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Musiktheater
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Tosca

Melodramma in drei Akten
Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica nach dem Drama La Tosca von Victorien Sardou
Musik von Giacomo Puccini


In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Veranstaltungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

Premiere an der Staatsoper Unter den Linden im Schillertheater am 3. Oktober 2014


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Staatsoper Berlin
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Augen zu und durch

Von Roberto Becker / Fotos von Hermann und Clärchen Baus

Eine Spielzeiteröffnung zum Nationalfeiertag an der Staatsoper in Berlin mit Puccinis Tosca sollte eigentlich ein Opernereignis von Rang sein. Selbst im langsam zum Dauerprovisorium avancierten Schillertheater, der Ersatzspielstätte der Lindenoper. Wenn die Vorgänger-Inszenierung von Carl Riha 38 Jahre auf dem Buckel hat, dann darf es schon mal eine neue werden. (Ausnahme ist der Barbier von Ruth Berghaus, den sie in Berlin hoffentlich noch lange hüten und pflegen). Wäre Berlin auch die Opernhauptstadt Deutschlands, was es trotz Barrie Koskys quicklebendiger Komischer Oper nicht ist, dann müsste eine neue Berliner Tosca eine entsprechende Novität dieser Art in München, wo von den Kritikern das aktuelle Opernhaus des Jahres ausgemacht wurde, schon deutlich überstrahlen. Oder zumindest erreichen. Die war dort, bei Luc Bondy, zwar auch eher brav, aber in sich stimmig. Doch die Berliner Neu-Produktion dieses unverwüstlichen Schmachtfetzens wurde vom Publikum eher durchgewunken als wirklich bejubelt.

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Scarpia und Tosca vor Cavaradossis Malergerüst

Daniel Barenboim hat eine Lücke in seinem Werksverzeichnis geschlossen, von der man kaum glauben kann, dass sie überhaupt existierte. Aber es ist sein erster Puccini im Graben. Er ist natürlich Routinier genug, um diesen nicht von jedem geliebten, aber doch sehr populären Repertoire-Renner seinen Klangvorstellungen einzuverleiben. Mit deutlich erkennbarem Bemühen, die Sänger nicht zu überdecken, aber doch auch zuzulangen, obwohl er den Südamerikaner in sich dabei an der kurzen Leine hält. So überraschte er mit geschmeidig zurückhaltenden Streicher- und Bläserpassagen und zielte keineswegs dauernd auf Effekthascherei. Von der Staatskapelle und deren Chef her gesehen ist die Tosca zwar kein Ereignis, das Geschichte schreibt, geht aber in Ordnung.

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Liebe gegen Freiheit: Tosca und Scarpia

Die im Wagnerfach bewährte und begehrte Anja Kampe fühlte sich natürlich in diese Sängerin, die ihren letzten Tag zwischen Eifersucht, Wut, Mut und Verzweiflung verbringt, ein und überzeugte damit auch. Wenngleich man sich gerade das "Vissi d'arte" durchaus aufleuchtender vorstellen kann. Mit hohen Erwartungen war der gerade zum Sänger des Jahres gekürte Michael Volle bei seinem Scarpia konfrontiert. Trotz kultivierter Stimmgewalt mutet der diabolische Puccini-Bösewicht bei ihm dennoch eher wie ein deutscher Beamter an, dem man die Liebe zur barocken Lebenslust ansieht. Wirklich mit dem jugendlichem Tenorüberschwang eines Italieners überzeugt nur Fabio Sartori als Cavaradossi. Zumindest vokal. Obwohl nicht zu übersehen, ist er darstellerisch allerdings eine Leerstelle.

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Cavaradossi und Tosca glauben für einen Moment an eine gemeinsame Zukunft

Und da sind wir bei dem Ärgernis dieser Neuproduktion. Die hat den Namen Alvis Hermanis. Dass er vom Schauspiel zur Opernbühne via Salzburger Festspiele (mit seinen alles in allem überzeugenden Soldaten in der Felsenreitschule) wechselte, verpasste seiner Karriere als Opernregisseur einen übergebührlichen Schub. Doch alles, was danach kam floppte szenisch. Cosi fan tutte an der Komischen Oper enttäuschte, sein Trovatore bei den diesjährigen Salzburger Festspielen war ein Ärgernis. Anna Netrebko kam da zwar unbeschadet heraus, das ist aber einzig ihren charismatischen Qualitäten zu danken und nicht der im doppelten Wortsinn musealen Inszenierung. In Berlin kann man sich fragen, ob es überhaupt eine gab. Dass Hermanis auf Putins Liste der im neuen Zarenreich Unerwünschten steht, ist ja alleine noch kein Qualitätsmerkmal. Andere, die nicht drauf stehen, sind trotzdem gut. Aber das Kokettieren des Letten mit dem fragwürdigen Ehrgeiz, der altmodischste Regisseur des 21. Jahrhunderts zu werden, ist nicht so charmant wie es klingt. Und diffamiert die auf Bewahrung setzende Meister ihres Fachs. Zu denen jedem Opernfreund Namen einfallen. Und außerdem ist diese Stelle im deutsch(und flämisch-)sprachigen Operneuropa gar nicht "ausgeschrieben"

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Am Ende springt Tosca (nicht)

Dass über der ganzen Produktion in eine Art Sepia-Schleier liegt, mag ja als ästhetisches Mittel zunächst nicht verkehrt sein. Aber es passiert halt nichts. Obwohl wir es mit einem emotionalen und politischen Thriller zu tun haben. Die Einblendung, die zu Beginn darauf verweist, dass die Handlung 1800 spielt und die Oper 1900 uraufgeführt wurde, ist denn auch schon die ganze Inszenierungsidee. Über einem üppig gebauten Palazzo-Interieur mit Blick über die Dächer von Rom läuft auf einer riesigen Projektionswand die Geschichte als gezeichnete Story (im Groschenheftformat) in den Kostümen von 1800. Unten steuern die Sänger parallel dazu, meist in Rampennähe und ohne groß von Personenregie abgelenkt zu werden, ihren Part in den Kostümen von 1900 bei. Die Prospekte wechseln zwischen Kirche, Palazzo und Engelsburg. Cavaradossi wird wie nebenbei im Sitzen erschossen und Tosca springt am Ende nicht, sondern geht langsam vor zur Rampe. Und wirkt zu guter Letzt so ratlos wie das Publikum.

FAZIT

Was Hermanis hier wieder einmal abgeliefert hat, ist kein altmodisches Musiktheater, wie er es selbst postuliert. Es ist einfach nur einfallslos, schlecht gemacht und, am allerschlimmsten, einfach langweilig. Musikalisch hat die Produktion ihre Qualitäten. Ein gutes Beispiel für das paradoxe Genre einer Augen-zu-Oper.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Daniel Barenboim

Inszenierung
Alvis Hermanis

Mitarbeit Regie
Gudrun Hartmann

Ausstattung
Kristine Jurjane

Licht
Gleb Filshtinsky

Chor
Martin Wright

Dramaturgie
Jens Schroth


Staatsopernchor Berlin

Staatskapelle Berlin


Solisten

Floria Tosca
Anja Kampe

Mario Cavaradossi
Fabio Sartori

Scarpia
Michael Volle

Cesare Angelotti
Tobias Schabel

Der Mesner
Jan Martiník

Spoletta
Florian Hoffmann

Sciarrone
Maximilian Krummen

Kerkermeister
Grigory Shkarupa

Hirt
Jakob Buschermöhle



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Staatsoper Unter den Linden Berlin
(Homepage)



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