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Faust

Oper in fünf Akten
Text von Jules Paul Barbier und Michel Florentin Carré
Musik von Charles Gounod

In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 20' (eine Pause)

Premiere im Theater Hagen am 17. Januar 2015


Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Pakt am Krankenbett

Von Thomas Molke / Fotos von Klaus Lefebvre (Rechte Theater Hagen)

Von den zahlreichen Vertonungen des Faust-Stoffes dürfte Gounods Oper neben den Werken von Hector Berlioz und Arrigo Boito zweifelsohne zu den bekannteren Fassungen zählen. Doch während Berlioz nicht nur im Titel Fausts Verdammnis in den Mittelpunkt stellt und Boito als einziger beide Teile der Tragödie ins Visier nimmt,  konzentriert sich Gounod auf die Gretchen-Tragödie und beschränkt Fausts Selbstzweifel, die zum Pakt mit dem Teufel führen, auf die Problematik seines Alterns. Dies mag ein Grund dafür gewesen sein, dass das Werk in Deutschland häufig unter dem Titel Margarethe gespielt wurde, zumal damit für das deutsche Bildungsbürgertum der dem großen Dichterfürsten geschuldete Respekt im eigenen Lande gewahrt werden konnte. Auch im Theater Hagen lief die letzte Produktion dieses Werkes vor zehn Jahren noch unter dem Titel Margarethe. Doch mit der mittlerweile gängigen Präsentation von Opern in der Originalsprache hat sich in Deutschland der Titel Faust durchgesetzt, was in der Inszenierung von Holger Potocki auch mehr als gerechtfertigt ist, da er die komplette Geschichte als Fausts Traumvision spielen lässt.

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Méphistophélès (Rainer Zaun, links) schließt mit dem alten Faust (Klaus Klinkmann, rechts) den Pakt am Krankenbett.

Potocki lässt den Faust nicht nur Probleme mit dem Altern haben, sondern stellt ihn direkt zu Beginn der Oper als alten, kranken Mann an den Übergang zum Tod. In einem Krankenbett vegetiert Faust mit lebenserhaltenden Maßnahmen dahin, wobei die späteren Figuren der Geschichte an seinem Krankenbett auftreten: Siebel als Oberin in einem katholischen Krankenhaus, Valentin als Arzt, Marguerite als besonders einfühlsame Krankenschwester und Méphistophélès als Kardinal, der gekommen ist, um Faust die letzte Ölung zu geben. So verzichtet Potocki auch auf die Verjüngung Fausts durch den Teufel, sondern stellt die Titelpartie als zwei Figuren auf die Bühne. Der alte Faust wird während des kompletten Stückes immer einmal wieder in einem Rollstuhl auf die Bühne geschoben und zwischen den Akten in beeindruckenden Video-Projektionen von Volker Köster auf die den Vorhang ersetzende Wand geworfen, während beim jungen Faust nur der durchgängige Riss auf der Rückseite seines Sakkos daran erinnert, dass er eigentlich keine real existierende Person ist, sondern nur der Fantasie eines sterbenden Mannes in seinem Flügelhemd entspringt.

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Valentin (Kenneth Mattice) muss in den Krieg ziehen und nimmt Abschied (im Hintergrund: Opernchor und Extrachor).

Birgt dieses Konzept zumindest zu Beginn noch einige Probleme - so verwirrt beispielsweise, dass Faust, während er mit Méphistophélès, der sich vom Kardinal in den Teufel im knallroten Anzug verwandelt, den Pakt am Krankenbett schließt, aus dem Off singt -, geht dieser Ansatz im weiteren Verlauf des Abends vor allem auch durch das großartige Bühnenbild von Lena Brexendorff wunderbar auf. In allen Akten sind Teile des Krankenzimmers noch präsent, die deutlich machen, dass diese ganzen Bilder nur als Vision eines sterbenden Mannes zu sehen sind. Wenn Méphistophélès den verjüngten Faust zunächst auf einen Jahrmarkt führt, wo eine Gruppe Soldaten Abschied nimmt, um in den Krieg zu ziehen, sieht man zum einen als Rückwand das schwarz-rote Muster des Bodens, was andeutet, dass die Welt Kopf steht. Zum anderen befindet sich ein riesiges Krankenbett auf der Bühne, auf dem sich Männer und Frauen tummeln, was vielleicht auch bereits andeuten mag, dass einige Soldaten nicht lebend aus dem Krieg zurückkehren werden. Großartig gelingen auch die Szene in Marguerites Kammer und das anschließende Rendezvous im Garten. Ein Landschaftsbild, das neben dem Krankenbett hängt, gewährt nun in vergrößerter Form Einlass in Marguerites Kammer, in der die Bäume, Berge und sogar der Hirsch aus dem Bild nachempfunden werden. Auch das Krankenbett taucht in diesem Zimmer wieder auf, so dass die ersehnte Liebesnacht zwischen Faust und Marguerite wirklich im Bett des sterbenden Faust stattfindet. Hervorzuheben ist an dieser Stelle auch die großartige Lichtregie von Achim Köster, der das Bild mal transparent und dann wieder undurchlässig erscheinen lässt.

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Siebel (Kristine Larissa Funkhauser) hält treu zu Marguerite.

Wenn Marguerite dann am Ende als Kindsmörderin verhaftet im Gefängnis sitzt und Faust zu ihr eilt, um sie zu befreien, befindet sie sich in einem senkrecht stehenden Krankenbett und trägt ein ähnliches Flügelhemd wie der alte Faust. Auch sie ist dem Tod geweiht, doch im Gegensatz zu Faust versucht sie nicht, ihrem Schicksal zu entfliehen. Stattdessen zieht sie ihr Flügelhemd aus und verwandelt sich wieder in die Krankenschwester vom Beginn des Abends. Méphistophélès legt wieder seinen Kardinalsumhang um, und man befindet sich wieder im Krankenzimmer an der Stelle, an der die Szene zu Beginn während der Ouvertüre eingefroren ist. Die Oberin, der Arzt, die Krankenschwester und der Kardinal schicken sich an, das Krankenzimmer zu verlassen, da für den Patienten nichts mehr getan werden kann. Nur die Krankenschwester dreht sich noch einmal um und geht zurück zum alten Faust, was andeuten mag, dass auch er nun von seinen Leiden befreit und wie Marguerite nicht für seine Sünden "gerichtet", sondern "gerettet" worden ist.

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Faust (Paul O'Neill) will Marguerite (Veronika Haller) aus dem Gefängnis befreien.

Musikalisch bewegt sich der Abend auf gutem Niveau. Mit Paul O'Neill hat das Theater Hagen für die Titelpartie einen Tenor engagiert, der sich als absoluter Glücksgriff erweist. Mit lyrischem Schmelz meistert er die anspruchsvolle Partie und klingt auch in den Höhen sauber und geschmeidig, ohne dabei zu forcieren. Seine große Arie "Salut! Demeure chaste et pure" im dritten Akt, wenn er Marguerites Kammer betritt, geht regelrecht unter die Haut. Ensemble-Mitglied Rainer Zaun überzeugt darstellerisch als Méphistophélès und trumpft mit markantem Bass auf, stößt in den Höhen allerdings ein bisschen an seine Grenzen, was vor allem beim großen Rondo vom goldenen Kalb "Le veau d'or" im zweiten Akt bemerkbar wird. Mit Veronika Haller als Marguerite kann eine weitere Hauptpartie aus dem Ensemble besetzt werden. Haller begeistert mit lyrischem Sopran, dem nur in der Juwelen-Arie stellenweise in den schnellen Läufen die Leichtigkeit fehlt. Kenneth Mattice stattet ihren Bruder Valentin mit einem profunden Bariton aus und lässt seine Arie im zweiten Akt "Avant de quitter ces lieux", mit der er Abschied von seiner Schwester nimmt, um in den Krieg zu ziehen, zu einem weiteren Höhepunkt des Abends werden. Kristine Larissa Funkhauser begeistert als Siebel mit jugendlichem Charme und warmem Mezzo. Marilyn Bennett setzt als Marthe vor allem in der Gartenszene mit Zaun komödiantische Akzente.

Auch der von Wolfgang Müller-Salow einstudierte Chor erweist sich als stimmgewaltig und bühnenpräsent, auch wenn der eine oder andere beim Walzertanz eine nicht ganz so glückliche Figur macht. Steffen Müller-Gabriel lotet mit dem Philharmonischen Orchester Hagen die lyrischen Momente von Gounods Partitur differenziert aus und rundet den Abend damit musikalisch wunderbar ab, so dass es am Ende großen Applaus für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

Das Theater Hagen hat wieder einmal bewiesen, dass auch ein "kleines" Haus große Oper auf hohem Niveau umsetzen kann. Dass dabei nur die Titelpartie mit einem Gast besetzt werden muss, spricht für die Qualität des Ensembles.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Steffen Müller-Gabriel

Inszenierung
Holger Potocki

Bühnenbild und Kostüme
Lena Brexendorff

Video
Volker Köster

Licht
Achim Köster

Chor
Wolfgang Müller-Salow

Dramaturgie
Dorothee Hannappel

 

Opernchor und Extrachor
des Theater Hagen

Statisterie des Theater Hagen

Philharmonisches Orchester
Hagen


Solisten

*Besetzung der Premiere

Marguerite
Veronika Haller

Siebel
Kristine Larissa Funkhauser

Marthe
Marilyn Bennett

Faust
Paul O'Neill

Valentin
Kenneth Mattice

Méphistophélès
*Rainer Zaun /
Rolf A. Scheider

Wagner
Paul Jadach

Der alte Faust
Klaus Klinkmann


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen
(Homepage)




Da capo al Fine

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