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La fanciulla del West

Oper in drei Akten
Libretto von Guelfo Civinini und Carlo Zangarini
nach dem Schauspiel The Girl of the Golden West von David Belasco
Musik von Giacomo Puccini


in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)

Premiere in der Hamburgischen Staatsoper am 1. Februar 2015

Besuchte Vorstellung: 7. Februar 2015


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Staatsoper Hamburg
(Homepage)

Viel kühle Analyse, wenig emotionale Seelenschau

Von Thomas Tillmann / Fotos von Brinkhoff/Mögenburg


Es war wirklich Zeit für eine Neuinszenierung von Puccinis Fanciulla del West an der Hamburgischen Staatsoper, es handelt sich nach den Produktionen von 1913 und 1931 (!) erst um die dritte überhaupt. Und auch die Idee, dasselbe Team zu verpflichten, das bereits Madama Butterfly "von Sentimentalität und Folklore" befreite und auf eine "konzeptionelle Mischung aus kühler Analyse und emotionaler Seelenschau" setzte, war ja keine falsche.

"Diese Goldgräber sind eigentlich Fremdenlegionäre - entwurzelt, lieblos, gewaltbereit.", findet Vincent Boussard, den vor allem die Einsamkeit der Männer in Puccinis Oper interessiert, weniger die Gefühlswelt Minnies und die Liebesgeschichte. Cowboys, Pferde und all das kommen nur als zweidimensionale Scherenschnitte vor, als optische Zitate. Und so sind auch Vincent Lemaires (stets nach oben hin offene und damit nicht stimmenfreundliche) Bühnenräume nur scheinbar naturalistisch, auf den zweiten Blick realisiert man die subtile Brechung. Im Hintergrund sieht man dezent Abbildungen des kalifornischen Urwaldes, von oben hängen die Arbeitsoveralls und Helme der Minenarbeiter herab, dazwischen sorgt der magentafarbene La Polka-Schriftzug für ein wenig Ablenkung in dem kalten Bunker, in den es die Immigranten verschlagen hat. Boussard betont, dass "sie nicht in eine bestehende Gesellschaft einwandern, deren fremde Regeln sie sich anpassen müssen, sondern in ihrem Camp mehr oder weniger spontan selbst eine neue Gesellschaft erfinden". Diesem Druck ist Larkens beispielsweise nicht gewachsen, er ist es, der ihn sein starkes Heimweh artikulieren lässt, die Geldsammlung ist nichts weiter "die praktische Entsorgungsmaßnahme eines Problemfalls" - selten hat man diese Szene so nüchtern und gänzlich ohne Kitsch gesehen. Dagegen schoss der Einfall, Jake Wallaces Lied als Coming out eines schwulen Mannes mit wasserstoffblonder Perücke und wohldefiniertem Oberkörper unterm offenen Hemd im Stil einer Szene aus La cage aux folles zu inszenieren, übers Ziel hinaus.

Szenenfoto

Minnie (Emily Magee) ist der emotionale Mittelpunkt im Immigrantenbunker, in dem Sonora (Davide Damiani) und viele andere ihr tristes Dasein fristen.

Minnie selber ist für Boussard gerade keine lüsterne Salondame, die ihren Jungs den Kopf verdrehen will, sondern die ihnen ein ganz anderes Verständnis von Weiblichkeit, ja Menschlichkeit nahebringen möchte. Folgerichtig sind die roten Haare ohne große Mühe in zwei Zöpfe geflochten, unter dem unauffälligen Kleid trägt sie Jeans (Kostüme: Christian Lacroix und Vincent Boussard), sie macht deutlich, dass sie nicht angestarrt oder gar berührt werden will, kein Sexobjekt ist, sondern sich für den einen aufspart. Dass sie bereits in der Polka das erste Mal wie beiläufig mit Rance pokert, bereitet überzeugend den Showdown am Ende des zweiten Aktes intelligent vor. In Minnies Hütte, deren Boden unnötigerweise abschüssig ist (das ist abgegriffen und sängerunfreundlich), fallen einem die Bücherstapel auf den Treppenstufen nach oben auf, auf denen der angeschossene Johnson später liegen bleibt (die Regie zeigt nicht die mitunter peinlich wirkenden Strapazen, unter denen schon manche Sopranistin ihren Kollegen auf den Speicher hieven musste), was vermutlich nicht nur dem Zuschauer auffällt, sondern auch Rance, der aus Sadismus Minnies Spiel einen Moment mitspielt. Nach dem für Minnie so bedeutenden ersten Kuss kommt die Technik ordentlich ans Arbeiten, wenn ein Vorhang fällt, Schnee projiziert wird und der Esstisch plötzlich in schwindelnder Höhe und der opulente Lüster über dem Boden hängt, der wohl eher für Minnies Träume steht als realer Leuchtkörper sein soll - ein überzogener coup de théâtre für meinen Geschmack, der neben viel Konventionellem und szenischen Leerlauf steht. Vor allem für den Schluss der Oper ist dem Regisseur nicht mehr viel eingefallen, dass das bis dahin so packende Stück nunmehr wie ein "Oratorium" daherkommt, findet der Franzose "eigenartig" und inszeniert es eben auch nicht weiter. Am Ende stehen die Minenarbeiter - wir erinnern uns, ihnen galt sein Hauptinteresse - vorn am Bühnenrand, schauen ins Publikum und wirken auf Grund des Lichts auch nur noch wie Schatten. Das ist wie so manches an diesem Abend ein bisschen wenig, die konkrete Umsetzung bleibt mit all ihren Andeutungen deutlich hinter vielen durchaus plausiblen Überlegungen aus dem lesenswerten Programmheft zurück und verpasst viele Chancen, eine wirklich unter die Haut gehende Story zu erzählen.

Szenenfoto

Noch ist sich Minnie (Emily Magee) nicht ganz sicher, ob Dick Johnson (Carlo Ventre) der Richtige für den ersten Kuss ist.

Emily Magee habe ich bereits vor einigen Jahren am Zürcher Opernhaus als Minnie gehört und schon damals auf die Schwierigkeiten hingewiesen, die sie mit der sicher nicht einfachen und ihr für mein Empfinden an vielen Stellen zu tiefen, zu dramatischen Partie hat. Am schönsten und gesündesten klingt die Stimme in den lyrischen Passagen, etwa in der berückend schlicht gestalteten Bibelstunde oder im letzten Akt, wenn sie sich den einzelnen Jungs zuwendet. Die längste Zeit aber war man in der besuchten Vorstellung über die hochgetriebene Bruststimme, den Hang zu einer Art Sprechgesang in der Mittellage irritiert, der ziemlich barsch, unfein und gewöhnlich wirken konnte, über die Koloraturen im zweiten Akt wischte die Künstlerin mehr hinweg als dass sie sie aussang, auch einige der hohen Töne brauchten ein wenig Anlauf und sollten nicht weiter ausschwingen, Einschränkungen, die durch eine gute, aber auch nicht sensationelle Darstellung nicht aufgewogen werden konnten.

Szenenfoto

Minnie (Emily Magee) ist verliebt in Dick Johnson (Carlo Ventre).

Letztlich enttäuschend fand ich auch den Dick Johnson von Carlo Ventre, der wenig mehr tat als ein paar durchaus imposante, aber auch mit großer Anstrengung produzierte penetrante Stentortöne ohne Ausdrucksabsichten abzuliefern; in der Mittellage und im selten riskierten Piano klang die Stimme mitunter rau und heiser. Ein charismatischer Darsteller war der aus Uruguay stammende Tenor wohl nie, aber bei ihm scheint sich der ambitionierte Regisseur doch die Zähne ausgebissen zu haben. Der beste Sänger und Darsteller war für mich Andrzej Dobber mit kompaktem, nie bracchial eingesetztem, zu vorbildlichlichem Legato fähigen Heldenbariton, der Pole ließ sich nie zum Brüllen verleiten, auch nicht zu schauspielerisch drastischen Mitteln, sondern erwies sich als ein Meister der Zwischentöne, dem ein differenziertes Rollenportrait wohl ganz im Sinne des Regisseurs gelang. Von den Jungs gefiel mir Davide Damiani als von den Kostümbildnern aufgewerteter Sonora am besten, Tigran Martirossian dagegen kämpfte mit ingesamt blasser Stimme hörbar mit den tiefen Tönen des Ashby. Jürgen Sacher war ein reifer, nicht besonders vielschichtig angelegter Nick, die übrigen Herren entwickelten bald mehr, bald weniger vokales wie darstellerisches Profil, und auch die Kollegen vom Chor hätten die eine oder andere Passage noch etwas subtiler, raffinierter singen können.

Szenenfoto

Minnie (Emily Magee) und Jack Rance (Andrzej Dobber) pokern um Dick Johnsons Leben.

Den Orchesterpart habe ich schon schillernder, farbiger und mitreißender musiziert gehört als von den Philharmonikern Hamburg und Carlo Montanaro, der auch musikalischer Leiter am Teatr Wielki in Warschau ist. Es waren vor allem die leiseren, verhalteneren Momente, in denen die Leistung des Kollektivs überzeugte, während an den zupackenderen Stellen sein Spiel ziemlich pauschal und monoton daherkam. Zu laut war das alles in jedem Fall nicht.


FAZIT

Schlecht ist sie sicher nicht, die neue Hamburger Fanciulla, aber ein großer Wurf ist sie auch nicht - ich habe das Werk anderswo überzeugender, packender gesehen habe, der Funke sprang einfach nicht über, von der Bühne nicht, aus dem Graben nicht, beim Protagonistenpaar nicht - schade.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Carlo Montanaro

Inszenierung
Vincent Boussard

Bühnenbild
Vincent Lemaire

Kostüme
Christian Lacroix
Vincent Boussard

Kostümitarbeit
Robert Schwaighöfer

Licht
Guido Levi

Chor
Eberhard Friedrich

Spielleitung
Heiko Hentschel


Chor der Staatsoper Hamburg

Philharmoniker Hamburg


Solisten

Minnie
Emily Magee

Dick Johnson
Carlo Ventre

Jack Rance
Andrzej Dobber

Nick
Jürgen Sacher

Ashby
Tigran Martirossian

Sonora
Davide Damiani

Trin
Dovlet Nurgeldiyev

Sid
Moritz Gogg

Bello
Viktor Rud

Harry
Benjamin Popson

Joe
Jun-Sang Han

Happy
Vincenzo Neri

Larkens
Alin Anca

Bill Jackrabbit
Szymon Kobylinski

Wowkle
Rebecca Jo Loeb

Jake Wallace
Florian Spiess

José Castro
Christoph Rausch

Postillon
Daniel Todd

Eine Stimme
Michael Kunze





Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Staatsoper Hamburg
(Homepage)



Da capo al Fine

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