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Musiktheater
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Elektra

Tragödie in einem Aufzug
Text von Hugo von Hofmannsthal

Musik von Richard Strauss


in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 45' (keine Pause)

Repertoire-Vorstellung in der Hamburgischen Staatsoper am 14. Februar 2015 (Premiere dieser Inszenierung: 14. Dezember 1973)


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Staatsoper Hamburg
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Rollendebüts in Uralt-Inszenierung

Von Thomas Tillmann


Theater ist eine flüchtige Kunst, das ist Fluch und Segen der Gattung. Und so zeigte diese weitere Wiederaufnahme der August-Everding-Inszenierung aus dem Jahre 1973 vor allem eines: Auch legendäre Musiktheaterproduktionen haben ein Verfallsdatum und können auch mit interessanten Besetzungen nicht ewig am Leben gehalten werden.

Viele werden sich erinnern an diese Elektra, die in fast 42 Jahren erstaunlicherweise nur 64 Auführungen erlebte, an den erschlagend wuchtigen Palast von Mykene mit den beiden Schwingtüren, den mit Stacheldraht gesäumten Gängen weiter oben, an den Kopfputz Klytämenstras und ihrer weiblichen Bediensteten (Ausstattung: Andreas Majewski), an viele bedeutende Sängerinnen und Sänger und ebensolche Dirigenten. Elektra war nicht zuletzt auch Simone Youngs erstes Dirigat an der Staatsoper, lange bevor sie hier ihr Amt als Dirigentin antrat, am 5. März 1996, wie die Pressestelle freundlich mitteilte. Ein paar Buhs gab es für die scheidende Intendantin an diesem Abend, wobei man nicht weiß, ob die Musikerin hier nicht für ihre gesamte Intendanz abgestraft werden sollte, denn falsch gemacht hat sie am Pult eigentlich nichts, auch wenn mancher Kollege die eine oder andere Passage mit mehr Biss dirigiert hat, die aggressive Rhythmik und die Dissonanzen mehr betont hat und das Stück so noch "moderner" klang. Entschädigt wurde man durch die Wärme des Orchesterklangs, durch betörend schöne Momente etwa in der Orestszene. Unter die Haut ging das alles freilich nicht, aus mancher Vorstellung dieses Werks geht man auch als Zuschauerin oder Zuschauer völlig erledigt heraus - das war an diesem Samstag anders, an dem vielleicht auch die Rücksichtnahme auf die beiden Rollendebütantinnen oberstes Ziel der Hausherrin war.

Die Titelpartie nach nur einwöchiger Probenzeit mit so großer musikalischer Sicherheit wie Lise Lindstrom zu bewältigen, verdient an sich schon Lob (wie sympathisch, dass sie das Publikum teilhaben ließ an der riesigen Freude am Erreichten und sich vor aller Augen bei der Souffleuse bedankte), hinzu kamen aber noch die Sorgfalt in der Gestaltung der Bögen des Auftrittsmonologs und bei der Aussprache des Textes, das Bemühen um Piano und dessen vorbildliche Ausführung. Man mag ein paar etwas fahlere Töne in der Mittellage registriert haben, sicher, aber das eigentliche Kapital der Stimme ist bekanntermaßen die leuchtend-durchdringende Höhe, sind die bestechenden Acuti, die durchaus eine Portion Schärfe aufweisen, die der Partie aber gut anstehen, ist die nie nachlassende Power ihres Singens, das stets jugendlich-schlank blieb - eigentlich ist die Sopranistin im Moment noch eher eine Salome und noch keine Elektra, gerade auch darstellerisch, da blieb diesmal vieles noch eher oberflächlich. Man wünscht der Künstlerin einige Neuproduktionen mit ausreichend Probenzeit und versierten Regisseuren.

Hellen Kwon ist seit 1987 am Haus, wurde 2011 mit dem Titel der Kammersängerin ausgezeichnet und hat sich nach und nach vom Koloraturfach über lyrische Partien bis zu jugendlich-dramatischen vorgewagt, und so durfte man auf ihr Debüt als mildere Schwester der Heroine natürlich gespannt sein. Die Koreanerin hatte zwar alle Töne für die Partie, auch wenn einzelne einigen Anlauf brauchten, ein wenig steif klangen und die Stimme einiges an Beweglichkeit eingebüßt hat, auch wenn einige wenige mehr an hysterisches Schreien als an intensives Singen gemahnten, aber insgesamt fehlte es ihrer Chrysothemis an Jugendlichkeit, an Sinnlichkeit, an dem also, was diese Figur ausmacht. Und bei aller Beschäftigung mit der vokalen Bewältigung der Partie blieb der Sängerin zu wenig Raum für eine echte Durchdringung des gesungenen Wortes und darstellerische Bemühungen über Betuliches hinaus.

Ehrlich gesagt, ich hatte nicht viel erwartet von Agnes Baltsa, die die Klytämnestra gelegentlich in Wien und anderswo gesungen hat, und so war ich überrascht, wie sicher sie die Partie beherrschte, wie sehr sie sich um klare Diktion bemühte (der ihr eigene griechische Akzent gehört ja irgendwie zum "Gesamtpaket"), wie erstaunlich vital sie wirkte, so gar nicht "zerfressen von den Motten" - eine gewisse Unbeweglichkeit rührte zweifellos von der riesigen Schleppe des mächtigen Kostüms her. Und auch vokal war das seriöser als erwartet, bei schlankem, aber nie dünnem Ton und differenzierter Lautstärke gab es keine peinlichen Momente. Nervig fand ich allein das gelegentlich eingestreute hysterische Lachen, das völlig überflüssig war, während sie an der berühmten Stelle, nachdem sie von Orests vermeintlichen Tod erfährt, darauf verzichtete und nur wenig eindrucksvoll aufstöhnte - es soll Menschen geben, die gerade darauf sehnlichst warten.

James Rutherford war mit profundem Bass ein in sich ruhender Orest, die große Autorität berühmter Rollenvorgänger hat er noch nicht, aber er steht ja auch noch am Anfang seiner Weltkarriere. Peter Galliard ist ein verdientes Mitglied des Hauses und hinterließ als Aegisth einen ordentlichen Eindruck mit reifen, aber intaktem Stimmmaterial, Gabriele Rossmanith und Renate Spingler seien stellvertretend für die übrigen Mitwirkenden genannt, die erstere war eine vokal strahlende 4. Magd, die letztere einige charaktervolle Töne beisteuernde und Gemeinheit ausstrahlende Aufseherin.


FAZIT

Hamburg braucht eine neue Elektra, das hat dieser Abend gezeigt. Nichts spricht dagegen, dass Lise Lindstrom und James Rutherford wieder dabei sind.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Simone Young

Inszenierung
August Everding

Bühnenbild
und Kostüme
Andreas Majewski

Chor
Christian Günther

Spielleitung
Wolfgang Bücker


Chor der Staatsoper Hamburg

Philharmoniker Hamburg


Solisten

Klytämnestra
Agnes Baltsa

Elektra
Lise Lindstrom

Chrysothemis
Hellen Kwon

Aegisth
Peter Galliard

Orest
James Rutherford

Pfleger des Orest
Stanislav Sergeev

Vertraute
Susanne Bohl

Schleppträgerin
Kathrin von der Chevallerie

Junger Diener
Daniel Todd

Alter Diener
Dieter Schweikart

Aufseherin
Renate Spingler

Fünf Mägde
Deborah Humble
Maria Markina
Rebecca Jo Loeb
Gabriele Rossmanith
Katerina Tretyakova





Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Staatsoper Hamburg
(Homepage)



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