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Der Rosenkavalier

Komödie für Musik in drei Aufzügen
Text von Hugo von Hofmannsthal
Musik von Richard Strauss

in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 4h 15' (zwei Pausen)

Premiere im Theater Altenburg am 12. Oktober 2014


Logo: Theater Altenburg - Theater Gera

Theater Altenburg - Theater Gera
(Homepage)
Tot, aber sexy

Von Stefan Schmöe / Fotos von Stephan Walzl

Das Altern hat die unangenehme Konsequenz, dass man irgendwann tot ist. Zu dieser eher schlichten Erkenntnis ist auch der noch ziemlich junge Regisseur Maximilian von Mayenburg gekommen, möglicherweise sogar beim Studium des Librettos vom Rosenkavalier. Da ist ja viel von der Zeit die Rede, und gelegentlich auch vom Sterben (wenn auch, betrachtet man andere Opern, eher unterdurchschnittlich viel). Sei's drum, von der Zeit über das Altern kommt man gedanklich schnell zum Tod. Und weil der noch ziemlich junge Regisseur sich vorgenommen hat, „neue Facetten zu beleuchten“ (denn „so exakt hielt man sich überall an die Vorgaben der Uraufführungsinszenierung, bis hin zu Kostümdetails – und das über Jahrzehnte“ - ach Maximilian von Mayenburg, hätten Sie doch intensiver dieses Musikmagazin verfolgt, dann wüssten Sie, dass diese librettotreuen Jahrzehnte nun auch schon Jahrzehnte vorbei sind und würden nicht solche hanebüchenen Äußerungen ins Programmheft diktieren), weil er sich „dem Stück aus einer neuen Perspektive aus zu nähern“ versucht, muss der Tod dran glauben. Leider auch der Rosenkavalier.

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Mit Knochenhand greift der gar hier nicht grimmige Tod in der Gestalt Octavians (Amira Elmadfa) nach der Marschallin (Anne Preuß)

Doch der Reihe nach: Die Marschallin, eine nicht mehr ganz so junge (und verheiratete) Frau, hat eine Affäre mit dem jungen Octavian, und als diese endet, wird ihr der eigene Alterungsprozess bewusst. Da ist Octavian also so eine Art Katalysator für die Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit. Dieser Octavian wiederum verguckt sich in die noch jüngere Sophie, die darob vom naiven jungen Mädchen zur liebenden Frau wird – noch so ein Katalysatoreffekt, auch wenn man hier lieber von „reifen“ als von „altern“ sprechen möchte. Da setzt die Regie an (oder besser: schlägt zu, und zwar kräftig), und jetzt bitte festhalten: Octavian ist der Tod, der per schwarzer Gondel zum Vorspiel herein gefahren wird (ein sehr hübscher Tod übrigens, wenn auch mit Knochenhand) und den einen oder anderen dahinrafft: Den Herrn Faninal, um dessen Gesundheit es laut Libretto ja sowieso nicht zum besten steht und der seinen letzten Satz aus der Gondel als Toter singt; den italienischen Sänger, der seine Arie ja so abrupt abbricht (und wir dachten immer, weil der rüpelhafte Ochs auf Lerchenau ihn unterbricht – aber nein, weil er beim Singen plötzlich verstirbt. Wenn man mit derart großer tenoraler Kraft, aber auch ebenso großer Anstrengung singt wie Erik Fenton an diesem Abend, ist das nicht einmal unwahrscheinlich.) Vermutlich auch den Ochs, der zwischen den zweiten und dritten Akt zum Greis wird (was den größten Teil des dritten Akt, wo er doch ein liebestoller Verführer sein sollte, zum gruseligen Totentanz werden lässt) und von dem nur ein paar Kleidungsstücke übrig bleiben. Die Marschallin und Sophie schauen dem Todesengel Octavian bedeutungsvoll nach, wenn er am Ende mit seiner Gondel davon fährt. Aber Strauss hat ja noch ein paar humorige Takte als allerletzten Schluss komponiert, und es soll ja Leute geben, die das als Kitsch empfinden. Nur so viel: Von Mayenburg hat das bemerkt, und Kitsch kann er auch.


Vergrößerung in neuem Fenster Die frivole Seite des Todes: Ochs (Tobias Pfülb) und Octavian, ziemlich sexy kostümiert als Kammerzofe Mariandl (Amira Elmadfa)

Nein, man muss nicht immer streng am Libretto entlang inszenieren, und oft genug werden tiefere Schichten eines scheinbar bekannten Werkes erst dadurch frei gelegt, dass kluge Regisseure Bruchstellen suchen oder gegen den gewohnten Strich inszenieren. Aber was Maximilian von Mayenburg da auf Biegen und Brechen (mehr auf Brechen) in den Rosenkavalier hineindeuten will, das geht derartig wenig auf, dass man sich schon fragt, warum ihm kein Dramaturg in den Regiearm gefallen ist, um diesen spätpubertären Unfug zu verhindern. Vermutlich lässt sich jeder Regieeinfall am Libretto begründen – aber nur, wenn man einzelne Textstellen aus dem Zusammenhang reißt und als bloße Phrasen missdeutet. Dieser Octavian, der doch permanent überfordert ist, erst mit den Lebensweisheiten der Marschallin, dann mit seiner eigenen Intrige gegen Ochs, zuletzt auch noch in der prekären Situation zwischen zwei begehrten und begehrenden Frauen, der soll gleichzeitig der allmächtige Tod sein? Da muss die Regie schon zwei sehr unterschiedliche Geschichten erzählen. Und dann ist da ja auch noch die Musik, die von Mayenburg gar nicht wahrhaben will. An der Partitur vorbei inszeniert hat er schon, bevor überhaupt der erste Ton gesungen ist. Wenn er nämlich zum Vorspiel auf offener Bühne die (vom Bettlaken verhüllte, aber offenbar heftige) Liebesszene zwischen Octavian und der Marschallin zeigt, ist der von Strauss ja ziemlich deftig auskomponierte Liebesakt (eine Kollegin schrieb jüngst sehr hübsch von den „Ejakulationstriolen“) längst vorbei. So genau kommt es nicht darauf an? Und im Finale, wo die Musik Octavian und Sophie doch ganz eindeutig zum Paar verschmelzen lässt, die Regie aber Octavian davon fahren und Sophie und die Marschallin zu Leidensgenossinnen werden lässt , da kommt es auch nicht so genau darauf an? Aber worauf denn dann?

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Gerade noch wollte sich Sophie (Akiho Tsujii, hinten) erhängen, wohl aus falsch verstandener Vorfreude über die bevorstehende Verlobung, da erscheint ganz klassisch der Rosenkavalier Octavian (Amira Elmadfa) und rettet die Situation, vorerst zumindest.

Bei allem Ärger über eine in weiten Teilen abstrus alberne Regie (da versucht Sophie doch tatsächlich, sich aus lauter Vorfreude über die Ankunft des Rosenkavaliers zu erhängen – das allein favorisiert von Mayenburg als Preisträger für den allerdämlichsten Regieeinfall der Saison) ist der Ansatz, die latente Todessehnsucht im Rosenkavalier herauszuarbeiten, ja nicht uninteressant, wäre er denn subtil in die Regie eingegangen. Nun ist „subtil“ so ziemlich das letzte Adjektiv, das einem bei dieser schreiend plakativen Inszenierung in den Sinn kommt. Dabei liefern die halb realistischen Bühnenbilder (der Zauberspiegel a la Harry Potter scheint allerdings entbehrlich) von Vincenz Gertler eigentlich „sprechende“ Räume, in denen sich die Geschichte vielschichtig inszenieren ließe, und ein paar hübsche Arrangements gibt es tatsächlich. Und die Sängerdarsteller deuten an, dass sie einer stringenten Personenregie gegenüber durchaus aufgeschlossen gewesen wären.


Vergrößerung in neuem Fenster Danse macabre: Octavian-Mariandl (Amira Elmadfa) und der inzwischen greise Ochs (Tobias Pfülb) im dritten Aufzug

Die drei großen Frauenpartien kann das Theater Altenburg und Gera aus eigenem Ensemble ganz ausgezeichnet besetzen. Amira Elmadfa ist ein glutvoll singender Octavian mit betörend schön eingedunkeltem Mezzosopran und „großem“ Ton. Den hat auch Anne Preuß als ebenfalls noch sehr junge Marschallin, mit markantem, aber gut kontrolliertem Vibrato und nicht unbedingt dramatischer, aber sehr schön tragender Stimme und gut sitzenden Spitzentönen, auch im Pianissimo. Wenn die beiden noch ein wenig an Sicherheit gewinnen, so möchte man orakeln, wird noch einiges von ihnen zu hören sein. Dann ist da noch Akiho Tsujii als bis in höchste Höhen souverän auftrumpfende, hübsche und sehr selbstbewusste Sophie. Da kann der Ochs von Tobias Pfülb, als Gast mit der wohl doch nicht ganz einfachen Akustik im wunderschönen Altenburger Opernhaus kämpfend, nicht mithalten. Das kleine Haus trägt die Stimmen, zumindest wenn sie im vorderen Teil der Bühne stehen, mühelos über das dezent gedeckt klingende Orchester hinweg (das sie, das ist die Schattenseite, aber auch nicht beschützend einhüllt). Pfülbs etwas knalliger Bariton entwickelt aber erst bei größerem Volumen den vollen Klang, und daher ist der Sänger permanent zu laut, reagiert zudem kaum auf das Orchester. Das mag bei größeren Häusern funktionieren (und sogar notwendig sein), hier fällt er ziemlich uncharmant aus dem Gesamtklang heraus.

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Da fährt er hin, der Tod Octavian (Amira Elmadfa), und den verstorbenen Faninal (Johannes Beck, links) nimmt er schon ' mal mit.

Chefdirigent Laurent Wagner hält umsichtig das insgesamt gute, am Ende des langen und schweren Stückes hörbar erschöpfte Philharmonische Orchester Altenburg-Gera und das komplexe Bühnengeschehen zusammen. Das ist klangschön musiziert (leider bleibt das Fernorchester im dritten Akt sehr fern und mischt sich zu wenig mit den Klängen aus dem Graben), aber auch sehr auf Sicherheit dirigiert und mehr dezente Begleitung der Sänger als symphonischer Impulsgeber. Mit einem Gast für den Ochs und zwei Debütantinnen am Haus als Marschallin und Octavian und einem Orchesterapparat, der bis an die Grenzen des Hauses (und stellenweise darüber hinaus) geht, ist solche kapellmeisterliche Zurückhaltung nicht das Schlechteste, und im Verlauf der Produktion lassen sich wohl auch noch ein paar musikalische Freiheiten ausreizen.


FAZIT

Man muss allerlei recht ärgerlichen Regieunsinn ertragen in diesem musikalisch zwar uneinheitlichen, aber gerade in den Frauenpartien sehr bemerkenswert gesungenen Rosenkavalier.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Laurent Wagner

Inszenierung
Maximilian von Mayenburg

Bühne
Vinzenz Gertler

Kostüme
Gabriele Jaenecke

Licht

Chor
Holger Krause

Dramaturgie
Felix Eckerle



Kinderchor von Theater & Philharmonie Thüringen

Opernchor von Theater & Philharmonie Thüringen

Philharmonisches Orchester Altenburg-Gera


Solisten

Die Feldmarschallin
Anne Preuß

Der Baron Ochs auf Lerchenau
Tobias Pfülb

Octavian
Amira Elmadfa

Herr von Faninal
Johannes Beck

Sophie
Akiho Tsujii

Jungfer Marianne Leitmetzerin
Sin Ae Choi

Valzacchi
Mark Bowman-Hester

Annina
Judith Christ

Ein Sänger
Erik Fenton

Ein Polizeikommissar
Andreas Drescher

Der Haushofmeister
bei der Feldmarschallin
Günter Markwarth

Der Haushofmeister
bei Faninal
Erik Fenton

Ein Notar
Andreas Drescher

Ein Wirt
Günter Markwarth

Drei adelige Waisen
Jin Hee Lee
Claudia Müller
Valentina Koshmanova

Eine Modistin
Iris Eberle

Ein Tierhändler
Lei Shi

Lakaien / Kellner
Gonzalo Diaz
Eberhard Dunkel
Konrad Zorn
Siungsik Moon

Die Lerchenauischen
Michael Rieger
Winfried Roscher
Xiangnan Yao
Andreas Veit

Hausknecht
Xiangnan Yao

Musikanten
Andreas Veit

Kutscher
Xiangnan Yao






Weitere Informationen
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Bühnen der Stadt Gera und Landestheater Altenburg
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