Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Meine Schwester und ich

Musikalisches Lustspiel in zwei Akten und einem Vor- und Nachspiel
Bühnenbearbeitung, Gesangstexte und Musik von
Ralph Benatzky

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2h 25' (eine Pause)

Premiere im Landestheater Detmold am 5. Dezember 2015
(rezensierte Aufführung: Gastspiel im Städtischen Saalbau Witten am 11.04.2015)



Landestheater Detmold
(Homepage)

Von der Prinzessin zur Schuhverkäuferin

Von Thomas Molke / Fotos von Klaus Lefebvre

Ralph Benatzky kreierte in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts nicht nur gemeinsam mit dem Regisseur Erik Charell für das Große Schauspielhaus in Berlin erfolgreiche Revue-Operetten, von denen heutzutage nur noch Im weißen Rössl einen Platz im Repertoire behaupten konnte, sondern feierte mit seinen musikalischen Konversationslustspielen, die einen starken Kontrast zu den Quasi-Opern Franz Lehárs darstellten, bis in die 30er Jahre große Erfolge. Seine Karriere fand dann allerdings mit Hitlers Einmarsch nach Österreich 1938 ein Ende. Zwar war Benatzky selbst nicht jüdischer Abstammung, aber seine dritte Ehefrau Melanie Hoffmann, so dass er in die USA ins Exil ging, wo er als Komponist aber nicht mehr Fuß fassen konnte. Auch als er nach dem Krieg nach Europa zurückkehrte, gelang es ihm nicht, an seine einstigen Erfolge anzuknüpfen. So geriet auch das Lustspiel Meine Schwester und ich, von dem man heute vielleicht noch den Song "Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin" kennt, trotz mehrerer Verfilmungen (1954 mit Sonja Ziemann und Adrian Hoven in den Hauptrollen, 1956 mit Anneliese Rothenberger und Johannes Heesters und schließlich 1975 mit Heidi Brühl und Béla Ernyey) schnell in Vergessenheit. Das Landestheater Detmold hat nun dieses mittlerweile recht unbekannte Werk auf den Spielplan gestellt und gibt mit dieser Produktion unter anderem auch ein Gastspiel im Saalbau Witten.

Bild zum Vergrößern

Liebe auf den zweiten Blick: Roger (Andreas Jören) verliebt sich in Dollys "Schwester" (hier: Sarah Alexandra Hudarew), weil sie eine arme Schuhverkäuferin ist.

Die vollkommen abstruse Handlung basiert auf dem französischen Lustspiel La sœur et moi von Louis Verneul. Die französische Prinzessin Dolly Saint-Labiche hat sich in ihren Bibliothekar Dr. Roger Fleuriot verliebt, der zwar insgeheim ihre Gefühle erwidert, aufgrund des Standesunterschiedes aber eine Verbindung für unmöglich erachtet. Als er nach Nancy geht, um an der Hochschule eine Professorenstelle anzunehmen, erfindet Dolly dort kurzerhand eine verarmte Schwester, die in einem Schuhgeschäft bei Filosel arbeitet. Anschließend überredet sie den Besitzer, der bisherigen Schuhverkäuferin Irma zu kündigen und sie selbst als Dollys Schwester einzustellen. Irma erhält von der Prinzessin nicht nur eine große Abfindung, sondern verliebt sich auch noch in den ungarischen Grafen Lacy, der Dolly als langjähriger Verehrer nachgereist ist und nun in Irma eine viel geeignetere Heiratskandidatin vorfindet. Roger verliebt sich tatsächlich in die arme Schuhverkäuferin, und wenig später läuten die Hochzeitsglocken. Doch als Roger nach einigen Wochen erfährt, dass seine Verkäuferin die wohlhabende Prinzessin ist, will er die Scheidung. Vor dem Gericht kann er schließlich aber unter anderem auch durch Lacy und Irma davon überzeugt werden, den Reichtum seiner Frau nicht nur als Last zu betrachten, sondern ihn aus Liebe zu ihr "zu ertragen". So kommt es dann doch noch zum Happy End.

Bild zum Vergrößern

Seit die Prinzessin dem finanziell angeschlagenen Schuhgeschäft unter die Arme greift, herrscht hier eine ausgelassene Stimmung: von links: Lacy (hier: Markus Gruber), Filosel (Michael Klein), Page (Torsten Lück) und Irma (hier: Kirsten Labonte).

Das Regie-Team um Guta G. N. Rau belässt das Stück in seiner Zeit und spielt süffisant mit den vorherrschenden Rollen-Klischees, die auch im Zeitalter der Emanzipation in manchen Bereichen noch nicht ganz überwunden sind. So wirkt zwar vielleicht Rogers Nervosität in Anwesenheit der Prinzessin ein wenig unglaubwürdig. Dass er es als Mann allerdings nicht ertragen kann, von seiner Frau finanziell abhängig zu sein, dürfte einem Großteil der Zuschauer auch heutzutage nicht ganz fremd sein. Das Vor- und Nachspiel nicht im Gerichtssaal, sondern quasi auf der Straße vor dem Eingang zum Gerichtsgebäude stattfinden zu lassen, wo neben Roger und Dolly ein Paparazzo auftritt, der sich die ganze Geschichte für die Presse schildern lässt, stellt einerseits dramaturgisch keinen schweren Eingriff dar und ermöglicht andererseits, dass die Bühne ohne größere Umbaupause zügig in die Bibliothek in Dollys Palast in Paris verwandelt werden kann. Petra Mollérus gestaltet hier einen hohen zweckmäßigen Raum, der in seinen Konturen auch im Schuhladen von Filosel im zweiten Akt gleich bleibt. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Regale jetzt nicht mehr mit Büchern, sondern mit Schuhen gefüllt sind. Wieso der Paparazzo sich im Nachspiel allerdings als Butler Charly entpuppt, bleibt unverständlich.

Gestaltet sich der erste Akt inhaltlich etwas zäh - so lässt sich schwer nachvollziehen, dass Roger in die Prinzessin verliebt ist, aber aufgrund des Standesunterschiedes keine Beziehung eingehen will -, nimmt das Tempo und vor allem auch die Komik im zweiten Akt zu. Einen großen Anteil daran dürften vor allem die Schuhverkäuferin Irma und der Ladenbesitzer Filosel haben. Franziska Ringe ist optisch und darstellerisch eine Idealbesetzung für die Partie der Irma, der man es in jedem Moment abnimmt, dass sie sich eigentlich zu schade dafür ist, als Verkäuferin in einem Schuhgeschäft zu versauern, und statt dessen lieber Karriere als Revue-Girl machen oder sich einen reichen Ehemann angeln möchte. Der taucht dann ja auch mit Graf Lacy im Geschäft auf, und Ringe versteht es gekonnt, Kevin Dickmann als Lacy mit verführerischem Spiel einzufangen. Zwar gelingt es Ringe nicht immer, sich mit ihrem leichten Sopran gegen das Orchester durchzusetzen, so dass man nicht den kompletten gesungenen Text verstehen kann. Dennoch macht sie mit ihrem erfrischenden Spiel bei den Choreographien und ihrem jugendlichen Sopran stets eine sehr gute Figur, ob sie sich nun im Rampenlicht schon als Star auf einer Bühne sieht oder mit Filosel und Lacy im Terzett die Liebe auf der ganzen Welt besingt. Dickmann präsentiert sich stimmlich und darstellerisch als kongenialer Partner für Ringe und parodiert dabei mit herrlicher Diktion einen ungarischen Operetten-Baron. Auch Michael Klein hat als Ladenbesitzer Filosel viele Lacher auf seiner Seite, wenn er die Silben in seinen Sätzen verdreht oder sein Couplet frei nach dem Motto "Reim dich oder ich hau' dich" präsentiert.

Torsten Lück parodiert als arroganter Butler Charly wunderbar den adeligen Standesdünkel und sorgt als Kunde im Schuhgeschäft für komische Momente, wenn er den Laden mit zwei linken Schuhen verlässt. Anna Werle wird zwar an dem Abend als leicht indisponiert angesagt, lässt als Prinzessin Dolly einen warm-timbrierten Mezzo verströmen, der vor allem durch hervorragende Textverständnis besticht. Auch bei den Tanznummern macht sie eine gute Figur. Komisches Talent beweist sie auch, wenn sie in die Rolle der Schuhverkäuferin schlüpft und in Filosels Laden eigentlich nur Chaos verursacht. Andreas Jören stattet den Roger mit kräftigem Bariton aus und punktet auch durch seine Tanzeinlagen. Seine beiden Lieder im zweiten Akt, "Ich lade Sie ein, Fräulein" und das berühmte "Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin", avancieren zu musikalischen Höhepunkten des Abends. Matthias Wegele präsentiert mit dem Symphonischen Orchester des Staatstheaters Detmold einen beschwingten Sound aus dem Orchestergraben, so dass es großen Applaus im leider nicht voll besetzten Saalbau in Witten gibt.

FAZIT

Das Landestheater Detmold beweist, dass es nicht immer Im weißen Rössl sein muss, sondern dass Benatzky auch andere Werke komponiert hat, die durchaus ihre Berechtigung im Repertoire haben.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Matthias Wegele

Inszenierung
Guta G. N. Rau

Bühne
Petra Mollérus

Kostüme
Tatiana Tarwitz

Dramaturgie
Elisabeth Wirtz

 

Statisterie des Landestheaters
Detmold

Symphonisches Orchester des
Landestheaters Detmold

 

Solisten

*rezensierte Aufführung

Dolly Fleuriot
Sarah Alexandra Hudarew /
*Anna Werle

Dr. Roger Fleuriot
Andreas Jören

Graf Lacy de Nagyfaludi
Markus Gruber /
*Kevin Dickmann

Filosel
Michael Klein

Irma
Kirsten Labonte /
*Franziska Ringe

Paparazzo / Charly / Ein Kunde
Torsten Lück

 


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Landestheater Detmold
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2015 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -