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Musiktheater
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Manon

Opéra-comique in fünf Akten
Text von Henri Meilhac und Philippe Gille
nach der Erzählung Les aventures du Chevalier des Grieux et de Manon Lescaut von Abbé Prévost
Musik von Jules Massenet


Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere im Theater Krefeld am 1. März 2014

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Theater Krefeld-Mönchengladbach
(Homepage)
Beim Geld hört die Liebe auf

Von Stefan Schmöe / Fotos von Matthias Stutte

„Zum Glück verfügen wir noch über ein eigenes Ensemble“ – das hielt Dramaturgin Ulrike Aistleitner in ihrer Werkeinführung für bemerkenswert, mit schönen Grüßen, so ließe sich ergänzen, ins 70 km entfernte Wuppertal (da bereitet man sich offenbar gerade darauf vor, als erstes deutsches Stadttheater einen Stagione-Betrieb ohne festes Ensemble einzurichten). Das Theater Krefeld und Mönchengladbach mit seinen 15 fest verpflichteten Solisten spielt Manon, weil das Stück gerade „passt“ und vollständig mit hauseigenen Kräften besetzt werden kann. Man kann das auch andersherum formulieren: Die Oper bietet den Sängerinnen und Sängern tolle Partien, dazu kommt mit François de Carpentries ein offensichtlich akribisch arbeitender Regisseur, der Solisten wie Chor auch szenisch fordert (aber auch weiß, wann ein junger Sänger vorne an der Rampe stehen und sich ganz auf die Musik konzentrieren sollte), und mit Mihkel Kütson ein sehr sensibel und umsichtig agierender Chefdirigent, der nichts zudeckt, sondern sängerfreundlich die Stimmen „trägt“. Kurz: Hier funktioniert das viel gelobte deutsche Stadttheater. Und das Krefelder Stammpublikum dürfte am Ende dieser Premiere sagen: „Mann, da haben wir ein richtig tolles Ensemble.“

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Das junge Mädchen trifft auf eine Welt, in der alles irgendwie nur Theater ist: Manon (Sophie Witte) und Guillot de Morfontaine (Walter Planté)

Manon ist 16, ihr Liebhaber des Grieux gerade einmal 18 – so steht's im Text, und hier gelingt das Kunststück, dass man den beiden Bühnendarstellern, Sophie Witte und Michael Siemon, dieses Alter tatsächlich abnimmt. Das ist im Grunde auch ein Kerngedanke der Regie, die auf den ersten Blick ganz konventionell in Kostümen der Handlungszeit, dem frühen 18. Jahrhundert, spielen lässt – Karine Van Hercke setzt da bewusst auf Opulenz mit üppigen Perücken. Und dennoch ist das keine Ausstattungsoper geworden. Die barocken Bühnenbildelemente lassen sich schnell verschieben, verneinen keinen Moment ihre Funktion als Theaterkulisse und stehen wie Ruinen vor einem dramatisch wolkenverhangenen, zutiefst romantischen Mondnachthimmel (Bühne: Siegfried E. Mayer). Damit hat das Regieteam ein schönes bildliches Äquivalent zur Musik gefunden, die immer wieder barocke Elemente, oft mit einer ganz konkreten Funktion innerhalb der Handlung, in die hochromantische Tonsprache einbettet.

Vergrößerung in neuem Fenster Liebesglück von begrenzter Haltbarkeit: Manon (Sophie Witte) und des Grieux (Michael Siemon)

Weil Sophie Witte, im ersten Akt noch recht dezent kostümiert, ganz wunderbar die (sehr junge) barocke Lebedame spielt und gleichzeitig den modernen Teenager mit allen Hoffnungen und Ängsten durchschimmern lässt, liegt ein feines „alles nur Theater“ über dem Spiel, das der Dramaturgie Massenets und dessen Librettisten Henri Meilhac und Philippe Gille vertraut. Walter Planté als Guillot de Morfontaine und Andrew Nolen als Brétigny sind zwei wunderbar überdrehte, dennoch elegant würdevolle Adelige, die um Manons Gunst buhlen – hinreißend gespielt und tadellos gesungen. Umschwärmt werden sie von Debra Hays (Poussette), Gabriela Kuhn (Javotte) und Charlotte Reese (Rosette) als gut harmonierendem Terzett. Das fängt die Atmosphäre und auch die Dekadenz dieser Epoche ein. Carpentries spielt hier wohl auch auf eine kurze Phase ein paar Jahre nach dem Tod des „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV. 1715 an, als zur Sanierung der zerrütteten Staatsfinanzen Papiergeld zur Wirtschaftsbelebung eingeführt wurde – was ein paar Jahre später als Desaster endete. Es wird viel mit Geld geworfen in dieser Aufführung, und die Parallelen zu unserer Gegenwart sind unverkennbar. Allzu willfährig macht diese Manon sich selbst zum Spielball einer Gesellschaft, in der letztendlich dann doch das Geld entscheidet.

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Die Herren Lescaut (Rafael Bruck), des Grieux (Michael Siemon) und Brétigny (Andrew Nolen) scheinen sich über das weitere Schicksal Manons handelseinig

Die beiden Hauptdarsteller spielen das nicht nur überzeugend, sondern haben auch beachtliches vokales Format. Was den jugendlichen Stimmen sicher noch ein wenig fehlt, ist die Statur für die „große Oper“, die überwältigende Fülle. Michael Siemon hat viel tenorale Substanz, die (fast bruchlos erreichte) Höhe ist weder eng noch metallisch forciert, sondern bleibt weich und trotzdem groß; was die Klangfarbe betrifft, ist da sicher noch Entwicklungspotential, aber das ist ein Des Grieux der sich hören lassen kann und im zweiten Teil des Abends sogar noch zulegt – wie auch die Manon von Sophie Witte. Sicher könnte deren nicht allzu großer Sopran für die Partie noch üppiger, ja: kulinarischer sein, aber sie besitzt die Kraft für die Spitzentöne, die Stimme bleibt immer leuchtend schön. Vor allem aber nimmt man beiden in ihren Rollen jeden Ton ab. Zumindest fast jeden: An Entkräftung stirbt diese so vitale Manon, eine wirklich schöne Leiche, wohl kaum, da hätte der Regisseur sich ruhig eine weniger konventionelle Lösung überlegen dürfen.

Vergrößerung in neuem Fenster Manon (im Spielkartenlook) als Spekulationsobjekt für Morfontaine und des Grieux

Matthias Wippich als düster-großformatiger Vater Des Grieux und Rafael Bruck als stimmlich schlanker, von der Regie etwas einseitig negativ gezeichneter Cousin Manons vervollständigen ein Ensemble, das ausgezeichnet aufeinander eingestellt ist. Das betrifft auch den vorzüglichen Opernchor (Einstudierung: Maria Benyumova). Und ganz hervorragend spielen die Niederrheinischen Sinfoniker, hinreißend filigran in den „barock“ komponierten Abschnitten, sehr transparent und zurückgenommen leicht, aber nicht zu leicht in den romantischen Momenten. Dirigent Mihkel Kütson zeigt da viel Gespür für die Musik, dirigiert nie auftrumpfend, nimmt die Partitur viel mehr als Begleitung zu einem subtilen Kammerspiel: Eine Manon zum genauen Hinhören.


FAZIT

Großartiges Ensembletheater mit tollen Sängerdarstellern und ausgezeichnetem Orchester.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Mihkel Kütson

Inszenierung
François de Carpentries

Bühne
Siegfried E. Mayer

Kostüme
Karine Van Hercke

Chor
Maria Benyumova

Dramaturgie
Ulrike Aistleitner


Statisterie und Chor des Theater
Krefeld und Mönchengladbach

Die Niederrheinischen Sinfoniker


Solisten

* Besetzung der Premiere

Manon Lescaut
Sophie Witte

Chevalier des Grieux
Kairschan Scholdybajew
* Michael Siemon

Graf des Grieux
Matthias Wippich

Lescaut
Rafael Bruck

Guillot de Morfontaine
Walter Planté

M. de Bretigny
Andrew Nolen

Poussette
* Debra Hays
Lisa Katarina Zimmermann

Javotte
* Gabriela Kuhn
Charlotte Reese

Rosette
* Charlotte Reese
Susanne Seefing

Wirt
Zbigniew Szczechura

Zwei Gardisten
Jae Sung An
Rochus Triebs

Zofe
Sabine Sanz



Weitere
Informationen

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Theater Krefeld-
Mönchengladbach

(Homepage)



Da capo al Fine

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