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Männer

Fußball-Liederabend von Franz Wittenbrink

in deutscher (teilweise auch englischer und italienischer) Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2 h 30' (eine Pause)

Premiere im Kleinen Haus des Musiktheaters im Revier am 18. Oktober 2014

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Musiktheater im Revier
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Und immer wieder Mama

Von Thomas Molke / Fotos von Pedro Malinowski


Nachdem Franz Wittenbrinks musikalisches Schauspiel Die Comedian Harmonists vor drei Spielzeiten für ständig ausverkaufte Vorstellungen im Kleinen Haus gesorgt hatte, hat man sich im Musiktheater im Revier entschieden, in dieser Saison die nächste "Boygroup" zu präsentieren, der Wittenbrink ein musikalisches Denkmal in einem Liederabend gesetzt hat. Doch dieses Mal sind es keine bestimmten Personen, sondern die Männer im Allgemeinen. Neben den Sekretärinnen, seiner wohl bekanntesten Revue, hat er nämlich auch die Sorgen, Nöte und Träume seines eigenen Geschlechts in einer unterhaltsame Kombination von Liedern aus unterschiedlichen Gattungen ausgedrückt. Und auch dieser Abend dürfte sich aufgrund eines hervorragenden Ensembles, eines erstklassigen musikalischen Leiters und einer kurzweiligen Inszenierung zu einem absoluten Renner entwickeln. Die Herzen der Premierenpublikums hat der Abend jedenfalls sofort im Sturm erobert.

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Frust nach der Niederlage des heimischen Fußballvereins: von links: Jacoub Eisa, Christian Henneberg, Joachim Gabriel Maaß, E. Mark Murphy, Klaus Brantzen, Michael Dahmen, Philipp Werner und Piotr Prochera)

Das Stück hat an sich keine feste Handlung, sondern gibt in zahlreichen Liedern einen Einblick in die Gefühlswelt von Männern aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten. Hier kommt der Macho genauso zu Wort wie das Muttersöhnchen, der leitende Angestellte, der Prolet oder der Öko. Was diese absolut unterschiedlichen Typen verbindet, ist ihre Liebe zum Fußball, in Gelsenkirchen ist das natürliche Schalke 04. Hier trifft man sich am Kiosk "Zur scharfen Ecke", um gemeinsam auf einem kleinen Fernsehgerät ein Fußballspiel zu verfolgen. Als der heimische Verein verliert, muss man natürlich mit seinem Frust fertig werden und singt von seinen Träumen. Dabei geht es natürlich in der Regel um das andere Geschlecht, die Frau als Mutter, Geliebte, Ehefrau und Projektionsfläche für erotische Fantasien. Die Kioskbetreiberin, die als einzige einen Namen in dem Stück bekommt, nimmt dabei allerdings keiner zur Kenntnis. Erst als sie den Kiosk am Ende schließt, wird den Männern bewusst, was sie verloren haben. Wie einsame Cowboys bleiben sie an einem Lagerfeuer zurück und bringen sich gerade mit einem neuen Fußballsong wieder in Stimmung, als "Mama" auftaucht und sie etwas unsanft nach Hause beordert.

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Obwohl sich in den Liedern fast alles um Frauen dreht, wird die Kioskbetreiberin Uschi (Katja Boost) von den Männern eigentlich nicht zur Kenntnis genommen (dahinter von links: Christian Henneberg, Klaus Brantzen, E. Mark Murphy, Michael Dahmen, Joachim Gabriel Maaß und dahinter Philipp Werner).

Britta Tönne hat ein realistisch anmutendes Bühnenbild entworfen, das eine zwar leicht klischeehafte, aber dennoch recht treffliche Atmosphäre einer Ruhrgebietsstadt einfängt. Da fehlt an der Häuserwand auf der linken Seite weder das Fenster mit dem überdimensionalen Schalke-Schal, noch die Schalke-Fahne, die hinter der Imbissbude gehisst wird und bei der Niederlage des Vereins traurig nach unten sinkt. Auf der rechten Seite stehen Mülltonnen, in die sich nicht nur Joachim Gabriel Maaß übergibt, nachdem er einen über den Durst getrunken hat, sondern hinter denen auch Klaus Brantzen, Michael Dahmen und E. Mark Murphy ihr Geschäft verrichten. Die Kostüme, für die ebenfalls Tönne verantwortlich zeichnet, fangen die unterschiedlichen Charaktere der einzelnen Männer gut nachvollziehbar ein. So trägt Klaus Brantzen als Muttersöhnchen einen eng anliegenden Pullunder zu einer beigefarbenen Cordhose, Michael Dahmen als leitender Angestellter einen langweiligen grauen Anzug, Philipp Werner als Öko einen Batik-Pullover mit braunen Sandalen, und E Mark Murphy erfüllt mit seiner Fan-Kleidung für Schalke 04 wirklich jedes Vorurteil über einen Fußballproleten. Selbst der Seitenhieb auf den BVB darf mit dem Aufkleber "Doof, doofer, Doofmund" nicht fehlen.

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E. Mark Murphy (vorne) bei "Wild thing" (dahinter von links: Michael Dahmen, Christian Henneberg, Piotr Prochera, Philipp Werner, Katja Boost, Joachim Gabriel Maaß, Klaus Brantzen und Jacoub Eisa)

Musikalisch hat Wittenbrink in diesem Liederabend größtenteils bekannte Melodien nicht nur neu arrangiert, sondern auch in einen neuen Bedeutungszusammenhang gesetzt. Wenn beispielsweise zu Beginn die acht Männer die Ouvertüre von Mozarts Don Giovanni trällern und dabei die letzten Minuten des Fußballspiels verfolgen, bis es zur Niederlage des heimischen Vereins kommt und sie dieses Drama mit der Zeile "This is the real life" aus Queens "Bohemian Rhapsody" kommentieren, schließt sich am Ende des Abends der Kreis, indem Katja Boost als "Mama" zur Szene des Komturs auftritt, der Don Giovanni zu sich ins Grab beziehungsweise hier die Männer nach Hause holt. Auch die Verwendung der berühmten Schnulze "Mama" findet unterschiedliche Ausprägungen. So legen die acht Männer den Text des Liedes direkt nach der Pause unter den Rhythmus von "We will rock you", bevor sie sich später in der italienischen Variante mit tenoralem oder baritonalem Schmelz gegenseitig zu übertreffen versuchen. Erwähnenswert ist auch die Verschmelzung des Calypso-Songs "Wo meine Sonne scheint" mit "The lion sleeps tonight", den die Männer nach einem kräftigen Zug an einer Haschisch-Zigarette anstimmen. Wenn anschließend "Es gibt kein Bier auf Hawaii" gewissermaßen als Choral gesungen wird, drückt das nicht nur die Verbindung zum Ruhrgebiet sondern auch die Verehrung der Heimat aus. Mit Fußball hingegen hat die Musik dieses "Fußball-Liederabends" relativ wenig zu tun, sieht man einmal von "Gute Freunde kann niemand trennen", mit dem die unterschiedlichen Männer sich kurz vor Schluss als eingeschworene Gemeinde sehen, und dem umgedichteten "Eisgekühlter Bommerlunder" ab, bei dem es nun heißt: "Eine kleine Nymphomanin, eine kleine geile Sau, das ist alles, was wir brauchen: ficken, saufen, Königsblau".

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Der Mann als "Lonesome Cowboy": von links: Michael Dahmen, Joachim Gabriel Maaß, Klaus Brantzen, Philipp Werner, Piotr Prochera, Christian Henneberg (vorne), Jacoub Eisa und E. Mark Murphy)

Thomas Rimes begleitet den Abend nicht nur am Klavier, sondern beweist auch am Keyboard und anderen Instrumenten seine Vielseitigkeit, so dass man stellenweise das Gefühl hat, die Männer würden nicht nur von einem Instrument, sondern von einem ganzen Orchester begleitet. Thomas Weber-Schallauer setzt mit ausgeklügelter Personenregie die acht Männer sowohl als Individuen als auch als Gruppe in gelungenen Choreographien in Szene. Zu erwähnen ist vor allem auch Katja Boost als die Frau, die zwar an diesem Abend relativ wenig zu singen beziehungsweise zu sagen hat, den ganzen Abend allerdings als Kioskbetreiberin Uschi durch eine überbordende Bühnenpräsenz begeistert. Mit ihrem pinkfarbenen Top und den blondierten Haaren erfüllt sie optisch das Klischee einer einfachen Frau im Ruhrgebiet, die die Ausbrüche der Männer zwar unkommentiert stehen lässt, mit minimaler Mimik aber durchaus zum Ausdruck bringt, was sie von ihren Kunden denkt. Wenn sie dann zu "Time to say goodbye" hinter einem Fenster verschwindet und als Schattenbild erotische Männerfantasien befriedigt, ist das von Boost großartig in Szene gesetzt.

Auch die acht Männer überzeugen zum einen als "Boygroup" mit homogenem Klang und wunderbar aufeinander abgestimmtem Gesang. Als Höhepunkte ist hier beispielsweise "Girls, girls, girls" zu nennen, das mit Beginn der Nacht zu einem Wolfsheulen regelrecht aus ihnen herausbricht. Der Schmatz-Chor, mit dem sie im zweiten Teil die verspeiste Wurst verarbeiten, ist zwar ein wenig eklig, aber rhythmisch mit dem abschließenden Rülpser auf den Punkt umgesetzt. Zum anderen stellen sie auch als Solisten unter Beweis, dass sie den jeweiligen Charakter glaubhaft verkörpern. E. Mark Murphy begeistert nicht nur durch seine eigenwillige Interpretation von "Ich brech' die Herzen der stolzesten Frauen" mit unschlagbarer Komik, sondern zeigt sich auch zu "Wild thing" von einer rockigen Seite, wie man sie von ihm so in Gelsenkirchen noch nicht erlebt hat. Philipp Werner punktet als schüchterner Öko, der mit dem unsäglichen Schlager "Und es war Sommer" das Publikum im Saal zum ersten Mal zum Toben bringt, und glänzt mit großer Komik, wenn er, nachdem die Männer zu Grönemeyers "Alkohol" den Kiosk regelrecht auseinandergenommen haben, erschrocken konstatiert "Mein Freund der Baum ist tot". Joachim Gabriel Maaß darf zu "So wie ein Tiger" nicht nur richtig ausflippen, sondern am Ende auch noch ein Tigerkostüm unter dem biederen Hemd präsentieren. Michael Dahmen glänzt als eher tragische Figur, der nach der Niederlage des Vereins Trost bei seinem kleinen Bären mit den großen Ohren sucht und später am Telefon vergeblich bittet "Gib mir eine Chance". Piotr Prochera geht von "Flugzeuge im Bauch" in ein Grönemeyer-Medley über, an dessen Ende natürlich "Alkohol" stehen muss. Christian Henneberg punktet mit der deutschen Variante von "I will survive", und Jacoub Eisa gibt den coolen Jungen, der beim Gruppenkuscheln außen vor bleibt und die Meinung vertritt "Ist ja alles supergut". Bleibt noch Klaus Brantzen, der das Muttersöhnchen mit herrlicher Naivität in Perfektion verkörpert.

Dass aus dem mit zwei Stunden und zehn Minuten angekündigten Abend schließlich zweieinhalb Stunden werden, liegt nicht nur an dem frenetischen Applaus nach zahlreichen Songs, sondern auch an zwei Zugaben, wobei die zweite sehr deutlich macht, dass Gelsenkirchen eine Fußball-Stadt ist und hier auch im Theater das Herz für Schalke 04 schlägt. Dieser Faszination kann sich wahrscheinlich auch ein Fußball-Muffel nicht entziehen.

FAZIT

Das MiR hat einen neuen Renner im Kleinen Haus. Man sollte sich frühzeitig um Karten bemühen, um diese wunderbare Revue nicht zu verpassen. (Termine: 25. und 26. Oktober 2014, 1., 7. und 9. November 2014, 3., 9., 11. und 23. Januar 2015, 27. Februar 2015, 20. und 26. März 2015, 16. April 2015 und 2. Mai 2015, bei entsprechender Nachfrage wird es hoffentlich noch Zusatztermine und eine Übernahme in die kommende Spielzeit geben)


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Produktionsteam

Musikalische Leitung / Klavier
Thomas Rimes

Inszenierung
Thomas Weber-Schallauer

Bühne und Kostüme
Britta Tönne

Licht
Andreas Gutzmer

Dramaturgie
Anna Grundmeier


Solisten

Der Biker
E. Mark Murphy

Der Öko
Philipp Werner

Der leitende Angestellte
Michael Dahmen

Der Schnösel
Christian Henneberg

Der Lude
Piotr Prochera

Der Checker
Jacoub Eisa

Der Frührentner
Joachim Gabriel Maaß

Das Muttersöhnchen
Klaus Brantzen

Die Frau
Katja Boost

 


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