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Parsifal

Bühnenweihfestspiel in drei Akten
Text und Musik von Richard Wagner

in deutscher Sprache mit Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 5h (zwei Pausen)

Premiere im Opernhaus Wuppertal am 13. März 2015




Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Feuerzauber statt Gralsenthüllung


Von Thomas Molke / Fotos von Uwe Stratmann

Da wird nach über 20 Jahren einmal wieder Wagners Bühnenweihfestspiel Parsifal inszeniert, was nahezu einer Sensation gleichkommt, und es wird vermeldet, dass der Kartenvorverkauf schleppend laufe. Woran das wohl liegen mag. Normalerweise verfügt der Parsifal genau wie Wagners Ring über eine große, eingeschworene Fangemeinde, die auch gerne quer durch die Lande reist, um sich keine Inszenierung entgehen zu lassen. Wenn aber in der Presse vorher für die Produktion Turner und eine Wrestlerin, "möglichst füllig", als Statisten gesucht werden und ältere Damen, die als Politikergattinnen auftreten wollen, dürfte bei dem einen oder anderen "Wagnerianer" die Skepsis stärker gewesen sein als die Neugier, so dass bei der Premiere noch einzelne Plätze frei blieben. Ob sich das nach der Premiere ändern wird, bleibt abzuwarten. Jedenfalls lässt sich in der Inszenierung Gurnemanz' Frage an Parsifal zum Ende des ersten Aufzugs, "Weißt du, was du sahst?", sicherlich auch von großen Teilen des Publikums nicht beantworten.

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Morgendliche Turnübungen im Elite-Internat: Gurnemanz (Thorsten Grümbel, Mitte vorne) mit den Gralsrittern (Ensemble)

Dabei ist zumindest die Ausgangssituation in Thilo Reinhardts Inszenierung noch nachvollziehbar. Wenn man den Geheimbund der mittelalterlichen Gralsritter auf die heutige Zeit übertragen will, landet man in einem Elite-Internat, wo die Führungskräfte der Zukunft ausgebildet werden. Zwei Gralsritter in roten Livreen empfangen schon während des Vorspiels die Neuankömmlinge, und das Emblem mit den zwei Kelchen, die sich durch eine geschickte Videoprojektion von Sönke Feick mal zu füllen und mal zu leeren scheinen, lassen Assoziationen zum Gral entstehen. Natürlich spielt für die zukünftigen Machthaber körperliche Fitness eine entscheidende Rolle, so dass es nicht verwundert, dass der erste Aufzug in einer Turnhalle beginnt, wo sich die jungen Gralsritter unter Anleitung von Gurnemanz im Trainingsanzug sportlich betätigen. An dieser Stelle ist es noch nicht nachvollziehbar, wieso eine Zuschauerin im Parkett empört mit dem Satz, das habe nichts mit Wagner zu tun, den Saal verlässt. Vielleicht gehört das aber auch zur Inszenierung. Wieso allerdings Parsifal ebenfalls als neuer Schüler in dieses Internat einzieht, obwohl er optisch gar nicht zu den adrett gekleideten restlichen Neuankömmlingen passt, bleibt genauso unklar wie der Ringer, der in atemberaubender Akrobatik zunächst über der Szene schwebt und sich später als Schwan entpuppt, der von Parsifal allerdings nicht ab-, sondern nur angeschossen worden ist und dann von Kundry, die hier in einem gestreiften Kostüm als eine Art Sekretärin im Internat fungiert, ärztlich versorgt wird.

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Diese Gralsenthüllung bleibt Parsifal (Tilmann Unger, vorne) genauso unklar wie dem Publikum (an der Wand: Amfortas (Thomas Gazheli)).

Auch die Gralsenthüllung im ersten Aufzug sorgt bei zahlreichen Zuschauern für absolutes Unverständnis. Denn man fragt sich bei dieser Modernisierung natürlich zu Recht: Wer oder was ist denn der Gral? Da treten zahlreiche Würdenträger mit ihren Gattinnen auf, wahrscheinlich ehemalige Absolventen, die nun in der Politik die Strippen ziehen, um an diesem Ereignis teilzunehmen. Amfortas tritt in einem goldenen Mantel verhüllt auf, den er ablegt, um sich an eine Wand fesseln zu lassen. An dieser Wand hängend, wird er nun durch Parsifal und einen Gralsritter mit einem Degen zum Bluten gebracht, wobei das Blut in einem großen Becken aufgefangen, in zwei Kelche gefüllt und anschließend von Würdenträger zu Würdenträger gereicht wird, während die einfachen Gralsritter das Blut direkt aus dem Auffangbecken trinken, bevor sich dann alle mit leicht blutverschmiertem Mund dem feierlichen Genuss von Champagner hingeben, der in Form einer riesigen Flasche aus dem Schnürboden herabgelassen und von den beiden Gralsrittern verteilt wird. Dass Parsifal bei diesem Schauspiel genauso ratlos bleibt wie der Zuschauer, verwundert keineswegs, wobei das allerdings wohl kaum Ausdruck seiner Torheit sein dürfte.

Sorgt der erste Aufzug bei zahlreichen Zuschauern für Unmut, kann der zweite Aufzug zumindest zum Ende hin die Gemüter wieder besänftigen, auch wenn der Übergang an zahlreichen Stellen nicht zum gesungenen Text passt. Bei Reinhardt ist es Kundry, die Klingsor aus einem der zahlreichen Spinde befreit, in die er scheinbar wegen seines Fehlverhaltens mit einer Maske, die an Hannibal Lecter erinnert, eingesperrt ist. Von daher passt es inhaltlich überhaupt nicht, wenn Klingsor sie gegen ihren Willen zwingt, ihm zu Diensten zu sein. Die Verwandlung von der unscheinbaren Sekretärin in eine mondäne Femme fatale in einem wallenden roten Kleid ist optisch hingegen gut gelöst. Ob die Blumenmädchen nun in den schicken Kostümen der Politikergattinnen auftreten müssen, um sich dann in Cheerleader mit glitzernden Pompons zu verwandeln, die den coolen (weil rauchenden) Parsifal auf einer dicken Turnmatte zu verführen versuchen, ist Geschmacksache. Warum jetzt auch noch die Wrestlerin auftreten muss, um Parsifal hochzuheben, erschließt sich ebenfalls überhaupt nicht.

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Kundry (Katrin Göring, Mitte hinten) versucht, Parsifal (Tilmann Unger) zu verführen (links hinten: Herzeleide (Statistin), rechts: der verkleidete Klingsor (Andreas Daum)).

Doch dann folgt der sicherlich gelungenste Teil des Abends. Kundry verscheucht die Blumenmädchen und lockt Parsifal in ihr Reich, das aus einem weißen Quader mit einem weißen Bett in der Mitte besteht. An der linken Wand hängen eine Knute und ein Kreuz als Zeichen für Kundrys Reue. In der linken hinteren Ecke steht eine schwangere Frau in einem weißen Hochzeitskleid, die Parsifals Mutter Herzeleide vor seiner Geburt darstellen soll, und auf der rechten Seite sitzt eine schwarz verhüllte Witwe vor einem Grabstein. Man denkt zunächst, dass es ebenfalls Herzeleide sein soll, die um ihren verstorbenen Gatten trauert. In der rechten hinteren Ecke befindet sich der Speer, der Amfortas die verhängnisvolle Wunde zugefügt hat. In diesem Kubus führt Kundry Parsifal nun in seine Vergangenheit und versucht, ihn zu verführen. Doch durch ihren Kuss wird er wissend und erkennt seine Mission. Nun entpuppt sich die schwarz verhüllte Gestalt als Klingsor, der Parsifal mit dem Speer attackiert. Doch Parsifal verlässt den Kubus, so dass ihm der Speer nichts mehr anhaben kann. Er entreißt ihn Klingsor, und der Kubus verschwindet im Bühnenhintergrund. Am Ende dieses Aktes lassen sich zahlreiche Bravorufe vernehmen, die aber zum großen Teil sicherlich der überzeugenden musikalischen Umsetzung durch Katrin Göring als Kundry, Andreas Daum als Klingsor und Tilmann Unger als Parsifal, dem nur ganz am Ende ein wenig die Luft ausgeht, zu verdanken sind.

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Fußwaschung: Kundry (Katrin Göring), Parsifal (Tilmann Unger, vorne) und Gurnemanz (Thorsten Grümbel, dahinter)

Der dritte Aufzug hingegen stürzt das Publikum erneut in völlige Ratlosigkeit. Wenn Reinhardt hier den Niedergang des Geheimbundes mit einem Kriegs-Szenario, UN-Blauhelm-Einsatz und Altenrepublik Deutschland verknüpft, ist das ein bisschen zu viel und lässt eine klare Fokussierung, was denn jetzt mit dieser Deutung zum Ausdruck gebracht werden soll, vermissen. Die Turnhalle aus dem ersten Akt ist scheinbar einem Bombenangriff zum Opfer gefallen. Wieso Kundry seit Jahren in einem Spind liegt, bleibt unklar. Ein riesiges Loch in der Bühne, vor dem Erde aufgehäuft ist, scheint nur dazu zu dienen, Klingsor und Amfortas einen unbemerkten Auftritt zu ermöglichen, wenn die Soldaten vor diesem Loch einige Spinde als Tische aufbauen und dort mit Parsifal als Erlöser die Position des letzten Abendmahles einnehmen. Da sitzen nämlich Klingsor und Amfortas plötzlich zwischen den Soldaten und teilen mit ihnen Brot und Wein. Dass Jahre vergangen sind, bis Parsifal wieder bei den Gralsrittern ankommt, steht zwar auch im Libretto. Aber muss sich die Gralsburg deshalb in ein Altersheim verwandelt haben?

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Gralsenthüllung in der Altenrepublik Deutschland unter dem Schutz der UN-Blauhelme: Parsifal (Tilmann Unger, hinten Mitte) übergibt alles dem Feuer (vorne links: Kundry (Katrin Göring) und Amfortas (Thomas Gazheli) als neues Paar, hinten links am Feuer: Gurnemanz (Thorsten Grümbel)).

Und erneut wird mit Spannung erwartet, wie sich denn nun die Gralsenthüllung im dritten Aufzug gestaltet. Dieses Mal fließt kein Blut. Es wird aber auch nichts enthüllt, sondern der goldene Mantel, die Waffen und der Speer werden in einen Spind geworfen und angezündet, so dass alles in Flammen aufgeht. Fast glaubt man, die falsche Musik zu hören und wähnt sich eher im Feuerzauber der Walküre. Mit diesem Bild endet dann auch die Inszenierung, und man denkt erneut an Gurnemanz' Frage "Weißt du, was du sahst?", auf die das Publikum im Gegensatz zu Parsifal jetzt wahrscheinlich immer noch ratlos den Kopf schütteln wird.

Musikalisch bewegt sich der Abend auf gutem Niveau. Tilmann Unger überzeugt optisch und stimmlich in der Titelpartie mit strahlendem Heldentenor, der nur zum Ende hin einige Ermüdungserscheinungen zeigt. Thorsten Grümbel präsentiert den Gurnemanz mit solidem Bass, der nicht allen Zuhörern zu gefallen scheint. Vereinzelte Unmutsbekundungen am Ende sind dann aber doch unangebracht. Thomas Gazheli und Martin Blasius statten Amfortas und seinen Vater Titurel mit stimmgewaltigem Bass und sauberer Diktion aus. Die Stars des Abends sind Kathrin Göring als Kundry und Andreas Daum als Klingsor. Göring wächst im zweiten Aufzug mit dramatischem Mezzo und intensivem Spiel über sich hinaus und hat großen Anteil daran, dass der zweite Aufzug szenisch und musikalisch zum Höhepunkt des gesamten Abends avanciert. Gleiches gilt für Daum, der mit fulminantem Bass den Klingsor zu einem ernst zu nehmender Gegner werden lässt. Auch die kleineren Partien, die größtenteils mit Mitgliedern des Opernstudios besetzt sind, und der von Jens Bingert einstudierte Opern- und Extrachor überzeugen auf ganzer Linie. Toshiyuki Kamioka führt das Sinfonieorchester Wuppertal absolut sängerfreundlich durch die Partitur, könnte vielleicht die ätherischen Momente der Musik noch etwas intensiver auskosten. Dass auch ihn einzelne Unmutsbekundungen treffen, wirkt allerdings etwas übertrieben und dürfte vielleicht eher den Querelen um seine Funktion als Opernintendant geschuldet sein. Über das Regie-Team brechen dann heftige Missfallensbekundungen herein, die von vereinzelten Bravorufen nicht übertönt werden können.

FAZIT

Musikalisch bewegt sich diese Produktion auf gutem Niveau, und man kann in Wuppertal stolz sein, ein solches Werk auf dem Spielplan präsentieren zu können. Szenisch geht Reinhardts Konzept aber nur im zweiten Aufzug auf und kann ansonsten nicht überzeugen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Toshiyuki Kamioka

Inszenierung
Thilo Reinhardt

Bühne
Harald Thor

Kostüme
Katharina Gault

Lichtdesign
Stefan Bolliger

Video
Sönke Feick

Chor
Jens Bingert

 

Opern- und Extrachor der
Wuppertaler Bühnen

Statisterie

Sinfonieorchester Wuppertal


Solisten

Amfortas
Thomas Gazheli

Titurel
Martin Blasius

Gurnemanz
Thorsten Grümbel

Parsifal
Tilmann Unger

Klingsor
Andreas Daum

Kundry
Katrin Göring

Blumenmädchen
Silja Schindler
Mine Yücel
Lucie Ceralová
Ralitsa Ralinova
Carla Hussong
Sandra Borgarts

Gralsritter
Andreas Beinhauer
Peter Paul

Knappen
Mine Yücel
Lucie Ceralová
Johannes Grau
Markus Murke

Stimme aus der Höhe
Lucie Ceralová


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



Da capo al Fine

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