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Drei Streifen: Tanz

Choreographien von Benjamin Millepied, Demis Volpi, Jirí Bubení
ček

Closer
Choreographie von Benjamin Millepied, Musik von Philip Glass

Little Monsters, Private Light, Ebony Concerto
Choreographien von Demis Volpi, Musik von Elvis Presley, Carlo Domeniconi, Heitor Villa-Lobos und Igor Strawinsk
y

The Piano
Choreographie von Jirí Bubení
ček, Musik von Anton Arensky, Johannes Brahms, Otto Bubeníček, Claude Debussy, Charles Ives, Michael Nyman, Te Rauparaha, Alfred Schnittke, Dimitri Schostakowitsch, Igor Strawinsky, Peteris Vasks, Clive Williamson und Musik der Maori

Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Dortmund am 14. Februar 2015

 



Theater Dortmund
(Homepage)

Von der Poesie zur Prosa des Tanzes

Von Thomas Molke / Fotos von Bettina Stöss (Stage Pictures)

Nach dem Handlungsballett Zauberberg ist der zweite Ballettabend in Dortmund dem modernen Tanz gewidmet, womit Ballettdirektor Xin Peng Wang zum einen die Vielseitigkeit seiner Compagnie zeigen will und zum anderen seinen Tänzerinnen und Tänzern durch das Engagement von Gastchoreographen die Möglichkeit bietet, auch andere Stile zu erarbeiten. Nachdem die drei unterschiedlichen Handschriften der Choreographen in der letzten Spielzeit Drei Farben Tanz betitelt worden ist, wird der dreiteilige Ballettabend in dieser Spielzeit unter dem Titel Drei Streifen: Tanz zusammengefasst, wobei dem Begriff "Streifen" in den einzelnen Choreographien unterschiedliche Bedeutungen zukommen. Während der Teil vor der Pause aus vier Pas de deux besteht, in denen die Tänzerinnen und Tänzer jeweils einen flüchtigen Augenblick der Zweisamkeit "streifen", bezieht sich The Piano nach der Pause als Handlungsballett auf den gleichnamigen Kinofilm von Jane Campion aus dem Jahr 1993. So präsentieren die ersten Streifen den Tanz als reine Poesie und führen mit dem Handlungsballett zur Prosa einer erzählten Geschichte.

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Monica Fotescu-Uta und Mark Radjapov in Closer von Benjamin Millepied

Der Abend beginnt mit dem Duett Closer, das der französische Choreograph Benjamin Millepied, der mittlerweile auch Ballettdirektor in Paris ist, 2006 für die beiden Stars des American Ballet Theatre, Gillian Murphy und Ethan Stiefel, entworfen hat und das in Dortmund bereits 2009 im Rahmen einer Ballett-Gala vorgestellt worden ist. Zu "Mad Rush" von Philip Glass versucht ein Paar, die innere Ruhe in der Zweisamkeit zu finden, was allerdings durch die sich immer wieder aufbäumende und das Paar antreibende Musik von Glass unmöglich gemacht wird. So verharren die beiden zwar noch zu Beginn in Ruheposen, aus der sie mit dem Voranschreiten der Musik aber immer wieder ausbrechen müssen. Tatjana Prushinskaya begleitet diesen Teil am Klavier und bringt mit ihrem eindringlichen Spiel, die Hektik die in Glass' Musik steckt wunderbar zum Ausdruck. Auch in Dortmund greift man für dieses Duett auf zwei "Stars" zurück, die das Ballett Dortmund schon seit vielen Jahren besonders im Bereich des Handlungsballetts nachhaltig prägen: Monica Fotescu-Uta und Mark Radjapov. Mit grenzenloser Energie bewegen sich die beiden durch diesen Parforce-Ritt der Musik, die ihnen nur kurze Momente des Innehaltens gewährt.

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Little Monsters: Francesco Nigro und Stephanine Ricciardi zu "Love Me Tender"

Als zweiter Choreograph steuert aus der Stuttgarter John-Cranko-Schule Demis Volpi, der mittlerweile Hauschoreograph des Stuttgarter Balletts ist, drei kurze Pas de deux bei. Auch den Dortmunder Ballettfreunden dürfte Volpi kein Unbekannter mehr sein, da er bei der Ballett-Gala 2012 bereits das Solo Allure vorstellte. Der erste Teil, Little Monsters, entstand 2011 für das National Ballet of Canada und zeigt zu drei Songs von Elvis Presley die Liebesgeschichte eines Paares. Der Bezug zum Titel erschließt sich in der Choreographie allerdings nicht. Zu "Love Me Tender" versucht Stephanine Ricciardi ihren Partner Francesco Nigro absolut zu vereinnahmen, wobei er stets bemüht ist, sich aus ihren Umklammerungen zu befreien. "I Want You, I Need You, I Love You" zeigt dann die ekstatischen Leidenschaften des Paares, bis es zu "Are You Lonesome Tonight" zur Trennung kommt. Ricciardi und Nigro überzeugen hierbei zwar mit modernem Ausdruckstanz und auch die Musik von Elvis Presley ist schön anzuhören, eine einheitliches Ganzes bildet die Choreographie allerdings nicht und ist somit der schwächste Teil des Abends.

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Clara Carolina Sorzano Hernandez und Andrei Morariu in Private Light

Anders verhält es sich bei dem zweiten Duett, das aus der Choreographie Private Light stammt, die Volpi 2011 mit Tänzerinnen und Tänzern des American Ballet Theatre in New York erarbeitet hat. Was Clara Carolina Sorzano Hernandez hier auf Spitze zu der Musik von Carlo Domeniconi und Heitor Villa-Lobos vorführt, ist regelrecht atemberaubend. Mit unglaublicher Energie führt sie den ansonsten immer federleicht scheinenden Spitzentanz ad absurdum, wenn sie sich zwar absolut exakt auf Spitze bewegt, dabei aber nicht trippelt, sondern nahezu stampft. Volpi hat in der Probenanweisung formuliert, dass niemals beide Füße gleichzeitig den Boden berühren dürften. Das wird von Sorzano Hernandez großartig umgesetzt. Andrei Morariu führt sie dabei mit leichter Hand. Das dritte Duett Ebony Concerto ist eine Uraufführung für das Dortmunder Ballett. Die Musik stammt von Igor Strawinsky und ist eine Hommage an die Swing-Ära. Wie die Musik, die sich selbst nicht ganz ernst zu nehmen scheint, präsentieren auch Denise Chiarioni und Giuseppe Ragona ein recht humoristisch angehauchtes Pas de deux. Ein verbindendes Element der drei Choreographien sind die Kostüme von Katharina Schlipf, die bei allen drei Paaren den gleichen Schnitt haben und sich nur durch farbliche Nuancen unterscheiden. Während die kurzen Hosen in den ersten beiden Stücken in blau gehalten sind, sind die Hosen farblich im letzten Teil dem bronze-farbenen Hintergrund angepasst, so dass Chiarioni und Ragona teilweise mit der Rückwand verschmelzen.

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The Piano: Ada (Emilie Nguyen) und George (Arsen Mehrabyan) entdecken ihre Gefühle füreinander.

Nach den eher abstrakt gehaltenen Szenen vor der Pause hat der dritte Choreograph Jirí Bubeníček, der unter John Neumeier in Hamburg Karriere als Solotänzer gemacht hat und neben seiner Tätigkeit als Choreograph auch noch als erster Solist am Ballett der Dresdner Semperoper verpflichtet ist, Jane Campions mit drei Oscars ausgezeichnetem Kinofilm The Piano in ein Handlungsballett umgesetzt. Gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Otto hat er nicht nur die Musik dafür zusammengestellt, die teilweise auch aus dem Film übernommen worden ist, sondern ist auch extra an die Originalschauplätze des Films nach Neuseeland gereist, um die dort gewonnenen Eindrücke in die Choreographie einzubauen. Das betrifft zum einen die Landschaft in Neuseeland, die Otto Bubeníček in riesigen Bildern auf zwei Bühnenwände projiziert, sondern auch die Geräusche des Meeres und die traditionelle Musik der Ureinwohner, der Maori, die neben Komponisten wie Brahms, Schostakowitsch und Schnittke erklingt. Die Geschichte erzählt von der stummen Schottin Ada McGrath, die gemeinsam mit ihrer Tochter Flora Mitte des 19. Jahrhunderts nach Neuseeland kommt, um dort eine arrangierte Ehe mit dem Plantagenbesitzer Alisdair Stewart einzugehen. Ihr Klavier, das sie aus Europa mitgebracht hat, stellt das einzige Mittel für sie dar, in der fremden Welt ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Doch Alisdair verkauft das Klavier gegen einen Landstreifen an seinen Freund George Baines, der sich zu Ada hingezogen fühlt und deshalb vorgibt, Klavierstunden bei ihr nehmen zu wollen. Die beiden beginnen ein Verhältnis. Doch Alisdair kommt dahinter und hackt seiner Frau einen Finger ab. In einem Anfall von Wahn vernimmt er in seinem Kopf aber Adas Stimme, die ihn überredet, sie und ihre Tochter mit George gehen zu lassen. Gemeinsam besteigen sie ein Schiff und segeln einer ungewissen Zukunft entgegen.

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Reise ins Ungewisse: Ada (Emilie Nguyen, Mitte rechts) und Flora (Casey Hoskins, Mitte links) mit George (Arsen Mehrabyan, rechts) und einigen Maori (Ensemble, im Hintergrund)

Während die Bühne von Otto Bubeníček relativ abstrakt gehalten ist und nur mit beeindruckenden Video-Projektionen arbeitet, die die faszinierende Landschaftsaufnahmen aus Neuseeland einer spießigen Blümchentapete in Alisdairs Haus gegenüberstellen, lassen die Kostüme von Elsa Pavanel in detailgetreuer Gestaltung das 19. Jahrhundert wieder lebendig werden. Auch die Requisiten, vor allem das Klavier, sind sehr konkret gehalten und erzählen die Geschichte selbst den Zuschauern absolut verständlich, die den Film nicht gesehen haben. Emilie Nguyen interpretiert mit darstellerischer Intensität die Figur der Ada, die sich nur schriftlich und über das Klavierspiel ausdrücken kann. Großartig spielt sie die Angst aus, mit der diese Frau in diese ihr so fremde Welt kommt. Auch dass sie zu dem ihr bestimmten Ehemann Alisdair keinen Zugang finden kann, wird absolut verständlich. Dmitry Semionov gibt den Plantagenbesitzer als selbstverliebten Grobian, der seine Frau genauso wenig versteht wie die Bedeutung der Klaviermusik. Anders verhält es sich da bei Arsen Mehrabyan als George Baines, der sich in Neuseeland nicht als Eroberer sieht, sondern in Eintracht mit den Maori lebt. Mehrabyan spielt seine Begeisterung für Ada wunderbar aus und findet mit Nguyen zu einer bewegenden Innigkeit, die dann hinterher auch die Katastrophe heraufbeschwört. Während im Film Ada am Ende das Klavier im Meer versenken lässt und mit in die Tiefe gezogen wird, dann aber doch noch gerettet werden kann, lässt Bubeníček diesen Schluss bewusst offen. Das Boot sticht vor den tosenden Wellen in der Videoprojektion mit Ada, Flora, George und dem Klavier in See, aber Ada verlässt mitten auf hoher See das Schiff und geht sprichwörtlich ins Wasser.

Jelena-Ana Stupar und Arsen Azatyan überzeugen als Aunt Morag und Reverend Campbell, die Alisdair an Borniertheit in nichts nachstehen und somit Ada keine Möglichkeit geben, sich heimisch zu fühlen. Casey Hoskins stattet Adas Tochter Flora mit jugendlichem Charme aus, und auch das restliche Ensemble begeistert als Landbevölkerung und Ureinwohner in faszinierenden Kostümen und bewegendem Ausdruck, so dass es am Ende lang anhaltenden Applaus für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

Dieser dreiteilige Ballettabend befriedigt sowohl die Bedürfnisse der Freunde des abstrakten Tanzes als auch der Anhänger des Handlungsballetts. Des Weiteren verbindet er drei absolut unterschiedliche Choreographen-Handschriften und ist von daher sehr empfehlenswert.


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Produktionsteam

*Premierenbesetzung

Closer

Choreographie
Benjamin Millepied

Lichtdesign
Roderick Murray

Klavier
*Tatjana Prushinskaya /
Jay Xu

Tänzerinnen und Tänzer

*rezensierte Aufführung

*Monica Fotescu-Uta /
Jelena-Ana Stupar /
Clara Carolina Sorzano Hernandez
*Mark Radjapov /
Andrei Morariu /
Alysson da Rocha /
Alves Dayne Florence

 

Little Monsters

Choreographie
Demis Volpi

Kostüme
Katharina Schlipf

Lichtdesign
Bonnie Beecher

Tänzerinnen und Tänzer

*Stephanine Ricciardi /
Denise Chiarioni /
Moonsun Yoon
*Francesco Nigro /
Giuseppe Ragona /
Hiroaki Ishida

Private Light

Tänzerinnen und Tänzer

*Clara Carolina Sorzano Hernandez /
Jelena-Ana Stupar /
Nae Nishimura
*Andrei Morariu /
Arsen Azatyan /
Tigran Sargsyan

Ebony Concerto

Tänzerinnen und Tänzer

*Denise Chiarioni /
Barbara Melo Freire /
Amanda Vitória Cerqueira Vieira
*Giuseppe Ragona /
Alysson da  Rocha Alves /
Davide D'Elia

 

The Piano

Choreographie
Jirí Bubení
ček

Bühne und Videodesign
Otto Bubeníček

Kostüme
Elsa Pavanel

Lichtdesign
Carlo Cerri

Tänzerinnen und Tänzer

Ada McGrath
*Emilie Nguyen /
Jaqueline Bâby

Flora McGrath
*Casey Hoskins /
Anna Kohlen

Alisdair Stewart
*Dmitry Semionov /
Andrei Morariu

George Baines
*Arsen Mehrabyan /
Harold Quintero López

Aunt Morag
Jelena-Ana Stupar

Nessie
Sayo Yoshida

Reverend Campbell
Arsen Azatyan

Maori / Nihes Stamm
Sae Tamura
Clara Carolina Sorzano Hernandez
Alysson da Rocha Alves
Andrei Morariu
Giuseppe Ragona
Gal Mazor Mahzari

Landbevölkerung
Denise Chiarioni
Stephanine Ricciardi
Sae Tamura
Hiroaki Ishida
Francesco Nigro
Stephen C. King

Matrosen
Hiroaki Ishida
Francesco Nigro
Stephen C. King
Yuri Polkovodtsev

Kinder
Casey Hoskins
Anna Kohlen
Cosma Caesar
Lilly Kreuzburg
Mirella Sist
Sarah Falk

 


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