Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



b.23

Symphonie g-Moll (Uraufführung)

Ballett von Martin Schläpfer
Musik von Wolfgang A. Mozart (Symphonie g-Moll KV 550)

... adónde vas, Siguiriya? Capricho Flamenco (Uraufführung)

Ballett von Brigitta Luisa Merki
Musik Por Siguiriya y por Bulería von Musikensemble Flamencos en route
Eine Kooperation zwischen Flamencos en route und dem Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg

Rättika (Deutsche Erstaufführung)

Ballett von Mats Ek
Musik von Johannes Brahms (Violinkonzert D-Dur op. 77)

Aufführungsdauer: ca. 3h (zwei Pausen)

Premiere am 14. März 2015 im Opernhaus Düsseldorf


Homepage

Ballett am Rhein / Rheinoper
(Homepage)
Ganz wunderbar: Flamenco zwischen Rettich und Rokoko

Von Stefan Schmöe / Fotos von Gert Weigelt

"Wobei der Gedanke an Rettiche nicht unbedingt naheliegend ist, wenn man das Violinkonzert von Johannes Brahms hört, oder?"
"Für mich schon."
(Mats Ek)

Einer Anekdote nach soll der siebenjährige Mozart, als Wunderkind nach Schönbrunn geladen, auf dem polierten Parkett des kaiserlichen Schlosses ausgerutscht und hingeschlagen sein; als die gleichaltrige Prinzessin Marie-Antoinette ihm aufhalf, bekundete er, sie heiraten zu wollen. In dieser kleinen Begebenheit spiegelt sich ein, sagen wir, unbefangener Umgang des Komponisten mit der Aristokratie wieder. Und auch wenn dieses Verhältnis im weiteren Leben Mozarts alles andere als unbefangen blieb, so wurde es doch zu einem beinahe leitmotivischen Hauptthema. In einem Hauptwerk wie der Hochzeit des Figaro wird er die Gegensätze im Gegen- und Miteinander von Gräfin und Zofe, Graf und Kammerdiener provokativ durcheinander wirbeln, bis sie im nächtlichen Park für einen Augenblick ununterscheidbar sind: Ein Moment der Gleichheit und Brüderlichkeit aus dem Geiste einer höheren Humanität.

Vergrößerung Symphonie g-Moll: Sachika Abe, Boris Randzio, Alban Pinet, Yuko Kato, Richard Jones, Anne Marchand

Martin Schläpfer greift das in seiner hier zu Uraufführung gebrachten Choreographie der späten g-Moll-Symphonie KV 550 auf und stellt zwei Gruppen von Tänzern einander gegenüber: Eine "aristokratische" im Spitzenschuh, von nahezu gleichem Körperbau mit den idealen Ballettmaßen; die andrere barfuß und mit den kurzen Hosen des Dienstpersonals, mit extrem unterschiedlichen Körpergrößen und dadurch schon von einer gewissen Komik. Und während die einen elegant den Rokoko-Gestus der Symphonie aufgreifen und auch vorsichtig die höfischen Tänze andeuten (an der Synchronität der Gruppe darf noch gefeilt werden), toben die anderen fast volkstümlich über die Bühne wie vielleicht damals der kleine Mozart in Schönbrunn, kindlich die höfische Etikette vergessend - und so, wie der erwachsene Mozart 25 Jahre später in diese so charmant beginnende Symphonie immer wieder krachend fremde Tonarten hineinfahren lässt. Und da findet Martin Schläpfer in Dirigent Marc Piollet am Pult der ausgezeichneten Düsseldorfer Symphoniker einen kongenialen Partner, der nicht die romantisch-wehmütige Sicht auf die Symphonie (die Schläpfer in ein paar Gesten parodistisch andeutet) nachzeichnet, sondern den Gegensatz zwischen der Schönheit höfischer Konvention und dem trotzigen Willen zum Ausbruch daraus, und der die Unruhe und Motorik hervorhebt.

Vergrößerung

Symphonie g-Moll: Ensemble

Nein, real erreichbar sind "die da oben" für einen wie Mozart nicht, das zeigen in Florian Ettis genialem Bühnenbild die leblosen aristokratischen Roben, die auf einem Podest im Bühnenhintergrund langsam herunter und dann wieder herauf fahren, unnahbar fern, während sich das wirkliche Leben auf der nachtblauen Bühne davor, durch Lichtstreifen aus den seitlichen Gassen gegliedert, abspielt: Da weht viel aus der erwähnten Figaro-Nachtszene herüber. Versteht sich von selbst, dass Schläpfer nicht plump eine Geschichte überstülpt, sondern mit berückender Leichtigkeit viele kleine Anekdoten fein andeutet, und auch darin spiegelt sich der doppelbödige Geist des Rokoko. Aber auch die Eleganz, mit der er die Kleinteiligkeit des musikalischen Materials aufgreift und tänzerisch umsetzt, lässt einen mit offenem Mund staunend dasitzen: Wie etwa das sperrige Thema des Menuett-Satzes, das sich ruppig über die Dreivierteltakt-Konvention hinweg setzt, oder die nachgeschobenen schnellen Achtelnoten im Hauptthema des Finalsatzes wie beiläufig in die Bewegung einfließen, das ist ganz große Kunst. Symphonie g-Moll, überbordend an Einfällen und Querverbindungen, ist bei allem Tiefgang auch eines der heitersten Ballette Schläpfers geworden. Und man fragt sich am Ende: Wie soll nach diesem Wunderstück der Abend weitergehen?

Vergrößerung ... adónde vas, Siguiriya?: Alvise Carbone, Marlúcia do Amaral, Pascual de Lorca (Gitarre), Fredrik Gille (Perkussion)

Er geht weiter, und wie. Unvergleichbar anders, in jeder Form. Schläpfer hat die schweizerische Choreographin Brigitta Luisa Märki mitsamt ihren Ensembles Flamencos en routes eingeladen, gemeinsam mit Tänzerinnen und Tänzern des Ballet am Rhein eine neue Choreographie zu erarbeiten. Flamencos en routes, 1984 gegründet, das sind eine auf Atem raubendem Niveau Flamenco tanzende Kompagnie (in dieser Produktion sind es drei Paare) sowie ein zugehöriges Musikensemble (Sängerin Rocio Soto, zwei Gitarren, Percussion und, ein eigentümlicher Kontrast, eine schwedische Nyckelharpa - eine mit Bogen gespielte Tastenfidel ), das auch für die Komposition verantwortlich ist: Weniger eine Abfolge von Flamencos, sondern mehr ein Spielen mit dieser Tanzform. Als Capricho Flamenco bezeichnet Brigitta Luisa Märki die Choreographie, und "Capricho" meint hier so etwas wie eine flüchtige Skizzen, die aus dem Nichts entstehen und plötzlich enden. Das etwa 40minütige Stück besteht aus einer Abfolge solcher offenen Szenen, die sich colleagenartig locker zu einem Bogen fügen. Der Titel des Stückes adónde vas, Siguiriya? ("wohin gehst Du, Siguiriya?") ist einem Gedicht Federico García Lorcas entnommen. Siguiriya, im Gedicht mehrdeutig als Mädchenname verwendet, bezeichnet den vielleicht wichtigsten Typus des Flamenco, der aber auch für die Grenze zwischen Leben und Tod steht.

Vergrößerung

Rättika: Ensemble

Erst einmal ist das eine ganz einfache Geschichte, die Brigitta Luisa Märki erzählt: Das Mädchen Siguiriya, großartig getanzt von Schläpfers Primaballerina Marlúcia do Amaral, wirft sich dem Flamenco, ganz anders großartig getanzt vom der Tanzcompagnie Flamencos en routes, in die Arme. Die tänzerische Spannung erwächst vor allem daraus, dass die höchst anspruchsvolle (und durch Holzabsätze stark percussive) Fußtechnik kleine Schritte einfordert, Marlúcia do Amaral als "klassische" Tänzerin dagegen mit großen und weiten Sprüngen die kreisförmige Manege durchmisst. Es ist kein Handlungsballett, spielt vielmehr die Gegensätze( und deren Verschmelzung) durch, es finden sich Paare aus Tänzern beider Genres, ein bisschen fremd, sehr virtuos, nie folkloristisch. Und man fragt sich erneut: Wie soll der Abend nach diesem zweiten Wunderstück weitergehen?

Und er geht erneut weiter, und auch jetzt darf man sagen: Und wie! Der schwedische Choreograf Mats Ek, kein Unbekannter in Düsseldorf, hat 2008 für das Königlich Schwedische Ballett das Violinkonzert von Johannes Brahms als musikalische Grundlage für eine Choreographie verwendet und diese lapidar Rättika ("Rettich") genannt ("Ich empfand es als notwendig, das Stück möglichst einfach und konkret zu benennen und einen Zusammenhang zu etwas zu schaffen, das nicht ballettspezifisch ist."). Ek hat vor allem Handlungsballette geschaffen, und ganz davon ab lässt er auch hier nicht: Zwar erzählt Rättika keine durchlaufende Geschichte, aber auch hier zeigt er viele kleine Anekdoten (und es geht natürlich um Liebe). Der eigentliche Kunstgriff ist aber, dass die Tänzerinnen und Tänzer immer wieder aus ihrer Tanzpose heraustreten, oft mit kleinen Gesten, die das Geschehen ironisch kommentieren, oft mit eigentlich untänzerischen Abläufen. Gleich in der Eröffnungssequenz legen sich alle auf den Boden, um dann in aberwitzigem Tempo nach hinten wegzurollen: Auch eine klare und humorvolle Ansage, dass man hier hehres Ballettpathos vergeblich suchen wird. Was, wie auch bei Schläpfers g-Moll-Symphonie, keineswegs heißt, dass es an Tiefgang fehlt, im Gegenteil. Aber Mats Ek besitzt eine solche Souveränität im Umgang mit dem tänzerischen Material, immer eng auf die Musik bezogen, dass er dieses "als-ob", das ständige Austarieren von Ernst und Unernst, von großer Geste und sofortiger Hinterfragung, meisterlich in der Schwebe hält. Und da müssen auch die hinreißenden Kostüme von Mylla Ek (einer Nichte des Choreographen) erwähnt werden: Die Damen im glockenartigen Tütü, die Herren im Frack - das alles aber in bunten, ein wenig clownesken, nie grellen Farben.

Vergrößerung Rättika: Mariana Dias, Sonny Locsin, Wun Sze Chan

Und auch hier kommt aus dem Graben kongeniale Unterstützung, nicht nur durch das auch hier überzeugende Orchester unter der Leitung von Marc Piollet. Der junge französische Geiger Marc Bouchkov spielt den Solopart im Brahms-Konzert mit außerordentlicher Intensität. Es geht ihm nicht um virtuose Brillanz, nicht um einen über dem Orchester singenden "schönen" Ton, sondern das ist ein Ringen um musikalische Wahrheit. Da greifen, bei allem Witz, Musik und Tanz ganz anrührend ineinander, etwa am traumverlorenen Ende der großen Kadenz des ersten Satzes. Und Johannes Brahms und Mats Ek schicken eine kurze Coda hinterher, die in Luftsprüngen nach dem Himmel greifen lässt. Ein drittes Ballettwunder an diesem Abend.


FAZIT

Dreimal Wunder: Dieser bislang 23. Balletabend der Ära Schläpfer in Düsseldorf und Duisburg ist der komischste, verblüffendste, schwereloseste geworden.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Symphonie g-Moll

Choreographie
Martin Schläpfer

Bühne und Kostüme
Florian Etti

Licht
Thomas Diek

Musikalische Leitung
Marc Piollet

Die Düsseldorfer Symphoniker

Tänzerinnen und Tänzer

Sachika Abe
Doris Becker
Sabrina Delafield
Feline van Dijken
Nathalie Guth
Alexandra Inculet
Christine Jaroszewski
Yuko Kato
So-Yeon Kim
Helen Clare Kinney
Anne Marchand
Aryanne Raymundo
Claudine Schoch
Virginia Segarra Vidal
Elisabeta Stanculescu
Julie Thirault
Irene Vaqueiro
Rashaen Arts
Andriy Boyetskyy
Jackson Carroll
Odsuren Dagva
Filipe Frederico
Philip Handschin
Richard Jones
Alban Pinet
Boris Randzio


... adónde vas, Siguiriya?
Capricho Flamenco

Choreographie
Brigitta Luisa Merki

Kostüme
Carmen Perez Mateos

Licht
Thomas Diek

Ton
Markus Luginbühl

Musikensemble Flamencos en route


Tänzerinnen und Tänzer

Compagnie Flamencos en route:
Carmen Angulo
Carmen Iglesias
Raquel Lamadrid
Eloy Aguilar
Alvise Carbone
Ricardo Moro

Ballet am Rhein:
Camille Andriot
Mariana Dias
Marlúcia do Amaral
Alexandre Simões
Marcos Menha
Paul Calderone


Rättika

Choreographie
Mats Ek

Bühne und Kostüme
Mylla Ek

Licht
Erik Berglund

Choreographische Einstudierung
Ana Laguna
Eva Säfström

Musikalische Leitung
Marc Piollet

Violine
Marc Bouchkov

Die Düsseldorfer Symphoniker


Tänzerinnen und Tänzer

Ann-Kathrin Adam
Camille Andriot
Doris Becker
Wun Sze Chan
Mariana Dias
Sonia Dvorak
Yuko Kato
Louisa Rachedi
Paul Calderone
Martin Chaix
Michael Foster
Marquet K. Lee
Sonny Locsin
Marcos Menha
Bruno Narnhammer
Alban Pinet
Alexandre Simões



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Ballett am Rhein
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2015 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -