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Musiktheater
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Through Roses

Musikdrama für einen Schauspieler und acht Instrumente
Musik und Text von Marc Neikrug

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 1h (keine Pause)

Premiere an der Staatsoper Unter den Linden im Schillertheater - Werkstatt am 13. Februar 2015
(rezensierte Aufführung: 15. Februar 2015)


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Staatsoper Berlin
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Emotion und Reduktion

Von Lisa Jüttner / Fotos von Vincent Stefan

Als Marc Neikrug 1979/80 den Kompositionsauftrag der „Young Women´s – Young Men´s Association“ annahm, war ihm die Schwierigkeit seiner Aufgabe schmerzlich bewusst. Das Thema Holocaust ist ebenso empfindlich wie allgegenwärtig, jeder verbindet damit Bilder, möglicherweise sogar persönliche Erinnerungen. Wie also sich dem Ganzen musikalisch nähern? Dem Komponisten war es wichtig, eine „nicht-opernhafte, aber trotzdem dramatische Ausdrucksform“ (so steht's im Programmheft der Staatsoper im Schillertheater) zu finden. Der gesungene Ton schien für ihn keine Möglichkeit, er entschwindet einer sachlichen Darstellung durch die ihm eigene Emotionalität und Stilistik. Während seiner Recherchen stieß er auf eine der vielen Grausamkeiten, die sich in den Konzentrationslagern abgespielt haben: Musikalische Untermalung bei sämtlichen Aktivitäten. Das Spektrum reichte dabei von den sonntäglichen Kaffeekränzchen der Kommandanten bis zum Gang in die Gaskammern. Die Musiker waren Häftlinge, die quasi nur zu dieser Funktion am Leben erhalten wurden. Hier entsteht das groteske Paradox, das Neikrug den Stoff für seine Komposition lieferte: Die Musik der klassisch-romantischen Epoche, funktionalisiert in Situationen, die an Abscheulichkeit kaum zu übertreffen sind. Die Musik wird damit im Grunde entzaubert, verbindet sich mit einer außermusikalischen Semantik, die sie in sich völlig zerstört.

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In Through Roses versucht Neikrug eine psychologische Ausdeutung eines Geigers, der genau auf diesem Wege sein Leben in Auschwitz verbrachte. Begleitet von der Musik, die seine Erinnerungen prägte, monologisiert er und setzt sich assoziativ mit seiner traumatischen Vergangenheit auseinander. Gesang ist nicht vorgesehen, lediglich eine Sprechstimme hat der Komponist eingebaut, um durch die Erzählung zu leiten. Der Zuschauer kann versuchen zu folgen, was durch die unterschiedlichen Zeitstrukturen, zwischen denen der Schauspieler immer wieder hin und her springt, äußerst komplex ist. Hilfe bieten dabei die musikalischen Zitate, mit denen Neikrug arbeitet. So erklingen Fetzen aus Werken von Beethoven, Paganini, Wagner, Berg, Mozart, Schubert und Bach. Sie sind eingeflochten in ein Netz mit Neikrugs eigener atonaler Musik. So erscheinen sie in verzerrter Form, verschwommen und dem Original entrückt, ganz so, wie der Protagonist seine Erinnerungen empfindet. Besonders eindrücklich erklingt der langsame Satz des Kaiser-Quartetts von Haydn, die deutsche Nationalhymne.

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Through Roses hat seinen Titel durch ein Ereignis, welches der Musiker an einer Stelle erleben muss. Er sieht, während er im Garten eines Kommandanten spielt, durch einen Rosenbusch, wie seine Freundin zum Krematorium getragen wird. Und er tut nichts, weil er nicht kann. Er spielt einfach weiter und zerbricht daran genauso wie sein Bild von der Musik.

Der Regisseur Neco Celik widmet sich der Inszenierung auf eine marginale Art und Weise. Durch einen Tunnel betreten die Zuschauer den Raum. Er ist Teil der Inszenierung und – was sich auch im späteren Verlauf immer wieder als interessant erweist – in sich akustisch verstärkt. Das Geräusch, was durch die am Boden liegenden Steine verursacht wird, wenn man darüber läuft, erscheint weit entfernt und verhallt. Das Publikum wird auf einfachen grauen Sitzblöcken auf der Bühne verteilt, und das bedeutet, der Protagonist spielt um den Zuschauer herum. Immer wieder müssen sich die Köpfe wenden, die Körper sich drehen, um Udo Samel zu folgen, während er seinen Gang durch den Raum vornimmt. Vermutlich soll es die Distanz verkleinern, so richtig angenehm ist es aber nicht gelöst. Das Gefühl von Orientierungslosigkeit, welches dem Stück sowieso schon eigen ist, wird dadurch verstärkt und macht es schwierig, an der Leitlinie festzuhalten.

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Udo Samel spielt wirklich um sein Leben mit dieser anspruchsvollen Rolle. Er verzweifelt, starrt ins Leere, verliert sich in seiner eigenen Rede, wälzt sich auf dem Boden, stößt immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand oder versteckt sich unter seinem eigenen Mantel. Doch so richtig kommt es nicht an. Er wirkt fast schon verloren im Raum und schafft es nicht, den hohen emotionalen Wert des Stückes in alle Ecken zu transportieren. Die Musiker sind nicht, wie von Neikrug vorgesehen, auf der Bühne, sonder thronen weit darüber, durch ein Netz verdeckt, und sitzen im Dunkeln. Das ist schade, ich könnte mir vorstellen, dass vieles deutlicher geworden wäre, wenn sie in direkter Berührung mit dem Protagonisten gestanden hätten. Eine dichtere räumliche Verbindung zwischen der zitierten Musik und der damit entstehenden Erinnerung hätte das Verständnis erleichtern können. Das distanzierte Verhältnis zwischen Darstellern auf der Bühne und begleitendem Orchester bleibt aus dem Musiktheater erhalten. Dadurch geht der eigentliche Hintergrund des Stückes ein wenig unter: Die Kritik an der Funktionalisierung von Musik, die wir erleben durch die Sicht des Erzählers, der seine ganz persönliche Musik hört und darüber berichtet. Trotz dieser Umstände glänzt das Orchester, eine winzige Besetzung auf acht Musiker beschränkt. Mit perfekter Präzision vermischen sie die Ebenen der zitierten Elemente mit der Atonalität von Neikrugs Werk.

Generell hätte ich mir mehr Konkretes in der Inszenierung gewünscht. Etwas, woran ich erkennen kann, wo sich der Schauspieler gerade befindet in seinen Assoziationen. Etwas, das ich wiedererkennen kann und das zumindest mir als Zuschauer ein wenig Orientierung gibt. Denn was gibt es Schwierigeres, als einem anderen Menschen in seinen Gedankensprüngen zu folgen? Doch vielleicht ist es auch gerade das Problem, welches dieser Stoff mit sich bringt. Wie das Unfassbare darstellen, wie nacherzählen? Ich bin es gewohnt, diese Thematik aus der Ferne zu betrachten, so wie die meisten der Gräueltaten, die sich in der Welt abspielen. Möglicherweise ist es genau diese Hürde, die sich kaum überwinden lässt. Jemandem, der nicht dabei gewesen ist, davon zu erzählen. Sachlich, kühl, ohne es zu emotionalisieren.

FAZIT

Ein großartiges Orchester, perfekt und präzise bis ins letzte Detail. Udo Samel ganz stark, doch leider fehlt der Inszenierung der rote Faden, der den Zuschauer durch die komplexen Denkstrukturen des Protagonisten leitet.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Felix Krieger

Inszenierung
Neco Celik

Ausstattung
Stephan von Wedel

Licht
Sebastian Alphons

Dramaturgie
Jens Schroth


Mitglieder der Staatskapelle Berlin


Solisten

Schauspieler
Udo Samel



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Staatsoper Unter den Linden Berlin
(Homepage)



Da capo al Fine

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