Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Intermezzi mit Intermezzo

Zwei Zwischenspiele mit einem kulinarisch-pantomimischen Intermezzo

La Dirindina
Farsetta per musica in zwei Teilen
nach einem Libretto von Girolamo Gigli
Musik von Domenico Scarlatti

La serva padrona
Intermezzo in zwei Akten
Libretto von Gennaro Antonio Federico
Musik von Giovanni Battista Pergolesi

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2h 20' (eine Pause)

Premiere im Studio des Bayer Kulturhauses am 25. April 2014

 

 

(Homepage)

Augen-, Ohren-, Gaumenschmaus


Von Thomas Molke
/ Fotos: Pedro Malinowski

Intermezzi waren im 18. Jahrhundert ursprünglich als kurze Zwischenspiele gedacht, die in der Regel zwischen den einzelnen Akten einer Opera seria aufgeführt wurden und sich inhaltlich und szenisch deutlich von diesen unterschieden. Während die Handlung der barocken Opera seria meist der Antike oder der Mythologie entnommen und von einem grandiosen Bühnenbild unter Einsatz der kompletten Bühnenmaschinerie umrahmt war, zeigte das Intermezzo mit relativ einfachen Mitteln Figuren aus niederem sozialen Niveau in einer Sprache, die bei starker Lokalfärbung dem Publikum viel Gelegenheit zum Lachen bot. Wichtiger Bestandteil dieser Intermezzi war auch häufig ein Pantomime, der die jeweiligen Hauptfiguren, in der Regel ein pfiffiges junges Mädchen (Sopran) und einen Mann mittleren Alters (Bariton), mit improvisiertem Spiel in Sinne einer Stegreifkomödie unterstützte. In Leverkusen hat man nun als Eigenproduktion zwei derartige komische Zwischenspiele zu einem Opernabend kombiniert und für die Pause noch ein kulinarisches Drei-Gänge-Menü in barockem Ambiente an einer langen festlich geschmückten Tafel mit weiterer pantomimischer Unterhaltung eingefügt.

Den Anfang macht Domenico Scarlattis La Dirindina, eine Farsetta, die 1715 ursprünglich als Intermezzo zu Scarlattis Opera seria Ambleto geplant war, jedoch aufgrund der Intervention des zur damaligen Zeit recht einflussreichen Kastraten Francesco de Castris, der in dieser Farsetta seinen Berufsstand verunglimpft sah, von der Zensur verboten und durch ein harmloses Schäferspiel ersetzt wurde. Dies beschwor allerdings erst recht einen Theaterskandal herauf, weil nun nämlich das Publikum das im Programmheft noch ausgewiesene Intermezzo einforderte. Der Librettist Girolami Gigli erwies sich in dieser Situation als sehr geschäftstüchtig, da er kurzerhand 500 Libretti des abgesetzten Stückes drucken ließ, die im Handumdrehen verkauft werden konnten. Das Stück handelt von der jungen, nicht gerade begabten Sängerin Dirindina, die bei dem wesentlich älteren Musiklehrer Don Carissimo Gesangsunterricht nimmt und deren Herz für den Schauspiellehrer Liscione schlägt, der als Kastrat aber nicht an einem Liebesabenteuer mit der hübschen jungen Frau interessiert ist. Dennoch verspricht er ihr, sie gegen Carissimos Willen auch mit mangelndem musikalischen Talent an die Oper nach Mailand zu bringen, da ihr bezauberndes Aussehen schon einen Erfolg auf der Bühne garantieren werde. Als Liscione mit ihr eine Szene der verlassenen Dido probt, in der diese beklagt, dass Aeneas sie "in guter Hoffnung" verlassen habe, und sie deshalb ihren einzigen Ausweg im Selbstmord sehe, hält Don Carissimo das Spiel für echt, glaubt, dass Liscione die junge Frau geschwängert habe, und versucht deshalb, die beiden gegen ihren Willen zu vermählen. Die beiden verspotten den Alten und brechen nach Mailand auf.

Bild zum Vergrößern

Liscione (Michael Taylor) will Dirindina (Meera Varghese) verhelfen, an die Mailänder Scala zu kommen.

Das Regie-Team um Kay Link hat sich überlegt, wie die Geschichte in die heutige Zeit übertragen werden kann, ohne dabei in ihrer Grundstruktur verändert zu werden und trotzdem glaubhaft zu bleiben. Dabei ist man zu dem Entschluss gekommen, Dirindina als junge, moderne Muslima zu zeichnen und auf die Vorurteile anzuspielen, die Don Carissimo als eher konservative Figur mit den Klischees über diese Kultur hat. So glaubt er nämlich, dass das Thema "Ehre" in dieser Kultur noch viel ernster genommen wird und eine außereheliche Schwangerschaft ein größeres Problem darstellt, als es in heutigen westlichen Gesellschaften üblich ist.  Auch bezüglich des Schauspiellehrers Liscione werden Vorurteile aus der damaligen Zeit trefflich auf die Gegenwart übertragen. Während La Dirindina ursprünglich ihre Komik daraus bezog, dass eine Liebesbeziehung zwischen einem Kastraten und einem jungen Mädchen absolut ungefährlich sei, zeichnet Link Liscione als einen Homosexuellen, der überhaupt kein erotisches Interesse an dem reizenden jungen Mädchen besitzt. Unterstrichen wird dieser Ansatz nicht nur von dem glänzenden Kostüm, das Liscione trägt, sondern auch von der Tapete in seinem Raum, deren Muster sein eigentliches sexuelles Interesse mehr als deutlich macht. Die von Link und seiner Dramaturgin Isabelle Kranabetter erstellte deutsche Übersetzung des Librettos übernimmt diesen Ansatz eins zu eins.

Bild zum Vergrößern

Serpina (Meera Varghese) will ihren Herren Uberto (Manos Kia) verführen.

Nach der Pause gibt es dann Pergolesis La serva padrona, ein Intermezzo, das 1733 zwischen den Akten seiner Opera seria Il prigionier superbo im Teatro San Bartolomeo in Neapel uraufgeführt wurde und in den folgenden Jahren so große Erfolge auf den Bühnen ganz Europas feierte, dass dieses Stück, was die Musik betrifft, als Vorbild für die Opera buffa diente, da es bereits Anzeichen einer Loslösung vom barocken Stil zeigte, was die Handlung betrifft, Symbol für die Spannungen zwischen Adel und aufgeklärtem Bürgertum werden sollte, da hier eine Dienstmagd zur autoritären Ehefrau eines adligen Herren aufsteigt. Erzählt wird die Geschichte von der jungen Serpina, die als Pflegekind zu dem Junggesellen Uberto kam und ihm seit vielen Jahren gemeinsam mit dem alten Diener Vespone den Haushalt macht. Da sie Uberto liebt, sträubt sie sich dagegen, als Dienerin für ihn zu arbeiten und will lieber als Ehefrau im Haus das Regiment übernehmen. Doch Uberto zeigt sich ihren Verführungskünsten gegenüber immun und will lieber eine andere Frau heiraten, um Serpina endlich los zu werden. Da schmiedet Serpina einen Plan und präsentiert den verkleideten Diener Vespone als ihren künftigen tyrannischen Ehemann, der selbst Uberto so große Furcht einflößt, dass er Serpina vor einer Ehe mit diesem Herrn bewahren will, weil er schließlich erkennt, dass er doch tiefer für Serpina empfindet, als er ursprünglich geglaubt hat. Selbst als Serpina den vermeintlichen Despoten als Vespone demaskiert, kann Uberto ihr nicht mehr böse sein und willigt in eine Hochzeit ein.

Bild zum Vergrößern

Happy End mit Hochzeit: Serpina (Meera Varghese) und Uberto (Manos Kia) mit Priester (Milan Sládek) im Hintergrund

Auch dieses Stück wird von Link mit recht einfachen Mitteln und großer Situationskomik umgesetzt. Seien es nun die diversen Kissen, mit denen Uberto bei Serpinas doch recht forschen Verführungsversuchen seinen Schoß bedeckt, die von Kissen zu Kissen kleiner werden, bis das letzte handgroße Kissen, das er aus der Tasche seines Bademantels hervorholt, nicht mehr ansatzweise Schutz bieten könnte. Sei es das Auftreten Vespones als vermummter Hisbollah-Kämpfer mit Maschinengewehr, Pistole und Handgranate, der deutlich macht, dass Uberto seine Serpina diesem Schicksal gewiss nicht überlassen will. Sei es die Lampe an der Bühnendecke, die sich beim Verschieben des Vorhangs jeweils mit in den neuen Raum bewegt, wenn sie von den Protagonisten auf der Bühne das Zeichen dazu bekommen hat. Großen Spielwitz entwickeln dabei auch die Akteure. Meera Varghese setzt als Serpina gekonnt ihre optischen Reize ein und macht deutlich, dass dieser Frau eigentlich keiner widerstehen kann. Ihre Vielseitigkeit stellt sie auch unter Beweis, wenn sie im ersten Stück als Dirindina als rotzfreche Kaugummi kauende Göre selbstbewusst auftritt und selbst trotz fehlenden Talentes keinerlei Bedenken hat, den Sprung an die Mailänder Oper zu schaffen. Ob Varghese an diesem Premierenabend überhaupt spielen konnte, stand wohl bis einen Tag zuvor noch auf der Kippe. Auch jetzt merkt man ihrem Sopran an, dass sie noch etwas indisponiert ist, so dass sie ihre Stimme in den Koloraturen noch etwas schonen muss und die Arien recht vorsichtig ansetzt. Manos Kia verfügt szenisch als Uberto und als Don Carissimo über großes komödiantisches Talent. Sein Bariton wirkt für die beiden alten Männer stellenweise ein wenig zu jung und ist gerade in den Tiefen noch ausbaufähig. Michael Taylor gefällt als Schauspiellehrer Liscione mit hellem Countertenor und leicht schrillem Spiel.

Bild zum Vergrößern

Milan Sládek beim pantomimischen Intermezzo in der Pause

Höhepunkt des Abends ist sicherlich der Starpantomime Milan Sládek, der nicht nur in den beiden Stücken als stumme Rollen Dirindinas Mutter Dirindona und den alten Diener Vespone interpretiert, sondern auch in der Pause die kulinarische Versorgung leitet und in barocker Robe im Look des Sonnenkönigs mit einem weiteren Zwischenspiel zum Solo-Cello unterhält. Eigentlich beginnt seine Aktion aber bereits vor der Vorstellung, wenn er die Mäntel des Publikums beim Einlass entgegennimmt, dabei den Chef spielt, aber deutlich macht, dass er nicht die geringste Ahnung hat, wo und wie sie aufgehängt werden sollen und deshalb immer etwas unwirsch die Garderobiere herbeiwinkt. Zwischendurch muss er sich auch noch anziehen, so dass er immer in eine kleine Umkleidekabine verschwindet. Wenn dann das erste Stück beginnt, tritt er als alternder Dirigent auf, während der musikalische Leiter des Abends, Werner Ehrhardt, die erste Geige spielt. Mit großen ausladenden Bewegungen scheint Sládek, die Ouvertüre zu dirigieren, bis seine Blätter alle durcheinander fallen, er nicht weiter weiß und das Orchester letztendlich allein weiterspielt. Besonderer Clou des Abends ist dann, wenn Link ihn im zweiten Stück kurz vor Ende sogar zwei Worte singen lässt. So darf er Serpinas Satz ergänzen, in dem sie freudestrahlend verkündet, dass sie von der Dienerin nun "zur Herrin" aufsteige. Musikalisch präsentiert sich das Ensemble l'arte del mondo als Spezialist für Barockmusik, auch wenn Werner Ehrhardt nicht am Dirigentenpult steht, sondern als erste Geige vollständig ins Ensemble integriert ist. Am Ende gibt es frenetischen Applaus für alle Beteiligten

FAZIT

Diese Rarität sollte man sich aus mehreren Gründen nicht entgehen lassen. Erstens sind die beiden Intermezzi selten auf der Bühne zu erleben und werden von Link kurzweilig und durchaus aktuell auf die Bühne gebracht. Zweitens lässt das kulinarische Intermezzo in der Pause auch den Gaumen auf seine Kosten kommen. (Weitere Termine: 26.04.2014, 23.05.2014 17.09.2014 und 07.02.2015 jeweils um 19.30 Uhr und 29.05.2014 und 08.02.2015 jeweils um 18.00 Uhr im Bayer Kulturhaus, Leverkusen)


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Werner Erhardt

Regie
Kay Link

Bühne und Kostüme
Olga von Wahl

Licht
Dieter Pogadl
Michael Kalis

Dramaturgie
Isabelle Kranabetter

 

l'arte del mondo

Solo-Cello im pantomimischen Intermezzo
Leonhard Bartussek


Solisten

La Dirindina

Dirindina
Meera Varghese 

Don Carissimo
Manos Kia

Liscione
Michael Taylor

Dirindona
Milan Sládek

 

La serva padrona

Serpina
Meera Varghese

Uberto
Manos Kia

Vespone
Milan Sládek


Weitere Informationen
erhalten Sie von

Bayer Kultur

(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-mail Impressum

© 2014 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -