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Die Piraten von Penzance

Operette in zwei Akten
Text von William Schwenck Gilbert
Musik von Arthur Sullivan


in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

In Kooperation mit dem Theater am Gärtnerplatz München und dem Theater Hof Premiere im Großen Haus der Städtischen Bühnen am 29. März 2014


Logo: Städtische Bühnen Münster

Städtische Bühnen Münster
(Homepage)
Vom Pflichtbewusstsein des ehrbaren Piraten

Von Stefan Schmöe / Fotos von © Oliver Berg, Theater Münster


Endlich, das muss man deutlich so sagen, endlich spielt ein Theater 'mal wieder einen edlen Stoff! Dabei ist es doch Aufgabe des Theaters, zumal des mit öffentlichen Mitteln geförderten, sich seines Auftrags und seiner Tradition bewusst zu werden und sich daran zu erinnern, was es einmal war: Eine moralische Anstalt! Wie schön, dass wenigstens das Theater Münster uns einen echten Helden zeigt, der sich die Pflichterfüllung zur vornehmsten Aufgabe auferlegt – und der sich, wie es sich für das Theater gehört, durch seine tugendhafte Haltung im moralischen Konflikt bewähren muss!

Vergrößerung in neuem Fenster Da staunen sie, die Töchter des Generalmajors, über waschechte Piraten.

Sein unerschütterliches Pflichtbewusstsein hat den gerade volljährigen Frederic früh in ein moralisches Dilemma gestürzt, sollte er doch eine Lehre bei „privaten Leuten“ absolvieren, band sich aber wegen eines Hörfehlers seines Kindermädchens an „Piratenleute“. Deren Gewerbe empfand er zwar als zutiefst verabscheuungswürdig, aber Vertragspflicht ist Vertragspflicht, und erst mit Erreichen seines 21. Geburtstag ist Frederick daraus entlassen. Fortan will er seine Lehrmeister mit aller Härte bekämpfen. Eigentlich ein überflüssiges Unterfangen, denn die Piraterie läuft ohnehin schlecht. Seit sich herumgesprochen hat, dass die Piraten bei ihren Beutezügen Waisen grundsätzlich verschonen, gibt sich jeder hergelaufene Überfallene als Waise aus – schlimm, wie ehrbare Piraten da um ihren Lohn gebracht werden. Kompliziert wird die Angelegenheit für Frederick, als er sich mit Mable, der Tochter des (in militärischen Dingen höchst unfähigen) Generalmajors Stanley verlobt, der seinerseits den Piraten nur deshalb entkommt, weil auch er sich fälschlicherweise als Waise ausgibt (und fortan ob dieser Lüge von bösen Gewissensbissen geplagt wird) und vertrackte Details im Lehrvertrag, die hier nicht erörtert werden sollen, ihn zwischen alle Fronten bringen.

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Der Piratenkönig, Leiter eines keineswegs florierenden Gewerbes - wenn sich alle Überfallenen als Waisen ausgeben, sieht es für edle Piraten schlecht aus.

Das englische Erfolgsduo Gilbert & Sullivan schrieb 1879 diese überdrehte Satire auf ein kategorisches Moralverständnis ohne Alltagstauglichkeit, die im Konflikt zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik im Keim unverändert aktuell ist. Regisseur Holger Seitz hat in seiner (ursprünglich am Münchner Gärtnerplatztheater entstandenen) Inszenierung auf alle vordergründigen Aktualisierungen verzichtet und auf den ersten Blick ganz konventionell der Geschichte vertraut – mit sehr genauer, oft sehr lustiger Personenregie. Er spitzt das Stück aber noch in eine andere Richtung zu, nämlich als Satire auf die große Oper mit ihren hehren moralischen Themen. Das ist natürlich bei Gilbert & Sullivan schon angelegt, indem die typischen Opernkonflikte – etwa der Tenor im Dilemma zwischen Pflicht und Liebe – ad absurdum weitergeführt werden. Seitz unterstreicht das, stellt aber auch durch die Gestik so manche Absurdität des klassisch-romantischen Opernalltags heraus. Da gibt es eine Szene, in der der Chor alle paar Sekunden die moralische Seite wechselt (was im typischen Repertoire nur allzu oft geschieht, man denke nur an Lohengrin oder den Freischütz) und Seitz hebt das mit Blick- und Bewegungsrichtung noch einmal gesondert hervor. Es gibt viele Details, etwas zu deutliche Armbewegungen, etwas zu stolz gehobene Brust und so weiter – und diese Mittel sind sehr gezielt und keinesfalls inflationär eingesetzt. Seitz denunziert die Gattung nicht, er karikiert sie liebevoll. Das setzt sich auch in der Ausstattung fort: Da spielen Kostüme (Götz Lancelot Fischer) und Bühne (Herbert Buckmiller) ganz im Sinne der Ausstattungsoper mit Klischees und zeigen: Das ist nur Theater. Aber sie zeigen eben auch: Theater kann doch sehr schön sein.

Vergrößerung in neuem Fenster Hier soll Recht und Gesetz herrschen! Die tapfere Polizeitruppe von Penzance lässt sich angemessen bewundern.

Wie genau Gilbert & Sullivan ihre Zeit beobachtet haben, wird durch eine kleine Pointe am Rande deutlich: Wenn Frederick zum ersten Mal in seinem Leben wirkliche Mädchen sieht, scheint das den „reinen Tor" Parsifal zu parodieren - der aber erst drei Jahre später das Licht der Opernwelt erblickte. Das britische Duo, oft mit dem bissigen Jacques Offenbach verglichen, greift respektlos auf, was offenbar in der Luft liegt. Dass die Piraten mit ihrem Ehrenkodex moralischer sind als die wohlhabenden, ihres Wohlstands wegen aber auch zu Lügen bereiten Bürger, das hat Bertold Brecht viel später in seiner Dreigroschenoper erfolgreich neu formuliert. Von einem engagierten Ensemble lustvoll gespielt und in seinem Anspielungsreichtum auch ohne Aktualisierung durchaus anregend, taugt das für zweieinhalb Stunden prächtiges Unterhaltungstheater. Zumal die geistreiche Musik Arthur Sullivans hinzu kommt (William Schwenck Gilbert war für den Text zuständig).

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Iregendwie bekommen sie sich dann doch, wie sollte es in der Oper auch anders sein: Mable und der überaus pflichtbewusste Frederick

Da gibt's in dieser insgesamt sehr gelungenen Produktion dann doch ein paar Abstriche. Der jungenhafte Philipp Clark Hall ist szenisch ideal für den Frederic, und dass sein entwicklungsfähiger Tenor ein paar Kanten hat, gesteht man der Rolle auch gerne zu, aber neben einigen gelungenen tenoralen Aufschwüngen gibt es doch ziemlich viele Stellen, an denen die Stimme unangenehm eng und gequetscht wird. Henrike Jacob ist eine hübsche Mable, die mit leichter Stimme ihre Aufgabe auch sängerisch ordentlich, wenn auch nicht glanzvoll erledigt. Mit sattem Bass und komödiantischem Talent ist Gregor Dalal ein tadelloser Piratenkönig. John Pickering spielt und singt den Generalmajor Stanley mit Witz, kämpft aber mit dem Text. Natürlich ist das teilweise sehr anspruchsvoll zu singen, aber Sullivan hat diese Brillanz aus gutem Grund einkomponiert, und die Musik fordert dann auch die entsprechende Virtuosität. Lukas Schmid als Polizeisergeant und Plamen Hidjov als rauhbeiniger Pirat Samuel sind ganz akzeptable Besetzungen.

Sehr aufmerksam und klangschön singen der von Inna Batyuk offensichtlich bestens einstudierte Chor und Extrachor, die viel zu tun haben, und auch das Sinfonieorchester Münster spielt überzeugend. Kapellmeister Stefan Veselka koordiniert das keinesfalls leichte Stück umsichtig, ein paar kleine Wackler fallen nicht weiter ins Gewicht. Vielleicht dirigiert er sogar ein wenig zu sehr auf Sicherheit, sozusagen mit angezogener Handbremse – das klingt alles sehr schön und kultiviert, durchaus auch spritzig, aber eine Prise mehr an Übermut könnten diese Piraten dennoch gebrauchen.


FAZIT

Die Brillanz, die Gilbert & Sullivans famose Piraten von Penzance musikalisch verdient hätten, kann das Theater Münster nicht bieten, aber die am Gärtnerplatz in München bereits sehr erfolgreich gespielte Inszenierung von Holger Seitz sorgt auch hier für gute Unterhaltung mit Hintersinn.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Stefan Veselka

Regie
Holger Seitz

Choreographie
Fiona Copley
Holger Seitz

Bühne
Herbert Buckmiller

Kostüme
Götz Lanzelot Fischer

Chor
Inna Batyuk

Dramaturgie
Jens Ponath


Statisterie der
Städtischen Bühnen Münster

Chor und Extrachor der
Städtischen Bühnen Münster

Sinfonieorchester
der Stadt Münster


Solisten

Piratenkönig
Gregor Dalal

Generalmajor Stanley
John Pickering

Samuel
Plamen Hidjov

Frederic
Philippe Clark Hall

Sergeant der Polizei
Lukas Schmid

Mabel
Henrike Jacob

Edith
Eva Bauchmüller

Kate
Lisa Wedekind

Isabel
Christina Holzinger

Ruth
Suzanne McLeod



Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Städtische Bühnen Münster
(Homepage)



Da capo al Fine

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