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Musiktheater
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Ahnen

Ein Stück von Pina Bausch
(Uraufführung: 21.03.1987)

Aufführungsdauer: ca. 2h 55' (eine Pause)

Neueinstudierung im Opernhaus Wuppertal am 10. Mai 2014
(rezensierte Aufführung: 12.05.2014)

 



Tanztheater Wuppertal
(Homepage)

Ein Stück über das Älterwerden

Von Thomas Molke / Fotos von Ursula Kaufmann

Zum Ende des 40-jährigen Jubiläums des Tanztheaters Wuppertal, bei dem unter dem Motto PINA40 nahezu das ganze choreographische Schaffen Pina Bauschs in ihrer Wuppertaler Zeit entweder mit dem aktuellen Ensemble auf der Bühne präsentiert wird oder in historischen Aufnahmen mit den Uraufführungsbesetzungen im Kino zu erleben ist, wird nun auch noch einmal ein Stück aus den 80er Jahren neu einstudiert, einer Zeit, in der sich Bausch zwar als Leiterin der Tanzsparte in Wuppertal bereits etabliert, allerdings noch nicht den Kultstatus erlangt hatte, der auch fast fünf Jahre nach ihrem Tod immer noch zu ausverkauften Häusern führt, obwohl es sich um "alte" Produktionen handelt. Ahnen erlebte seine Uraufführung im Schauspielhaus Wuppertal am 21. März 1987 und atmet wie die meisten ihrer Stücke aus den 80er Jahren den melancholischen Tonfall, der Bauschs Schaffen nach dem Verlust ihres Partners Rolf Borzik nachhaltig prägte.

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Dominique Mercy

In einem bombastischen Bühnenbild von Peter Pabst mit meterhohen Kakteen handelt das Stück vor allem vom Älterwerden und entwickelt nach fast 30 Jahren einen ganz eigentümlichen Charme, da mit Dominique Mercy, Lutz Förster und Jean-Laurent Sasportes noch drei Tänzer der damaligen Uraufführungsbesetzung dabei sind. Wenn Mercy und Förster als alte Männer auf Liegestühlen mit einer Wolldecke auf dem Schoß sitzen, und Förster seinem chinesischen Sitznachbarn (Michael Strecker) den von Mercy auf Französisch vorgetragenen Text der "Habanera" aus Carmen ins Deutsche übersetzt, wirkt diese Szene heute noch authentischer als vor knapp 30 Jahren. Der trockene Sprachwitz, den Förster in diese Übersetzung einbaut, begeistert die Zuschauer immer noch, vor allem wenn Förster "enfant de Bohème" mit "Kind aus Böhmen" erläutert. Auch tänzerisch machen die drei deutlich, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehören. So beweist Mercy beim starken Ausdruckstanz enorme Kondition, Förster begeistert bei einem Solo mit Hut als Eintänzer, und Sasportes versucht mehrmals, durch einen Reifen zu springen, der vor eine Wand gehalten wird, so dass er beim Sprung zwangsläufig immer wieder zu Boden geht.

Natürlich handelt das Stück auch von zerstörerischen Beziehungen zwischen Mann und Frau, was von Dominique Mercy und Nazareth Panadero recht schonungslos vorgeführt wird. So deutet Panadero beispielsweise an, Mercys Zunge herauszuziehen und um seinen Kopf zu wickeln oder seinen Arm mit seinem Bein zu vertauschen, während Mercy vorgibt, mit Panaderos Kopf Golf zu spielen und ihre Ohrläppchen bis auf den Fußboden zu ziehen, um sie dann plötzlich loszulassen. Auch wenn das Publikum in dieser Szene lacht, ist es wohl mehr ein Ausdruck des Entsetzens, weil Mercy und Panadero bei diesem recht grausamen Spiel keinerlei emotionale Regungen zeigen. Auch mit dem Publikum wird nicht gerade zimperlich umgegangen. Wenn Christiana Morganti einen völlig sinnfreien Vortrag über das Summen einer Fliege hält, ermahnt sie einzelne Zuschauer in der ersten Reihe recht autoritär, sich aufrecht hinzusetzen, und fährt in ihrem Vortrag erst fort, wenn die Zuschauer ihrer Aufforderung Folge geleistet haben.

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Ensemble in einem Wald aus Kakteen

Neben einigen komischen Momenten - Aida Vainieri beispielsweise tanzt zur Unterhaltungsmusik der 30er Jahre auf allen Vieren einen Paartanz, während sie an den Händen hohe Stöckelschuhe trägt und ihr Oberkörper mit einem Rock bedeckt ist, unter dem die Arme wie zwei Beine hervorschauen - überwiegen alles in allem eher melancholische Momente der Einsamkeit, die durch die "Kakteenwüste" des Bühnenbildes noch unterstützt werden. Im Hintergrund ist Ditta Miranda Jasjfi permanent damit beschäftigt, Steine aufeinanderzusetzen, um sich ein Haus zu bauen, kommt allerdings über die Grundmauern nicht hinaus. Julie Anne Stanzak hat sich ein rotes Herz um das Gesicht gemalt, sitzt mit ihrer Kerze allerdings einsam auf einem Stuhl, und Nayoung Kim wird von Franko Schmidt immer wieder zu einem Tisch geführt, an dem sie nahezu lethargisch an einer Mahlzeit kaut, bis sie hin und wieder die Aufmerksamkeit auf sich regt, indem sie einen Schuss aus einer Pistole abgibt. Besonders offensichtlich wird diese Einsamkeit, wenn eine Windmaschine Zeitungsblätter über die Bühne wehen lässt, der Wind den einsamen Menschen regelrecht um die Ohren fegt und das wehende Papier das unaufhaltsame Verstreichen der Zeit andeutet. Da nützt es auch nichts, dass sich die Tänzerinnen zu einem Easy-Listening-Song aus Japan mit fröhlichen Gesichtern in eine Stuhlreihe setzen und sich im Takt der Musik bewegen. Ein laut dröhnender Modellhubschrauber vertreibt sie mit seinem Lärm aus ihrer kleinen heilen Welt.

Der Titel des Abends dürfte vor allem auf ein Bild anspielen, mit dem der Abend beginnt und das zum Ende erneut wieder aufgegriffen wird. Zu lauter Rockmusik aus Japan führt Scott Jennings im Schottenrock mit Kettenpiercing im Mund mehrere Tänzer auf die Bühne, die sich zu einer Art Familienfoto gruppieren, wobei sie optisch eigentlich gar nicht zusammenpassen. Da steht ein Pärchen im Raubtierlook, das eine freundliche Maske mit Schleife auf dem Kopf trägt, neben einem weiteren Paar, das mit einem Stock im Rücken immer den Hut verrutschen lässt, und einem Mann mit Strumpfmaske, der gemeinsam mit Jennings die Harmonie des Bildes völlig zerstört. Dennoch könnte das einen Eindruck von Familie oder Vorfahren vermitteln, die den eigenen Weg auf die eine oder andere Weise geprägt haben. Mit großem Applaus und teilweise stehenden Ovationen endet der Abend.

FAZIT

Auch wenn das Stück einige Längen hat, hat Bauschs Bildersprache auch nach so vielen Jahren nichts an Reiz verloren und zieht das Publikum immer noch in ihren Bann.



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Produktionsteam

Inszenierung und Choreographie
Pina Bausch

Bühne
Peter Pabst

Kostüme
Marion Cito

Probenleitung und Mitarbeit
Ruth Amarante
Bénédicte Billiet

Dramaturgie
Raimund Hoghe

 


Solisten

Pablo Aran Gimeno
Andrey Berezin
Matthias Burkert
Ale
Čuček
Lutz Förster
Ditta Miranda Jasjfi
Scott Jennings
Barbara Kaufmann
Nayoung Kim
Daphnis Kokkinos
Dominique Mercy
Christiana Morganti
Nazareth Panadero
Jean-Laurent Sasportes
Franko Schmidt
Azusa Seyama
Julie Shanahan
Julie Anne Stanzak
Michael Strecker
Fernando Suels Mendoza
Aida Vainieri
Anna Wehsarg
Paul White
Tsai-Chin Yu

Saxophonist
André Enthöfer

Modellhubschrauber Steuerung
Daniel Freier


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Tanztheater Wuppertal
(Homepage)




Da capo al Fine

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