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Alcina

Dramma per musica in drei Akten
Libretto nach Antonio Fanzaglia und Antonio Marchi
Musik von Georg Friedrich Händel

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 55' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Wuppertal am 23. März 2014
(rezensierte Aufführung: 11.04.2014)


Logo: Wuppertaler Bühnen

Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Abschiedsgeschenk eines scheidenden Intendanten


Von Thomas Molke / Fotos von Uwe Stratmann

Bevor der Opernintendant der Wuppertaler Bühnen, Johannes Weigand, zum Ende der Spielzeit das Haus verlässt und die Bühnen unter dem neuen Opernintendanten und Generalmusikdirektor Toshiyuki Kamioka in eine von den Wuppertalern bisher noch kritisch beäugte Zukunft mit Stagione-Betrieb und ohne festes Opernensemble gehen, hat Weigand mit seiner vorerst letzten Inszenierung für das Haus noch einmal manifestiert, welch gute Arbeit er in den letzten Jahren an der Wupper geleistet hat. Immerhin übernimmt Kamioka in seinen Spielplan mit Il barbiere di Siviglia und Hänsel und Gretel zwei alte Inszenierungen von Weigand als Wiederaufnahmen. Auch die neue Alcina-Produktion wäre, was den Zuspruch des Publikums und die Einfachheit des Bühnenbildes betrifft, sicherlich für eine Wiederaufnahme in einer der kommenden Spielzeiten geeignet. Leider hat man nur nicht mehr das Ensemble, und es ist fraglich, ob sich die jetzigen Sängerinnen und Sänger als Gäste erneut für diese Produktion verpflichten ließen. Elena Fink beispielsweise soll die Anfrage für die Rosina im Barbiere beispielsweise schon abgesagt haben.

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Alcina (Elena Fink) und Ruggiero (Joslyn Rechter)

Händels letzter großer Opernerfolg in London basiert wie Orlando und Ariodante auf einer Episode aus Ludovico Ariosts großem Ritterroman Orlando furioso und erzählt von der Zauberin Alcina, die auf ihrer Insel Männer verführt und sie anschließend in Blumen, Tiere oder Steine verwandelt. Auch der Kreuzritter Ruggiero wird auf ihre Insel gelockt und vergisst darüber nicht nur seinen eigentlichen Auftrag, sondern auch seine Verlobte Bradamante, die sich hingegen mit seinem Erzieher Melisso aufgemacht hat, um den verschollenen Geliebten zu suchen. Als sie ebenfalls auf der Zauberinsel strandet, gibt sie sich als ihr eigener Bruder Ricciardo aus. Ruggiero erkennt sie nicht, macht ihr aber klar, dass er seine ehemalige Verlobte vergessen habe und bei Alcina bleiben wolle. Zu allem Unglück verliebt sich auch noch Alcinas Schwester Morgana in die verkleidete Bradamante, was wiederum die Eifersucht Orontes hervorruft, der als Feldherr Alcinas mit Morgana liiert ist. Schließlich gibt sich Melisso Ruggiero zu erkennen und überzeugt ihn, dass er die Insel verlassen muss. Alcina versucht verzweifelt, den Geliebten zu halten, und stellt erschrocken fest, dass sie mit ihrer Liebe zu Ruggiero zugleich auch ihre Macht über die Insel verloren hat. So muss sie tatenlos zusehen, wie Ruggiero im Moment seiner Abreise die Zauberinsel zerstört und ihr Reich untergeht.

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Bradamante / Ricciardo (Nohad Becker) versucht, zwischen Morgana (Dorothea Brandt) und Oronte (Christian Sturm) zu schlichten.

Moritz Nitsche hat für Alcinas Zauberinsel ein relativ einfaches Bühnenbild entworfen, welches aus einem halbrunden Gerüst besteht, das mit Tüchern bespannt ist, auf die verschiedene Bilder projiziert werden, die möglicherweise für die verwandelten Menschen auf Alcinas Insel stehen. Der Chor befindet sich nämlich als Schattengestalten hinter diesen Tüchern und wird erst sichtbar, nachdem Alcinas Zauber gebrochen ist und die Verwandlungen rückgängig gemacht worden sind. Ein weißer Rahmen an der Bühnenrampe lässt dieses Zauberreich wie ein Gemälde erscheinen, in das Bradamante und Melisso während der Ouvertüre aus dem Zuschauersaal durch den erhöhten Orchestergraben eintreten. Alcinas Zauberurne besteht aus zahlreichen Spiegeln, die ebenfalls mit unterschiedlichen Lichteffekten ein magisches Reich andeuten. Mit einer Scheibe in der Mitte scheint Alcina ihre Zauberkraft auszuüben. Diese Scheibe wird allerdings am Ende nicht zerstört, sondern von Oberto genutzt, um den Takt für den Schlussgesang zu schlagen. Nun verlassen Bradamante und Melisso gemeinsam mit Ruggiero und Oberto die Insel auf dem gleichen Weg durch den Orchestergraben und den Zuschauerraum, auf dem sie auch in dieses Zauberreich gelangt sind.

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Alcina (Elena Fink) mit ihrer Zauberurne

Die Kostüme von Judith Fischer sind fantasievoll gestaltet und zeigen, dass Alcinas Welt nicht real ist. Während Alcina zu Beginn in einem sehr aufwändigen bunten Kostüm mit viel Tüll auftritt, wird ihre schwindende Macht deutlich, wenn nach der Pause das Kostüm nur noch Grautöne aufweist. Damit hat sie ihre Anziehungskraft für Ruggiero verloren, der zunächst eine glitzernde Jacke mit zahlreichen darauf aufgesetzten Stricken trägt, die wohl andeuten, dass er ganz in Alcinas Macht steht. Erst wenn er diese für die Jagd auf der Insel abgelegt und seinen Helm mit dem Federbusch aufgesetzt hat, wird er wieder zum Kreuzritter, der seine eigentliche Aufgabe im Blick hat. Morganas bräunlich gehaltenes Kleid erinnert im Schnitt an das Kostüm Alcinas und macht deutlich, dass sie als Alcinas jüngere Schwester weniger Macht hat. Oronte wirkt in seinem froschgrünen eng anliegenden Outfit wie ein Naturwesen der Insel. Oberto scheint mit seinem gelben Pullover bereits die Farbe seines in einen Löwen verwandelten Vaters angenommen zu haben. Nur Bradamante und Melisso heben sich in ihren schwarzen Kostümen deutlich von dieser Zauberwelt ab, wobei bei Bradamante der Wechsel vom vermeintlichen Bruder Ricciardo zur begehrenswerten Frau im wallenden dunkelblauen Kleid ebenfalls gut gelingt. Sieht man von kleineren Regie-Mätzchen einmal ab, folgt Weigand auch stringent der Handlung der Oper. Warum Ruggiero unter seinen Waffen auch eine Pistole tragen muss, mit denen sich Alcina am Ende erschießt, ist sicherlich diskutabel, zumal der Schuss in den Mund und der anschließende blutrote Streifen auf dem weißen Rahmen, an dem Alcina in sich zusammensackt, sicher nicht nötig gewesen wären, um zu demonstrieren, dass Alcinas Reich zerstört worden ist. Schließlich sind die Tücher schon vorher gefallen, und der Zauber der Insel ist bereits gebannt.

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Alcinas (Elena Fink, vorne Mitte) Macht ist besiegt (rechts: Oronte (Christian Sturm), im Hintergrund: Opernchor).

Das um Gäste erweiterte Sinfonieorchester Wuppertal setzt unter der musikalischen Leitung von Boris Brinkmann Händels Partitur sauber intoniert um. Nur in Alcinas großer Arie "Ah! mio cor!" im zweiten Akt hätte man sich ein weniger braves Dirigat gewünscht. Alcina hat schließlich in dieser Arie gerade erkannt, dass ihr Geliebter Ruggiero sie hintergeht, was vor ihm noch nie ein Mann gewagt hat. Sie ist völlig verwirrt und verbittert, was sich eigentlich in unruhigen, regelrecht bebenden Tempi ausdrückt. Die musikalische Sprengkraft wird damit leider verschenkt, auch wenn Elena Fink mit großartigem Sopran in der Titelpartie alles gibt, um den Glanz dieser großartigen Arie zu erhalten. Ansonsten ist musikalisch an diesem Abend nichts zu beanstanden. Dorothea Brandt verfügt über einen wunderbar reinen, in den Höhen glockenklaren Sopran, mit dem sie Alcinas jüngere Schwester Morgana als lebenslustiges junges Mädchen ausstattet. Großartig gelingen ihr die Arie "Ama, sospira" im zweiten Akt, wenn sie Alcina davon abhält, Bradamante / Ricciardo in ein wildes Tier zu verwandeln, oder ihr herzergreifendes "Credete al mio dolore" im dritten Akt, mit dem sie Oronte um Vergebung für ihren Treuebruch bittet. Bei so einem lieblichen Gesang muss jeder Mann schwach werden. Christian Sturm stattet den Oronte mit flexiblem Tenor aus. Annika Boos und Martin Js. Ohu gefallen ebenfalls als Oberto und Melisso.

Joslyn Rechter stellt erneut unter Beweis, dass sie stimmlich und darstellerisch für Hosenrollen prädestiniert ist. So nimmt man ihr den Kreuzritter Ruggiero, der zunächst Alcinas Reizen erliegt, schließlich aber doch an seine eigentliche Bestimmung denkt, mit allen Facetten ab. Ihr Mezzosopran verfügt dabei einerseits über eine innige Wärme, wenn sie in ihrer Arie "Verdi prati" am Ende des zweiten Aktes noch einmal die Schönheiten der Insel besingt, und andererseits über große Beweglichkeit in den Koloraturen, wenn sie mit der Arie "Sta nell'Ircana" in den Kampf gegen die bewaffneten Truppen zieht. Nohad Becker begeistert als Bradamante mit grandiosen Koloraturen, die vor allem in ihrer großen Rachearie "Vorrei vendicarmi" im zweiten Akt zum Ausdruck kommen, wenn sie Ruggiero für seine Untreue zur Rechenschaft zieht. Beckers Mezzo verfügt ferner über eine voluminöse Tiefe, die ihren Auftritt als verkleideter Mann durchaus glaubhaft macht. So gibt es am Ende lang anhaltenden und begeisterten Applaus für alle Beteiligten, in den sich vielleicht auch ein bisschen Wehmut darüber mischt, dass dieses Ensemble in der nächsten Spielzeit so nicht mehr existieren wird.

FAZIT

Weigand hat mit dieser Inszenierung den Wuppertalern musikalisch und szenisch ein schönes Abschiedsgeschenk gemacht. Kamioka sollte überlegen, ob er nicht auch diese Inszenierung in einer späteren Spielzeit wieder aufnimmt.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Boris Brinkmann

Inszenierung
Johannes Weigand

Bühne
Moritz Nitsche

Kostüme
Judith Fischer

Licht
Fredy Deisenroth

Choreinstudierung
Jens Bingert

Dramaturgie
Ulrike Olbrich

 

Opernchor der
Wuppertaler Bühnen

Sinfonieorchester Wuppertal


Solisten

Alcina
Elena Fink

Ruggiero
Joslyn Rechter

Bradamante
Nohad Becker

Morgana
Dorothea Brandt

Oronte
Christian Sturm

Melisso
Martin Js. Ohu

Oberto
Annika Boos

Astolfo / Löwe
Bastian Bastian

 


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



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