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Musiktheater
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Konakthof

Ein Stück von Pina Bausch
Musik von Juan Llossas, Charlie Chaplin, Anton Karas, Jean Sibelius u.a.

Aufführungsdauer: ca. 3h 10' (eine Pause)

Wiederaufnahme im Opernhaus Wuppertal am 25. Juni 2015
(Uraufführung: 9. Dezember 1978 im Opernhaus Wuppertal)


Logo: Tanztheater Pina Bausch

Tanztheater Wuppertal
(Homepage)
Ball der verletzbaren Herzen

Von Stefan Schmöe

Das grandiose Bühnenbild stammt von dem 1980 verstorbenen Rolf Borzik, Pina Bauschs kongenialem Partner der frühen Jahre: Ein wunderbar altmodischer Saal, vielleicht Ballsaal eines Restaurants aus längst vergangenen Zeiten, ein Vorhang deutet eine kleine Bühne an (dahinter ist eine Leinwand, auf der gegen Ende des Stücks Ausschnitte aus einem Dokumentarfilm über Enten gezeigt wird). An der Seite steht ein Klavier. Auf einfachen Stühlen sitzen die Tänzerinnen und Tänzer, schüchtern und verloren.

Szenenfoto Ensemble (Foto: © Oliver Look)

In den folgenden drei Stunden befinden sich die 11 Paare in einem höchst labilen Zustand zwischen Zärtlichkeit und Gewalt. In einer Szene bemühen sich die Paare nacheinander, dem Partner Schmerzen zuzufügen, von der Gruppe mehr oder weniger stark beklatscht. Pina Bausch hat das mit ihrer unnachahmlichen, immer wieder verblüffenden Eleganz choreographiert, bei der selbst ein Schlag in die Magengrube formvollendet mit perfektem Lächeln durchgeführt wird. Anziehung und Aggression, die Beziehung der Geschlechter - das war das große Thema des Wuppertaler Tanztheaters vor allem in den 1970er-Jahren, auch das Ausgestellt-sein in der Gesellschaft, und das manifestiert sich auch in Kontakthof, 1978 uraufgeführt und formal recht geschlossen. In den nachfolgenden Jahren hat die Choreographin immer stärker collagenhaft gearbeitet, was sich hier andeutet, aber noch recht vorsichtig gehandhabt wird. Eher ist Kontakthof eine Nummernrevue, die nur gelegentlich aus der Welt dieses Ballsaals ausbricht - etwa wenn die wunderbare Ophelia Young in der ersten Zuschauerreihe um ein paar Münzen für ein Automaten-Schaukelpferd bittet: Ein traurigschöner Moment verlorener Kindheit, wenn sie darauf reitet.

Szenenfoto

Julie Shanahan (Foto: © Akiko Miyake)

Szenenfoto Anna Wehsarg und Michael Strecker (Foto: © Akiko Miyake)

Die Musik dazu kommt von Schallplatten der 1930er-Jahre, Schlager über das Thema Liebe: "Frühling und Sonnenschein / soll für mich Deine Liebe sein". Oder "Du bist nicht die erste, Du musst schon verzeih'n / aber meine letzte, die könntest Du sein." Der Wunschtraum von der schönen heilen Liebeswelt wird von der Choreographie permanent unterwandert. Wenn Julie Shanahan und Nazareth Panadero in biedermeierlich anmutenden Kleidchen und provozierender Naivität auf der Bühne herumtrippeln. Bekommt das eine bös' ironische Schlagseite. Dann gibt es eine wunderbare Szene, in der das Ensemble vorne an der Rampe in einer Reihe sitzt, und alle sprechen gleichzeitig von einer lange vergangenen, vielleicht der ersten Liebesbeziehung - und Andrey Berezin, wie ein Spielleiter ein Außenseiter in diesem Stück (den Part hatte der unvergessliche Jan Minarek über viele Jahre besetzt, aber auch Berezin macht das hinreißend) geht mit Mikrophon von einem zum anderen und macht die Monologe hörbar. Das Ringen um Liebe: Kontakthof ist zeitlos aktuell wie eh und je.

Pina Bausch hat das Stück zweimal mit ungewöhnlicher Besetzung neu einstudiert - mit Damen und Herren ab 65 im Jahr 2000, und mit Teenagern ab 14 dann noch einmal 2008. Das macht noch einmal deutlich, wie radikal sie sich von der artifiziellen Formalsprache des klassischen Balletts abgewendet hatte. Das Bewegungsrepertoire ist Alltagsgesten entnommen, wirkt aber ungeheuer kunstvoll. Kontakthof ist zudem ein großes Ensemblestück mit einer ganzen Reihe von großen Tutti-Nummern - wobei Julie Shanahan, bei der jede noch so kleine Körperbewegung ein Ereignis ist, die Anführerin gibt. Überhaupt: In der aktuellen Besetzung hat das Stück nichts von seinem traurig-melancholischen Charme verloren.


FAZIT

Immer noch eines der stärksten Stücke von Pina Bausch.



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Produktionsteam

Inszenierung und Choreographie
Pina Bausch

Bühne und Kostüme
Rolf Borzik

Mitarbeit
Rolf Borzik
Marion Cito
Hans Pop

Probenleitung
Bénédicte Billiet


Solisten

Tänzerinnen und Tänzer
Ruth Amarante
Pablo Aran Gimeno
Andrey Berezin
Aleš Čuček
Çağdaş Ermis
Ditta Miranda Jasjfi
Scott Jennings
Barbara Kaufmann
Nayoung Kim
Daphnis Kokkinos
Eddie Martinez
Cristiana Morganti
Brenna O'Mara
Nazareth Panadero
Franko Schmidt
Julie Shanahan
Julie Anne Stanzak
Michael Strecker
Fernando Suels Mendoza
Anna Wehsarg
Paul White
Ophelia Young
Tsai-Chin Yu



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Tanztheater Wuppertal
(Homepage)




Da capo al Fine

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