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Gianni Schicchi

Oper in einem Akt
Libretto von Giovacchino Forzano nach einer Episode aus La Divina Commedia von Dante Alighieri
Musik von Giacomo Puccini


Herzog Blaubarts Burg

Oper in einem Akt
Béla Balázs
Musik von Béla Bartók

in italienischer (Gianni Schicchi) bzw. ungarischer (Herzog Blaubarts Burg) Sprache mit verschiedensprachigen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h (keine Pause)

Premiere an der Komischen Oper Berlin am 1. März 2015


Homepage

Komische Oper Berlin
(Homepage)
Hinter der Fassade

Von Roberto Becker / Fotos von Monika Rittershaus

Es fängt nicht musikalisch, sondern medizinisch an. Mit einem Bildschirm, der den Herzschlag eines Patienten registriert. Um dessen Bett hat sich die ganze bucklige Verwandtschaft versammelt und wartet darauf, dass es endlich den durchgehenden Piepton gibt, der sie dem erhofften Erbe näher bringt. Denn Buso Donati hat etliches zu vererben. Als der dann tatsächlich stirbt, brechen sie allesamt für einen Moment in Jubel aus, um schnell und pflichtschuldig in das eigentlich übliche lautstarke Schluchzen und Jammern überzugehen. Und mit der hektischen Suche nach dem so heißbegehrten Testament zu beginnen. Als sie es dann finden und lesen, legt sich das pure Entsetzen über diese Trauergesellschaft, denn der teure Tote hat seinen gesamten Besitz der Kirche vermacht.

Szenenfoto

Endlich haben sie das Testament gefunden

So ist für Rinuccio (mit tenoralem Schmelz: Tansel Akzeybek) erst mal Feierabend mit seinem Plan, Lauretta (Kim-Lillian Strebel), die Tochter von Gianni Schicchi, zu heiraten. Seine Tante Zita (Christiane Oertel) würde dem nie zustimmen. Der Zugereiste Gianni Schicchi ist der Sippschaft eh' nicht geheuer, aber er ist der einzige, der skrupellos und raffiniert genug ist, um das familienfeindliche Testament des reichen Onkels zu korrigieren. Also wird der Tote in den Kleiderschrank verfrachtet und Gianni Schicchi übernimmt mit verstellter Stimme dessen Rolle zuerst gegenüber einem Arzt und dann vor allem beim herbeigeschafften Notar. Dem diktiert er ein Testament, das alle, vor allem aber "seinen ergebenen Freund Gianni Schicchi" bedenkt. Am Ende ist er der Herr im Hause, schmeißt alle 'raus, und das junge Paar kann heiraten.

Calixto Bieito inszeniert das ganze vor allem deftig. Bis hin zum gefüllten Nachtgeschirr, dass der Bräutigam in spe auslöffelt. So überdeutlich zu zeigen, wie man bei einem Testament in die Sch greifen kann, ist nicht jedermanns Geschmack. Und auch nicht nötig. Überhaupt werden sie allesamt ziemlich deppert vorgeführt. Eine schrecklich nette Familie aus dem Fernsehvorstadtviertel der Klischees und Übertreibungen eben.

Szenenfoto

Gianni Schicchi korrigiert den letzten Willen - zu seinen Gunsten

Der subtile und leichtfüßige Humor ist nicht gerade das Fach, das man mit dem Namen des Katalanen Calixto Bieito verbindet. Der ist eher mit dem Crescendo der Gewalt samt finalem Amoklauf verbunden, in dem er an der Komischen Oper einst Mozarts Entführung aus dem Serail enden ließ. Und Rezeptionsgeschichte schrieb. Seine Version von Puccinis makabrer Erbschleicherkomödie ist also mehr etwas grob geratenes Handwerk. Ein Spiel mit der Genau-so-sind-sie-Ästhetik des sogenannten Unterschichtenfernsehens.

Während der erste Teil dieses Doppelabends für Bieito eher zu einem Ausflug in unvertrautes Terrain geriet, gehörte der zweite Teil, Belá Bartóks Herzog Blaubarts Burg, in seine Kernkompetenz eines Musiktheaters, das tendenziell an die Grenzen des Darstellbaren geht und entsprechende Sängerdarsteller braucht.

Szenenfoto

Blaubart und Judith in einer besonderen "Schatzkammer"

Das Spannendste an der Dramaturgie dieses Doppelabends freilich war, wie man diese beiden 1918 uraufgeführten Einakter, wenn nicht auf einen Nenner, so doch überhaupt irgendwie zusammenbringt. Die Fassade vermeintlicher bürgerlicher Anständigkeit, die angesichts der puren Gier nicht den geringsten Wert hat. Und den Exkurs in die Abgründe des Seelenlebens. Allein der pausenlose Übergang legitimiert diese Kombination, die irgendwie zu der an der Komischen Oper vom Intendanten Barrie Koksy mit anhaltendem Erfolg praktizierten Programm-Dramaturgie passt.

Wenn Blaubart und Judith den Raum betreten, der eben noch ein Schlachtfeld zeternder Habgier war, ist nicht nur das Licht kalt. Die spießige Gemütlichkeit beginnt im wahrsten Sinne des Wortes aufzubrechen. Die Wände verschieben sich. Der geschlossene Raum löst sich auf in selbständige Bruchstücke. Eine Fassade wird Teil dieses surrealen Tanzes.

Szenenfoto

Blutiger Kampf der Geschlechter

Wenn Blaubarts Schatzkammer geöffnet wird, dann ist es ein dunkel gestyltes öffentliches Herren-WC mit lauter Urinalen. Da ist der Kampf zwischen Judith und Blaubart längst so eskaliert, dass sie ihn immer wieder gegen die Spiegel schleudert und zusätzlich mit Blut beschmiert. Bieito reichen die blutigen Andeutungen im Text natürlich nicht aus. Er macht uns zu Zeugen eines tödlich endenden Kampfes der Geschlechter, in deren Verhältnis sich wie bei Penthesilea Küsse und Bisse reimen. In diesem Kampf bringt Blaubart Judith am Ende mit brutalem Oralsex um. Subtil wird dieser Kampf um die Wahrheit und gegen jedes Geheimnis auch von Judiths Seite aus nicht geführt. Dass dessen beharrliche Versuche, seine Geheimnisse zu wahren, vielleicht auch so etwas wie Selbstschutz ist, geht dabei unter.

Dass auch die musikalische Seite überzeugender als im ersten Teil gerät, mag daran liegen, dass mit dem GMD der Komischen Oper Henrik Nánási ein gebürtiger Ungar am Pult steht und für authentische Abgründigkeit sorgt. Dazu passt die Rückhaltlosigkeit, mit der sich Sidon Saks als Herzog Blaubart und Ausrine Stundyte in diesen Endkampf der Geschlechter werfen.


FAZIT

Calixto Bieito kombiniert Puccinis Gianni Schicchi und Bartóks Herzog Blaubarts Burg zu einem Doppelabend, der vor allem im zweiten Teil zu überzeugender Form aufläuft.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Henrik Nánási

Inszenierung
Calixto Bieito

Bühne
Rebecca Ringst

Kostüme
Ingo Krügler

Licht
Franck Evin
Rosalia Amato

Dramaturgie
Pavel B. Jiracek



Orchester der Komischen Oper


Solisten

Gianni Schicchi

Gianni Schicchi
Günter Papendell

Lauretta, Seine Tochter
Kim-Lillian Strebel

Zita, Buosos Cousine
Christiane Oertel

Rinuccio, Zitas Neffe
Tansel Akzeybek

Gherardo, Neffe Des Buoso
Christoph Späth

Nella, Seine Frau
Mirka Wagner

Betto Di Signa, Buosos Schwager
Stefan Sevenich

Simone, Buosos Cousin
Jens Larsen

Marco, sein Sohn
Nikola Ivanov

Ciesca, Marcos Frau
Annelie Sophie Müller

Maestro Spinelloccio
Bruno Balmelli

Amantio Di Nicolao, Notar
Philipp Meierhöfer

Herzog Blaubarts Burg

Blaubart
Gidon Saks

Judith
Ausrine Stundyte



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Komischen Oper Berlin
(Homepage)



Da capo al Fine

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