Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Otello

Dramma lirico in vier Akten
Text von Arrigo Boito
nach The Tragedy of Othello, the Moor of Venice von William Shakespeare
Musik von Giuseppe Verdi

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)


Premiere im Theater Hagen am 07. Juni 2014

Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Ab in die Kiste, Desdemona!

Von Stefan Schmöe / Fotos von Klaus Lefebvre (© Theater Hagen)

Hin und wieder wollen Klassiker auf ihre Gültigkeit in unserer Zeit befragt werden, glauben jedenfalls die Regisseure. Nehmen wir Otello. Ein erfolgreicher Feldherr? Kein Problem, Gekämpft wird immer, und so versetzen wir ihn einfach an irgendeine Front zwischen Hindukusch und Tschad. Seit sich die Bundeswehr für weibliche Rekruten geöffnet hat, ist auch die Unterbringung des gemischten Chores kein szenisches Problem mehr, einfach Männer wie Frauen in Tarnanzüge stecken und fertig. Kinder an der Front, das mag noch ungewöhnlich sein, passt aber irgendwie zum von der Leyen'schen Konzept der familienfreundlichen Armee. Dass Papa Jago womöglich kriegstraumatisiert ist und deshalb so absonderliche Dinge von sich gibt wie sein nihilistisches „Credo“, das wirft sogar noch einen kritischen Blick auf diese Auslandseinsätze.

Vergrößerung in neuem Fenster Leben an der Front: Jago (Raymond Ayers, Mitte) beim Kartenspiel mit Cassio (Kejia Xiong, l.) und Rodrigo (Richard van Gemert)

Es passt auf den ersten Blick alles in Annette Wolfs Hagener Neuinszenierung des Verdi'schen Otello, und es passt letztendlich doch gar nichts. Natürlich lässt sich der Stoff in die Gegenwart transformieren, und doch läuft die Regie, die zunehmend aussieht wie eine ziemlich beliebige Ansammlung von Versatzstücken aus hoffnungslos veralteten Regietheaterinszenierungen, hier ins Leere, weil sie das eigentliche Thema verfehlt. Otello scheitert doch nicht am Krieg, sondern der Krieg ist der Hintergrund, vor dem die größte und traurigste und unfassbarste Eifersuchtstragödie der Weltliteratur wie Operngeschichte abläuft, in der ein banales, unscheinbares Taschentuch den eben noch unangreifbaren Helden in den allertiefsten Abgrund stürzt. Hier wird das beinahe zur Nebensache: Abgewrackte Kriegsveteranen drehen durch (und das zu zeigen ist sicher auch Aufgabe des Theaters - aber doch nicht gerade in dieser Oper). Annette Wolf aber inszeniert mit großer Unsensibilität über vieles hinweg, was diese Oper auszeichnet. In Desdemonas „Lied an die Weide“ und dem anschließenden „Ave Maria“, der allerprivatesten Szene der Opernliteratur, stehen vier Soldaten mit MP im Anschlag Wache. Ja, das mag im Feldlager so sein, aber das stellt Verdis Dramaturgie auf den Kopf. Und wenn Otello schon im ersten Akt verdammt schnell zur Pistole greift und von Beginn an psychopathische Züge besitzt, dann ist der Absturz eben doch weit weniger groß als von Shakespeare und Verdi gedacht.

Vergrößerung in neuem Fenster

Die Intrige nimmt ihren Lauf: Jago (Raymond Ayers, rechts) und Otello (Ricardo Tamura)

Jago mit Laptop? Geht. Jago als liebevoller Vater mit Kind? Geht nicht, denn es nimmt dem Stück den tiefschwarzen Gegenpol. Desdemona als Mittelstandsehefrau mit nicht ganz glücklich gewähltem Kleid und hochhackigen Schuhen? Geht im Feldlager eigentlich auch nicht, nimmt man aber hin. Desdemona als Luxusweibchen, die im Angesicht des Todes ihre allzu üppige Schuhsammlung sondiert? Ist eine durch nichts belegte Unterstellung der Regie und macht aus dem „Ave Maria“ eine vordergründige Revue-Nummer. Statt einer plausiblen Personenregie dominieren die großen Gesten. Das ominöse Taschentuch ist hier mindestens einen Quadratmeter groß und wird zunächst als Kopftuch verwendet, mit dem Desdemona zur Madonna stilisiert wird. Und Desdemonas Bett ist ein überdimensionierter Reisekoffer – natürlich soll man an „Sarg“ denken, und wenn Desdemona da noch einmal heraus schaut, wenn Otello (mit Leopardenmütze wie eine Parodie auf absonderliche nordafrikanische Diktatoren) sie erwürgt und den Deckel schließt, wenn Desdemona aus dem schon geschlossenen Koffer-Sarg singt (als sei das „Tote-Gilda-singt-im-Sack“-Finale im Rigoletto nicht schon dramaturgisch missraten genug), wenn Otello in nein-doch-nein-doch-Manier seinen Irrtum erkennt, dann endet dieser Otello unfreiwillig im Komödienstadl und hat uns Heutigen überhaupt nichts mehr zu sagen.

Vergrößerung in neuem Fenster Kein glückliches Paar mehr: Desdemona (Veronika Haller) und Otello (Ricardo Tamura)

Allzu viel auffangen kann an diesem Abend auch die musikalische Seite nicht. Hagens Chefdirigent Florian Ludwig und die sehr ordentlichen Philharmoniker lassen es ordentlich krachen, dass man erst einmal gehörig aus den Sitzen hochfährt – das ist spannungsvoll und sehr dramatisch. Die wirklich wichtigen Stellen sind in dieser Oper freilich die leisen, und die bleiben ein wenig pauschal, mehr solide als geheimnisvoll dirigiert und gespielt. Insgesamt ist das Orchester durchweg zu laut, da müsste die Klangdisposition vorsichtiger, noch differenzierter sein. Bei Ricardo Tamura in der Titelpartie ist bewundernswert, wie er sich mit seinem für diese Partie etwas hellen, aber kraftvoll strahlenden und auch in der Höhe unanfechtbaren Tenor scheinbar mühelos gegen das Orchester durchsetzt. Bereits im Duett des ersten Akts deutet sich aber auch an, das nicht die lauten, sondern die leisen Passagen das Problem sind – und da brach ihm in dieser Premiere im dritten und vierten Akt gleich mehrfach die Stimme weg. Konkret mag die Premierennervosität wie das unerwartet heiße Wetter eine Rolle gespielt haben, heikel sind diese Piano- und Pianissimo-Passagen in dieser eben doch sehr schwierigen Partie für Tamura aber wohl unabhängig davon.

Vergrößerung in neuem Fenster

Und so endet Desdemona in der Kiste: Lodovico (Rainer Zaun, links) bittet um Otellos Pistole

Veronika Haller aus dem hauseigenen Ensemble kämpft sich tapfer durch die Partie der Desdemona, die sie ganz akzeptabel bewältigt, aber doch sehr vordergründig im Ausdruck (und nicht immer klangschön) bleibt. Eigentlich muss die Desdemona wie von einer anderen Welt sein – hier ist sie sehr diesseitig (und sicher im Moment noch ganz froh, unbeschadet über alle Klippen hinwegzukommen). Aber es zeichnet sich auch ab, dass sie in diese Partie hineinwachsen kann. Raymond Ayers gibt einen sehr beachtlichen Jago, jugendlich und ohne abgründige Schwärze, aber auch genau auf den Punkt gesungen und gefährlich scharf. Mit dem außerordentlich souveränen Rainer Zaun ist der Lodovico beinahe luxuriös besetzt, und Orlando Mason ist ein sehr ordentlicher Montano. Angestrengt dagegen klingt Marilyn Bennett als Emilia, und Kejla Xiong ist ein ziemlich leichtgewichtiger, aber passabler Cassio. Chor und Kinderchor singen klanggewaltig, wobei Florian Ludwig die Chorszenen teilweise sehr auf Sicherheit bedacht dirigiert.


FAZIT

Respekt gebührt dem Theater Hagen allemal, sich an den musikalisch alles andere als leichten Otello zu wagen – für ein nicht eben großes, finanziell gebeuteltes Stadttheater ist die musikalische Qualität vielleicht nicht glanzvoll, aber doch ganz ordentlich. Szenisch verheddert sich die Produktion leider in weitgehend überflüssigem modernistischem Brimborium.



Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Florian Ludwig

Inszenierung
Annette Wolf

Ausstattung
Jan Bammes

Licht
Ulrich Schneider

Choreinstudierung
Wolfgang Müller-Salow

Kinder- und Jugendchor
Caroline Piffka

Dramaturgie
Dorothee Hannappel


Statisterie des Theater Hagen

Chor, Kinder- und Jugendchor
des Theater Hagen

Philharmonisches Orchester Hagen


Solisten

Otello
Ricardo Tamura

Jago
Raymond Ayers

Cassio
Kejia Xiong

Rodrigo
Richard van Gemert

Lodovico
Rainer Zaun

Montano
Orlando Mason

Desdemona
Veronika Haller

Emilia
Marilyn Bennett

Herold
Egidijus Urbonas


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen
(Homepage)




Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2014 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -