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Musiktheater
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Tristan und Isolde


Handlung in drei Aufzügen
Text und Musik von Richard Wagner

In deutscher Sprache mit französischen und deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 5h (zwei Pausen)

Premiere an der Opera National du Rhin in Strasbourg (Straßburg) am 18. März 2015
(rezensierte Aufführung: 21. März 2015)


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Opera National du Rhin
(Homepage)
Zimmer mit Meerblick

Von Stefan Schmöe / Fotos von Alain Kaiser


Es ist eine utopische Form der Liebe, die Richard Wagner in Tristan und Isolde besingt. Eine nachtblaue Utopie, die an der Tagwelt zerbricht, und die Tagwelt ist auch die Alltagswelt. Die Diskrepanz zwischen der schnöden Realität und dem, was in dieser ungeheuerlichen Musik zum Ausdruck kommt, das scheint Regisseur Antony McDonald in seiner Neuinszenierung für die Opéra National du Rhin im elsässischen Strasbourg, Colmar und Mulhouse interessiert zu haben: Der Musik setzt er Bilder entgegen, die mit angemessener Distanz eine doch eher banale Ehebruchsgeschichte aus den Kreisen der Besserverdienenden in unserer Gegenwart erzählen. (Falls man nicht mit solchen Gedankenspielen der Inszenierung bereits zu viel Gestaltungswillen unterstellt und McDonald, der auch gleich die Ausstattung mitentworfen hat, einfach nur ein paar vorsichtig moderne Bilder gegen die Musik stellen wollte.) Die Überhöhung bekommt man jedenfalls nicht zu sehen, sondern nur zu hören.

Vergrößerung in neuem Fenster Schiffspassage mit zwischenmenschlichen Spannungen: Links Isolde und (dahinter) Brangäne, rechts Kurwenal und (ganz außen) Tristan. Ein paar Matrosen für's Kolorit gibt's auch noch.

Isolde reist auf dem wenig luxuriösen Oberdeck eines nicht ganz neuen Schiffes, wie man es aus dem Fährverkehr rund um die britischen Inseln kennt; das nächtliche Rendezvous mit Tristan vollzieht sich in einem sparsam möbliertem Zimmer mit tollem Blick auf das Meer, und der Schlussakt spielt in einer ziemlich großen, ansonsten schäbbigen Holzhütte, immerhin mit fließendem Wasser, und auch hier geht der Blick offenbar auf's Meer, vom Parkett aus leider nicht zu sehen. Isolde im schlichten Kleid (den Pelzmantel mag sie nicht umlegen), Kurwenal im Rollkragenpulli, König Marke im edlen Anzug – alles ziemlich heutig. Die Regie kommt mit wenig Requisiten aus, der gelegentliche und bemüht naturalistische Einsatz von acht Statisten (dafür bleibt der Chor unsichtbar) wäre auch noch verzichtbar. Manches wird nur vornehm angedeutet: Wenn Tristan und Isolde die Tagesdecke vom Doppelbett wegziehen, reicht das völlig aus, um die Realitätsebene klar zu umreißen. Damit ist die Geschichte dieser Inszenierung, die sich einer weiter gehenden Deutung enthält, auch schon fast vollständig erzählt. Dass Tristan Melots Hand samt Springmesser in suizidaler Absicht zum eigenen Körper hin führt: geschenkt, wie auch Isoldes Zögern, sich auch gleich umzubringen (weshalb Brangäne ihr in den Arm fallen und das Messer entwenden kann). Am Ende tritt Isolde aus dem Geschehen heraus, singt den „Liebestod“ vor geschlossenem Vorhang, der sich zum Schlussakkord noch einmal öffnet – und dann ist Tristans Hütte leer. Alles nur erträumt? Vielleicht.

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Krisensitzung: Marke zwischen Tristan und Isolde; Brangäne und Kurwenal halten sich im Hintergrund.

Mitunter scheint es, als diene unspektakuläre, meistens wohltuend unaufgeregte Regie in erster Linie als Vorwand für die sehr geschmackvolle Lichtregie (Mimi Jordan Sherin), die quasi in Echtzeit mit großer Ruhe Dämmerungszustände beschreibt – so im zweiten Aufzug den allmählich erwachenden Morgen (wobei es zunächst ruhig ein wenig mehr Nachtstimmung hätte sein dürfen). Alles weitere ist der Musik überlassen, und da wird mit großem Engagement, aber nicht immer mit entsprechendem Erfolg um letzte Wahrheiten gerungen. Axel Kober, Generalmusikdirektor der anderen Rheinoper, nämlich der in Düsseldorf und Duisburg, und inzwischen mit einiger Bayreuth-Erfahrung ausgestattet, erweist sich als exzellenter Wagner-Dirigent: Flüssige, nach vorne drängende Tempi, groß dimensionierte Spannungsbögen, Sinn für die Proportionen des Werkes – das läuft auf eine ungemein spannende Interpretation hinaus. In den Tutti-Passagen folgt im das Philharmonische Orchester Strasbourg auch recht ordentlich, lässt aber mit manchen rhythmischen Ungenauigkeiten, immer wieder klappernden Einsätzen, etlichen Patzern in den Bläsern (das schöne Englischhorn-Solo ist davon ausgenommen) und einem schlanken, aber auch ziemlich dünnen, farblosen Klang, der erst im dritten Akt Konturen bekommt, einige Wünsche offen.

Vergrößerung in neuem Fenster Das Ende: Tristan stirbt bei Isoldes Erscheinen

Nicht viel andern ist es bei den Solisten. Ian Storey ist ein Tristan mit sehr dunklem, brüchigem Timbre und einem metallisch kraftvollem Forte, das ihm erst einmal jemand nachmachen muss. Dafür fehlt der Stimme im Piano fast vollständig die Substanz, ist mehr gesprochen als gesungen – erst ab einer gewissen Lautstärke springt die Stimme an, kann dann aber riesige Bögen gestalten. Das ergibt einen eigenwillig düsteren Tristan mit ungemein ausdrucksstarken, aber auch sehr blassen Momenten. Melanie Diener bringt dramatische Reserven für die Isolde ein (wobei ihr sicher entgegen kommt, dass sich fast alles vorne an der Rampe abspielt), ist durch das immer gleiche Vibrato aber nicht sehr wandlungsfähig. Nicht jede Phrase gelingt gleich, auch sie hat ganz starke Momente, aber auch solche, wo die Stimme fest wird (leider gehört auch der etwas angestrengte Liebestod dazu). Die Spitzentöne bleiben ein wenig heikel. Letzteres gilt auch für Michelle Breedt als etwas matronenhafte Brangäne, zuverlässig (wenn auch etwas routiniert) in der Mittellage, ein wenig angestrengt in der Höhe. Raimund Nolte ist ein stimmlich schlanker, im vordergründigen Dauerforte etwas eindimensionaler Kurwenal. Herausragend ist Attila Jun als heldisch zupackender und kraftvoller Marke, mitreißend in der Gestaltung: Kein alternder und resignierender König der sonoren Sorte, sondern einer, der sich nicht ohne Zorn auflehnt (und der uneingeschränkt über die vokalen Mittel verfügt, um seine Rolle auch dementsprechend auszugestalten). Ein wenig mehr von solcher uneingeschränkten stimmlichen Souveränität hätte man auch den anderen Darstellern gewünscht.


FAZIT

Musikalisch stehen Licht und Schatten nahe beieinander. Die Inszenierung bemüht sich mit Erfolg, nicht zu stören.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Axel Kober

Inszenierung
Antony McDonald

Ausstattung
Antony McDonald
Ricardo Pardo

Licht
Mimi Jordan Sherin

Dramaturgie
Helen Cooper


Chor der Opéra du Rhin

Orchestre philharmonique de Strasbourg


Solisten

Tristan
Ian Storey

König Marke
Attila Jun

Isolde
Melanie Diener

Kurwenal
Raimund Nolte

Melot
Gijs Van der Linden

Brangäne
Michelle Breedt

Ein Hirt
Markus Gruber

Ein Steuermann
Sunggoo Lee

Junger Seemann
Sunggoo Lee



Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Opera National du Rhin
(Homepage)



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