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Königskinder

Märchenoper in drei Aufzügen
Text vom Komponisten nach dem Märchendrama von Ernst Rosmer (Pseudonym für Elsa Bernstein-Porges)
Musik von Engelbert Humperdinck


in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 Stunden 10 Minuten (eine Pause)

Premiere an der Semperoper Dresden am 19. Dezember 2014


Theater-Logo

Sächsische Staatsoper Dresden
(Homepage)

Schön traurig

Von Bernd Stopka / Fotos: Matthias Creutziger

Weihnachten und Märchen gehören irgendwie zusammen. Engelbert Humperdinck und Märchen auch. Mit Hänsel und Gretel hat der Komponist sein Meisterwerk geschaffen und sich die Liebe von Generationen von Opernbesuchern gesichert. Seine weiteren Bühnenwerke sind dagegen fast vergessen – mit Ausnahme der Königskinder, die immer einmal wieder auf den Spielplänen auftauchen und beweisen, welch musikalischer Reichtum in ihnen steckt. Selten aber gelingt ihnen das auf so hohem Niveau, mit einer solchen Intensität und so bezwingender Kraft wie jetzt an der Sächsischen Staatsoper Dresden.

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Barbara Senator (Die Gänsemagd), Tichina Vaughn (Die Hexe)

Während Hänsel und Gretel ein Märchen für die ganze Familie ist, sind die Königskinder unter dem Mantel des Märchens ein todtrauriges, seelisch grausames Liebesdrama, das in einer selbstgefälligen, dekadenten und darin übermütigen Gesellschaft spielt – und ist damit für Kinder eher ungeeignet, was der herzzerreißende Aufschrei eines allzu jungen Premierenbesuchers beim Tod des Königssohnes bestätigt hat. Regisseurin Jetske Mijnssen erzählt das Märchen auch nicht als Märchen, sondern als Gesellschaftsstudie, hat die Figuren intensiv analysiert und entsprechend szenisch gezeichnet. Dabei legt sie ihrer Gesamtinterpretation die Lebensgeschichte der Librettistin Elsa Bernstein zugrunde, deren Textbuch zunächst nur unter Pseudonym veröffentlich werden konnte, die die Machtergreifung der Nationalsozialisten quasi unter ihrem Münchner Fenster miterlebt und nur durch ihren Prominentenstatus (für den sich Winifred Wagner eingesetzt hatte) das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt hat.

Den Wunsch nach einem König, der die Hellastädter in der Oper umtreibt, assoziiert das  Regieteam mit der Sehnsucht nach einem Herrscher, der zeigt, wohin es nach dem Ende der Weimarer Republik gehen soll. Dabei verzichtet auch Ausstatter Christian Schmidt auf die gängigen, allzu deutlichen politischen Symbole dieser Zeit, sondern versetzt die Geschichte mittels Kostümen, Frisuren und einigen wenigen Requisiten in den Beginn der dreißiger Jahre. Die Idee, eine Geschichte in ihre Entstehungszeit zu verlegen, ist nun wirklich nicht neu. Und wie so oft hinken die Vergleiche auch hier zuweilen ganz gewaltig (allen Hellastädtern geht es gut!). Was aber nicht per se den Stab über die Inszenierung brechen soll, denn das Wesentliche, das Emotionale dieses Dramas wird ausgesprochen intensiv und tiefgehend deutlich.

Christoph Pohl (Der Spielmann), Mitglied des Dresdner Kreuzchors (Der Junge)

Die Eingangs- und Empfangshalle einer großbürgerlichen Villa mit einem breiten Treppenaufgang bildet ein Fast-Einheitsbühnenbild. Für den zweiten Akt wird es lediglich  leicht verschoben und erhält eine weitere Empore. Im dritten ist es verfallen und zerstört. Die Hexe ist eine frustrierte, überforderte Frau, die stärker an eine Amme als an eine Großmutter oder gar Hexe erinnert. Gänse, Tauben und eine Katze (ganz entzückendes Kinderballett) sind die Spielkameraden der Gänsemagd, ein überdimensionierter Ast ragt mit riesigen Blättern in das Haus hinein. Holzhacker und Besenbinder sind industrielle Unternehmer, die schon lange kein Werkzeug mehr selbst in die Hand genommen haben. Der Spielmann ist ein Jahrmarktszauberer, der einen Lehrling dabei hat. Diese Kinderfigur wurde von der Regie hinzuerfunden, ihre Gesangspartie ist die der Tochter des Besenbinders – entsprechende Änderungen des Textes waren dazu notwendig. Damit wird zwar der Effekt verschenkt, dass ausgerechnet die Tochter des geldgierigen, falschen und widerlichen Besenbinders mit Kindermund die Wahrheit kundtut, aber die Bereicherung der Geschichte durch diese Figur wiegt schwer auf der anderen Seite der Waagschale, zumal sie von Georg Bartsch, einem Mitglied des Dresdner Kreuzchores, ebenso zu Herzen gehend wie souverän gespielt und dazu noch mit  ausgesprochen stimmschönem Knabensopran gesungen wird.


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                            FensterSzenenfoto 2. Akt, auf dem roten Teppich: Michael Eder (Der Holzhacker), Tom Martinsen (Der Besenbinder)

Der Wirt ist ein schwerreicher Mann, seine Tochter ein betrunkenes Flittchen, das den Königssohn denunziert, weil er ihre eindeutigen Avancen verschmäht. Die Stallmagd ist eine der Hausbediensteten, die das Empfangsbuffet für den künftigen König herrichten. Wie bereits bemerkt, stimmen Szene und Text nicht immer überein, aber als Gesamtkonzept funktioniert die Geschichte und rückt die Figuren aus der Märchenwelt sehr erschreckend in das grelle Licht der Realität, auch der heutigen Realität, ohne dabei einen Zaunpfahl zu bemühen.

Besonders ergreifend zeigt sich das Schlussbild des zweiten Aktes: links der uralte Ratsherr im Rollstuhl, rechts der Lehrling des Spielmann, der gerade zusammengeschlagen und weggeschleppt wurde. Dazwischen wirkt der leere Raum wie ein Fragezeichen. In der nun zerfallenen Villa des ersten Aktes haust der Spielmann  im dritten Akt unter der Treppe, nichts ist ihm geblieben außer seinem Glauben an die Wahrheit über die Königskinder. Es ist Winter, der Lindenast ist kahl, die Fenster sind zerstört, das Treppengeländer zerbrochen. Und Schnee im Haus wird ja immer wieder gern genommen, wenn es darum geht, unsägliche Kälte darzustellen. Entsprechend zum Steinerweichen weht das Lied des Spielmanns durch den Saal. Holzhauer und Besenbinder schicken ihn mit den glaubensstarken Kindern auf die Suche nach dem König und seiner Frau, die dann ironischerweise an eben diese Tür unter der Treppe klopfen, hinter der die beiden Gierhälse doch noch irgendetwas Verwertbares aus der verbliebenen Habe des Spielmanns suchen. Erst gegen die zerbrochene Krone des Königssohnes geben sie den beiden einen Laib Brot – das vergiftete Brot, das die Hexe im ersten Akt gebacken hat. Fast meint man zu sehen, dass die Gänsemagd genau weiß, was sie dort mit ihrem Geliebten teilt. Nachdem sie nun das dritte Mal beschworen hat „Der Tod kann nicht kommen. Ich liebe Dich.“, drückt sie ihrem Geliebten die Augen zu. „Wer es hälften isst, stirbt ganzen Tod“ war der Fluch der Hexe auf das Brot. Mit „Wer davon isst, mag das Schönste sehen“ hatte die Gänsemagd den Fluch gemildert. Der Tod als das Schönste, als Erlösung. Textlich, inhaltlich und musikalisch wagnert es gewaltig in den Königskindern.

Tomislav Mužek (Der Königssohn), Barbara Senator (Die Gänsemagd)

Glücklicherweise musste das Publikum kein vergiftetes Brot essen, um so etwas Schönes zu hören wie diese Königskinder in Dresden, in denen alle Solisten ihre Rollendebüts gaben. Als Königssohn begeisterte Tomislav Mužek  mit seinem edlen, mal sanft, mal leuchtend strahlendem, traumhaft schön timbriertem lyrischen Tenor. Barbara Senator ist ihm als  hinreißende Gänsemagd eine adäquate Partnerin mit substanzreicher, ausgesprochen angenehm klingender, farbenreicher Stimme, die sich gerade erfolgreich vom Mezzo- ins Sopranfach entwickelt. Der in jeder Lage wohltönende Bariton von Christoph Pohl hat alles, was man sich für die Partie des Spielmanns wünschen kann, Größe und Sanftheit, Klangfülle und Durchschlagskraft. Tichina Vaughn hat viele Erfahrungen in anderen Hexenpartien gemacht, lässt immer wieder beeindruckende giftig-dämonische Klänge hören, aber auch abgebrochene Bögen und Töne, was zum Teil auch der Beeinträchtigung durch den Akzent geschuldet sein mag. Die Glanzleistung des Knabensoprans Georg Bartsch ist bereits oben beschrieben. Michael Eder als Holzhacker und Tom Martinsen als Besenbinder gelingt die Verbindung von Sangeskunst und handwerkerhafter Grobheit bestens. Rebecca Raffell als Stallmagd und Matthias Henneberg als Ratsältester ragen aus dem auch ansonsten rundum überzeugenden Ensemble besonders hervor. Ganz besonders gelobt seien der homogene, gut vorbereitete Opernchor und der ausgesprochen klangschöne Kinderchor. Dass die finalen Rufe „Königskinder, Königskinder“ nur sehr schwach aus dem Off hörbar waren, war wohl ein technisches, kein gesangliches Problem.

Als Motor dieser musikalischen Sternstunde lässt Dirigent Mihkel Kütson die Partitur vielfarbig blühen, spannt große Bögen und lässt intensive Spannungen entstehen, eine Interpretation vom Feinsten. Die Staatskapelle erweist sich wieder einmal (wenn auch nach dezenten Anfangsschwierigkeiten) als die seit Wagner immer wieder gelobte „Wunderharfe“. Insbesondere das Vorspiel zum dritten Akt erklingt mit betörender, ja bezwingender Intensität wie als Vorbereitung auf eine der schönsten und traurigsten Liebes- und Sterbeszenen der Opernliteratur wenn sie denn so dargeboten wird wie hier.


FAZIT

Neben einem traumhaften Liederabend mit Anja Harteros und einem musikalisch fast schon überirdischen Rosenkavalier waren mit der Premiere der Königskinder in der Semperoper innerhalb von 5 Tagen drei musikalische Sternstunden zu erleben.
Wer die Königskinder für sich entdecken möchte, hat derzeit in Dresden die beste Gelegenheit hierzu. Musikalisch und sängerisch – und auch die szenische Umsetzung kann, mit einiger Bereitschaft sich darauf einzulassen, beeindrucken.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Mihkel Kütson

Inszenierung
Jetske Mijnssen

Bühne und Kostüme
Christian Schmidt

Licht
Fabio Antoci

Chor
Wolfgang Tetzner

Kinderchor
Claudia Sebastian-Bertsch

Dramaturgie
Valeska Stern


Sächsische Staatskapelle
Dresden

Sächsischer Staatsopernchor
Dresden

Kinderchor der Sächsischen
Staatsoper Dresden

Statisterie


Solisten

Der Königssohn
Tomislav Mužek

Die Gänsemagd
Barbara Senator

Der Spielmann
Christoph Pohl

Die Hexe
Tichina Vaughn

Der Holzhacker
Michael Eder

Der Besenbinder
Tom Martinsen

(Sein Töchterchen, hier:)
Der Junge
Georg Bartsch*

Der Ratsälteste
Matthias Henneberg

Der Wirt
Alexander Hajek

Die Wirtstochter
Christina Bock

Der Schneider
Gerald Hupach

Die Stallmagd
Rebecca Raffell

1. Torwächter
Pavol Kubán

2. Torwächter
Julian Arsenault



*Mitglied des Dresdner
Kreuzchores

Weitere Informationen
erhalten Sie hier:
Sächsische Staatsoper Dresden
(Homepage)





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