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Die Odyssee (Uraufführung)

Ballett von Patrick Delcroix
Musik von A Silver Mt. Zion, Ólafur Arnalds & Alice Sara Ott, Ben Frost, Michael Harrison & Maya Beiser, Gija Kantscheli, Abel Korzeniowski, David Lang, Machinefabriek, Dustin O'Halloran, Michael Price

Aufführungsdauer: ca. 1h 20 (keine Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 18. April 2015




Theater Essen
(Homepage)
Stationen einer Irrfahrt

Von Thomas Molke / Fotos von Bettina Stöß

Handlungsballette liegen derzeit wieder voll im Trend. Dabei muss es sich aber nicht immer um die großen Klassiker von Tschaikowsky, Prokofjew oder Adam handeln. Ballettdirektoren wie Xin Peng Wang in Dortmund, Hans Henning Paar in Münster, Bridget Breiner in Gelsenkirchen und Ricardo Fernando in Hagen setzen schon seit einigen Jahren mit neu kreierten Handlungsballetten Zeichen in NRW. Nun steht auch im Aalto Theater nach zahlreichen Klassikern die Uraufführung eines neuen Handlungsballettes auf dem Programm, und Intendant Ben Van Cauwenbergh hat für die Choreographie Patrick Delcroix engagiert, dessen Karriere viele Jahre eng mit dem Nederlands Dans Theater unter der Direktion von Jiří Kylián verbunden war. Für das Aalto Ballett kreierte Delcroix bereits für den zweiteiligen Ballettabend Lichtblicke im Jahr 2010 die Choreographie Cherché, trouvé, perdu und zwei Jahre später End-Los, ein Auftragswerk im Rahmen des Ballettabends Zeitblicke (siehe auch unsere Rezension). Mit Die Odyssee hat Delcroix nicht nur sein erstes abendfüllendes Handlungsballett geschaffen, sondern sich mit Homers Epos auch direkt ein umfangreiches Monumentalwerk vorgeknöpft, das er allerdings auf gute 80 Minuten ohne Pause zusammenstreicht.

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Penelope (Elisa Fraschetti, links), Antikleia (Yulia Tsoi, vorne) und Telemachus (Viacheslav Tyutyukin) warten in Ithaka auf Odysseus.

Anders als bei Homer erzählt Delcroix dabei die Geschichte über die Irrfahrten des Odysseus in chronologischer Reihenfolge ohne Rückblicke und blendet parallel immer zu den Ereignissen in Ithaka über, wo Penelope insgesamt 20 Jahre lang auf die Rückkehr ihres Gatten wartet und dabei von lästigen Freiern bedrängt wird, die die Herrschaft durch eine Ehe mit ihr übernehmen wollen. Delcroix beschränkt die Erzählung auf einige wenige Stationen der Irrfahrt, die neben Odysseus in der Regel auch noch eine weitere Frauengestalt ins Zentrum rücken, um so die Beziehung zwischen Mann und Frau zum Kern der ganzen Erzählung zu machen. Für die Musik hat er zeitgenössische Werke zwischen E- und U-Musik aus verschiedenen Ländern ausgewählt. Während die musikalische Untermalung der Irrfahrten bisweilen den Charakter von Film-Musik annimmt, die die jeweiligen geschilderten Ereignisse lautmalerisch unterstützt, wählt er für die wartende Penelope mit David Langs The Passing Measures immer das gleiche Stück, das in seiner Monotonie die Einsamkeit Penelopes bewegend zum Ausdruck bringt.

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Treffen in der Unterwelt: Odysseus (Tomá Ottych) und Antikleia (Yulia Tsoi)

Kees Tjebbes hat einen beeindruckenden Bühnenraum geschaffen, der die parallel ablaufenden Handlungsstränge passend nebeneinander stellt. Auf der linken Seite sieht man die Front von Odysseus' Haus, wo Penelope gemeinsam mit ihrem Sohn Telemachus und Odysseus' Mutter Antikleia wartet, während Odysseus mit seinen Gefährten in den Trojanischen Krieg zieht. Das Schiff, mit dem Odysseus zunächst nach Troja segelt und anschließend über die Meere irrt, wird bei den Stationen der Irrfahrt im Hintergrund der Bühne hochgefahren. Eine Art Segel hängt auf der rechten Seite aus dem Schnürboden herab und zeigt durch geschickte Lichtregie auf der Innenseite eine Art Landkarte, die vielleicht den Weg der Irrfahrten beschreibt, auf der Außenseite eine Art Auge, das andeuten mag, dass die Götter, in diesem Fall Athene, über das Schicksal Odysseus' wachen. Nachdem Tomá Ottych als Odysseus in einem bewegenden Pas de deux zu Gija Kantschelis "Largo Molto" aus Vom Winde beweint von Elisa Fraschetti als seiner Gattin Penelope Abschied genommen hat, begibt er sich mit seinen Gefährten auf sein Schiff, während Penelope wartend mit Telemachus und Antikleia zurückbleibt.

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Odysseus (Tomá Ottych, hinten Mitte) und seine Gefährten kämpfen gegen Skylla.

Während das Land der Lotophagen, in dem Odysseus' Gefährten durch Kosten der Früchte die Vergangenheit und Gegenwart vergessen, nur durch aus dem Schnürboden herabrieselnde Blütenblätter angedeutet wird und auch der einäugige Kyklop Polyphem nur in Form eines Auges am Fenster erscheint, gestaltet Delcroix die Stationen bei Athene, Kirke, Kalypso, Skylla und dem Wind Äolus wesentlich umfangreicher. Dmitry Khamzin verkörpert den Äolus, der für Odysseus die Stürme in einen Sack gesperrt hat, den er Odysseus mit der Auflage übergibt, ihn auf der Heimfahrt nicht zu öffnen, mit kraftvollen Drehungen als regelrechten Wirbelwind. Besonders beeindruckend gelingt auch Odysseus' Abstieg in die Unterwelt. Nachdem Yulia Tsoi als Odysseus' Mutter Antikleia den Freitod gewählt hat und durch ein blau schimmerndes Tuch in den Bühnenboden entschwindet, so als ob sie ins Wasser geht, taucht sie im Schattenreich hinter einem aus dem Schnürboden herabgelassenen weißen Tuch in einer bewegenden Lichtregie wieder auf und findet noch einmal in einem eindringlichen Pas de deux zu "For Wanda" von A Silver Mt. Zion mit ihrem Sohn Odysseus zusammen.

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Nach 20 Jahren wieder vereint: Penelope (Elisa Fraschetti) und Odysseus (Tomá Ottych)

Besonders hervorzuheben ist auch die Skylla-Szene. Delcroix lässt das Seeungeheuer in der Gestalt von sechs Tänzerinnen mit feuerroten Haaren und blau grün schimmernden Kostümen den Kampf mit Odysseus und seinen Gefährten aufnehmen. Dabei tritt zunächst Adeline Pastor auf, die zu den perkussiven Klängen von Ben Frosts "Venter" einen Kampf mit Odysseus beginnt. Wenn die fünf Gefährten hinzukommen, erscheint das Seeungeheuer in sechsfacher Ausfertigung, und der Kampf auf Leben und Tod beginnt. Am Ende stürzen die Gefährten mit den Tänzerinnen im Hintergrund der Bühne in die Tiefe und nur Odysseus gelingt es, sich von Adeline Pastor, der letzten Skylla, zu befreien. Sein anschließender Pas de deux mit Anna Khamzina als Kalypso wird dann von Michelle Yamamoto als Athene gestört, die ihn wieder zurück zu seinem Sohn Telemachus (Viacheslav Tyutyukin) führt, der mittlerweile von Ithaka aufgebrochen ist, um seinen Vater zu suchen. Den Mord an den Freiern zeigt Delcroix dann nicht, sondern lässt sie gemeinsam mit dem als Bettler getarnten Odysseus im Haus verschwinden. Wenn dann der Bühnenboden anschließend in rotes Licht getaucht wird und das Schreien von Krähen ertönt, wird dem Zuschauer klar, dass Odysseus sich nun der Freier gewaltsam entledigt hat. Anschließend tritt er wieder aus dem Haus und gibt sich der immer noch wartenden Penelope zu erkennen. Das abschließende Pas de deux beginnt sehr zögerlich, bevor die beiden nach einer so langen Trennung doch wieder zu dem vertrauten Umgang finden, den sie vor Odysseus' Aufbruch gehabt haben. Nachdem der Vorhang sich dann vor dem eng umschlungenen Paar gesenkt hat, gibt es großen Beifall für alle Beteiligten.

FAZIT

Patrick Delcroix erzählt die Geschichte anschaulich und in beeindruckenden Bildern und setzt so Homers Epos in ein spannendes und kurzweiliges Handlungsballett um.


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Produktionsteam

Choreographie
Patrick Delcroix

Bühne und Licht
Kees Tjebbes

Kostüme
Bregje van Balen

 



Solisten

Odysseus
Tomá
Ottych

Penelope
Elisa Fraschetti

Telemachus
Viacheslav Tyutyukin

Antikleia
Yulia Tsoi

Athene
Michelle Yamamoto

Kirke
Julia Schalitz

Kalypso
Anna Khamzina

Skylla
Adeline Pastor
Carla Colonna
Alena Gorelcikova
Yusleimy Herrera León
Yuki Kishimoto
Yanelis Rodriguez

Odysseus' Gefährten
Liam Blair
Davit Jeyranyan
Simon Schilgen
Wataru Shimizu
Denis Untila

Freier
Breno Bittencourt
Armen Hakobyan
Moisés León Noriega
Igor Volkovskyy

Äolus
Dmitry Khamzin



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