Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



L'Orontea

Dramma musicale in drei Akten mit einem Prolog
Text von Giacinto Andrea Cicognini
Musik von Antonio Cesti


in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 35' (eine Pause)

Premiere an der Oper Frankfurt am 01.02.2015



Oper Frankfurt
(Homepage)
Die Allgegenwart Amors

Von Thomas Molke / Fotos von Monika Rittershaus


Antonio Cestis L'Orontea zählt nicht nur neben Francesco Cavallis Giasone zu den am meisten gespielten Opern im 17. Jahrhundert, sondern erlebt auch derzeit eine regelrechte Renaissance auf den Opernbühnen. Nach einer Produktion des Internationalen Opernstudios der Hamburgischen Staatsoper im Juli 2014 (siehe auch unsere Rezension) und einer weiteren Inszenierung im August 2014 bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik im Rahmen des Akademie-Projektes BAROCKOPER:JUNG setzt sich nun die Oper Frankfurt erstmals mit diesem Werk auseinander, das  zwar bereits 1961 an der Piccola Scala Mailand mit Teresa Berganza in der Titelpartie erstmals zu einer Neuinszenierung gelangte, allerdings erst durch René Jacobs im Rahmen der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik im Jahr 1982 solchen Eindruck hinterlassen konnte, dass auch eine CD-Einspielung folgte. Der Aufführung in Innsbruck kam auch insofern eine besondere Bedeutung zu, da die Oper nach neueren Forschungen hier am 19. Februar 1656 ihre Uraufführung erlebt hatte. Mit Ivor Bolton hat man in Frankfurt nun einen absoluten Barockexperten für die musikalische Leitung verpflichtet und die Produktion nicht wie die meisten Barockopern im Bockenheimer Depot, sondern im Opernhaus auf der Großen Bühne angesetzt.

Bild zum Vergrößern

Orontea (Paula Murrihy) will ohne Mann leben und regieren.

Die Handlung spielt an einem fiktiven ägyptischen Königshof zu Beginn unserer Zeitrechnung und weist die für die Barockoper typischen Liebesverwicklungen auf. Orontea, die Königin von Ägypten, hat der Liebe abgeschworen. Das ändert sich schlagartig, als der junge Maler Alidoro mit seiner Mutter Aristea am ägyptischen Königshof Schutz vor Arnea, der Königin von Phönizien, sucht. Orontea verliebt sich sofort in diesen schönen jungen Mann, obwohl sie weiß, dass er als Maler nicht standesgemäß für sie ist. Doch auch ihre Hofdame Silandra interessiert sich für den Neuankömmling und gibt ihrem Geliebten Corindo einen Korb. Dieser fordert daraufhin Alidoro zum Duell heraus. Als dritte im Bunde kommt auch noch Oronteas ehemalige Vertraute Giacinta hinzu, die während des Krieges an den phönizischen Königshof entführt wurde und dort verkleidet als Mann unter dem Namen Ismero in den Dienst der phönizischen Königin getreten ist. Sie soll nun im Auftrag der phönizischen Königin Alidoro töten, verliebt sich aber ebenfalls in ihn, während Alidoros Mutter Aristea in Liebe zu dem vermeintlichen jungen Mann entbrennt. Die Verwicklungen werden aufgelöst, als man bei Alidoro ein Medaillon findet, das ihn als verschollenen Prinzen von Phönizien ausweist, der einst von Piraten entführt und von Aristea, der Ehefrau des Piratenhauptmannes als eigenes Kind aufgezogen worden ist. Nun steht einer standesgemäßen Verbindung zwischen Orontea und Alidoro nichts mehr im Weg, und auch Silandra versöhnt sich wieder mit ihrem Geliebten Corindo.

Bild zum Vergrößern

Doch dann begegnet Orontea (Paula Murrihy) dem Maler Alidoro (Xavier Sabata) auf der Flucht.

Walter Sutcliffe räumt in seiner Inszenierung Amor eine wesentlich größere Rolle ein, als es im Libretto vorgesehen ist. Während Amore eigentlich nur im Prolog auftritt, um mit der Filosofia darüber zu streiten, wer von beiden bei den Menschen den größeren Einfluss habe, und die Geschichte um Orontea und Alidoro nur folgt, um zu beweisen, dass die Liebe immer über die Vernunft siege, lässt Sutcliffe diesen Amor in Form von zahlreichen Statisten mit großen Puttenköpfen und eleganten schwarzen Kleidern nicht nur als stumme Beobachter allgegenwärtig sein, sondern auch noch das Bühnenbild für die einzelnen Akte bewegen. So zeigt das Bühnenbild von Gideon Davey im ersten Akt eine Dünenlandschaft, auf der sich die Paare im Liebesspiel tummeln, bevor dann im zweiten Akt ein großer Kasten mit roten Wänden und zahlreichen ägyptischen Büsten Oronteas Palast andeutet. Dieser Kasten wird dann im zweiten Teil in drei Bereiche unterteilt, die durch Einsatz der Drehbühne schnelle Szenenwechsel ermöglichen. Wenn dann das Liebeschaos perfekt ist, brechen die Amoretten diese drei Teile auseinander, und das Bild wirkt nun eher unstrukturiert. Unklar bleibt nun, wieso in einem Kasten zahlreiche Boxen einer Stereoanlage aufgebaut sind oder in einem anderen Kasten die Amoretten Würstchen grillen. Hier wird nicht klar, was die Regie mit diesen Einfällen beabsichtigt.

Bild zum Vergrößern

Alidoros Mutter Aristea (Guy de Mey) macht der als Mann verkleideten Giacinta (Kateryna Kasper) Avancen.

Ansonsten sprudelt Sutcliffes Personenregie von witzigen Einfällen, die die derbe Komik des Stückes auf den Punkt bringen. So erinnert Oronteas Zepter unweigerlich an einen Phallus und wird in ihrem anfänglichen Kampf zwischen Vernunft und Liebe von ihr wohl auch häufig so wahrgenommen. Die Frauen sind in Sutcliffes Deutung nicht die einzigen, die sich in diesen schönen Alidoro verlieben. So leidet auch Tibrino darunter, dass Alidoro Silandra beim Portraitieren näher kommt, als es der Königin später lieb sein wird. Hiermit wird vielleicht motiviert, wieso Tibrino später im Libretto Alidoro gegen Corindo verteidigt. Auch dem alten Diener Gelone unterstellt Sutcliffe auf recht eindeutige Art, sexuell von Alidoro angezogen zu werden. Und wenn Corindo am Ende seiner Geliebten Silandra verzeiht und mit ihr den Ehebund schließen will, nähert er sich beim Hochzeitskuss ebenfalls Alidoro, was die Frauen dann in letzter Sekunde noch zu verhindern wissen. So sorgen Sutcliffes Ideen für große Begeisterung im Publikum und unterstreichen, dass die Allmacht der Liebe die Menschen die Vernunft vergessen lässt.

Bild zum Vergrößern

Happy End mit zwei glücklichen Paaren: von links vorne: Alidoro (Xavier Sabata), Orontea (Paula Murrihy), Silandra (Louise Alder) und Corindo (Matthias Rexroth), in der zweiten Reihe von links: Giacinta (Kateryna Kasper), Tibrino (Juanita Lascarro), Creonte (Sebastian Geyer), Gelone (Simon Bailey), Aristea (Guy de Mey) und die Statisterie als Liebesgötter

Auch musikalisch kann die Inszenierung auf ganzer Linie überzeugen. Paula Murrihy stattet die Titelpartie mit leuchtendem Sopran aus und begeistert durch komödiantisches Spiel. Ihre große Arie "Intorno all'idol mio", in der sie ihr Zepter und ihre Krone neben den schlafenden Alidoro legt und ihm ihre Liebe gesteht, wird in Murrihys Interpretation zu einem Höhepunkt des Abends. Großartig gelingt ihr Wandel von einer mondänen Königin in ausladendem blauen Kleid, in dem sie an Elisabeth I. von England erinnert, hin zu einer begehrenswerten Frau in Reizwäsche. Xavier Sabata wird dem von allen begehrten Alidoro optisch und stimmlich mit weichem Countertenor in jeder Hinsicht gerecht. Guy de Mey begeistert als Alidoros Mutter Aristea mit kräftigem Tenor und lüsternem Spiel. Da hat Kateryna Kasper als Giacinta/Ismero es nicht gerade leicht, sich gegen die Avancen dieses "Rasseweibs" zur Wehr zu setzen. Kasper punktet dabei mit leuchtendem Sopran und glaubhaftem Spiel. Louise Alder und Matthias Rexroth überzeugen als zweites Paar Silandra und Corindo sowohl stimmlich als auch darstellerisch. Alder punktet mit hellem Sopran und laszivem Spiel. Rexroth begeistert mit virilem Countertenor. Eine besondere Herausforderung hat Simon Bailey als Diener Gelone zu bewältigen. Die Partie ist nämlich einerseits im Bass, andererseits im Falsett notiert, um jeweils den Zustand der Nüchternheit des Dieners anzugeben. Bailey bleibt zwar nicht in den Passagen, in denen der Diener nüchtern ist, vollends im Falsett, vollzieht den Wechsel allerdings dennoch beeindruckend. Sebastian Geyer rundet als Creonte das Solisten-Ensemble mit profundem Bariton ab.

Ivor Bolton wird seinem Ruf als Barockexperte am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchester mehr als gerecht und lotet die vielfältigen Schattierungen der Partitur differenziert aus, so dass ein wunderbares Klangerlebnis entsteht, dass auch das Große Haus zu füllen vermag. So gibt es am Ende lang anhaltenden und begeisterten Applaus für alle Beteiligten.

FAZIT

Auch wenn die Geschichte dramaturgisch einige Längen und Ungereimtheiten aufweist, gelingt es dem Regieteam, den Solisten und Musikern, diesen doch recht langen Barockabend absolut kurzweilig zu halten. Es bleibt zu hoffen, dass von Cesti auch noch weitere Werke wiederentdeckt werden.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Ivor Bolton

Inszenierung
Walter Sutcliffe

Bühnenbild und Kostüme
Gideon Davey

Licht
Joachim Klein

Dramaturgie
Steffi Mieszkowski

 

Frankfurter Opern- und
Museumsorchester

Statisterie der Oper Frankfurt


Solisten

*Premierenbesetzung

Orontea
Paula Murrihy

Creonte
Sebastian Geyer

Tibrino / Amore Prolog
*Juanita Lascarro /
Maren Favela

Aristea
Guy de Mey

Alidoro
Xavier Sabata

Gelone
Simon Bailey

Corindo
Matthias Rexroth

Silandra
Louise Alder

Giacinta
Kateryna Kasper

Filosofia
Katharina Magiera



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Oper Frankfurt
(Homepage)







Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Konzert-Startseite E-Mail Impressum
© 2015 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -