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Musiktheater
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Der Freischütz

Romantische Oper in drei Aufzügen
Libretto von Friedrich Kind
Dialogfassung von Werner Hintze
Musik von Carl Maria von Weber


In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere an der Sächsische Staatsoper Dresden am 1. Mai 2015


Homepage

Sächsische Staatsoper Dresden
(Homepage)
Im Schatten der Vergangenheit

Von Joachim Lange / Fotos von Matthias Creutziger

Der Freischütz ist eine von den Opern, die nun wirklich nach Dresden gehören. Historisch schon allein deshalb, weil er die letzte Oper vor der Zerstörung der Semperoper vor 70 Jahren und die erste bei ihrer Wiedereröffnung vor 30 Jahren war. Aktuell, weil der Chef der Sächsischen Staatskapelle Christian Thielemann als Spezialist für's deutsche Fach gilt. Seine spätromantischen Favoriten Richard Strauss und vor allem Richard Wagner sind ohne den Romantiker Carl Maria von Weber nicht vorstellbar.

Und dann ist der Freischütz eben die musikalische Pforte, durch die es seit der Berliner Uraufführung 1821 geradewegs in Richtung des erwachenden deutschen Nationalbewusstseins geht. Wie Dresden daran im Moment mehr leidet, als sich aufrichtet, kann man seit Wochen montags auf dem Opernvorplatz erleben.

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Die Spötter geben den Ton an

Zur Premiere am 1. Mai füllten endlich mal wieder die Opernfreunde den Platz zum public viewing. Und die erlebten, wie die Zuschauer im Saal, die Staatskapelle und ihren Chef in demonstrativem Einvernehmen. Und in Hochform. Dabei lässt es Thielemann natürlich auch mal bewusst krachen - so ganz ohne Orchesterspuk funktioniert die Wolfsschlucht eben nicht. Meistens aber setzt er einfühlsam auf Transparenz, lässt es im Ganzen und mit jedem Solo, ohne zu hasten, wunderbar aufleuchten. Neben dem fabelhaften Chor ragten aus dem soliden Protagonistenensemble vor allem Georg Zeppenfeld (als Bösewicht Kaspar) und der Kilian von Sebastian Wartig, Mitglied des jungen Ensembles, heraus. Musikalisch bekommt das heimische und touristische Publikum also einen Freischütz, wie es sich für Dresden gehört. Zumindest für die drei Mal, die der im Repertoire rare Thielemann wirklich selbst am Pult steht. Was übrigens eine Dresdner Unsitte ist, mit der nur ein starker Intendant aufräumen könnte. Aber zu dem konnte und kann sich die sächsische Kulturpolitik ja offenbar nicht durchringen. Man darf gespannt sein, was passiert, wenn am 11. Mai bei Thielemann das Telefon klingeln und die Nachricht kommen sollte, dass die Berliner Philharmoniker ihn zum Nachfolger von Simon Rattle gewählt haben.

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Miese Stimmung nach dem Probeschuss

Weber und seine Librettist versetzen uns in die Zeit kurz nach dem 30jährigen Krieg. Der Jäger Max bekommt seine Agathe (nebst Erbförsterei) nur nach einem gelungenen Probeschuss. Aus Angst zu versagen, lässt er sich mit teuflischen Mächten ein. Kugeln, die treffen, ohne dass man auch nur zielen müsste. Samiel hat aber keine Chance, die "Reine" zu treffen, weil die himmlischen Mächte die besseren Karten (sprich kugelsicheren Rosen) in petto haben und der gefährdeten Agathe aus der Hand des Eremiten auch vorsorglich bereitgestellt haben. Nach ein paar echten Arienhits, dem Wolfsschlucht-Spuk, einem mitreißenden Joho-trallala- Jägerchor und dem Gassenhauer vom Jungfernkranz und der veilchenblauen Seide soll Max auf eine Taube (probe-)schießen. Die ist aber eigentlich Agathe, deren Rosenkranz aber die Kugel auf Kaspar umleitet und den Bösewicht erledigt. Der Fürst will Max dann wegen seiner Mogelei von Agathes Hand und aus seinem Ländchen verbannen, lässt sich dann aber zu einer Bewährungsstrafe überreden, weil der wie ein deus ex machina zur rechten Zeit auftauchende Eremit, sich wie das Volk - ganz modern - für eine Bewährungsstrafe einsetzt.

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Max in Bedrängnis

Szenisch projiziert noch jede Deutung die Geistergeschichte um Max (Michael König) und Agathe (Sara Jakubiak) so oder so aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg in die Gegenwart. Auch wenn deutscher Wald und Jägergrün optisch die Oberhand behalten. Es kommt nur darauf an, wie bewusst und entschieden sie das macht. Axel Köhler entscheidet sich für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und seinen Zerstörungen. Das gehört in Dresden mehr als andernorts zum lebendigen Selbstverständnis. Und das ist auch das Problem. Arne Walters Bühne setzt auf Opulenz in ihrer Mischung aus metaphorisch dräuenden Baumstämmen, halb zerstörtem Gemäuer, einem Bürgerstuben-Idylle für Agathe und dunklem Kellergewölbe darunter. Die Wolfsschlucht reißt dann ihren alptraumhaften Rachen direkt in diesem Wohnzimmer auf. Wenn die Stube auseinander bricht, wallen die Nebel, mordet Kaspar, baumeln die Toten an den Bäumen, fliegen die Bomber und lodern die Flammen. In Dresden werden solche Bilder sehr direkt übersetzt und verfehlen auch diesmal ihre Wirkung nicht.

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Die Wolfsschlucht

Allerdings wird dann keine wirkliche Nachkriegsgeschichte weitererzählt. Bei Köhler geht es im Ganzen recht gradlinig und tableauorientiert zu. Mit einer kleinen Pointe am Ende: Nachdem der Eremit mit großer friedenspädagogischer Geste eines der Spielzeuggewehre des Jägernachwuchses zerbrochen hat, korrigiert der schneidig, aber unbestimmt uniformierte Fürst, das im Hintergrund gleich wieder. Nichts da: der Nachwuchs soll schießen lernen, reicht schon, dass Max nicht mal trifft, wenn es um Frau und Erbhof geht. Der Schuss eines Knaben beendet den Abend. Die Schatten des Krieges sind halt lang.


FAZIT

Im dreißigsten Jahr nach der Wiedereröffnung der Semperoper setzten Christian Thielemann und Axel Köhler mit ihrem Freischütz mehr auf den Publikumshit als auf den Kommentar zur Lage. Er ist musikalisch nobel, szenisch aber eher konventionell geraten.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Christian Thielemann

Inszenierung
Axel Köhler

Bühne
Arne Walther

Kostüme
Katharina Weissenborn

Licht
Fabio Antoci

Chor
Jörn Hinnerk Andresen

Choreographie
Katrin Wolfram

Dramaturgie
Werner Hintze



Sächsischer Staatsopernchor Dresden

Sächsische Staatskapelle Dresden


Solisten

Ottokar
Adrian Eröd

Kuno
Albert Dohmen

Agathe
Sara Jakubiak

Ännchen
Christina Landshamer

Kaspar
Georg Zeppenfeld

Max
Michael König

Ein Eremit
Andreas Bauer

Kilian
Sebastian Wartig

Erste Brautjungfer
Gabriele Beke

Zweite Brautjungfer
Jana Hohlfeld

Dritte Brautjungfer
Rahel Haar

Vierte Brautjungfer
Heike Liebmann



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Sächsische Staatsoper Dresden
(Homepage)



Da capo al Fine

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