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Lady Macbeth von Mzensk

Oper in vier Akten
Libretto von Alexander Preis nach der gleichnamigen Novelle von Nikolai Leskow
Musik von Dmitrij Schostakowitsch

in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 15' (eine Pause)

Kooperation mit Den Norske Opera & Ballett in Oslo (Premiere in Oslo: 5.9.2014)
Premiere der Deutschen Oper Berlin am 25. Januar 2015
(rezensierte Aufführung: 31. Januar 2015)


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Deutsche Oper Berlin
(Homepage)
Im Bett mit Fischen

Von Lisa Jüttner / Fotos: © Marcus Lieberenz

In Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk scheint es - wieder mal - um die Emanzipation einer Frauenfigur zu gehen. Katerina, gelangweilt von ihrem Leben und ihrer Ehe mit dem Kaufmann Sinowij Ismailow, leidet unter der Eintönigkeit ihres Daseins und der Repression ihres Stiefvaters Boris. Während ihr Gatte sich um einen Dammbruch in einem entfernten Lagerhaus kümmern muss, nähert sich Katerina dem Arbeiter Sergej und entdeckt dabei nicht nur ihre Liebe zu einem Mann, sondern ihr eigenes sexuelles Lustempfinden, welches ihr bislang in der Ehe verwehrt geblieben war. Als ihr Stiefvater von dem Verhältnis erfährt, peitscht er den Liebhaber aus und sperrt ihn in den Keller. Katerina, von einer plötzlichen machtvollen Verzweiflung gepackt, vergiftet Boris und befreit Sergej. Um die gemeinsame Zukunft zu retten, ermorden die Liebenden auch gleich noch den Ehemann, der nach dem Tod seines Vaters herbeieilt. Während der Hochzeitsfeier entdeckt der Schäbige die Leiche Sinowjis im Keller und unterbreitet seine Entdeckung begeistert auf der Polizeiwache. Katerina und Sergej werden festgenommen und abtransportiert, die Umstände scheinen die Braut jedoch weniger zu stören, als dass ihr Liebhaber mit der Gefangenen Sonjetka eingeht. Auf einer Brücke stürzt sie sich und die Konkurrentin in den Fluss.

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Katerina und Sergej werden beim Liebesakt musikalisch begleitet

Pardon, aber dieses Bild ist nur honorarfrei mit der nachfolgenden kompletten Bildzeile:
LADY MACBETH VON MZENSK von Dmitrij Schostakowitsch, Deutsche Oper Berlin, copyright: Marcus Lieberenz

"Was ist los mit dieser Frau?", fragt man sich, wenn man die Rahmenhandlung betrachtet. Wirkliche Sympathien entwickeln sich jedenfalls nicht. Doch die Inszenierung der Deutschen Oper überzeugt mich völlig. Ich fühle mit der einsamen Frau, deren einzige Abwechslung es ist, ihrem tyrannischen Stiefvater das Abendessen zu bringen. Ich sehe, wie sie in diesem Mann sich selbst findet, ihre Sexualität, ihre Leidenschaft und ihren Freiheitsgeist. Sie steht kurz davor, sich selbst zu verwirklichen, doch sie weiß nicht, wie das geht. Gefangen auf einer Insel, umgeben von stinkenden Fischen, mit denen ihr Ehemann handelt, scheint die radikale Beseitigung ihrer Peiniger der einzige Ausweg zu sein. Dass ihr der Selbstmord als letzter selbstbestimmter Schritt erscheint, um ihre Qualen zu beenden, ist beeindruckend und erschütternd zugleich.

Möglicherweise liegt es an dem genialen Bühnenbild, dass den idealen Schauplatz für Katerinas Verfall bildet. Ein unscheinbares Haus, inmitten einer Insel, graue Nebelschwaden schweben permanent über der Szene. Durch die Drehbühne wird ein Blick ins Innere des Gebäudes möglich und zeigt Katerinas Bett. Je weiter sich die Handlung vollzieht, desto mehr Elemente des Hauses werden abgebaut. Während der Hochzeitszeremonie steht lediglich eine Wand, im Schlussakt bleibt nur noch die Insel und wird zur Schlafstätte der Gefangenen. Ein weiterer Vorteil ist die Beweglichkeit des Elements, Figuren können, auf der Insel stehend, dem Blick der Zuschauer entschwinden. Genauso können sie außerhalb davon stehen und werden so selbst zum Betrachter des Vorbeiziehenden. Es entsteht das Gefühl von Orientierungslosigkeit, von sich im Kreis drehen und trotzdem nicht vom Fleck kommen.

Foto

Boris bedroht Katerina mit einem der allgegenwärtigen Fische

Pardon, aber dieses Bild ist nur honorarfrei mit der nachfolgenden kompletten Bildzeile:
LADY MACBETH VON MZENSK von Dmitrij Schostakowitsch, Deutsche Oper Berlin, copyright: Marcus Lieberenz

Möglicherweise liegt es an dem hervorragenden Orchester unter der Leitung von Donald Runnicles, das Schostakowitschs Musik in der Inszenierung mitsprechen lässt. Dunkel und bedrohlich begleiten die Musiker Boris, während er um die Ecke kommt, so dass sich seine Gestalt schon bald nur durch die Klänge erahnen lässt und einem Schauer über den Rücken jagt. Gleichzeitig fein und zerbrechlich zeigt sich die Musik im perfekten Pianissimo und unterstützt Katerina in ihren Klagen. Die Affinität des Komponisten zu filmmusikähnlichen Elementen wird deutlich durch die wiederkehrenden Instrumentalpartien, die perfekt in den Verlauf der Handlung eingebunden werden.

Möglicherweise sind es auch die Sänger und Sängerinnen, die mich so überzeugen, allen voran der böse Stiefvater. Entsprungen aus Grimms Märchenbuch, wackelt Sir John Tomlinson mit Rauschebart über die Bühne. Sein tiefer Bass jagt nicht nur der Stieftochter Angst ein. Dagegen sein Sohn, Thomas Blondelle als Sinowij mit glockenhellem Tenor, zeigt den verweichlichten Ehemann schlechthin, Sexappeal gleich null. Wie unterschiedlich die gleiche Stimmlage wirken kann, zeigt der Vergleich zu Maxim Aksenov, der den männlich verführerischen Gegenpart bildet. Evelyn Herlitzius weint, schreit, droht und frohlockt in mädchenhafter Klarheit und wächst sowohl stimmlich als auch darstellerisch im Laufe der Oper zu einer selbstbestimmten Frau heran. Für die Widersprüchlichkeit und Zerrissenheit der Figur findet die Sopranistin reichlich Gestaltungsraum in ihrer Stimme. Es ist wohl, wie so oft, ein Zusammenspiel von allen Elementen der Inszenierung. Doch selten harmonieren diese so gut, wie in dem Werk von Ole Anders Tandberg.

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Während der Hochzeitszeremonie trinken die Gäste aus großen Plastikbehältern

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LADY MACBETH VON MZENSK von Dmitrij Schostakowitsch, Deutsche Oper Berlin, copyright: Marcus Lieberenz

Ein Kritikpunkt bleibt: Selbstverständlich geht es in der Oper um Sexualität und Erotik, das ist nicht wegzudenken, doch so fokussiert, wie es hier geschieht, ist es zuviel. Die zahlreichen Fische, häufig im Sinne der sexuellen Symbolik eingesetzt, tauchen an allen Ecken und Enden auf. Jede Passage bekommt durch Gestik und Mimik eine sexuelle Konnotation, sogar die Polizeiszene steht ganz unter diesem Zeichen. Natürlich geht es um mehr als Pornografie, zum Beispiel um die Unterdrückung der Frau in ihrer sexuellen Lust oder die gewalttätige Triebhaftigkeit der Männer, doch mit der Zeit wird es einseitig und anstrengend. Ich sehe wenig gesellschaftskritische Elemente, die Misshandlung des Intellektuellen auf der Polizeiwache gleicht einer Orgie unter Männern. Das ist schade und zielt an der grotesken Deutung der Oper in einem politischen Sinne vorbei.


FAZIT

Großartiges Schauspiel mit gutem Zusammenspiel von Musik und Bühne, tendeziell zu pornografisch ausgelegt. Überragende Leistung des Orchesters.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Donald Runnicles

Inszenierung
Ole Anders Tandberg

Spielleitung
William Robertson

Bühne
Erlend Birkeland

Kostüme
Maria Geber

Licht
Ellen Ruge

Chöre
William Spaulding

Choreographie
Jeanette Langert

Dramaturgie
Jörg Königsdorf



Chor der Deutschen Oper Berlin

Herren des Extrachores
der Deutschen Oper Berlin

Das Orchester der
Deutschen Oper Berlin


Solisten

Boris Timofejewitsch Ismailow
Sir John Tomlinson

Sinowij Borissowitsch Ismailow
Thomas Blondelle

Katerina Lwowna Ismailowa
Evelyn Herlitzius

Sergej
Maxim Aksenov

Aksinja/Zwangsarbeiterin
Nadine Secunde

Schäbiger
Edward Mout

Verwalter/Polizist
Andrew Harris

Hausknecht/Wächter/Sergeant
Noel Bouley

Erster Vorarbeiter
Aram Youn

Zweiter Vorarbeiter
Hyun Chul Rim

Dritter Vorarbeiter
Olli Rantaseppä

Mühlenarbeiter
Thomas Lehman

Kutscher/Lehrer/Betrunkener
Matthew Pena

Pope
Tobias Kehrer

Polizeichef
Seth Carico

Sonjetka
Dana Beth Miller

Alter Zwangsarbeiter
Stephen Bronk







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Da capo al Fine

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