Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



The Rape of Lucretia
(Die Schändung der Lucretia)


Oper in zwei Akten
Libretto von Ronald Duncan nach dem Schauspiel Le Viol de Lucréce von André Obey
Musik von Benjamin Britten

in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h (eine Pause)

Übernahme einer Produktion des Glyndeborne Festival 2013
Premiere der Deutschen Oper Berlin im Haus der Berliner Festspiele am 14. November 2014


Homepage

Deutsche Oper Berlin
(Homepage)
Is this all?

Von Lisa Jüttner / Fotos: © Marcus Lieberenz

Aufgrund der andauernden Umbaumaßnahmen weicht das Programm der Deutschen Oper auf verschiedene Spielstätten in Berlin aus, für Brittens Kammeroper Die Schändung der Lucretia sind Bühne und Orchestergraben des Hauses der Berliner Festspiele gerade noch ausreichend: Acht Solisten und 13 Musiker wühlen im Sand und bringen den Saal zum Klingen. 1946 wurde die Oper in Glyndebourne uraufgeführt, letztes Jahr - zu Brittens 100. Geburtstag - kehrte sie unter der Regie von Fiona Shaw dorthin zurück. Diese Produktion ist nun zu Gast in Berlin.

Brittens zweite Oper besteht nicht grundlos aus einer solch unkonventionellen Besetzung. Kurz nach dem zweiten Weltkrieg waren Materialien und Gelder knapp, große Bühnen konnten nur schwer bespielt werden. So beschränkte Britten sich auf das Nötigste. Man kann jedoch sagen, dass es der Mentalität des Künstlers entgegen kam. Er war ein großer Verfechter der "dezentralen" Kunst, das heißt, ihm war viel daran gelegen, dass sich seine Werke an unterschiedlichen, am besten für jedermann zugänglichen Orten aufführen ließen. Kunst sollte nicht nur in großen Städten und einem exklusiven Publikum vorbehalten sein. Brittens pädagogische Ader zieht sich durch zahlreiche seiner Werke und Projekte.

Vergrößerung in neuem Fenster

Female Chorus steckt die Grenze des Hauses ab, im Hintergrund Amme Bianca und Dienerin Lucia

Pardon, aber dieses Bild ist nur honorarfrei mit der nachfolgenden kompletten Bildzeile:
DIE SCHÄNDUNG DER LUCRETIA von Benjamin Britten, Deutsche Oper Berlin, Prod. des Glyndebourne Festival, copyright: Marcus Lieberenz

Die Schändung der Lucretia komponierte Britten mithilfe des Librettisten Ronald Duncan. Die Geschichte der Lucretia und der damit verbundene Mythos um die Gründung des römischen Reiches liegt in unzähligen, unterschiedlich zu datierenden Fassungen vor. Britten und Duncan bezogen sich jedoch nicht auf eine antike Überlieferung des Stoffes, sondern wählten eine Theaterfassung des französischen Dichters André Obey. Sie wurde 1931 uraufgeführt.

Der Mythos der Gründung des römischen Reiches handelt - wie sollte es auch anders sein - von einer Geschichte zwischen einem Mann und einer Frau. Rom wird von den Etruskern beherrscht und das Volk leidet unter dem tyrannischen König Tarquinius Superbus. Lucretia, eine Römerin, ihrem Ehemann dem General Collatinus verfallen und absolut treu ergeben, wird vom Sohn des Königs, Tarquinius, in der Nacht besucht und, nachdem sie sich der körperlichen Nähe widersetzt, vergewaltigt. Am nächsten Tag eilt der Hilferuf zu ihrem Ehemann, der auch sofort mit Rat und Tat zur Seite steht. Zwar spricht sowohl sein Verständnis als auch ihre Ehrlichkeit für eine außergewöhnlich innige und stabile Beziehung, doch gerettet werden kann Lucretia von dieser nicht. Gezeichnet von der Schande nimmt sie sich das Leben.

Die Inszenierung bleibt nah an der Geschichte. Römisch-antike Kostümierung, Soldaten mit Federhelm, Frauen mit Kopfbedeckung und Tuniken. Die Figuren schreiten über schwarzen Sand, ein römisches Fundament wird aus der gekippten Erdoberfläche ausgegraben, archäologische Atmosphäre. Zeitreise in die Antike gelungen. Ausnahmen sind male und female Chorus. Als Vermittler zwischen den Zeiten tragen sie Anzug und geblümtes Kleid.

Foto

Male und female Chorus singen vor dem errichteten Kreuz Christi mit den Gebeinen der Lucretia

Pardon, aber dieses Bild ist nur honorarfrei mit der nachfolgenden kompletten Bildzeile:
DIE SCHÄNDUNG DER LUCRETIA von Benjamin Britten, Deutsche Oper Berlin, Prod. des Glyndebourne Festival, copyright: Marcus Lieberenz

Mit seinem, besonders in den leisen Legato-Höhepunkten sehr intensiven Tenor führt uns Thomas Bondelle in die Geschichte ein, während er mithilfe seines weiblichen Gegenparts ein Zelt aufstellt. Überfallartig tauchen die Soldaten auf. Roh und vor Manneskraft strotzend, nehmen sie die Bühne vollkommen in Anspruch. Bedrohung und Agression liegen in der Luft - unter der ausdrucksstark gemeinten Kraft leiden zwar die Stimmen, doch das fällt unwesentlich ins Gewicht. Wer die Geschichte kennt, möchte am liebsten gar nicht hinsehen, wie es weiter geht.

Tarquinius ist der Vergewaltiger aus dem Bilderbuch: Ständig eine kleine römische Hure an der Hand, breites Kreuz, verzerrtes Gesicht. Während seines Rittes nach Rom läuft es mir kalt den Rücken runter - das Orchester der Deutschen Oper unter Nicholas Carter zaubert das Galoppieren des Pferdes in den Saal.

Es dauert ein wenig, um sich in der alten, neuen Kulisse zurechtzufinden. Der schwarze Sand bleibt, das Zelt verschwindet, die Atmosphäre wechselt ins Gegenteil. Ich bin enttäuscht, dass keine wirkliche Veränderung im Bühnenbild stattfindet. Dadurch verschwimmen die in dieser Inszenierung sonst so zentralen Geschlechterklischees, das Bild eines harmonischen Frauenhaushalts will einfach nicht entstehen. Zumindest die Musik könnte gegensätzlicher kaum sein: mit zarten Stimmen besingen Lucretia und ihre Dienerinnen die Liebe und Collatinus, das Orchester steht ihnen mit leichten, verspielten Melodien zur Seite. Besonders sticht der Sopran von Elena Tsallagova als Lucia heraus. Sie fesselt mit jugendlichem Charme und aufrichtiger Klarheit in der Höhe und bildet einen bezaubernden Gegenpol zum Gesang der Soldaten.

Was folgt, ist Hollywood. Kunstvoll und musikalisch absolut definiertes Hollywood. Die Leidenschaft zwischen Lucretia und Tarquinius bei dem berühmten "Good night", die Faszination des Bösen, Zerrissenheit zwischen Moral und Unmoral, Gewalt, Zerstörung, Tod - die Sänger laufen zur schauspielerischen Höchstleistung auf und lassen die Zeit wie im Flug vergehen. Duncan Rock, plötzlich gar nicht mehr männlich, singt mit hinreißender Intimität und Traurigkeit die schlafende Lucretia an und lässt wenigstens für einen Moment Herzen schmelzen. Wie Jäger und Gejagte springen sie in tierischer Manier umeinander, male und female Chorus fallen übereinander her. Stirnrunzeln. Zu unerheblich, zu vorhersehbar, zu wenig originell.

Vergrößerung in neuem Fenster

Lucretia

Pardon, aber dieses Bild ist nur honorarfrei mit der nachfolgenden kompletten Bildzeile:
DIE SCHÄNDUNG DER LUCRETIA von Benjamin Britten, Deutsche Oper Berlin, Prod. des Glyndebourne Festival, copyright: Marcus Lieberenz

Das Finale spannt den Bogen, der Mensch auf der Bühne und im Publikum fragt nach dem Sinn. Was bringt es, treu, keusch, wunderschön, klug und bescheiden zu sein? Unsere erzählenden Vermittler können uns auch keine Antwort geben und generell kann man beim christlichen Rahmengedanken Brittens nicht mehr von Aktualität sprechen. Es bleibt unklar, ob Fiona Shaw, bis auf wenige Kleinigkeiten, aus diesen Gründen auf eine christliche Ausdeutung verzichtet. Fokussieren tut sie diesen Erklärungsansatz jedenfalls nicht. Doch auch an anderen Stellen fehlt der Aktualitätsbezug der Inszenierung, wir befinden uns in einer perfekten Kulisse, wir sind in Rom und wir fühlen mit, aber es bleibt gespielt - hervorragend gespielt!

Ausdrucksstarke Sänger und vereinzelt stimmliche Höhepunkte. Das Orchester in treffender Brittenmanier - selbst mit geschlossenen Augen entstehen Bilder, die dem Angestrebten sehr nahe kommen. Die kleine Besetzung und das fremde Haus tun der Musik keinen Abbruch.


FAZIT

Fiona Shaws Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin bleibt im Mantel des römischen Zeitalters und verfehlt die Botschaft an die Gegenwart - Bedauerlich, dass die Inszenierung das aktuelle Potential des Stoffes so wenig ausschöpft.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Nicholas Carter

Inszenierung
Fiona Shaw

Bühne
Michael Levine

Kostüme
Deborah Andrews (nach Nicky Gillibrand)

Movement Director
Ian Rutherford

Lichtdesign
Simon Fraulo (nach Paul Anderson)

Dramaturgie
Jörg Königsdorf



Das Orchester der
Deutschen Oper Berlin


Solisten

Male Chorus
Thomas Blondelle

Female Chorus
Ingela Brimberg

Collatinus, ein römischer General
Andrew Harris

Junius, ein römischer General
Seth Carico

Tarquinius, ein etruskischer Prinz
Duncan Rock

Lucretia, Ehefrau des Collatinus
Katarina Bradic

Bianca, Lucretias Amme
Ronnita Miller

Lucia, Lucretias Dienerin
Elena Tsallagova







Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Deutschen Oper Berlin
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2014 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -