen wird das von den sehr engagiert agierenden Sängern. Andreas Jören ist ein stimmlich schlanker, markanter und etwas rauhbeiniger Protektor. Eine Entdeckung ist die junge Vera-Lotte Böcker als Agnès mit großen lyrischen Bögen (wenn die Stimme gelegentlich im Piano nicht sofort einschwingt, dann passt das zu der zerbrechlichen, noch sehr jungen Frau des Dramas) und glutvollen Energiereserven für die emphatischen Ausbrüche gegen Ende der Oper. Countertenor Bernhard Landauer singt einen distanziert klaren Engel und Jungen mit mephistotelischen Zügen, Anna Werle und Markus Gruber als weitere Engel sowie als Agnès' Schwester Marie und deren Mann John vervollständigen ein absolut rollendeckendes Ensemble. Das Orchester des Landestheaters Detmold unter der Leitung von Chefdirigent Lutz Rademacher spielt zuverlässig und sehr klangschön. Sage da noch jemand, dass man mit zeitgenössischer Oper kein Publikum gewinnen kann: Begeisterter Applaus im sehr gut besuchten Haus.


FAZIT

Musikalisch wie szenisch eine ganz starke, in ihrem Assoziationsreichtum und in der unmittelbaren Wirkung bewegende Produktion dieses sehr sehenswerten Werkes.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Lutz Rademacher

Inszenierung
Kay Metzger

Ausstattung
Petra Mollérus

Video-Design
Martin Kemner

Choreinstudierung
Marbod Kaiser

Dramaturgie
Elisabeth Wirtz



Symphonisches Orchester des
Landestheater Detmold


Solisten

Der Protector
Andreas Jören

Agnès, seine Frau
Vera-Lotte Böcker

Erster Engel / Der Junge
Bernhard Landauer

Zweiter Engel / Marie
Anna Werle

Dritter Engel / John
Markus Gruber



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Landestheater Detmold
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2014 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -