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Lola rennt

Oper in drei Akten
Text von Bettina Erasmy nach dem gleichnamigen Film Lola rennt von Tom Tykwer
Musik von Ludger Vollmer

in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 30' (keine Pause)


Premiere im Theater Hagen am 8. März 2014

Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Dreimal 20 Minuten nicht für die Opernewigkeit

Von Stefan Schmöe / Fotos von Klaus Lefebvre (© Theater Hagen)

Manni, als Geldkurier in den falschen Kreisen unterwegs, hat in der U-Bahn eine Tasche mit viel Geld stehen lassen – 20 Minuten bleiben ihm zur Wiederbeschaffung, sonst ist er ein toter Mann. Seine Freundin Lola rennt los, das Geld irgendwie zu beschaffen, und damit beginnt eine Zeitspirale der Möglichkeiten. Zweimal geht's schief, und zweimal drehte Filmregisseur Tom Tykwer 1998 die Zeit zurück, gab Lola einen neue Chance, 20 weitere Minuten, um ihre Zukunft zu errennen. Der mehrfach preisgekrönte und auch kommerziell erfolgreiche Film Lola rennt war unkonventionell und frech in Dramaturgie wie comichafter Ästhetik. Auf die Opernbühne gelangte er, weil das Theater Regensburg eine Oper zum Thema „Zeit“ in Auftrag gab (und 2013 zur Uraufführung brachte). Und Ludger Vollmer hat mehrfach Filme als Vorlagen für Opern verwendet – in Hagen war bereits Gegen die Wand zu sehen. Dass Theater wie Komponist da womöglich auch auf gesteigertes Publikumsinteresse schielen, mag man nicht ausschließen, das wäre ja auch mehr als legitim - wenn denn die Qualität des Werkes der Vorlage entspräche.

Vergrößerung in neuem Fenster Wie einst Franka Potente in Tom Tykwers Film: Lola rennt

Am Theater Hagen hatte die Verbindung von Film und Oper vor ein paar Jahren mit Dead Man Walking von Jake Heggie eindrucksvoll funktioniert, weil die Musik den großen Stoff noch einmal überhöhte. Bei Lola rennt ist das schwieriger. Noch stärker als das Medium Film hat eine Oper schon immer eine Eigenzeit, die in Arien unendlich gedehnt und an anderer Stelle dramatisch gerafft werden kann – somit ist das Spiel mit der vermeintlichen Echtzeit (und dazu ohne die von der Schnitttechnik bestimmten Möglichkeiten des Films) problematisch. Die Grobstruktur bekommt Vollmer mit ziemlich einfachen Mitteln einigermaßen in den Griff: Die actionreichen Szenen unter Zeitdruck bekommen eine rhythmisch geprägte Musik, die reflektierenden Phasen am Ende jeder Sequenz (die es auch im Film gibt) dagegen ruhige Klangflächen. Der dreifache Wechsel von Spannung und Entspannung gliedert also das Werk. Vollmers Musik kommt in ihrer Wirkung über weite Strecken allerdings nicht über einen wenig charakteristischen Soundtrack hinaus, erreicht auch nicht annähernd die Härte von Tykwers unerbittlich pulsierender Filmmusik. Im Detail hat die Oper dann aber entschieden weniger Tempo als die Vorlage und ist bei allem Bemühen um Kurzatmigkeit recht konventionell geraten.

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Für Manni (links) wird die Zeit knapp. Damit das auch jeder versteht, gibt's den "Herrn Zeit" auf der Bühne.

Natürlich muss man grundsätzlich vorsichtig sein im Vergleich von Film und Oper. Der Komponist und seine Librettistin Bettina Erasmy verschieben die Akzente weg von Tykwers Variation der unendlichen Möglichkeiten, die sich aus kleinen Abweichungen der Handlungsabläufe ergeben, hin zu dem klassischen Thema der Oper schlechthin, der Liebe. Die drei „Runden“, die Lola läuft, werden zu exemplarischen Exkursen über Schicksal und Vorsehung, und die dramatischen dreimal 20 Minuten zu individueller Lebens- und Erlebenszeit in einer fremdbestimmten Welt. Der große Chor reflektiert das in oratorischer Manier. Vollmer findet dafür eine eklektische, an Modellen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts orientierte (boshafter formuliert: zusammengesuchte) Tonsprache, die dem Schönklang huldigt und geradezu anbiedernd auf große Wirkung setzt. Wobei dem Komponisten, so wie er bei der Kurzeinführung vor Premierenbeginn über sein Werk sprach, eine unmittelbare Wirkung seiner Musik auf ein breites Publikum wohl schon deshalb wichtiger ist als etwaige avantgardistische Raffinesse, weil Lola rennt eine wichtige Botschaft transportiert: Es ist Deine Zeit, um die es hier geht. Das hat freilich auch etwas von allzu beliebigen Kalenderweisheiten, die man beim Abreißen des Blattes oder im konkreten Opernfall beim Anstehen an der Garderobe getrost wieder vergessen darf. Und nicht nur der geradezu grotesk verkitschte Schluss ist Geschmackssache.

Vergrößerung in neuem Fenster Graue Herren mit rotem Beutel, in dem man auch 100.000 Mark transportieren kann (und nicht in der U-Bahn vergessen sollte)

Unter solchen Gesichtspunkten macht die Regie von Roman Hovenbitzer vieles richtig. Sie fügt die Figur eines „Herrn Zeit“ hinzu, der wie ein Spielleiter vorne an der Rampe die Impulse gibt und die Handlung zu einem Welttheater aufmotzt, bei dem Lola sich die rote, Filmdarstellerin Franka Potente zitierende Perücke aufsetzt und damit demonstrativ sichtbar eine Rolle annimmt. Vieles ist, das ist eine Parallele zur Musik, ziemlich dick aufgetragen. Das schlichte Bühnenbild von Jan Bammes zeigt einen spiralförmigen Aufgang – ein abstrakter Auftritts- und Spielraum, der die Spiralstruktur des Films (die auch bei Tykwer bildliche Entsprechungen hat) aufgreift. Die niederländische Künstlerin Krista Burger agiert dazu live auf der Bühne mit zwei Tageslichtprojektoren – was nicht nur deshalb etwas bieder erscheint, weil Lolas Vater, ein Bankdirektor, da permanent Zahlen handschriftlich in Formulare einträgt, wie das Bankdirektoren im vorigen Jahrtausend lange vor der Erfindung des Computers einmal gemacht haben dürften. Alles nicht ganz falsch, aber auch nicht übermäßig eindrucksvoll.

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Problemlösungskompetenz in Berlin-Mitte? Lola bemüht sich mit Nachdruck um 100.000 Mark, ihr Vater und dessen Angestellte (und Liebhaberin) Jutta sind die Leidtragenden

Ein bisschen undankbar sind die wenig wirkungsvollen Gesangspartien, wobei in den Hauptpartien Kristina Larissa Funkenhauser als Lola (trotz angekündigter Indisposition) mit samtig leuchtendem Mezzosopran und Raymond Ayers als Manni mit schönem und höhensicherem Tenor aus einem durchweg guten Ensemble herausstechen. Der Chor, der in grauen Uniformen aufmarschiert (und natürlich erinnert das sofort an die „grauen Herren“ aus Michael Endes Roman Momo, die den Menschen ja, thematisch passend, die Zeit stehlen), singt seine umfangreiche Partie mit allzu romantischem Gestus, und immer wieder fallen Einzelstimmen mit starkem Vibrato aus dem Chorklang heraus – das unterstreicht unfreiwillig die Schwächen der Komposition. Kapellmeister David Marlow dirigiert das sehr zuverlässig aufspielende Orchester auf der Hinterbühne präzise, ohne große orchestrale Akzente zu setzen. Auch da holt der Film die Oper ein: Die Musik ist eben doch (zu) oft nur Begleitmusik.


FAZIT

Den affektierten Stil von Lola rennt kann man mögen, muss das aber nicht: Aus meiner Sicht eines der schwächsten Stücke, die das Theater Hagen in den letzten Jahren entdeckt oder wiederentdeckt hat. Die Regie nimmt das mit einer eigenwilligen Melange aus Abstraktion und Pathos ernst, kann aber gerade deshalb auch nichts retten.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
David Marlow

Inszenierung
Roman Hovenbitzer

Bildgestaltung / Projektionen
Krista Burger

Licht
Ulrich Schneider

Ausstattung
Jan Bammes

Choreinstudierung
Wolfgang Müller-Salow

Dramaturgie
Ina Wragge


Chor des Theater Hagen

Philharmonisches
Orchester Hagen


Solisten

Lola
Kristine Larissa Funkhauser

Manni
Raymond Ayers

Vater
Ulrich Schneider

Jutta
Maria Klier

Ronni/Croupier/Sanitäter
Richard van Gemert

Obdachloser
Michail Milanov

Herr Schuster
Rolf A. Scheider

Tagesmanager
Wolfgang Niggel


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen
(Homepage)




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