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Alice im Wunderland

Ballett von Ricardo Fernando nach Lewis Carroll (Uraufführung)
Musik von Danny Elfman, Alexandre Desplat, Joby Talbot und Peter Iljitsch Tschaikowski

Aufführungsdauer: ca. 1 h 50' (eine Pause)

Premiere im Theater Hagen am 27. September 2014


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Theater Hagen
(Homepage)
Fantastische Reise ins Wunderland

Von Thomas Molke / Fotos von Klaus Lefebvre

Nachdem Ballettdirektor Ricardo Fernando vor zwei Jahren mit dem Handlungsballett Der Nussknacker einen Klassiker choreographiert hatte, der auch in der vergangenen Spielzeit Groß und Klein in der Vorweihnachtszeit ins Theater lockte, hat er an den Beginn dieser Saison erneut ein Handlungsballett gestellt, dass mit seinem märchenhaften Charakter ebenfalls zu einem Publikumsrenner für die Vorweihnachtszeit avancieren dürfte. Der einzige Unterschied besteht darin, dass es zu Alice im Wunderland kein klassisches Libretto gibt, so dass sich Fernando die Musik für diesen Ballettabend selbst zusammenstellen musste. Dabei bediente er sich einerseits der Musik von Peter Iljitsch Tschaikowski, die Carl Davis für den Ballettabend Alice in Wonderland arrangiert hat (Uraufführung 1995 mit dem English National Ballet), und verwendete eine Suite aus Alice's Adventure in Wonderland, die Joby Talbot 2011 für das Royal Ballet in London komponierte. Andererseits baute er Kompositionen aus dem bekannten Soundtrack von Danny Elfman zu Tim Burtons Verfilmung Alice in Wonderland aus dem Jahr 2010 ein. Die einzige verwendete Musik, die bisher in keinem Zusammenhang zu Lewis Carrolls Alice steht, stammt von Alexandre Desplat aus dem Soundtrack zu dem Film Mr. Magorium's Wonder Emporium von Zach Helm aus dem Jahr 2007.

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Das weiße Kaninchen (Shinsaku Hashiguchi) im Wettlauf mit der Zeit

Der Abend beginnt mit dem "Alice-Thema" aus dem Soundtrack von Danny Elfman, das im weiteren Verlauf des Abends auch immer wieder aufgegriffen wird. Anders als im Roman sitzt Alice nicht mit ihrer Schwester an einem Fluss, sondern langweilt sich zuhause. Auch das Blättern in einer Zeitschrift kann ihr keine Ablenkung verschaffen. Hinzu kommen die nervenden Eltern, die versuchen, ihr ständig Vorschriften zu machen. Melanie Lopez Lopez und Bobby Briscoe interpretieren in steifen Kostümen mit abgehackten Bewegungen das Elternpaar, das Alice nach seinen Vorstellungen prägen will. Als sich das Mädchen wehrt, gibt es nur einen einzigen Ausweg. Alice muss in ein Internat. Aus dem Schnürboden wird eine graue Wand mit einer schwarzen Tafel auf der rechten Seite und einem Fenster herabgelassen, das keinen Ausblick nach draußen ermöglicht. Alice wird in eine Schulbank gezwängt, und auf der Rückwand prasseln in einer Videoprojektion von Lieve Vanderschaeve zahlreiche mathematische Formeln und Buchstaben herab, die alle durcheinander wirbeln und somit keinen Sinn mehr ergeben. Die Lehrer werden als kopflose Menschen dargestellt. Die Tänzer tragen dabei ein riesiges kastenförmiges Sakko, das ihren Oberkörper und den Kopf bedeckt, so dass sie nur als Masse ohne Hirn und Verstand wahrgenommen werden und Alices Situation noch verschlimmern.

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Alice (Tiana Lara Hogan, links) bei der Teeparty mit dem Hutmacher (Brendon Feeney), dem Hasen (Péter Matkaicsek, 2. von rechts) und dem Siebenschläfer (Debora Buhatem, rechts)

Dann taucht plötzlich das weiße Kaninchen auf. Zunächst läuft es nur als Videoprojektion über die Rückwand. Dann tritt es leibhaftig durch die Tür auf der rechten Seite. Shinsaku Hashiguchi trägt eine weiße Mütze mit Hasenohren und verbreitet mit seinem ständigen Blick auf die große Uhr, die an seinem Schottenrock befestigt ist, große Hektik. Eine herrliche Slapstickeinlage erhält er auch im weiteren Verlauf des Stückes, wenn er auf einem Stock einmal quer über die Bühne hüpft. Auch die ständigen Ausrufe "Zu spät, zu spät" dürfen natürlich nicht fehlen. Mit Leichtigkeit überzeugt er Alice, dem tristen Internatsdasein zu entfliehen und begibt sich mit ihr durch einen Tunnel in eine andere Welt. Vanderschaeve lässt mit einer beeindruckenden 3 D-Projektion das Gefühl entstehen, dass Alice wirklich durch diesen Tunnel in eine andere Welt hinabgleitet. Wenn Alice und das weiße Kaninchen die Tür in der Rückwand öffnen, erscheint durch die Projektion gewissermaßen in der Tür dieser Tunnel, der sich schnell über die ganze Rückwand ausbreitet und ein Mädchen in diesem Tunnel hinabfallen lässt. Auch das berühmte Gartenlabyrinth, das man aus der Disney-Verfilmung kennt, lässt Vanderschaeve in diesem Wunderland später auftauchen.

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Ensemble: von links Dodo (Huy Tien Tran), weißes Kaninchen (Shinsaku Hashiguchi), Siebenschläfer (Debora Buhatem), Grinsekatze (Yoko Furihata), Alice (Tiana Lara Hogan), Maus (Ana Rocha Nené) Zwiddeldum (Leszek Januszewski), Hutmacher (Brendon Feeney) und Köchin (Eunji Yang)

In dieser neuen Welt trifft Alice nun auf zahlreiche Figuren, die man aus dem Märchen kennt und die von Dorin Gal mit fantasievollen Kostümen ausgestattet sind. Ein regelrechter Augenschmaus ist die riesige Raupe, die von vier Statisten und den beiden Tänzern Huy Tien Tran und Tomoaki Nakanome dargestellt wird und sich in eleganten Bewegungen über die Bühne schiebt. Auch die Grinsekatze, die ihre Größe ständig verändern und teilweise auch nur als Kopf erscheinen kann, wird beeindruckend umgesetzt. Zum einen wird der Kopf in unterschiedlichen Größen auf eine Leinwand projiziert, zum anderen trägt Leszek Januszewski einen riesigen Katzenkopf in einem Kostüm, das farblich so neutral gehalten ist, dass sein Körper regelrecht verschwindet und er als Kopf über die Bühne zu wandeln scheint. Große Komik entsteht beim Kochwettbewerb der Herzogin (Melanie Lopez Lopez), die das Essen stets dermaßen überwürzt, dass es ungenießbar wird. Wenn die Maus (Ana Rocha Nené) während dieser Szene immer das kleine Ferkel an der Rampe über die Bühne zieht und das Ferkel jedes Mal gewachsen ist, fragt man sich natürlich, wann denn das Schweinchen im Kochtopf landen wird. Doch diese Sorge bleibt unbegründet. Auch die Teeparty beim Hutmacher wird mit überdimensionalen Tassen und einem großartigen Brendon Feeney als Hutmacher umgesetzt.

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Herzkönigin (Sofia Romano) und Herzkönig (Bobby Briscoe) (im Hintergrund von links: Alice (Tiana Lara Hogan), Hutmacher (Brendon Feeney), Herzogin (Melanie Lopez Lopez), weißes Kaninchen (Shinsaku Hashiguchi) und eine Spielkarte (Huy Tien Tran)

Nach der Pause tritt dann die Herzkönigin auf. Ein dreieckiges Kartenhaus im Hintergrund deutet den Palast an. Sofia Romano begeistert als exaltierte Königin, die jedem ihrer Untertanen bei der kleinsten Unzufriedenheit den Kopf abhauen will. In einem verführerischen Tanz mit den Spielkarten verdirbt es sich jede einzelne Spielkarte mit ihr, da die Karten die Königin entweder fallen lassen oder sie nicht so drehen, wie sie es wünscht, so dass sie alle zum Tode verurteilt werden. Es kommt allerdings zu keiner Vollstreckung, sondern zum legendären Kricket-Spiel mit den Flamingos als Schlägern und den Igeln als Bällen, die von Debora Buhatem und Ana Rocha Nené dargestellt werden. Die Tore werden von den Spielkarten dargestellt und verschließen sich immer bei der Königin, während sie sich bei Alice so bewegen, dass der Igel jeweils durch das Tor rollt, was natürlich erneut den Zorn der Königin hervorruft. Doch als sie Alice ebenfalls zum Tode verurteilen will, kommen Alices neu gewonnene Freunde zur Hilfe und sperren die Königin ein. Umso trauriger ist Alice, als sie sich nach dieser Szene plötzlich wieder im Klassenzimmer befindet und erneut mit einem kopflosen Lehrer konfrontiert wird. Doch als bereits wieder die Buchstabenprojektionen auf sie niederprasseln, erscheint das weiße Kaninchen und entführt sie noch einmal in das fantastische Wunderland.

Tiana Lara Hogan begeistert als Alice mit grazilem Spiel und mädchenhaften Bewegungen. Auch die übrigen 13 Tänzerinnen und Tänzer überzeugen mit großem Spielwitz und Homogenität in den Ensembles. Besonders hervorzuheben ist dabei, dass sie in über 30 Figuren mit jeweils relativ aufwendigen Kostümen schlüpfen müssen. So gibt es verständlicher Weise am Ende für das ganze Ensemble und für den Ballettdirektor und das Produktionsteam stehende Ovationen und lang anhaltenden Applaus.

FAZIT

Dieser Ballettabend dürfte sich zu einem Publikumsrenner für Groß und Klein entwickeln, besonders in der Vorweihnachtszeit.



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Produktionsteam

Choreographie und Inszenierung
Ricardo Fernando

Ausstattung
Dorin Gal

Video / 3D
Lieve Vanderschaeve

Licht / Videotechnik
Achim Köster

Dramaturgie
Maria Hilchenbach

 

Solisten

*Premierenbesetzung

Alice
*Tiana Lara Hogan /
Eunji Yang /
Ana Rocha Nené

Mutter
*Melanie Lopez Lopez /
Sofia Romano /
Yoko Furihata

Vater
*Bobby Briscoe /
Brendon Feeney /
Leszek Januszewski

Weißes Kaninchen
*Shinsaku Hashiguchi /
Péter Matkaicsek

Maus
*Ana Rocha Nené /
Tiana Lara Hogan /
Eunji Yang

Dodo
*Huy Tien Tran /
Brendon Feeney

Papagei
*Bobby Briscoe /
Brendon Feeney

Adler
*Debora Buhatem /
Yoko Furihata

Zwiddeldum und Zwiddeldei
*Leszek Januszewski /
*Tomoaki Nakanome /
Shinsaku Hashiguchi

Raupe
*Bobby Briscoe /
Brendon Feeney

Frosch-Diener
*Sofia Romano /
Yoko Furihata

Fisch-Diener
*Péter Matkaicsek /
Shinsaku Hashiguchi

Herzogin
*Melanie Lopez Lopez /
Sofia Romano

Köchin
*Eunji Yang /
Ana Rocha Nené

Grinsekatze
*Yoko Furihata /
Debora Buhatem

Hutmacher
*Brendon Feeney /
Huy Tien Tran

Siebenschläfer
*Debora Buhatem /
Melanie Lopez Lopez

Hase
*Péter Matkaicsek /
Shinsaku Hashiguchi

Herzkönigin
*Sofia Romano /
Melanie Lopez Lopez

Herzkönig
*Bobby Briscoe /
Leszek Januszewski

Igel
Debora Buhatem
Ana Rocha Nené

Falsche Suppenschildkröte
*Tomoaki Nakanome /
Péter Matkaicsek

Hummer
*Leszek Januszewski /
Shinsaku Hashiguchi

Austern
*Yoko Furihata /
*Eunji Yang /
Debora Buhatem

Riesige Grinsekatze
Leszek Januszewski

Riesige Raupe
Huy Tien Tran
Tomoaki Nakanome
Statisterie

Kopflose Menschen
Sofia Romano
Leszek Januszewski
Péter Matkaicsek
Tomoaki Nakanome
Huy Tien Tran
Statisterie

Spielkarten
Ensemble
 

Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen
(Homepage)




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