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Owen Wingrave

Oper in zwei Akten
Text von Myfanwy Piper nach der gleichnamigen Erzählung von Henry James (1893)
Musik von Benjamin Britten


in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 15' (eine Pause)

Wiederaufnahme an der Oper Frankfurt am 10.01.2015
(Premiere im Bockenheimer Depot: 24. Januar 2010)



Oper Frankfurt
(Homepage)
Ahnengalerie des Todes

Von Thomas Molke / Fotos von Barbara Aumüller


Benjamin Britten schätzte die viktorianischen Gruselgeschichten des amerikanischen Schriftstellers Henry James aufgrund ihrer psychologischen Dichte so sehr, dass er 1954 bereits zwei Monate nach der Uraufführung seiner Kammeroper The Turn of the Screw einem Freund gegenüber den Wunsch äußerte, eine weitere Geschichte von James zu vertonen. Allerdings dauerte es dann ganze 15 Jahre, bis Britten, wahrscheinlich auch unter dem Eindruck des zu der Zeit tobenden Vietnam-Krieges, mit der Arbeit an Owen Wingrave begann und hierbei auch noch für ein Medium komponierte, für das er sich bis zum Ende seines Lebens eigentlich nicht mehr begeistern konnte. 1967 hatte die BBC bei Britten nämlich eine Fernsehoper in Auftrag gegeben, um eine breitere Masse zu erreichen. Nach der Erstausstrahlung am 16. Mai 1971 im 2. Programm der BBC vertrat Britten die Meinung, dass das Werk in einem Theater eine wesentlich intensivere Wirkung erzielen könne. Die erste Bühnenaufführung im Mai 1973 konnte er allerdings gesundheitsbedingt nicht mehr miterleben. Seitdem ist dieses Werk eher selten auf der Bühne zu erleben, da die rasche Szenenfolge mit verschiedenen Schauplätzen relativ schwierig umzusetzen ist. Nachdem die Oper Frankfurt mit der Inszenierung des jungen Briten Walter Sutcliffe 2010 im Bockenheimer Depot einen riesigen Erfolg mit zahlreichen ausverkauften Vorstellungen verbuchen konnte, wird diese Produktion nun erstmals ins Opernhaus übernommen.

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Owen Wingrave (Björn Bürger, rechts) beschließt, entgegen der Tradition seiner Familie nicht die Militärlaufbahn einzuschlagen (links: Spencer Coyle (Dietrich Volle), Mitte: Lechmere (Simon Bode)).

Die Geschichte spielt im späten 19. Jahrhundert auf dem Schloss der Familie Wingrave. Der letzte Spross der Familie, Owen Wingrave, soll auf einer Akademie für eine militärische Karriere ausgebildet werden, verweigert allerdings die Soldatenlaufbahn, weil er den Krieg ablehnt. Diese Entscheidung trifft bei seiner Familie auf völliges Unverständnis, da es schließlich die Bestimmung der männlichen Wingraves sei, einen Heldentod im Krieg zu sterben. Sein Großvater enterbt ihn, was seine Verlobte Kate verzweifeln lässt. Als Beweis dafür, dass er kein Feigling ist, verlangt sie von Owen, eine Nacht in einem Spukzimmer auf dem Schloss zu verbringen, in dem ein Vorfahr von Owen seinen Sohn einst erschlagen hat und anschließend selbst auf unerklärliche Weise tot aufgefunden worden ist. Owen geht auf Kates Forderung ein und lässt sich in dem Zimmer einschließen. Als Kate ihren Wunsch bereut, ist es bereits zu spät. Owen wird tot in dem Zimmer wie ein gefallener Krieger auf einem Schlachtfeld aufgefunden.

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Die Familie, allen voran Sir Philip Wingrave (Michael McCown, links) ist nicht bereit, Owens (Björn Bürger, rechts) Entschluss zu akzeptieren (sitzend von links: Kate (Nina Tarandek), Miss Wingrave (Britta Stallmeister), Lechmere (Simon Bode), Mrs. Coyle (Barbara Zechmeister), Coyle (Dietrich Volle) und Mrs. Julian (Karen Vuong)).

Walter Sutcliffe belässt die Handlung in der ursprünglichen Zeit, um das gruselige Flair der Geschichte einzufangen. Der Bühnenbildner Kaspar Glarner hat dafür mit schwarzen Zwischenwänden ein variables Bühnenbild konzipiert, dass die zahlreichen Szenenwechsel zu den verschiedenen Schauplätzen absolut fließend ermöglichen. In Form einer Guckkastenbühne geben die schwarzen beweglichen Wände mal den Blick auf die Mitte der Bühne, dann wieder nur auf die rechte oder linke Bühnenseite frei, so dass auch einzelne Figuren an unterschiedlichen Orten parallel auftreten können. Die großen Gemälde hinter der dunklen Holztreppe, die nach oben führt, vermitteln im Schloss einen Hauch des Unheimlichen, was durch labyrinthartig angeordnete Seitenwände noch unterstützt wird. Auch die Kostüme, für die ebenfalls Glarner verantwortlich zeichnet, sind der damaligen Zeit nachempfunden. Während des Prologs werden auf die schwarze Wand Fotos von gefallenen Soldaten projiziert, wobei die Jahre, in denen sie gestorben sind, von 2015 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zurückgehen, somit also ganze Epochen umfassen und verdeutlichen, dass für eine Familie wie die Wingraves nur der Heldentod in Frage kommt. Beeindruckend gelingt Sutcliffe auch die Personenführung, die Owens Konflikt mit seiner Familie und seiner Verlobten deutlich hervorhebt. und die Entwicklung bei Owens Lehrer Spencer Coyle und dessen Gattin Mrs. Coyle erkennbar macht, die im Laufe des Stückes immer größeres Verständnis für Owens pazifistische Haltung zeigen.

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Owen (Björn Bürger, rechts) muss mit ansehen, wie seine Verlobte Kate (Nina Tarandek) mit seinem Freund Lechmere (Simon Bode, Mitte) flirtet.

Musikalisch bewegt vor allem die Ballade am Beginn des zweiten Aktes, in der der Butler (Beau Gibson) den Ursprung der Geistergeschichte erzählt. Britten verzichtet hierbei auf eine Orchestrierung und lässt nur beim leise aus dem Off ertönenden Kinderchor, der in der Frankfurter Inszenierung in einer Aufnahme eingespielt wird, eine Trompete spielen, die das Leid auf Schloss Paramore beklagen soll. Großartig gelingt dabei auch der Übergang vom Gesang des Butlers zu Owen, der seinem Lehrer Coyle ebenfalls diese Geschichte als Ursache für den Spuk erzählt. Auch das Unverständnis und die Ablehnung von Owens Familie wird lautmalerisch hervorragend umgesetzt. Wie die Frauen und Sir Philip Wingrave beim Diner Owen mit atonalen Klängen aus ihrem Kreis ausschließen, lässt die eisige Atmosphäre, die auf diesem Schloss herrscht, mehr als deutlich werden. Auch das Quartett zwischen Coyle und den Frauen, in dem jeder seine persönliche Enttäuschung über Owens Entscheidung mit völlig unterschiedlichen Motiven zum Ausdruck bringt,  stellt musikalisch und szenisch einen Höhepunkt des Abends dar.

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Owen (Björn Bürger) stellt sich den Geistern der Vergangenheit.

Stimmlich ist die Produktion mit Ensemble-Mitgliedern der Oper Frankfurt auf hohem Niveau besetzt. Zu nennen ist hier vor allem Björn Bürger in der Titelpartie, der hier in Frankfurt im Opernstudio seine ersten Erfahrungen sammeln konnte und sich mittlerweile zu einem auch international gefragten Bariton entwickelt hat. Mit markanten Tiefen macht er als Owen deutlich, dass er alles andere als ein Feigling ist und wie ein Held zu seiner pazifistischen Überzeugung steht. Umso tragischer wird dann das Ende empfunden, wenn er wie alle Wingraves den "Heldentod" stirbt. Auch Nina Tarandek hat im Opernstudio in Frankfurt begonnen und gehört nun zum festen Ensemble. Mit vollem Mezzo begeistert sie als Owens Verlobte Kate, die keinerlei Verständnis für Owens Haltung aufbringen kann und schließlich die Katastrophe herbeiführt. Wenn sie Owen im Duett im zweiten Akt noch einmal eindringlich bittet, um ihrer gemeinsamen Zukunft willen seine Entscheidung noch einmal zu überdenken, findet sie mit Bürger zu einer betörenden Innigkeit. Karen Vuong punktet als Kates Mutter Mrs. Julian mit kräftigem Sopran und überzeugt mit dramatischen Ausbrüchen, wenn sie von Owens Enterbung erfährt und damit die Hoffnung auf eine finanziell sichere Zukunft für ihre Tochter begraben muss. Britta Stallmeister stattet die kompromisslose Miss Wingrave mit hartem Sopran aus. Simon Bode und Michael McCown klingen als Lechmere und Sir Philip Wingrave allerdings stellenweise etwas leise. Gerade McCown nimmt man deshalb den gnadenlosen Großvater nicht immer ganz ab.

Dietrich Volle und Barbara Zechmeister haben das Ehepaar Coyle bereits bei der Premiere 2010 im Bockenheimer Depot interpretiert und begeistern auch jetzt in diesen beiden Partien. Volle stattet den Leiter der Militärakademie mit profundem Bass aus, der bei aller Begeisterung für militärischen Drill trotzdem Verständnis für Owens Haltung entwickeln kann und erkennen muss, dass seine militärischen Kenntnisse bei einem "Familienkrieg" versagen. Zechmeister gibt seiner Ehefrau mit weichem Sopran die Wärme, die Mrs. Coyle für Owen empfindet. Für die musikalische Leitung konnte erneut Yuval Zorn gewonnen werden, der das Frankfurter Opern- und Museumsorchester mit sicherer Hand durch die schwierige Partitur führt. So gibt es am Ende großen Applaus für alle Beteiligten.

FAZIT

Es ist eine gute Entscheidung der Oper Frankfurt, diese Inszenierung ins Opernhaus zu übernehmen, da das Konzept auch auf der großen Bühne wunderbar aufgeht und Sutcliffe mit seinem Bühnenbildner Glarner einen Zugang entwickelt, der Brittens selten gespielter Oper in jeder Hinsicht gerecht wird. Daher sollte man sich diese Aufführung nicht entgehen lassen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Yuval Zorn

Inszenierung
Walter Sutcliffe

Szenische Leitung der Wiederaufnahme
Tobias Heyder

Bühnenbild und Kostüme
Kaspar Glarner

Licht
Frank Keller

Video
Bibi Abel

Dramaturgie
Agnes Eggers

 

Statisterie der Oper Frankfurt

Kinderchor der Oper Frankfurt
(Aufnahme)

Frankfurter Opern- und
Museumsorchester


Solisten

Owen Wingrave, der Letzte der Wingraves
Björn Bürger

Spencer Coyle, Leiter einer Militärakademie
Dietrich Volle

Lechmere, Student der Militärakademie
Simon Bode

Erzähler, der Balladensänger
Beau Gibson

Miss Wingrave, Owens Tante
Britta Stallmeister

Mrs. Coyle
Barbara Zechmeister

Mrs. Julian, Witwe
Karen Vuong

Kate, ihre Tochter
Nina Tarandek

General Sir Philip Wingrave, Owens Großvater
Michael McCown



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Oper Frankfurt
(Homepage)







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