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Bandoneon

Ein Stück von Pina Bausch
Musik: Argentinische Walzer und Tangos

Aufführungsdauer: ca. 2h 50' (eine Pause)

Premiere der Neueinstudierung im Opernhaus Wuppertal am 24. Januar 2014
(Uraufführung: 21. Dezember 1980 im Opernhaus Wuppertal)


Logo: Tanztheater Pina Bausch

Tanztheater Wuppertal
(Homepage)
Ein Tänzer, der nicht lächelt, ist kein Tänzer

Von Stefan Schmöe / Fotos haben wir leider nicht

Ein großer Raum, mit halbhoher Holzvertäfelung, die Wand darüber könnte mal wieder einen neuen Anstrich vertragen; fensterlos, nur eine Tür führt nach rechts hinaus. Darinnen stehen Cafétische und –stühle, denen man den Gebrauch deutlich ansieht. An den Wänden riesige vergilbte Fotografien, darauf abgebildet sind Boxer aus besseren Sportzeiten. Vielleicht sah es einmal so in den Cafés abseits der Boulevards von Buenos Aires aus, und vielleicht hörte man dort einmal argentinische Tangos und Walzer vom Anfang des 20. Jahrhunderts, gesungen und begleitet von einem Salonorchester, unter den Instrumenten das akkordeonartige Bandoneon. Den in nostalgisch warmes Dämmerlicht getauchten Bühnenraum hat Gralf-Edzard Habben gebaut, gleichzeitig schützender und auswegloser als die gar nicht so anderen Räume zu Kontakthof oder Café Müller des ein Jahr zuvor verstorbenen Rolf Borzik – es blieb die einzige Zusammenarbeit des Bühnenbildners mit Pina Bausch, eigentlich bedauerlich (wäre da nicht Peter Pabst mit seinen wahnsinnigen Bildlösungen gekommen und zu Pina Bauschs kongenialem Partner geworden).

Bis vom Band die Musik einsetzt, dauert es mehr als eine Viertelstunde. Ein Tänzer (hinreißend: Fernando Suels Mendoza) betritt im Anzug die leere Bühne mit der unvergleichlichen und für die Stücke von Pina Bausch so charakteristischen Mischung von verschämter Schüchternheit und Eleganz. Er schaut ins Publikum, scheint jemanden zu suchen (und nicht zu finden), ist zunehmend irritiert. „Ich muss etwas machen“, ruft er hilflos und rennt aus dem Saal. Etwas machen müssen, vor Publikum, das ist so etwas wie das Leitthema dieses Tanzabends. Immer wieder gibt es kleine Sprechszenen, in denen von den Schikanen der Ballettausbildung die Rede ist. Und es gibt viele Szenen, in denen einzelne Tänzer, einmal auch nach und nach das gesamte Ensemble vor den anderen auftritt und von den anderen mit frenetischem Applaus empfangen wird. Am Ende des zweiten Teils baut sich das Ensemble in einer Reihe vor der Rampe auf, als werde nun etwas Besonderes passieren, ein großes Ensemble vielleicht – aber dann treten einzelne Paare wieder auseinander.

Und dann ist da Dominique Mercy, Tänzer der ersten Stunde von Pina Bauschs Wuppertaler Tanztheater und nach dem Tod der Choreographin ins Leitungsteam berufen und immer noch auf der Bühne aktiv. Früh zieht er sich seinen Anzug aus und ein (Frauen-)Ballettkleid an und macht unendlich einsam (wie in so vielen Bausch-Stücken) ein paar komische Balletschritte und fällt schließlich auf die Seite – ein Ablauf, der sich mehrfach wiederholt an diesem Abend bis zum Schlussapplaus, bei dem Mercy immer noch unermüdlich seine Bewegungsfolge im Hintergrund abspult. So viel zur Bedeutung des klassischen Balletts.

Bandoneon wirkt weniger collagiert als andere Bausch-Stücke, geschlossener in der Anlage, konzentrierter im Aufbau, manchmal beinahe spröde. Natürlich trägt die einheitliche Musik dazu bei, die diesmal nicht zwischen verschiedenen Musikstilen hin und her springt (mehrfach singt ein Tänzer halblaut eine Opernarie, unbegleitet, vor sich hin, aber das gehört eher dem Bereich des Gesprochenen an als der Musik). Auch scheinen die Ensembles, die Sprechszenen stärker aufeinander bezogen zu sein. Es wird getanzt, wenn auch sehr reduziert – Tango im Sitzen, Tango auf Knien, (aber nie ein „echter“ Tanzschulen-Tango). In einer Szene heben die Herren scheinbar mühelos die Tänzerinnen, die steif wie Puppen bleiben, auf einem Arm in die Höhe. Sprechszenen haben nicht die Dominanz wie in anderen Stücken der Zeit, was vielleicht auch daran liegt, dass charismatische und in ihrer individuellen Art kaum austauschbare Akteure wie Mechthild Großmann oder Jan Minarik nicht mehr dabei sind und sich durch Umbesetzungen die Akzente verschieben.

Von der Uraufführungsbesetzung tanzen in dieser Neueinstudierung noch der schon genannte Dominique Mercy, Nazareth Panadero und Jean-Louis Sasportes (Lutz Förster, der aktuelle künstlerische Leiter, der hier ebenfalls selbst tanzt, gehörte zwar schon früher zum Ensemble, wirkte aber bei Bandoneon nicht mit). Vielleicht liegt es an der etwas altmodischen, dabei ganz wunderbaren Eleganz des Stücks, dass nicht alle Um- und Neubesetzungen ohne Reibungsverlust gelungen sind. Die kleine Ditta Jasijfi etwa, die in anderen (jüngeren) Bausch-Stücken so großartig im Zentrum steht, kann hier ihre Persönlichkeit nicht so ausspielen wie sonst (und selbst Lutz Förster merkt man an, dass die Texte nicht für ihn entwickelt sind). Das sind wohl unvermeidliche Zugeständnisse, die man an eine Neueinstudierung eines so stark mit den Individualitäten der Tänzer spielenden Stücks machen muss. Auf der anderen Seite gewinnt Bandoneon dadurch vielleicht noch mehr an Geschlossenheit, wird noch stärker zum Ensemblestück.

Es gibt einige sehr witzige Szenen. Lutz Förster lässt melodramatisch das Foulspielen beim Fußball üben. Nazareth Panadero liest mehrfach ein Gedicht Heinrich Heines („Im wunderschönen Monat Mai“) an der Rampe vor, oft fast kämpferisch gegen die Musik. Die Atmosphäre ist gelassener, weniger aufgedreht und überspannt als in 1980 ein paar Monate zuvor. Die Fröhlichkeit ist nicht so ausgeprägt, die Angst dahinter auch nicht. Die (rhetorische) Frage, wie viel Ballett-Fassade, die ja immer eine Fassade des schönen Scheins ist – „ein Tänzer, der nicht lächelt, ist kein Tänzer“, lernen wir im Verlauf des Abends – das Publikum verdient (nämlich gar keine), das ist auch die Frage nach der alltäglichen Fassade. Vielleicht wäre es gerade bei Bandoneon spannend, die Choreographie einmal einer ganz anderen Compagnie anzuvertrauen, um einen der „alten“ Bausch-Tanzabende darauf hin zu prüfen, wie solche Fragen unter anderen als den bekannten Wuppertaler Vorzeichen funktionieren.


FAZIT

Ein (was auch sonst) individuelles Werturteil: Mit der heitere Melancholie, die über dem Stück liegt, ist Bandoneon - auch wenn mehr als 30 Jahre Theatergeschichte nicht völlig spurlos darüber hinweg gegangen sind – gerade wegen seiner mitunter spröden Form immer noch eines der schönsten Stücke Pina Bauschs.

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Produktionsteam

Inszenierung und Choreographie
Pina Bausch

Bühne
Gralf Edzard Habben

Kostüme
Marion Cito

Probenleitung und Mitarbeit Uraufführung
Hans Pop

Musikalische Mitarbeit
Matthias Burkert

Dramaturgie
Raimund Hoghe

Künstlerische Leitung der Neueinstudierung
Lutz Förster

Probenleitung Neueinstudierung
Bénédicte Billiet
Daphnis Kokkinos


Solisten

Tänzerinnen und Tänzer
Pablo Aran Gimeno
Andrey Berezin
Silvia Farias Heredia
Lutz Förster
Ditta Jasjfi
Scott Jennings
Nayoung Kim
Dominique Mercy
Thusnelda Mercy
Cristiana Morganti
Nazareth Panadero
Jean-Laurent Sasportes
Azusa Seyama
Julie Shanahan
Julie Anne Stanzak
Fernando Suels
Anna Wehsarg
Paul White




Weitere Informationen
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Tanztheater Wuppertal
(Homepage)




Da capo al Fine

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