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Musiktheater
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Moses und Aron

Oper in zwei Akten
Text und Musik von Arnold Schönberg

in deutscher Sprache mit verschiedensprachigen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 45' (keine Pause)

Premiere an der Komischen Oper Berlin am 19. April 2015


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Komische Oper Berlin
(Homepage)
Vom Leichenberg gestiegen

Von Roberto Becker / Fotos von Monika Rittershaus

Arnold Schönbergs (1874-1951) letzte, erst drei Jahre nach seinem Tod das erste Mal aufgeführte Oper Moses und Aron ist Fragment geblieben. Sie wird aber doch von der Nachwelt als Ganzes begriffen. Es ist ein zwölftoniges Klangmonument von erheblicher musikalisch vokaler Wirkungsmacht. Schon weil der Chor der eigentlich entscheidende Protagonist ist. Auf diese Karte setzt auch Barrie Kosky mit seiner Neuinszenierung an der Komischen Oper. In der Programmpolitik des derzeit erfolgreichsten Berliner Opernintendanten ist es vor allem das Schlüsselwerk eines jüdischen Künstlers, das in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Berlin entstand. Mit all den Implikationen, die das hat.

Szenenfoto

Moses auf der Suche nach dem Wort für das Unsichtbare

In den zwei der drei vorgesehenen Akten, die Schönberg auch vollendet hat, gibt es nicht nur für den Chor, sondern auch für die beiden Interpreten der Titelpartien eine gestalterische Herausforderung der besonderen Art. Dabei verweigert Schönberg seinem Moses nicht nur den Gesang, sondern fast sogar auch noch das gesprochene Wort, mit dem er seine Gedanken bzw. seine Mission auszudrücken versucht.

Sein Bruder Aron freilich ist ein Künstler der Überredung. Dieser Zauberer des Wortes schreckt bei Koksy nicht davor zurück, sogar Moses als Medium für seine Gaukeleien zu benutzen, um das zweifelnde Volk damit zu beeindrucken. So lässt er Moses eine Schlange aus dem Mund wachsen und steckt ihm seinen Spazierstock durch das Ohr in den Schädel. Weil der so Traktierte das alles unbeschadet überlebt, schluckt die Masse auch den Rest der Botschaft. Die handelt von einem neuen, zwar allmächtigen, aber unsichtbaren und unbegreifbaren Gott, der sie aus der ägyptischen Gefangenschaft führen soll.

Zwei Gaukler als Führer, das hat einen bösen historischen Witz, was sowohl Robert Hayward als Moses mit dem sich selbst abgerungenen Sprechgesang als auch dem vokal erstklassigen John Daszak als Aron überzeugend gelingt. Hinzu kommt, dass Vladimir Jurowski mit dem Orchester der Komischen Oper eine Glanzleistung vollbringt, die die spröde Schönheit der Musik ebenso aufleuchten lässt wie den dramatische Impetus beglaubigt.

Szenenfoto

Der Tanz um das Goldene Kalb

Nun ist ja der Diskurs und die Selbstvergewisserung über einen monotheistischen, abstrakten Gottesbegriff, dessen Selbstverständnis ein Bild des Gottes ausschließt, nicht nur für das Volk, das sinnlich erfahren will, was es glauben soll, sondern auch für das Theater, das ja von Bildern lebt, ein grundsätzliches Dilemma. Aron zieht sich mit seinen Tingeltangel-Künsten aus der Affäre. Als Moses wochenlang verschwindet, um sich die Gesetzestafeln zu holen, zaubert Aron Schmuck für alle im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Hut. Lässt eine Revuetänzerin und drei ebenso goldglänzende Jungs im Federschmuck einer Zwanzigerjahre-Revue aufmarschieren und tanzen, ganz so, als wollte Salome Herodes bezirzen. Das ist grandios in Szene, was hier bedeutet: mitten unter die Massen, gesetzt.

Szenenfoto

Moses versucht sich als Zauberer

Die verteilen sich in einem Raum mit dreifach gestaffeltem Bodenniveau und Haltegeländern wie im Steh-Parket. Klaus Grünberg hat ihn mit Teppichen wie aus der Praxis von Dr. Freud geborgt ausgelegt. Diese Massen erreichen den Raum über eine großen Freitreppe im Hintergrund, die an einen Eingang zur U -Bahn erinnert. Auch die tiefhängende Decke trägt zu dem eigenartig diffusen Eindruck bei, den der Raum erzeugt.

Die Chormassen gehen aber hier nicht nur grandios choreographiert im Diskurs aufeinander los. Sie schlagen auch direkt auf einander ein. Koskys Kunstgriff besteht darin, mit 170 Puppen, die meist schon rein äußerlich als Juden zu erkennen sind, die Menschen sozusagen aus der Haut fahren zu lassen. Die Puppen werden dann aber auch zu einem riesigen Leichen-Berg aufgeschichtet. Für diese Vision werfen drei Kinder in den Masken von Sigmund Freud, Theodor Herzl und Fritz Lang einen altmodischen Filmprojektor an.

Szenenfoto

Der Leichenberg und ein stummer Schrei

Wie ein selbstreferenzieller Verweis auf die greise Erda in seine eigene Ring-Interpretation wirkt die Frau, die bei Kosky wie eine alte Revuetänzerin ihre nackt Haut zu Markte trägt und beim Bewachen des Schmucks der alleingelassenen Juden nur einen stummen Schrei übrig hat. Wenn Moses schließlich von der einsamen Zwiesprache mit seinem Gott mit den Gesetzestafeln zurückkommt, sind die Gebote hier nicht in Stein gemeißelt, sondern mit Blut auf die nackte Haut seines Oberkörpers geschrieben. Er zerschmeißt demzufolge auch keine Steinplatten vor Wut über den Tanz ums goldene Kalb, sondern rammt sich ein Messer in den Leib. Wie ein historischer Erkenntnisblitz saust dann Koksys Einfall in die Szene, Moses von dem Leichenberg herabsteigen zu lassen. Hier endet auch der immer noch vergeblich nach dem Wort suchende Moses, in dem er sich den Teppich über das Gesicht zieht. Es braucht ein paar Atemzüge, bis das Publikum in den Jubel ausbricht, den diese Inszenierung verdient!


FAZIT

Mit dieser eindrucksvollen Neuinszenierung von Moses und Aron durch den Hausherrn Barrie Kosky hat die Komische Oper ihren führenden Platz in der Berliner Opernszene erneut unter Beweis gestellt.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Vladimir Jurowski

Inszenierung
Barrie Kosky

Bühnenbild und Licht
Klaus Grünberg

Mitarbeit Bühnenbild
Anne Kuhn

Kostüme
Klaus Bruns

Choreographie
Hakan T. Aslan

Chor
David Cavelius

Dramaturgie
Susanna Goldberg
Ulrich Lenz



Chor der Komischen Oper Berlin

Orchester der Komischen Oper


Solisten



Moses
Robert Hayward

Aron
John Daszak

Junges Mädchen / 1. nackte Jungfrau
Julia Giebel

Junger Mann
Adrian Strooper
Michael Smallwood
Michael Pflumm

Ephraimit / anderer Mann
Tom Erik Lie

Priester
Alexey Antonov
Jens Larsen

Nackter Jüngling
Michael Pflumm
Johannes Dunz

Eine Kranke / 3. nackte Jungfrau
Karolina Gumos

2. nackte Jungfrau
Sheida Damghani



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Komischen Oper Berlin
(Homepage)



Da capo al Fine

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