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Rusalka

Lyrisches Märchen in drei Akten
Libretto von Jaroslav Kvapil
Musik von Antonin Dvořák

in tschechischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 23. Mai 2015
(rezensierte Aufführung: 29. Mai 2015)


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Theater Essen
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Ein pathologischer Fall

Von Stefan Schmöe / Fotos von Bettina Stöß

Siegmund Freuds Traumdeutung war gerade erschienen, als Dvorak während des Jahres 1900 seine Rusalka komponierte. Es sei dahin gestellt, ob die Musik und das Libretto von Jaroslav Kvapil davon beeinflusst wurden; so oder so: Natürlich legt der Stoff, der von bewussten oder unbewussten Symbolen nur so strotzt, eine psychoanalytische Ausdeutung nahe. Eine Wassernixe verliebt sich in einen Prinzen und muss dafür ihre Existenz aufgeben - natürlich ist das eine Geschichte vom sexuellen Erwachen, mit dem Auftreten der rivalisierenden fremden Fürstin später noch zugespitzt. Dramaturg Alexander Meier-Dörzenbach umreißt die nicht nur durch Freud erhitzte Diskussion um Sexualität und Psyche am Beginn des 20. Jahrhunderts in einem klugen, leider auch in Teilen unverzichtbaren Aufsatz, den Regisseurin Lotte de Beer langt mächtig zu. Dass eine Urgroßnichte von Napoleon, Marie Bonaparte, mit wissenschaftlicher Akribie bei 243 Frauen den Abstand zwischen Vagina und Klitoris vermaß, einen zu geringen Wert als Grund für ausbleibenden vaginalen Orgasmus benannte und als Abhilfe eine Beschneidung empfahl, dürfte nicht jedem Opernbesucher sofort präsent sein - hilft aber zum Verständnis der Regie.

Vergrößerung in neuem Fenster So geht's, wenn man eine Oper komponiert, wenn gerade die Psychoanalyse der letzte Schrei ist: Rusalka auf der Couch von Dr. Freud

Rusalka liegt auf Dr. Freuds Couch, und die Oper läuft ab wie eine Folge von episodischen Traumerzählungen, mit allen dem Traum eigenen Sprüngen. Der Wassermann und die Hexe Ježibaba sind wohl Vater und Mutter, die zu Beginn der Oper Tochter Rusalka in die psychiatrische Klinik einliefern. Einen See für die Nixen gibt es da natürlich nicht, statt dessen deuten etliche Badewannen auf das nasse Element an, und sogar einen Mond gibt es, groß und rund und silbrig glänzend - aber der ist gleichzeitig eine Lampe aus einem Operationssaal. Lotte de Beer und ihre Ausstatter, das niederländische Duo Clement & San?u, spielen viel mit solchen Überblendungen, und dadurch bleibt über weite Strecken die Märchenhandlung einigermaßen präsent und erhält doch ständig eine zusätzliche, oft irritierende Bedeutungsebene. Manches Detail mag dabei überinterpretiert sein und nicht alles ist nachvollziehbar in dieser Inszenierung, aber es gelingt der Regie doch eine oft beklemmende Ausdeutung der Handlung.

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Rusalkas Lied an den Mond, auf dem See zu singen.

Lotte de Beer erzählt vornehmlich aus der Perspektive Rusalkas, und das hat einen feministischen Zug. Der Prinz bekommt keine Persönlichkeit, bleibt seelenloser Mann in schnieker Uniform, der ohne große Umschweife zu dem kommt, was Männern offenbar als einziges wichtig ist: Sex. Dazu muss die Hexe erst einmal Rusalkas fußenges Kleid aufschneiden, und angesichts dieses operationsartigen Vorgangs darf man wohl an die erwähnte Marie Bonaparte und deren Beschneidungstheorie denken. Und die fürstliche Jagdgesellschaft jagt Rehe, die gleichzeitig junge Frauen sind und mit Gewalt ins Mieder gezwängt werden. Die Rolle der Frau ist hier alles andere als selbstbestimmt. Man muss nicht jeden Gedankengang teilen und nicht jedes Bild mögen, aber Lotte de Beer bietet eine solche Fülle von Bildern, darunter ganz großartige, und etliche Assoziationsmöglichkeiten - da wird einem beinahe schwindelig.

Vergrößerung in neuem Fenster Gleich wird Rusalka von der Nixe in die liebesfähige Frau verwandelt - auf operativem Weg.

Gegen die Musik ist das keineswegs inszeniert, im Gegenteil , die Regie hört sehr genau hin. Essens tschechischer Generalmusikdirektor Tomá Netopil dosiert jegliche Volkstümlichkeit mit Bedacht und Vorsicht, macht die Anklänge an Wagner deutlich und lässt die guten, im ersten Teil hier und da im Detail auch etwas ungenauen Essener Philharmoniker sehr transparent (und sängerfreundlich) spielen und findet im Laufe des Abends immer besser den richtigen musikdramatischen Tonfall. Sandra Janušaite als Rusalka kann ein wunderschön raumfüllendes Piano singen - tut das aber leider zu selten, wechselt schnell in ein metallisch strahlendes Forte, was der Figur eher dramatische als lyrische Züge gibt. Das ist durchaus packend gestaltet, aber ein wenig verinnerlichter dürfte die Rusalka dann doch sein, zumal die Sängerin offensichtlich die stimmlichen Möglichkeiten besitzt. Mit nicht zu hellem, auch in der Höhe sehr sicheren und nicht an Intensität verlierendem und trotzdem flexiblem Tenor ist Ladislav Elgr ein sehr eindrucksvoller Prinz, und Almas Svilpas ist ein kraftvoller, sonorer Wassermann. Sehr ordentlich singen Magdalena Anna Hoffmann als fremde Fürstin und Lindsay Ammann als Hexe Ježibaba. Klangschön und mit Witz, aber auch leichter Wehmut singt Martijn Cornet den Heger keineswegs wie eine Nebenfigur, und Liliana de Sousa ist ein prägnanter Küchenjungen (und eine klangschöne Elfe, bei denen Christina Clark auch gegenüber Ieva Prudnikovaite abfällt). Tadellos singt der von Patrick Jasolka einstudierte Opernchor.

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Es hilft alles nichts - Rusalka endet in der Zwangsjacke.

So viel Psychoanalyse, und doch keine Heilung für Rusalka - dieser Frau, vielleicht den Frauen überhaupt, ist unter diesen von Männern bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen nicht zu helfen. Die Nixe, die den Prinzen in den Tod reißt (Mord? Totschlag?), bleibt ein pathologischer Fall. Keiner, bei dem man sich genüsslich zurück lehnen kann. Nach dieser Essener Produktion ist jedenfalls klar: Die Krankenakte "Rusalka" ist noch lange nicht geschlossen.


FAZIT

Die Regie zeigt bewegende Bilder und macht es in ihrer Vielschichtigkeit trotzdem nicht leicht: Hinter der Märchenkulisse lauert der Wahnsinn. Eine außergewöhnlich spannende Produktion mit Widerhaken, musikalisch eindrucksvoll.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Tomáš Netopil

Inszenierung
Lotte de Beer

Ausstattung
Clement & San˜ou

Licht
Christian Sierau

Chor
Patrick Jasolka

Dramaturgie
Alexander Meier-Dörzenbach



Statisterie des Aalto-Theaters

Chor des Aalto-Theaters

Essener Philharmoniker


Solisten

Rusalka
Sandra Janušaite

Der Prinz
Ladislav Elgr

Die fremde Fürstin
Magdalena Anna Hofmann

Der Wassermann
Almas Svilpa

Ježibaba (Hexe)
Lindsay Ammann

Der Heger
Martijn Cornet

Der Küchenjunge
Liliana de Sousa

Erster Elfe
Christina Clark

Zweiter Elfe
Liliana de Sousa

Dritter Elfe
Ieva Prudnikovaite

Ein Jäger
Karel Martin Ludvik






Weitere Informationen
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